Nationale Identität

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Dag Krienen

Bernard Willms (* 1931, † 1991) gehörte zu den wenigen deutschen Hochschullehrern, die sich nach 1945 in affirmativer Weise mit der Idee der Nation und der nationalen Identität der Deutschen beschäftigt haben. Seit 1970 Professor für Politische Theorie und Geschichte der Politischen Ideen an der Ruhr-Universität in Bochum, verstand er sich als ein Philosoph in der Tradition des Deutschen Idealismus, insbesondere Hegels. Idealismus war für Willms stets Wirklichkeitswissenschaft im strengen Sinne, da nur er die jeweilige Wirklichkeit tatsächlich auf den Begriff bringen, in ihren notwendigen Strukturen und inneren Bewegungsgesetzen erfassen kann. Da aber jede menschliche Wirklichkeit nur als Idee im Sinne Hegels ihre Wahrheit besitzt, läßt sich die gegenwärtige politische Welt nur von der „Idee der Nation“ her angemessen begreifen.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Jede begrif­fe­ne mensch­li­che Wirk­lich­keit ist eine his­to­ri­sche. Ab einem bestimm­ten Punkt der his­to­ri­schen Ent­wick­lung ist, so Will­ms, eine Nati­on zu sein eine unaus­weich­li­che Kon­se­quenz der Con­di­tio Huma­na, das heißt der im stren­gen Sin­ne not­wen­di­gen Bedin­gun­gen mensch­li­cher Exis­tenz. Aus­ge­zeich­ne­tes Merk­mal der Con­di­tio Huma­na ist „Frei­heit“. Frei­heit ver­stan­den aller­dings nicht in jenem empha­ti­schen Sin­ne der libe­ra­len Ideo­lo­gie, in der „mehr Frei­heit“ als Schlüs­sel zur Lösung aller Pro­ble­me aus­ge­ge­ben wird. An die­ser Stel­le kommt zunächst der neben Hegel wich­tigs­te poli­ti­sche Refe­renz­phi­lo­soph von Will­ms ins Spiel: der Eng­län­der Tho­mas Hob­bes (1588 – 1679). Die­ser hat­te auf der Basis eines stren­gen metho­di­schen Indi­vi­dua­lis­mus, also aus­ge­hend allein vom rein auf sich selbst und sein Inter­es­se bezo­ge­nen Indi­vi­du­um, mecha­nis­tisch­abs­trakt, more geo­metri­co, die ele­men­ta­ren Grund­prin­zi­pi­en des moder­nen Staa­tes dedu­ziert. Obwohl sein phi­lo­so­phi­sches Sys­tem nicht ganz wider­spruchs­frei war, besaß Hob­bes in Will­ms’ Augen das Ver­dienst, im Gegen­satz zu spä­te­ren Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phen, von einem nicht erbau­li­chen, einem nicht über die unan­ge­neh­men Sei­ten hin­weg­se­hen­den, har­mo­ni­sie­ren­den Ver­ständ­nis von mensch­li­cher Frei­heit aus­zu­ge­hen und nicht vor har­ten poli­ti­schen Kon­se­quen­zen zurück­zu­schre­cken, wenn es galt, die not­wen­di­gen Bedin­gun­gen der Mög­lich­keit der Exis­tenz eines auf Frei­heit bezo­ge­nen, ja eines zur Frei­heit gezwun­ge­nen Lebe­we­sens zu ergrün­den. Frei­heit muß ele­men­tar auf­ge­faßt wer­den, als Not­wen­dig­keit der Bezie­hung jedes ein­zel­nen Men­schen auf sich selbst, und damit mög­li­cher­wei­se nur auf sich selbst, aus der her­aus alles mög­lich wird. Hob­bes demons­trier­te, daß eine Welt aus lau­ter nur auf sich bezo­ge­nen Indi­vi­du­en, die kei­ner insti­tu­tio­nel­len Hem­mung unter­lie­gen, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes nicht leb­bar ist, weil Frei­heit dar­in nur schlech­te Unend­lich­kei­ten pro­du­zie­ren kann – auf der Ebe­ne der mate­ri­el­len Bedürf­nis­se des „schon vom zukünf­ti­gen Hun­ger hung­ri­gen Lebe­we­sens“ nur eine ste­ti­ge Stei­ge­rung des immer Mehr-Haben-Müs­sens ad infi­ni­tum und auf der Ebe­ne der Kon­fron­ta­ti­on mit ande­ren den unauf­heb­ba­ren Zwang zur bestän­di­gen Macht­stei­ge­rung. In einer Welt, in der es nichts als freie Ein­zel­ne gibt, müß­te not­wen­dig ein per­ma­nen­ter und unbe­end­ba­rer Krieg aller gegen alle herrschen.
