Mittwinteropfer – Vorzeit und Identität

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Karlheinz Weißmann

Seit einiger Zeit wird in lateinamerikanischen Staaten – vor allem Peru, Bolivien und Ecuador – vom Wiederaufleben einer drakonischen Volksjustiz berichtet. Indios lynchen nicht nur Kriminelle, sondern auch unliebsame Politiker. Das ist als Reaktion auf die verbreitete Gewalttätigkeit, die Armut, das Fehlen staatlicher Kontrolle, die Korruption und Willkür erklärbar, hängt aber auch zusammen mit sehr alten Rechtstraditionen. In Südamerika sind trotz des europäischen Einflusses nicht nur religiöse, sondern auch soziale Vorstellungen aus der Zeit vor der Eroberung und Kolonisierung erhalten geblieben. Einige Indioführer beschwören sogar die große Vergangenheit des Kontinents und die Macht der Inkas, um so ihre Anhänger über das Verlangen nach konkreten Verbesserungen hinaus zu mobilisieren.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Gera­de der irrea­le Zug die­ses Pro­gramms erin­nert an das Ramon Carr­as­cos, der Haupt­fi­gur in D. H. Law­rence’ Die gefie­der­te Schlan­ge, der den Kult des altme­xi­ka­ni­schen Got­tes Quetz­al­coatl restau­rie­ren woll­te, um die Indi­os aus ihrer Lethar­gie zu rei­ßen und das Impe­ri­um der Azte­ken zu erneu­ern. Die Berüh­rung mit dem Ursprung soll­te ihre kol­lek­ti­ve Kraft wie­der­be­le­ben. Aber der mes­sia­ni­sche Carr­as­co ging noch wei­ter, denn er glaub­te, alle Völ­ker sei­en von ihren Wur­zeln abge­schnit­ten: „Wenn die Mexi­ka­ner den Namen Quetz­al­coatl ler­nen sol­len, sol­len sie nur mit der Zun­ge ihres eige­nen Blu­tes spre­chen. Ich möch­te, daß die ger­ma­ni­sche Welt wie­der im Geis­te des Thor, des Wodan und der Welt­esche Ygg­dra­s­ill däch­te, daß die drui­di­schen Län­der begrif­fen, daß ihr Geheim­nis in der Mis­tel liegt, sie selbst die Tua­tha de Dana­an sind, die immer noch leben, wenn sie auch ver­san­ken. Die Mit­tel­meer­völ­ker soll­ten ihren Her­mes wie­der haben und Tunis sei­nen Asht­aroth, in Per­si­en soll­te Mithras, in Indi­en Brah­ma und in Chi­na der ältes­te aller Dra­chen neu erste­hen.“ Law­rence ließ Carr­as­co die­ses Bild wei­ter aus­ma­len im Sinn einer neu­en orga­ni­schen Welt­ord­nung, deren Kul­tu­ren gegen­ein­an­der abge­schlos­sen wer­den soll­ten, um die Iden­ti­tät der Völ­ker vor Scha­den zu bewah­ren; nur die Eli­ten wür­den mit­ein­an­der verkehren.
Daß die­ses Pro­jekt phan­tas­tisch war, hat Law­rence gewußt, und heu­te liest man das gan­ze noch aus ande­ren Grün­den mit ande­ren Augen als 1926, dem Zeit­punkt, an dem die Gefie­der­te Schlan­ge ver­öf­fent­licht wur­de, aber die Vor­stel­lung von authen­ti­schen Kul­tu­ren, die ein Bewußt­sein ihrer Anfän­ge haben und aus die­sem Bewußt­sein leben, hat ihre Fas­zi­na­ti­on nie ganz ver­lo­ren: Neu­schöp­fung durch Bezug auf das Uralte, Bruch mit der Gegen­wart und Rück­griff auf die „Vor­zeit“, mehr noch: Gleich­zei­tig­keit von Gegen­wart und „Vor­zeit“.
