Sezession
1. Oktober 2004

Nationale Identität

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Dag Krienen

Bernard Willms (* 1931, † 1991) gehörte zu den wenigen deutschen Hochschullehrern, die sich nach 1945 in affirmativer Weise mit der Idee der Nation und der nationalen Identität der Deutschen beschäftigt haben. Seit 1970 Professor für Politische Theorie und Geschichte der Politischen Ideen an der Ruhr-Universität in Bochum, verstand er sich als ein Philosoph in der Tradition des Deutschen Idealismus, insbesondere Hegels. Idealismus war für Willms stets Wirklichkeitswissenschaft im strengen Sinne, da nur er die jeweilige Wirklichkeit tatsächlich auf den Begriff bringen, in ihren notwendigen Strukturen und inneren Bewegungsgesetzen erfassen kann. Da aber jede menschliche Wirklichkeit nur als Idee im Sinne Hegels ihre Wahrheit besitzt, läßt sich die gegenwärtige politische Welt nur von der „Idee der Nation“ her angemessen begreifen.

Jede begriffene menschliche Wirklichkeit ist eine historische. Ab einem bestimmten Punkt der historischen Entwicklung ist, so Willms, eine Nation zu sein eine unausweichliche Konsequenz der Conditio Humana, das heißt der im strengen Sinne notwendigen Bedingungen menschlicher Existenz. Ausgezeichnetes Merkmal der Conditio Humana ist „Freiheit“. Freiheit verstanden allerdings nicht in jenem emphatischen Sinne der liberalen Ideologie, in der „mehr Freiheit“ als Schlüssel zur Lösung aller Probleme ausgegeben wird. An dieser Stelle kommt zunächst der neben Hegel wichtigste politische Referenzphilosoph von Willms ins Spiel: der Engländer Thomas Hobbes (1588 – 1679). Dieser hatte auf der Basis eines strengen methodischen Individualismus, also ausgehend allein vom rein auf sich selbst und sein Interesse bezogenen Individuum, mechanistischabstrakt, more geometrico, die elementaren Grundprinzipien des modernen Staates deduziert. Obwohl sein philosophisches System nicht ganz widerspruchsfrei war, besaß Hobbes in Willms’ Augen das Verdienst, im Gegensatz zu späteren Aufklärungsphilosophen, von einem nicht erbaulichen, einem nicht über die unangenehmen Seiten hinwegsehenden, harmonisierenden Verständnis von menschlicher Freiheit auszugehen und nicht vor harten politischen Konsequenzen zurückzuschrecken, wenn es galt, die notwendigen Bedingungen der Möglichkeit der Existenz eines auf Freiheit bezogenen, ja eines zur Freiheit gezwungenen Lebewesens zu ergründen. Freiheit muß elementar aufgefaßt werden, als Notwendigkeit der Beziehung jedes einzelnen Menschen auf sich selbst, und damit möglicherweise nur auf sich selbst, aus der heraus alles möglich wird. Hobbes demonstrierte, daß eine Welt aus lauter nur auf sich bezogenen Individuen, die keiner institutionellen Hemmung unterliegen, im wahrsten Sinne des Wortes nicht lebbar ist, weil Freiheit darin nur schlechte Unendlichkeiten produzieren kann – auf der Ebene der materiellen Bedürfnisse des „schon vom zukünftigen Hunger hungrigen Lebewesens“ nur eine stetige Steigerung des immer Mehr-Haben-Müssens ad infinitum und auf der Ebene der Konfrontation mit anderen den unaufhebbaren Zwang zur beständigen Machtsteigerung. In einer Welt, in der es nichts als freie Einzelne gibt, müßte notwendig ein permanenter und unbeendbarer Krieg aller gegen alle herrschen.
Der moderne Staat ist die einzig denkbare Lösung des modernen Freiheitsdilemmas, allerdings eine abstrakte. Wie Hobbes ihn entworfen hat, ist er zunächst nur „Not- und Verstandesstaat“, an dem vor allem die Seite der Unterwerfung der Untertanen unter einen ihnen äußeren Willen hervortritt. Aber die Staaten sind stets konkret in Raum und Zeit entstanden, das heißt als Verwirklichung einer kollektiven Existenzform bestimmter Menschen in einem bestimmten Gebiet zu einer bestimmten Zeit und zugleich ihrer Selbstbehauptung gegen andere Staaten. Dies ist zunächst ebenfalls eine abstrakte Notwendigkeit, die sich als Herrschaftsordnung zur Geltung bringt, die als innere und äußere Zwangsgewalt in Erscheinung treten muß.


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