Der moder­ne Staat ist die ein­zig denk­ba­re Lösung des moder­nen Frei­heits­di­lem­mas, aller­dings eine abs­trak­te. Wie Hob­bes ihn ent­wor­fen hat, ist er zunächst nur „Not- und Ver­stan­des­staat“, an dem vor allem die Sei­te der Unter­wer­fung der Unter­ta­nen unter einen ihnen äuße­ren Wil­len her­vor­tritt. Aber die Staa­ten sind stets kon­kret in Raum und Zeit ent­stan­den, das heißt als Ver­wirk­li­chung einer kol­lek­ti­ven Exis­tenz­form bestimm­ter Men­schen in einem bestimm­ten Gebiet zu einer bestimm­ten Zeit und zugleich ihrer Selbst­be­haup­tung gegen ande­re Staa­ten. Dies ist zunächst eben­falls eine abs­trak­te Not­wen­dig­keit, die sich als Herr­schafts­ord­nung zur Gel­tung bringt, die als inne­re und äuße­re Zwangs­ge­walt in Erschei­nung tre­ten muß.

Aber von Sei­ten der den jewei­li­gen Staa­ten unter­wor­fe­nen Indi­vi­du­en ist die­se Not­wen­dig­keit prin­zi­pi­ell als Bedin­gung auch ihrer indi­vi­du­el­len Exis­tenz und Frei­heit ein­seh­bar, und sie kön­nen den jeweils ihren Staat auch als den ihri­gen begrei­fen oder einen Staat for­dern und rea­li­sie­ren, der von ihnen als der ihre begrif­fen wer­den kann. Die­ser, der mit dem Selbst­be­wußt­sein sei­ner Bür­ger auf­ge­la­de­ne, zu eige­nem Selbst­be­wußt­sein gelang­te Staat, ist der Kern der Idee der Nati­on bei Will­ms. Als bewuß­tes Selbst ist ein Staat Nati­on und die Nati­on ist der selbst­be­wuß­te Staat. Und von den Bür­gern her: „Die Nati­on ist ein Volk, daß in bezug auf einen bestimm­ten Raum in der Geschich­te hin­durch das Bewußt­sein eines Wir, eines Gan­zen, eines Selbst ent­wi­ckelt hat, das als die­ses Selbst einen gemein­sa­men poli­ti­schen Wil­len, das heißt einen Staat, aus­bil­den will und das in unab­läs­si­ger Bemü­hung sei­ne Selbst­be­stim­mung und sei­ne Selbst­be­haup­tung poli­tisch gel­tend macht und geschicht­lich durchhält.“
Daß Staa­ten zu Natio­nen wer­den, ist nicht ein bloß zufäl­li­ges, his­to­risch gele­gent­lich beob­acht­ba­res Phä­no­men. Will­ms hat stets unter­stri­chen, daß die Nati­on zu einem bestimm­ten Zeit­punkt jeweils zur ein­zig denk­ba­ren, also not­wen­di­gen Wirk­lich­keit der schon an sich not­wen­dig staat­li­chen Exis­tenz der Men­schen wird: „Wenn poli­ti­sche Wirk­lich­keit nicht mehr ‘natur­wüch­sig´ erlebt, son­dern als Ver­wirk­li­chung bewußt wird, wenn ihr grund­le­gen­der Cha­rak­ter als all­ge­mei­ne Vor­aus­set­zung aller auch indi­vi­du­el­ler Wirk­lich­keit erkannt ist, wenn Poli­tik sub­jek­tiv wird, das heißt von einem Gan­zen her denk­bar und von die­sem als Sub­jekt, als Selbst her durch­führ­bar wird, dann ist Staat kon­kret als Nati­on wirk­lich.“ Sobald und soweit die­ser Punkt jeweils erreicht ist, gibt es zur Nati­on kei­ne Alter­na­ti­ve mehr: „Die Idee der Nati­on erhält wie die der Frei­heit die Sub­stanz und Wür­de einer Not­wen­dig­keit, die daher kommt, daß uns im genau­en Sin­ne nichts ande­res übrig geblie­ben ist“ – es sei denn die frei­heits­ne­gie­ren­de Selbst­aus­lie­fe­rung an einen gesichts­lo­sen und anony­men Herr­schafts­ap­pa­rat, dem Staat als „käl­tes­ten aller kal­ten Unge­heu­er“ (Nietz­sche), oder an eine säku­la­re Pries­ter­herr­schaft, die gege­be­nen­falls auch per Gedan­ken­po­li­zei und Ket­zer­ver­bren­nung den Wolf im Men­schen in Zaum hält.