Als „Vor­zeit“ kann jede zurück­lie­gen­de Epo­che ver­stan­den wer­den, die weit genug von der Gegen­wart ent­fernt ist, um ihr fremd zu sein, die aber nicht außer­halb des Ver­ste­hens­ho­ri­zon­tes liegt. „Vor­zeit“ muß nichts zu tun haben mit der Prä­his­to­rie im wis­sen­schaft­li­chen Sinn, es genügt, daß sie in bezug auf das Heu­te als fern, rein, unver­fälscht, sta­bil und damit als nor­ma­tiv gel­ten kann. Die Vor­zeit eig­net sich wegen der Distanz als Sehn­suchts­bild, es dür­fen ihr dunk­le und bar­ba­ri­sche Züge ein­ge­tra­gen sein, aber es muß auch irgend­ein Moment der Kon­ti­nui­tät geben, das sie mit dem Heu­te ver­bin­det. Wenn die Kon­ti­nui­tät als peri­odisch unter­bro­chen oder nur ins­ge­heim fort­be­stehend gilt, schä­digt das die legi­ti­mie­ren­de Kraft der Vor­zeit nicht, unter Umstän­den zieht sie ihre Bedeu­tung gera­de aus der Gefähr­dung oder dem Arka­num, das sie umgibt.

Der Ursprungs­be­zug gehört zu den Grund­for­men aller Iden­ti­täts­bil­dung, ob beim Indi­vi­du­um oder beim Kol­lek­tiv. Jedes Kind begreift sich durch sei­ne Eltern, die es her­vor­ge­bracht haben, das Inter­es­se an den Vor­fah­ren hat im Zeit­al­ter des Inter­net zum Ent­ste­hen eines Dienst­leis­tungs­sek­tors geführt, der EDV-gestütz­te Stamm­bäu­me und Ahnen­ta­feln anbie­tet, Hil­fe beim Auf­fin­den aller mög­li­chen Quel­len für Fami­li­en­for­schung leis­tet oder ent­spre­chen­des Mate­ri­al – Aus­zü­ge aus Tauf­bü­chern eben­so wie Stamm­rol­len von Regi­men­tern – für den Gebrauch am Com­pu­ter zur Ver­fü­gung stellt. In der Ver­gan­gen­heit hat „gute Her­kunft“ bestimmt, wer jemand war, wel­chem Kodex er sich zu unter­wer­fen hat­te, wel­che Pflich­ten von ihm erfüllt wer­den muß­ten. Iden­ti­tät ent­stand durch Kennt­nis des Anfangs, des­sen Glanz die Gegen­wart erhellt. Der in allen Aris­to­kra­tien ver­brei­te­te Ahnen­stolz, die kul­ti­sche Ver­eh­rung der „Alten“ oder die Beru­fung auf einen Gott als Vor­fah­ren waren aber nur beson­ders spre­chen­de Bei­spie­le für ein all­ge­mei­nes Mus­ter mensch­li­chen Selbstverständnisses.
Es ist des­halb auch nicht über­ra­schend, wenn man Par­al­le­len zu Ver­hal­tens­wei­sen des Ein­zel­nen bei Grup­pen wie­der­fin­det. Oft wur­de zwi­schen dem einen und dem ande­ren eine direk­te Bezie­hung her­ge­stellt, etwa durch Annah­me der Abstam­mung eines Vol­kes von einer Fami­lie oder einem Erz­va­ter. Das berühm­tes­te Bei­spiel dürf­te das Selbst­ver­ständ­nis der Juden als „Samen Abra­hams“ sein, ein Gedan­ke, der schon aus­ge­drückt war in dem Bekennt­nis Deu­te­ro­no­mi­um 26, einer ver­dich­te­ten Erin­ne­rungs­for­mel, die bei dem „umher­ir­ren­den Ara­mä­er“, also Abra­ham, begann und dann die wich­tigs­ten Sta­tio­nen von der Volk­wer­dung über die Ver­skla­vung bis zur Befrei­ung und Land­nah­me aufführte.
Im Abend­land hat zwar das „Heils­ge­schicht­li­che Cre­do“ (Ger­hard von Rad) der Bibel eine erheb­li­che Wir­kung ent­fal­tet, aber die Über­nah­me der jüdi­schen Erin­ne­rungs­for­mel war aus­ge­schlos­sen. Nur die Eng­län­der glaub­ten, Nach­fah­ren der ver­lo­re­nen Stäm­me und damit das wahr­haft aus­er­wähl­te Volk zu sein. Ansons­ten bezog das „neue Isra­el“ der Chris­ten­heit zwar das Han­deln Got­tes seit den Zei­ten des „alten Isra­el“ auf sich, aber die euro­päi­schen Natio­nen tra­dier­ten außer­dem davon unab­hän­gi­ge Ursprungs­my­then. Im Mit­tel­al­ter war vor allem die „Tro­ja­n­er­sa­ge“ ver­brei­tet, die erlaub­te, die Fran­ken, spä­ter die Deut­schen als legi­ti­me Erben des Impe­ri­ums anzu­se­hen, weil sie mit den Römern die­sel­be Her­kunft aus dem unter­ge­gan­ge­nen Ili­on teilten.
