Sezession
1. Oktober 2004

Verortung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Harald Seubert

Den Grundakkord des mir aufgegebenen Themas schlägt Carl Schmitt zu Beginn seines Spätwerks Der Nomos der Erde (1950) an, wenn er auf „die sinnfällige Einheit von Raum und Recht, von Ordnung und Ortung“ verweist.

Grundakte des Rechtes, man könnte darüber hinausgehend sagen: ethischer Verständigung über das gute Leben sind nach Schmitt mit „erdgebundenen Ortungen“ verknüpft, „Landnahmen, Städtegründungen und Gründungen von Kolonien“. Auch der Charakter (charassein: eingraben, einritzen) ist an eine Ortung gebunden, wie sehr sich verschiedene Universalismen und Utopismen auch von dieser Verortung entfernten.
Daß das Gute im menschlichen Leben einer Verortung bedarf, ist schon eine der zentralen Einsichten des Aristoteles gewesen. Für ihn war die Frage nach dem Guten und der Glückseligkeit (eudaimonia) eines Lebens, die sich auf die ganze Lebensbahn hin erstrecken müsse, an das ethos, den spezifischen Ort gebunden, an dem ein Mensch sein Leben führt. Nicht an dem Menschen überhaupt, sondern an ihm in Rücksicht auf seinen jeweiligen Ort, die Polis oder die Landschaft, aus der er stammt, mit ihren klimatischen und kulturellen Bedingtheiten ist das ethische Wissen orientiert. Hegel gab zu der Aristotelischen Ethik den kürzesten und pointiertesten Kommentar: ethos kommt von Sitz. Ethik ist mithin im Aristotelischen Sinne konkrete Aufenthaltsdeutung im Horizont des schlechthin und einschränkungslos Guten.
Damit nimmt Aristoteles Überlegungen Platons auf, der in seinem auf das alte, minoische und vorklassische Griechentum zurückgreifenden Spätdialog Nomoi (Die Gesetze) die Stadt als erste Lehrmeisterin der jungen Bürger begriffen hatte. Die Proportion zwischen verschiedenen Bauten, ihre Anlage, die Art, wie sie aufeinander hin gruppiert sind, gibt zuerst einen Eindruck, in welchen Verhältnissen man lebt. Aristoteles verweist von hier her auf die unhintergehbare Wechselwirkung zwischen Polisbürgerschaft und Leben des einzelnen. Wesensmerkmal der politike koinonia ist es, im Unterschied zu allen anderen Formen sozialen Zusammenlebens, daß sie ihrem Bürger erst erlaubt, sich zweckhaft zum Menschen im vollen Sinn zu entwickeln.
In der Polis hat daher die Frage nach dem gelingenden, in der areté (Bestheit, Tugend) sich abspielenden menschlichen Leben ihre grundlegende Verortung. Bemerkenswert ist dies, weil schon lange vor Platons Sokrates-Dialogen die griechische Philosophie sich im Namen des gnothi seauton des delphischen Orakels von der Orientierung an der Polis-Sittlichkeit (erst recht von der Adelsethik oder anderer Konvention) abgetrennt hatte. Bei Heraklit findet sich der Grundsatz: psyche anthropou daimon: seine Seele ist das Geschick des Menschen. Daher ist der Mensch nach innen verwiesen.
Im Verhältnis des Sokrates zu seiner Polis Athen spitzen sich diese Züge erkennbar zu. Der Philosoph ist in seiner eigenen Stadt a-topisch, ortlos, was aber streng von u-topisch zu unterscheiden ist. Der Ort ist ihm entzogen und geraubt, keineswegs aber bedeutet er ihm nichts. Und noch weniger kann ein gelingendes menschliches Leben überhaupt gedacht werden, das abgetrennt von seinem je konkreten Ort, geführt werden könnte. Die Gesetze seiner Heimatstadt Athen sind dem Sokrates Prüfungsinstanz, so wie er es zeitlebens der Bürgerschaft war, zu deren Faszination, zugleich aber zum Ärgernis. Nur aufgrund der Verortung in seiner auf Gesetze begründeten Polis ist Sokrates, und mit ihm jedweder Mensch, der sein Leben gut zu führen versucht, der geworden, der er ist. Würde er also fliehen und seinen angestammten Ort verlassen, so büßte er das Recht zu seiner philosophischen Fragebewegung ein.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.