Es ist also kein Zufall, daß „Nati­on“ die ein­zi­ge wirk­lich glo­ba­le poli­ti­sche Errun­gen­schaft der Men­schen ist. Seit dem Abschluß der Deko­lo­ni­sie­rung in der zwei­ten Hälf­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts leben die Men­schen prak­tisch über­all auf der Welt in Natio­nal­staa­ten, auch wenn der Pro­zeß des nati­on-buil­ding oft noch in den ers­ten Anfän­gen steckt. „Nati­on“ ist aber kei­ne Errun­gen­schaft, die ein Staat und ein Volk ein­fach auf einen Schlag erwer­ben und dann für immer sicher „haben“ kön­nen. Das „bewuß­te Durch­hal­ten des poli­ti­schen Selbst als bewuß­te Ver­wirk­li­chung des je indi­vi­du­el­len Selbst“ muß durch ste­te poli­ti­sche Arbeit gesi­chert wer­den und kann mehr oder weni­ger gut gelin­gen, mit Ver­lus­ten des schon erreicht geglaub­ten, aber auch teil­wei­se mit uner­war­te­ten Erfol­gen ver­bun­den sein. Und es kann natür­lich auch schei­tern. Wirk­lich ist die Nati­on als „Idee“, weil der all­ge­mei­ne Begriff der Nati­on und ihre je kon­kre­te, hun­dert­fäl­ti­ge Wirk­lich­keit eben­so zwangs­läu­fig aus­ein­an­der­fal­len, wie sie not­wen­dig doch stets zusam­men­ge­dacht und in ste­ter Arbeit an der Ver­wirk­li­chung zusam­men­ge­bracht wer­den müs­sen. Die Idee der Nati­on ist eine Wirk­lich­keit, „die immer auf dem Weg zu sich selbst ist“ und impli­ziert so den natio­na­len Impe­ra­tiv, das Gebot des Durch­hal­tens der Exis­tenz eines selbst­be­wuß­ten poli­ti­schen Sub­jekts in Raum und Zeit.

Natio­nen bil­den sich ana­log zu den Staa­ten also in Zeit und Raum und haben ihre je eige­ne Geschich­te, bege­ben auf je kon­kre­ten „Wegen zu sich selbst“, die auch in die Irre gehen kön­nen. Natio­nen sind als je die­se stets kon­tin­gen­te Erschei­nun­gen. Not­wen­dig ist, daß es die Natio­nen heu­te gibt; daß es aber eine deut­sche, eine fran­zö­si­sche, eine thai­län­di­sche oder eine paki­sta­ni­sche gibt, ist das Ergeb­nis von his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen, die auch ganz anders hät­ten ver­lau­fen, auch ganz ande­re Natio­nen hät­te her­vor­brin­gen kön­nen. Zwar ent­fal­tet sich die Idee der Nati­on im Ver­lauf der Geschich­te nach der Über­zeu­gung von Will­ms in den drei Stu­fen der Ter­ri­to­ria­li­sie­rung, der Demo­kra­ti­sie­rung und der Sozia­li­sie­rung. Doch auch in die­sem Fall erfolgt die Rea­li­sie­rung his­to­risch in sehr unter­schied­li­chen For­men und in nicht unbe­dingt zeit­lich streng getrenn­ter Rei­hen­fol­ge. Vor­aus­set­zung ist aller­dings, daß im Zuge der Ter­ri­to­ria­li­sie­rung die Gren­zen einer Nati­on und damit auch der Kreis der­je­ni­gen, die dazu gehö­ren und die nicht dazu gehö­ren, bestimmt wer­den. Da es kei­ne natür­li­chen Gren­zen gibt, weder im Raum noch zwi­schen den Men­schen, sind sol­che Abgren­zun­gen immer ein his­to­risch kon­tin­gen­tes und oft genug blu­tig aus­ge­foch­te­nes Pro­dukt des Kamp­fes um Begren­zung. Die Kampf-Meta­pher ist aller­dings nicht sozi­al­dar­wi­nis­tisch oder etwa im Sin­ne eines natio­na­len sacro egoisi­mo miß­zu­ver­ste­hen. Die Aus­deh­nung einer Nati­on über die gan­ze Welt oder auch nur die Herr­schaft über ein ande­res Volk, das die­ser nicht ange­hö­ren will, stellt einen Wider­spruch in sich dar. His­to­risch mag der Pro­zeß der Abgren­zung der Natio­nen von­ein­an­der noch so blu­tig ver­lau­fen sein, der offen­bar gewor­de­ne Sinn die­ses Pro­zes­ses ist die Aus­bil­dung eines Sys­tems der Selbst­be­haup­tung unter wech­sel­sei­ti­ger Aner­ken­nung der Nationen.