Die Mischung aus his­to­ri­schen Fak­ten, gewag­ter Ety­mo­lo­gie, popu­lä­rer Über­lie­fe­rung und höfi­scher Dich­tung, die zur Begrün­dung die­ser und ähn­li­cher Vor­stel­lun­gen her­hal­ten muß­te, hat die Über­zeu­gungs­kraft der Her­kunfts­er­zäh­lun­gen kaum gemin­dert. Aller­dings waren sie für den Anspruch einer Dynas­tie oder einer Nati­on nur von begrenz­ter Bedeu­tung, solan­ge die christ­li­che Leh­re bestim­mend blieb. Das änder­te sich mit Renais­sance und Refor­ma­ti­on, die dazu führ­ten, daß das von der Kir­che ent­wor­fe­ne Geschichts­den­ken in Fra­ge gestellt wur­de und eine suk­zes­si­ve Alpha­be­ti­sie­rung der euro­päi­schen Gesell­schaf­ten in Gang kam, die nicht nur zur Ver­brei­tung von Kennt­nis­sen führ­te, son­dern auch Recht­fer­ti­gungs­al­ter­na­ti­ven für neue poli­ti­sche Ord­nun­gen ent­ste­hen ließ.
Wäh­rend die katho­li­schen Völ­ker ihre Iden­ti­tät bis ins 20. Jahr­hun­dert wesent­lich aus der unge­bro­che­nen latei­ni­schen Über­lie­fe­rung bezo­gen und Spa­ni­en, Por­tu­gal, Frank­reich sowie die ita­lie­ni­schen Staa­ten eine Kon­ti­nui­tät von der Anti­ke bis in die eige­ne Gegen­wart behaup­ten konn­ten, waren es die Län­der Mit­tel- und Nord­eu­ro­pas, in denen mit der evan­ge­li­schen Leh­re ein neu­es Selbst­be­wußt­sein ent­stand, das aus der Idee der Erb­feind­schaft Roms gespeist wur­de. Schon Luther setz­te sei­nen Kampf gegen die Kir­che des Paps­tes mit dem des Armi­ni­us – Her­mann gegen die Legio­nen des Augus­tus gleich.

Als Vor­zeit erschien hier jene ger­ma­ni­sche Frü­he, in der die eige­ne Iden­ti­tät noch nicht durch das Römisch-roma­nisch-Wel­sche ent­frem­det war, und gera­de die Gefahr, in der die Über­lie­fe­rung gestan­den hat­te, lös­te den Enthu­si­as­mus bei Wie­der­ent­de­ckung der eige­nen Wur­zeln aus. Der Rück­griff auf die ger­ma­ni­sche Ver­gan­gen­heit wur­de ent­schei­dend für die Ent­wick­lung der natio­na­len Iden­ti­tät der Deut­schen, der Eng­län­der, der Nord­ame­ri­ka­ner und der skan­di­na­vi­schen Völ­ker. Schwe­den ist dafür ein beson­ders inter­es­san­tes Bei­spiel, weil das Land erst rela­tiv spät eine sta­bi­le poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on erhielt, nur kurz Bedeu­tung im Kon­zert der Mäch­te erlang­te und die weit­ge­hen­de Iso­la­ti­on den Fort­be­stand vie­ler Über­res­te sicher­te, an denen sich die his­to­ri­sche Phan­ta­sie ent­zün­den konn­te. Schon Gus­tav Adolf glaub­te, die Schwe­den sei­en das ältes­te Volk der Erde, sah sei­ne Krie­ger in direk­ter Nach­fol­ge der alten „Goten“, ernann­te einen „Reichs­an­ti­quar“ und ließ Runen­stei­ne, Mega­li­then oder Grab­an­la­gen unter Schutz stel­len. Sie gal­ten aber nicht nur als Zeug­nis­se frü­he­rer Grö­ße, son­dern auch als ein Erbe, zu dem man sich in Bezie­hung set­zen soll­te. Ein Gene­ral Karls XII. befahl Ende des 17. Jahr­hun­derts, ver­stor­be­ne Offi­zie­re in einer Schiffs­stein­set­zung zu begra­ben, damit sie bei den Hel­den der Ver­gan­gen­heit ruhten.
