Sezession
1. Oktober 2004

Mittwinteropfer – Vorzeit und Identität

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Karlheinz Weißmann

Seit einiger Zeit wird in lateinamerikanischen Staaten – vor allem Peru, Bolivien und Ecuador – vom Wiederaufleben einer drakonischen Volksjustiz berichtet. Indios lynchen nicht nur Kriminelle, sondern auch unliebsame Politiker. Das ist als Reaktion auf die verbreitete Gewalttätigkeit, die Armut, das Fehlen staatlicher Kontrolle, die Korruption und Willkür erklärbar, hängt aber auch zusammen mit sehr alten Rechtstraditionen. In Südamerika sind trotz des europäischen Einflusses nicht nur religiöse, sondern auch soziale Vorstellungen aus der Zeit vor der Eroberung und Kolonisierung erhalten geblieben. Einige Indioführer beschwören sogar die große Vergangenheit des Kontinents und die Macht der Inkas, um so ihre Anhänger über das Verlangen nach konkreten Verbesserungen hinaus zu mobilisieren.

Gerade der irreale Zug dieses Programms erinnert an das Ramon Carrascos, der Hauptfigur in D. H. Lawrence’ Die gefiederte Schlange, der den Kult des altmexikanischen Gottes Quetzalcoatl restaurieren wollte, um die Indios aus ihrer Lethargie zu reißen und das Imperium der Azteken zu erneuern. Die Berührung mit dem Ursprung sollte ihre kollektive Kraft wiederbeleben. Aber der messianische Carrasco ging noch weiter, denn er glaubte, alle Völker seien von ihren Wurzeln abgeschnitten: „Wenn die Mexikaner den Namen Quetzalcoatl lernen sollen, sollen sie nur mit der Zunge ihres eigenen Blutes sprechen. Ich möchte, daß die germanische Welt wieder im Geiste des Thor, des Wodan und der Weltesche Yggdrasill dächte, daß die druidischen Länder begriffen, daß ihr Geheimnis in der Mistel liegt, sie selbst die Tuatha de Danaan sind, die immer noch leben, wenn sie auch versanken. Die Mittelmeervölker sollten ihren Hermes wieder haben und Tunis seinen Ashtaroth, in Persien sollte Mithras, in Indien Brahma und in China der älteste aller Drachen neu erstehen.“ Lawrence ließ Carrasco dieses Bild weiter ausmalen im Sinn einer neuen organischen Weltordnung, deren Kulturen gegeneinander abgeschlossen werden sollten, um die Identität der Völker vor Schaden zu bewahren; nur die Eliten würden miteinander verkehren.
Daß dieses Projekt phantastisch war, hat Lawrence gewußt, und heute liest man das ganze noch aus anderen Gründen mit anderen Augen als 1926, dem Zeitpunkt, an dem die Gefiederte Schlange veröffentlicht wurde, aber die Vorstellung von authentischen Kulturen, die ein Bewußtsein ihrer Anfänge haben und aus diesem Bewußtsein leben, hat ihre Faszination nie ganz verloren: Neuschöpfung durch Bezug auf das Uralte, Bruch mit der Gegenwart und Rückgriff auf die „Vorzeit“, mehr noch: Gleichzeitigkeit von Gegenwart und „Vorzeit“.
Als „Vorzeit“ kann jede zurückliegende Epoche verstanden werden, die weit genug von der Gegenwart entfernt ist, um ihr fremd zu sein, die aber nicht außerhalb des Verstehenshorizontes liegt. „Vorzeit“ muß nichts zu tun haben mit der Prähistorie im wissenschaftlichen Sinn, es genügt, daß sie in bezug auf das Heute als fern, rein, unverfälscht, stabil und damit als normativ gelten kann. Die Vorzeit eignet sich wegen der Distanz als Sehnsuchtsbild, es dürfen ihr dunkle und barbarische Züge eingetragen sein, aber es muß auch irgendein Moment der Kontinuität geben, das sie mit dem Heute verbindet. Wenn die Kontinuität als periodisch unterbrochen oder nur insgeheim fortbestehend gilt, schädigt das die legitimierende Kraft der Vorzeit nicht, unter Umständen zieht sie ihre Bedeutung gerade aus der Gefährdung oder dem Arkanum, das sie umgibt.


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