Damit Staa­ten zu selbst­be­wuß­ten Natio­nen wer­den, in denen ihre Bür­ger ihr eige­nes all­ge­mei­nes Schick­sal wie­der­erken­nen kön­nen, ist Demo­kra­ti­sie­rung not­wen­dig. Dies heißt aber zunächst nur, daß der sich zur jewei­li­gen Nati­on aus­fal­ten­de oder auch neu­ge­bil­de­te Staat sol­che inne­ren Struk­tu­ren gewinnt, daß es zu einer „bewuß­ten Ver­wirk­li­chung eines Staats-Staats­bür­ger-Ver­hält­nis­ses“ kom­men kann. Je nach dem Stand der geschicht­li­chen Ent­wick­lung und der poli­ti­schen Lage kann der Par­ti­zi­pa­ti­ons­an­spruch der Bür­ger in unter­schied­li­cher Wei­se sei­ne Befrie­di­gung fin­den. Selbst eine kom­mis­sa­ri­sche Dik­ta­tur auf Zeit, in der ein als Inkar­na­ti­on des Volks­wil­lens all­ge­mein aner­kann­ter Dik­ta­tor einen natio­na­len Not­stand effek­tiv besei­tigt, wider­spricht nicht von vorn­her­ein der Idee der Nati­on. Natür­lich impli­ziert die­se Idee im Kern das Ide­al einer frei­heit­li­chen und demo­kra­ti­schen inne­ren Ord­nung und jede sol­che ist also durch­aus zunächst eine natio­na­le Errun­gen­schaft. Aber jede kon­kre­te Ver­fas­sung muß sich auch als Instru­ment der Selbst­durch­hal­tung und Selbst­be­haup­tung der Nati­on bewäh ren. So ver­tei­di­gens­wert sie als Bür­ge eines „guten“ Lebens der Bür­ger auch jeweils sein mag, sie steht immer unter dem Vor­be­halt die­ses natio­na­len Impe­ra­tivs. Weder „Demo­kra­tie“ noch „Frei­heit“ im libe­ra­len Sin­ne kön­nen einen Vor­rang vor ihm bean­spru­chen. Wird gegen­tei­li­ges behaup­tet, han­delt es sich um rei­ne Ideo­lo­gien. Objek­tiv kön­nen sol­che Ideo­lo­gien nichts ande­res bewir­ken, als eine Nati­on und ihre Bür­ger dar­an zu hin­dern, ihrem je eige­nen natio­na­len Impe­ra­tiv zu fol­gen, sich auf sich selbst zu bezie­hen, also in einem poli­tisch sub­stan­ti­el­len Sin­ne frei zu sein und zu bleiben.

Was über die Demo­kra­ti­sie­rung als Stu­fe der je kon­kre­ten Ent­fal­tung der Idee der Nati­on gesagt wur­de, gilt sinn­ge­mäß auch für die Sozia­li­sie­rung, bei der die gesell­schaft­li­chen Vorraus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wer­den, damit auch der „ärms­te Sohn des Vater­lan­des“ die Mög­lich­keit erhält, zu sei­nem „treu­es­ten“ zu wer­den. Die kon­kre­te Lösung, genau­er: Abar­bei­tung der „sozia­le Fra­ge“ kann nur auf natio­na­ler Ebe­ne erfol­gen und zwar eben­falls je nach his­to­ri­scher Ent­wick­lung und poli­ti­scher Lage. Alle „sozia­len“ oder „sozia­lis­ti­schen“ Errun­gen­schaf­ten kön­nen nur natio­na­le sein und nie über dem natio­na­len Impe­ra­tiv stehen.