Hat­te sich die Vor­stel­lung vom beson­de­ren Rang des ger­ma­ni­schen Alter­tums zu die­sem Zeit­punkt in Schwe­den durch­ge­setzt, so war das auch den natio­nal­päd­ago­gi­schen Bemü­hun­gen von His­to­ri­kern zu ver­dan­ken, unter denen man Olav Rud­beck als den bekann­tes­ten – aber auch den umstrit­tens­ten – betrach­ten darf. Rud­beck ver­öf­fent­lich­te zwi­schen 1675 und 1698 eine drei­bän­di­ge Dar­stel­lung der schwe­di­schen Geschich­te, die unter dem Titel Atlan­ti­ca erschien und sei­ne Hei­mat nicht nur mit dem Para­dies Vor­stel­lung von der Aus­brei­tung des kul­tu­rel­len Fort­schritts umkehr­te. Rud­beck behaup­te­te, alle Errun­gen­schaf­ten des Men­schen­ge­schlechts sei­en im Nor­den ent­stan­den und dann nach Süden wei­ter­ge­ge­ben wor­den. Zwar such­te er noch den Aus­gleich mit der bibli­schen Über­lie­fe­rung, ersetz­te aber das Pos­tu­lat eines bar­ba­ri­schen Anfangs, den erst die Berüh­rung mit der Mit­tel­meer­welt zu höhe­ren Gesit­tungs­for­men führ­te, durch die Idee einer auto­chtho­nen Zivi­li­sa­ti­on, die durch frem­de Ein­flüs­se nur ver­lie­ren, nie gewin­nen konnte.
Die­se Vor­stel­lung ist für jede Ver­knüp­fung kol­lek­ti­ver Iden­ti­tät mit der Vor­zeit ent­schei­dend: das Eige­ne ist sei­nem Wesen nur am Beginn der Geschich­te nahe, der Kon­takt mit dem Ande­ren ist zumin­dest pro­ble­ma­tisch, wenn nicht über­haupt geeig­net, das Wesen des Eige­nen zu zer­stö­ren. Das kann den Gedan­ken för­dern, man müs­se die leben­de, aber kor­rum­pier­te Über­lie­fe­rung besei­ti­gen und direkt an archai­sche Bräu­che anknüp­fen, die dem Wesen gemä­ßer, authen­ti­scher, „natür­li­cher“ sei­en; der 1811 in Schwe­den gegrün­de­te „Goti­sche Bund“ ver­wen­de­te alt­nor­di­sche Namen für sei­ne Mit­glie­der, benutz­te bei gemein­sa­men Fes­ten Hör­ner, aus denen Met getrun­ken wur­de und brach­te in Erik Gus­tav Gei­jer einen wich­ti­gen Füh­rer des schwe­di­schen Libe­ra­lis­mus, in Esai­as Teg­nér einen ein­fluß­rei­chen Dich­ter und in Per Hen­rik Ling jenen Mann her­vor, der eine spe­zi­fi­sche, schwe­di­sche Art des Tur­nens erfand, um nicht nur die kör­per­li­che Kraft, son­dern auch den Geist der frei­en Bau­ern der alten Zeit wiederzubeleben.
Selbst­ver­ständ­lich hat die Ent­wick­lung des schwe­di­schen Natio­nal­be­wußt­seins bis ins 19. Jahr­hun­dert unter dem Ein­druck einer eher poe­ti­schen als prä­zi­sen Vor­stel­lung von der Ver­gan­gen­heit gestan­den. Das war zuletzt noch an der Begeis­te­rung der Gebil­de­ten für die gefälsch­ten Ossi­an-Lie­der zu erken­nen; der im schwe­di­schen Königs­haus ver­brei­te­te Vor­na­me „Oscar“ geht auf den zurück, den der Sohn des fik­ti­ven gäli­schen Sän­gers trug. Erst die wis­sen­schaft­li­che Archäo­lo­gie und die sys­te­ma­ti­sche Erfor­schung der Boden­denk­mä­ler mach­ten eine genaue­re Dar­stel­lung der fer­nen Ver­gan­gen­heit mög­lich. Aber noch die schwe­di­sche „Natio­nal­ro­man­tik“ an der Wen­de vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert leb­te von der eklek­ti­schen Auf­nah­me ein­zel­ner Ele­men­te der Vor­zeit, die zu einem Ide­al­bild ver­schmol­zen wur­den. Kenn­zeich­nend für die­se eigent­lich schon „über­hol­te“ Auf­fas­sung waren nicht nur die Gebäu­de im natio­nal­ro­man­ti­schen Stil – etwa das Stadt­haus von Stock­holm oder die Vasa- und die Mast­huggs­kir­che in Göte­borg –, son­dern auch ein Teil der Wand­bil­der, die Carl Lars­son für ver­schie­de­ne öffent­li­che Gebäu­de anfertigte.