Auf der Ebe­ne der ein­zel­nen Men­schen ent­steht Nati­on also aus der jedem Indi­vi­du­um zuzu­mu­ten­den Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit einer nicht nur abs­trak­ten, son­dern in Raum und Zeit kon­kre­ten poli­tisch-staat­li­chen Fun­die­rung jed­we­der Ver­wirk­li­chung sei­ner indi­vi­du­el­len Exis­tenz in ihrer gan­zen Fül­le, ent­spre­chend der von Ber­nard Will­ms wie­der­holt zitier­ten Sen­tenz von Hoff­mann von Fal­lers­le­ben: „Alles, was ich bin und was ich habe, ver­dank ich Dir, mein Vater­land.“ Zwar bedarf es der Vor­aus­set­zung, daß das All­ge­mei­ne, die Nati­on, für jeden „ein­zel­nen erleb­bar, nach­voll­zieh­bar oder eben begreif­bar sein“ kann, um natio­na­les Bewußt­sein als „Bewußt­sein der Ver­wirk­li­chung des indi­vi­du­el­len Selbst in der not­wen­di­gen Form erfahr­ba­rer All­ge­mein­heit“ her­vor­zu­brin­gen. Aber zugleich exis­tiert in der Moder­ne auch nur auf die­ser Ebe­ne für die Men­schen die Chan­ce, ihre bloß zufäl­li­ge indi­vi­du­el­le Exis­tenz als Teil und zugleich als Bei­trag zu jenem all­ge­mei­nen Schick­sal zu ver­ste­hen, das objek­tiv sein Schick­sal ist. Die als indi­vi­du­el­le bloß sinn­lo­se Exis­tenz gewinnt erst durch die­se Mög­lich­keit des bewuß­ten Bezu­ges auf ein not­wen­di­ges und zugleich kon­kre­tes All­ge­mei­nes die Chan­ce der Sinn­haf­tig­keit.
Natio­nal­be­wußt­sein ist unaus­weich­lich stets in sehr unter­schied­li­chen Inten­si­täts­gra­den von der unter­be­wuß­ten Zuge­hö­rig­keit bis zur bewuß­ten und opfer­wil­li­gen Arbeit an der Nati­on vor­han­den. Zudem kann Natio­nal­be­wußt­sein von der Nati­on auch nicht allen Staats­bür­gern ver­ord­net wer­den. Anders als der Staat, der Rechts­ge­hor­sam von Unein­sich­ti­gen oder Unwil­li­gen not­falls auch per Zwang ein­for­dern darf, kann von der Idee der Nati­on her selbst die Frei­heit eines Bür­gers, sich ableh­nend auch gegen­über dem natio­na­len Impe­ra­tiv zu ver­hal­ten, nicht negiert wer­den. Nati­ons­ver­ges­sen­heit ist inso­weit ein unver­meid­li­ches Phä­no­men, das wie­der­um bis zur mas­sen­haf­ten Nati­ons­all­er­gie rei­chen kann. Natio­nen als je kon­kre­te sind inso­weit durch­aus „sterb­lich“, wenn bei ihren Mit­glie­dern die Bereit­schaft schwin­det, sie jeweils als die ihri­ge zu sehen. Aber, um ein berühm­tes Dik­tum von Carl Schmitt zu para­phra­sie­ren, wenn ein Volk sich als Nati­on auf­gibt, ver­schwin­det nicht die Idee der Nati­on aus der Welt, son­dern nur eine in sich selbst schwach gewor­de­ne Nation.
Inso­fern erfaßt die fran­zö­si­sche Defi­ni­ti­on von Nati­on als plé­bi­s­ci­te de tous les jours durch­aus ein Ele­ment natio­na­ler Wirk­lich­keit. In der von Will­ms zur Dar­stel­lung gebrach­ten Idee der Nati­on wer­den aber die west­li­chen Auf­fas­sung von Nati­on als Ergeb­nis eines „täg­li­chen Ple­bis­zits“ (also eines Ver­ban­des, der sich durch Wil­lens­ent­schei­dun­gen der Ver­bands­mit­glie­der kon­sti­tu­iert und auf­recht erhält) und die als typisch deutsch gel­ten­de Vor­stel­lung, daß es sich bei der Nati­on bezie­hungs­wei­se dem Volk um ein den Indi­vi­du­en über­ge­ord­ne­tes über­in­di­vi­du­el­les „Wesen“ han­delt (in das die Ange­hö­ri­gen als blo­ße abhän­gi­ge Glie­der ein­ge­ord­net sind) als blo­ße Momen­te einer höhe­ren Syn­the­se auf­ge­faßt. Denn in die­ser Idee sind die bei­den Gesichts­punk­te der je indi­vi­du­el­len Frei­heit und zugleich der unent­rinn­ba­ren Not­wen­dig­keit der Ein­glie­de­rung in eine kon­kre­te poli­ti­sche Gemein­schaft zusam­men­ge­dacht und im Hegel­schen Sin­ne als Momen­te einer begrif­fe­nen Wirk­lich­keit „ver­söhnt“.

Dies gestat­tet es einer­seits, daß ein Indi­vi­du­um sei­ne natio­na­le Iden­ti­tät negiert. Aber dies kann es nur, indem es sich zu einer Nati­on als sei­ner ver­hält, sich also bei­spiels­wei­se doch wie­der als Deut­scher zu erken­nen geben muß, um auf sei­nem Nicht-Deutsch-Sein zu behar­ren. Mag der Betref­fen­de aber noch so inten­siv dar­auf pochen, mit Deutsch­land und den Deut­schen nicht viel am Hut zu haben, und sich auch nicht als Deut­scher, son­dern als Euro­pä­er, Welt­bür­ger oder ein­fach nur als Mensch aus­ge­ben – zumin­dest außer­halb von Deutsch­land wird er in der Regel zual­ler­erst als ein Deut­scher wahr­ge­nom­men wer­den. Und not­falls wird ihm auch mehr oder weni­ger deut­lich klar gemacht wer­den, daß er trotz aller sei­ner Beteue­run­gen ein Deut­scher ist und blei­ben wird. Als Indi­vi­du­um hat er inso­weit also nicht wirk­lich eine Wahl.
Natio­na­le Iden­ti­tät besitzt somit einen eben­so not­wen­di­gen Cha­rak­ter wie die Nati­on selbst. Sie exis­tiert, wo sich Indi­vi­du­en als Ange­hö­ri­ge eine Nati­on, in unse­rem Fal­le also als „Deut­sche“ begrei­fen kön­nen oder müs­sen. Über wel­che Merk­ma­le sich, jen­seits des ein­schlä­gi­gen Paß­ver­merks, natio­na­le Iden­ti­tät kon­kret aus- und wei­ter­bil­det, ist hin­ge­gen nicht fest­ge­legt. Zu einem 1988 her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band mit dem Titel Was ist deutsch? steu­er­te Will­ms einen Bei­trag mit der Ant­wort als Über­schrift bei: „Was deutsch ist, das ist Geschich­te und was Geschich­te ist, das ist wirk­lich, und was wirk­lich ist.…“. Auf die Fra­ge, was die deut­sche oder auch eine ande­re natio­na­le Iden­ti­tät denn aus­ma­che, kann es nur eine all­ge­mei­ne Ant­wort geben: „Unse­re Geschich­te ist unse­re Iden­ti­tät“. Natio­nen beru­hen für Will­ms nicht auf im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne objek­ti­vier­ba­ren Eigen­schaf­ten, also nicht auf einer „Ras­se“ oder einer real nach­weis­ba­ren Abstam­mung von einem „Urvolk“, nicht auf natür­li­chen Land­schaf­ten und noch nicht ein­mal zwangs­läu­fig auf Spracho­der Kul­tur­ge­mein­schaf­ten. Es kommt, bild­lich gespro­chen, nur dar­auf an, daß Men­schen ihre Frei­heit dazu nut­zen, je ihren Ruet­li-Schwur zu leis­ten: „Wir wol­len sein ein einig Volk von Brü­dern, in kei­ner Not uns tren­nen und Gefahr“ und sich über Zeit, Raum und Genera­tio­nen dar­an zu hal­ten. Alles, was sie zu die­sem Zweck getan haben, geht in ihre Geschich­te als Nati­on ein, selbst wenn die Ein­zel­hei­ten spä­ter wie­der ver­ges­sen werden.