Als Lars­son den Auf­trag erhielt, das Natio­nal­mu­se­um in Stock­holm aus­zu­ge­stal­ten, war er ohne Zwei­fel der bekann­tes­te schwe­di­sche Maler. Vie­le Bil­der, die er seit 1896 für das Muse­ums­ge­bäu­de gemalt hat­te, behan­del­ten die Geschich­te der Kunst, aber für das letz­te, erst 1915 voll­ende­te, wähl­te er ein völ­lig ande­res The­ma. Unter dem Titel „Mid­vin­ter­blot“ – „Mitt­win­ter­op­fer“ schuf er eine monu­men­ta­le Dar­stel­lung, die sich auf eine Stel­le aus der Edda bezog, näm­lich die Erzäh­lung Snur­ri Stur­lu­sons vom Opfer des Königs Domal­de, der vor dem Tem­pel in Altupp­sa­la – dem Zen­tral­hei­lig­tum des alten, heid­ni­schen Schwe­den – getö­tet wur­de, um durch die Hin­ga­be sei­nes Lebens eine Zeit der Mißern­te und des Hun­gers zu beenden.
Lars­son zeig­te den ersti­cken­den König, der sich in einer letz­ten Anstren­gung auf die Zehen­spit­zen erhebt und den Rie­men von sei­nem Hals zu lösen sucht, nicht im Zen­trum, son­dern etwas nach rechts ver­scho­ben. Die Bli­cke des Betrach­ters wer­den zuerst auf einen Pries­ter in der Mit­te gelenkt, der, weiß geklei­det, mit dämo­ni­schem Blick einen Thor­sham­mer hebt, ohne daß ganz deut­lich wür­de, ob es sich um eine Segens­ges­te oder Dro­hung han­delt. Mit dem Rücken zum Betrach­ter steht ein rot­ge­wan­de­ter Scharf­rich­ter, einen Dolch in der Hand, der dem Ster­ben­den den Todes­stoß geben wird. Die gan­ze Sze­ne spielt sich vor der Fas­sa­de des Tem­pels ab, zu den Sei­ten von König und Pries­ter fin­den sich schwer bewaff­ne­te Krie­ger, eksta­tisch tan­zen­de Frau­en und Luren­blä­ser. Das Bild ist in leuch­ten­den Far­ben gemalt, mit einer erheb­li­chen Men­ge Gold, die Lini­en­füh­rung erin­nert an Ein­flüs­se des Jugendstils.
Lars­son selbst nann­te „Mid­vin­ter­blot“ sein wich­tigs­tes Werk. Das war inso­fern kon­se­quent, als ihn die Ima­gi­na­ti­on der Vor­zeit, die es kenn­zeich­net, seit lan­gem beschäf­tigt hat­te und auch für sei­ne ehr­gei­zigs­te Idee bestim­mend gewe­sen war. 1908 war von ihm die Errich­tung eines „schwe­di­schen Pan­the­ons“ vor­ge­schla­gen wor­den. Auf dem Grund­riß des Tem­pels von Altupp­sa­la soll­te ein monu­men­ta­les Gebäu­de errich­tet wer­den, im Zen­trum eine Dar­stel­lung des gekreu­zig­ten Chris­tus, aber umge­ben von Figu­ren Odins, Thors und Bal­durs, wäh­rend eine Kryp­ta der Auf­nah­me der Gebei­ne der schwe­di­schen Hel­den die­nen wür­de. Durch Fres­ken und Inschrif­ten soll­te dem Betrach­ter die Grö­ße der Schwe­den vor Augen geführt wer­den, des „ältes­ten Vol­kes im Norden“.
Der Plan konn­te nie­mals rea­li­siert wer­den, wahr­schein­lich auch, weil man ihn zu die­sem Zeit­punkt schon als ana­chro­nis­tisch emp­fand. Sogar die Fer­tig­stel­lung von „Mid­vin­ter­blot“ war mit erheb­li­chen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den. Seit dem Bekannt­wer­den von Lars­sons Kon­zept, 1911, hat­te es schar­fe Pro­tes­te gege­ben. Eini­ge Kri­ti­ker stör­ten sich dar­an, daß Domal­de nur eine mythi­sche Figur sei, und eine Rei­he von Vor­ge­schichts­for­schern beklag­te, daß Lars­son jede his­to­ri­sche Zuord­nung der von ihm als Mus­ter genom­me­nen archäo­lo­gi­schen Fun­de igno­riert habe. So spiel­te die Sze­ne selbst in der Wikin­ger­zeit und der war auch der Schlit­ten zuzu­ord­nen, auf dem der König stand und der ganz deut­lich dem Ose­berg­fund ent­sprach, wäh­rend die Bewaff­nung der Krie­ger auf das 6. Jahr­hun­dert zurück­wies, die Luren­blä­ser in die Bron­ze­zeit gehör­ten und die Archi­tek­tur des Tem­pels, wenn über­haupt, dann den Stab­kir­chen des Hoch­mit­tel­al­ters zuge­rech­net wer­den muß­te, die Klei­dung erin­ner­te an zeit­ge­nös­si­sche Volks­trach­ten und die Löwen zu Sei­ten des Ein­gangs­tors an asia­ti­sche Skulp­tu­ren. Es haben die­se Vor­be­hal­te ent­schei­dend dazu bei­getra­gen, daß „Mid­vin­ter­blot“ nach dem Tod Lars­sons, 1919, aus dem Natio­nal­mu­se­um ent­fernt wur­de und erst 1997 an sei­nen Bestim­mungs­ort zurück­keh­ren konn­te. Der Grund für die Ableh­nung war vor allem ein gewan­del­ter Zeit­geist, der der Fas­zi­na­ti­on durch die Anfän­ge zu miß­trau­en begann.

Ein Bruch in der Art, die eige­ne Vor­zeit auf­zu­fas­sen, läßt sich bei allen euro­päi­schen Natio­nen des 20. Jahr­hun­derts fest­stel­len. Die gro­ße Begeis­te­rung Frank­reichs und Irlands für die Kel­ten oder der rus­si­schen Narod­ni­ki für die frü­he sla­wi­sche Kul­tur hat dar­un­ter eben­so gelit­ten wie der Enthu­si­as­mus von Deut­schen, Skan­di­na­vi­ern und Eng­län­dern für die Ger­ma­nen. Die­se Distan­zie­rung von einem wesent­li­chen Teil der eige­nen Iden­ti­tät ging zurück auf die Zunah­me und Ver­brei­tung his­to­ri­scher Kennt­nis­se im Zusam­men­spiel mit einer dra­ma­ti­schen Ver­än­de­rung der Lebens­wel­ten. Wegen der heu­te übli­chen Rede von der „Erfin­dung“ der Natio­nen wird oft igno­riert, daß die­se bis in die Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg durch­aus deut­lich gegen­ein­an­der abge­grenzt wer­den konn­ten. Ent­schei­dend dafür war die Sta­tik der bäu­er­li­chen Lebens­welt, die wie­der­um die Kon­ti­nui­tät der Sub­stanz eines Vol­kes über sehr lan­ge Zeit ver­bürgt hatte.
„Völ­ki­sche“ Bewe­gun­gen ent­stan­den um die Jahr­hun­dert­wen­de in den Städ­ten und reagier­ten auf einen Moder­ni­sie­rungs­pro­zeß, von dem zu recht ver­mu­tet wur­de, daß er mit dem Bau­ern­tum die natio­na­le Iden­ti­tät prin­zi­pi­ell infra­ge­stell­te. Zum Kern aller völ­ki­schen Ideo­lo­gien gehör­te die Behaup­tung, daß die bäu­er­li­che Kul­tur wich­ti­ge Ele­men­te aus der Früh­zeit tra­die­re und der bäu­er­li­che Men­schen­schlag bestimm­te natio­na­le – dann auch: ras­si­sche – Eigen­schaf­ten in beson­de­rer Qua­li­tät ver­kör­pe­re. Die­se Argu­men­te ähnel­ten denen der Natio­nal­ro­man­tik, was sie unter­schied, war der tie­fe Pes­si­mis­mus der Völ­ki­schen. Für sie war der Iden­ti­täts­ver­lust ein apo­ka­lyp­ti­scher Vor­gang und sie neig­ten zu radi­ka­len Maß­nah­men, um ihn auf­zu­hal­ten. Das Schei­tern ent­spre­chen­der Ver­su­che, aber auch die Bru­ta­li­tät der ange­wand­ten Mit­tel haben nicht nur zu einer Dis­kre­di­tie­rung der völ­ki­schen Ideo­lo­gien, son­dern der Ver­knüp­fung von Vor­zeit und Iden­ti­tät über­haupt beigetragen.
Seit­dem schien nur der „Drit­ten Welt“ die­se Art des Rück­griff noch gestat­tet, um den Pro­zeß der Natio­nen­bil­dung zu erleich­tern. Das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel für den Ver­such, Iden­ti­tät durch den Bezug auf eine fer­ne Ver­gan­gen­heit zu schaf­fen, ist sicher Isra­el, das schon in sei­ner poli­ti­schen Sym­bo­lik – David­stern und Meno­ra – auf einen Anfang zurück­weist, zu dem kei­ne direk­te Ver­bin­dung mehr besteht, und das Archäo­lo­gie von Staats wegen betrei­ben läßt, um den Bür­gern der Gegen­wart die Iden­ti­fi­zie­rung mit den Hebrä­ern der Anti­ke nahe­zu­brin­gen oder Gebiets­an­sprü­che gegen­über den Nach­barn zu recht­fer­ti­gen. Daß man bis vor eini­gen Jah­ren die Eli­te­trup­pen der Armee nachts am Fel­sen von Mas­sa­da ver­ei­dig­te, der Berg­fes­tung, deren jüdi­sche Besat­zung sich im Kampf gegen die Römer der Gefan­gen­nah­me durch gemein­sa­men Selbst­mord ent­zo­gen hat­te, war ein beson­ders ein­drucks­vol­les Bei­spiel für das Geschick, mit dem man die­se Art von Selbst­ver­ständ­nis und Selbst­dar­stel­lung nut­zen kann.
Im Ver­gleich zu Isra­el haben die ara­bi­schen Natio­nen erheb­li­che Pro­ble­me mit der Struk­tu­rie­rung ihrer Iden­ti­täts­po­li­tik. Der Rück­griff auf die meso­po­ta­mi­schen Groß­rei­che im Irak, auf die Pha­rao­nen in Ägyp­ten oder die Phö­ni­zi­er im Liba­non hat nie­mals die not­wen­di­ge Reso­nanz gefun­den. Ähn­lich dem Katho­li­zis­mus im Euro­pa des Mit­tel­al­ters behin­dert hier der Islam alle Ver­su­che, einer ande­ren als der reli­giö­sen Iden­ti­tät Gel­tung zu ver­schaf­fen. Außer­dem setzt die Natio­nen­bil­dung Schul­bil­dung vor­aus, und der Analpha­be­tis­mus der ara­bi­schen Mas­sen muß jede Ver­an­ke­rung eines neu­en kol­lek­ti­ven Selbst­ver­ständ­nis­ses erschwe­ren. Ein Pro­blem, das in noch viel grö­ße­rem Aus­maß in Afri­ka besteht. So bestechend auf den ers­ten Blick der Ver­such Zim­bab­wes wirkt, die Riva­li­tät der Stäm­me und das Erbe der bri­ti­schen Kolo­nie Rho­de­si­en dadurch zu über­win­den, daß man mit dem Staats­na­men und der natio­na­len Iden­ti­tät an eine sagen­haf­te Kul­tur anknüpft, von der ledig­lich eini­ge Rui­nen im Inne­ren des Lan­des zeu­gen, es bedürf­te doch ganz ande­rer als der vor­han­de­nen Mit­tel, um erfolg­reich zu sein und jen­seits des Dekla­ma­to­ri­schen eine Nati­on zu begründen.

Ganz anders als in Afri­ka oder im Nahen Osten stellt sich die Situa­ti­on in vie­len Län­dern Asi­ens dar, vor allem dann, wenn sie zum Ein­fluß­ge­biet der chi­ne­si­schen Kul­tur gehö­ren. Man kann die kon­ser­va­ti­ve Nei­gung des Kon­fu­zia­nis­mus dafür ver­ant­wort­lich machen, aber eine noch wich­ti­ge­re Rol­le dürf­te die fak­ti­sche Dau­er spie­len. Die kom­mu­nis­ti­sche Füh­rung in Peking betrach­tet nicht nur die natio­na­le Homo­ge­ni­tät und die Tra­di­ti­on der Reichs­ein­heit als fes­te poli­ti­sche Grö­ßen, sie wer­tet sogar die Fun­de älte­rer Homi­ni­den als Bewei­se für die Sied­lungs­kon­ti­nui­tät über Jahr­tau­sen­de hin­weg. Wenn man in Euro­pa den unlängst gezeig­ten Film „Der Kai­ser und sein Atten­tä­ter“ des chi­ne­si­schen Regis­seurs Zhang Yimou, in der die Per­son des Reichs­grün­ders Shih Huang Ti behan­delt wird, wegen sei­nes Pathos mit einer gewis­sen Irri­ta­ti­on betrach­te­te, so darf man sich doch nicht dar­über hin­weg­täu­schen, wel­che Rol­le die Erin­ne­rung an eine heroi­sche Vor­zeit – das 3. vor­christ­li­che Jahr­hun­dert – für eine Macht spie­len kann, die sich anschickt, auf die Welt­büh­ne zurückzukehren.
Mit Jan Ass­mann lie­ße sich die Ver­bin­dung von Vor­zeit­bild und Iden­ti­tät als „hei­ße Erin­ne­rung“ bezeich­nen, inso­fern die­se Erin­ne­rung das Eigen­ar­ti­ge erklärt, recht­fer­tigt und dar­aus Hand­lungs­an­lei­tun­gen fol­gert, also zu einer „Iden­ti­fi­zie­rung“ führt, im Gegen­satz zu allen For­men „kal­ter Erin­ne­rung“, die nur chro­no­lo­gisch auf­lis­ten oder anti­qua­risch inter­es­siert sind. Die „hei­ße Erin­ne­rung“ dient dazu, der Kul­tur eine Iden­ti­tät zu ver­lei­hen. Das kann sie leis­ten, weil sie aus einem Sys­tem von „Merk­zei­chen“ besteht, die das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis struk­tu­rie­ren. Mit Tra­di­ti­on im land­läu­fi­gen Sinn hat das wenig zu tun, denn ent­schei­dend ist eben nicht, daß etwas gemerkt wird, son­dern was gemerkt wird und von wem. Was ist geeig­net, in Erin­ne­rung behal­ten und ver­ge­gen­wär­tigt zu wer­den, was läßt sich so in Form brin­gen, daß die Wei­ter­ga­be der Erin­ne­rung tat­säch­lich gelingt, und wer ent­schei­det über das eine wie das andere?
Schon in den frü­hen Hoch­kul­tu­ren war die Beant­wor­tung die­ser Fra­gen deut­lich erschwert durch die dau­ernd dro­hen­de Ver­flüs­si­gung von Iden­ti­tät. Aber es haben sich mit der Ver­än­de­rung auch neue Mög­lich­kei­ten eröff­net, um die Dau­er­haf­tig­keit des kom­ple­xer wer­den­den Sys­tems zu sichern. Ein wesent­li­cher Grund dafür ist das, was Ass­mann das Zusam­men­spiel von „Zeit­tie­fe“ und „Gleich­zei­tig­keit“ nennt: Gera­de weil die Hoch­kul­tur im Ver­gleich zur pri­mi­ti­ven eine umfas­sen­de­re Vor­stel­lung geschicht­li­cher Dimen­sio­nen hat und sich mit der Schrift­lich­keit von der Gefahr des Erin­ne­rungs­ver­lus­tes lösen konn­te, gewann die Vor­stel­lung einer unmit­tel­ba­ren Bezie­hung zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart, vor allem zwi­schen der ruhm­rei­chen Vor­zeit und der Gegen­wart, Gestalt­bar­keit und Überzeugungskraft.
Erst wenn die Selbst­ver­ständ­lich­keit des Pri­mi­ti­ven ver­lo­ren gegan­gen ist, erhält die Fra­ge nach dem Selbst­bild ihre Dring­lich­keit und wird gleich­zei­tig erkenn­bar, wie klein die Men­ge denk­ba­rer Bezü­ge ist. Einen der wich­tigs­ten bil­det nach Ass­mann die Ver­knüp­fung von Vor­zeit und Iden­ti­tät. Ein aus­ge­präg­ter Archais­mus läßt sich schon für vie­le anti­ke Staa­ten nach­wei­sen, und viel­leicht war Homers Dich­tung vom Tro­ja­ni­schen Krieg mit den rit­ter­li­chen Ein­zel­kämp­fern und Bron­ze­waf­fen, zurück­ver­setzt vor das „dunk­le Zeit­al­ter“, ein Ent­wurf pan­hel­le­ni­scher Gemein­sam­keit, des­sen die Grie­chen des 6. und 5. Jahr­hun­derts vor Chris­tus bedurf­ten. Den Erfolg die­ses Mus­ters kol­lek­ti­ver Selbst­ver­ge­wis­se­rung führt Ass­mann auch auf die Bedeu­tung des Unbe­wuß­ten zurück. Die Rei­ze, auf die es anspricht, wir­ken zu ver­schie­de­nen Zei­ten mit unter­schied­li­cher Inten­si­tät, ohne daß doch die Art der Rei­ze belie­big oder deren Wir­kung voll­stän­dig mani­pu­lier­bar wäre.

 Gastbeitrag

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