Denn Geschich­te wird von Will­ms als ein ewi­ges Wer­den auf­ge­faßt, das nie­mals abge­schlos­sen ist. In einer sol­chen Auf­fas­sung ist kein Platz für eine ein für alle­mal end­gül­ti­ge Ant­wort auf die Fra­ge „Was ist deutsch“? Es gibt nach sei­ner Mei­nung zwar durch­aus so etwas wie einen Natio­nal­cha­rak­ter, soweit sich in einer Nati­on jeweils über­durch­schnitt­lich häu­fig anzu­tref­fen­de Ein­stel­lun­gen und Hal­tun­gen, Las­ter und Tugen­den antref­fen las­sen. Aber auch eine Fest­stel­lung wie: „Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst wil­len tun“ beschreibt eine Tugend, die an sich allen Men­schen gut zu Gesicht stän­de, aber aus guten his­to­ri­schen Grün­den unter Deut­schen – noch – beson­ders weit ver­brei­tet ist. Inso­weit prägt sie eine bestimm­te deut­sche Tra­di­ti­on der Hal­tung zur Arbeit – so wie die bei deut­schen Phi­lo­so­phen immer wie­der zu fin­den­de Ein­stel­lung, dem Wer­den ein grö­ße­res Gewicht als dem sta­ti­schen Sein zuzu­mes­sen, eine spe­zi­fi­sche deut­sche phi­lo­so­phi­sche Tra­di­ti­on prägt, die im Deut­schen Idea­lis­mus gip­felt. Sich an sol­che Tra­di­tio­nen, soweit sie als posi­tiv emp­fun­den wer­den, anzu­schlie­ßen – was Will­ms als Antai­os-Prin­zip bezeich­net hat – ent­spricht dem natio­na­len Impe­ra­tiv. Ande­re in einer Nati­on weit ver­brei­te­te Ein­stel­lun­gen kön­nen sich aber durch­aus irgend­wann ein­mal als über­holt oder gefähr­lich erwei­sen. Auch ein Natio­nal­cha­rak­ter muß form­bar und „lern­fä­hig“ blei­ben, um die stets neue Auf­ga­be der Selbst­be­haup­tung von Natio­nen über die Zei­ten hin­weg zu ermöglichen.

Natio­na­le Iden­ti­tät muß des­halb, wie Will­ms wie­der­holt unter­stri­chen hat, sowohl Iden­ti­tät mit den Dich­tern und Den­kern, als auch Iden­ti­tät mit den Mör­dern und Hen­kern der Nati­on, und nicht zuletzt auch ihren Opfern sein. His­to­ri­sche Lern­pro­zes­se flie­ßen unaus­weich­lich dar­in ein. Ihre Geschich­te bestimmt zwar die jewei­li­ge Iden­ti­tät einer Nati­on, doch zugleich kann und muß die Nati­on ver­su­chen, aus die­ser Lage her­aus jeweils das Bes­te zu machen und ihre Geschich­te als ihre fort­zu­schrei­ben. Deter­mi­niert ist natio­na­le Iden­ti­tät nur in Bezug auf die je ver­gan­ge­ne Geschich­te, als Moment­auf­nah­me, nicht aber im Hin­blick auf ihre zukünf­ti­ge Geschich­te. Zwar ist die­se Zukunft nicht offen im Sin­ne des belie­big Wünsch­ba­ren. Aber auf der Basis der Ergeb­nis­se der bis­he­ri­gen Geschich­te kann und muß die natio­na­le Iden­ti­tät wei­ter­ent­wi­ckelt werden.
Das Ler­nen aus der Geschich­te auch im Sin­ne des Abbre­chens bestimm­ter Tra­di­tio­nen ist natio­na­ler Iden­ti­tät nicht per se abträg­lich. Daß nach dem Ergeb­nis der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Epo­che man­ches Revi­re­ment nötig war, ist nicht zu bestrei­ten. Dar­aus aber abzu­lei­ten, daß die Nati­on als sol­che, oder zumin­dest die Deut­sche Nati­on, auf ewig dis­kre­di­tiert oder gar his­to­risch wider­legt sei, konn­te von Will­ms bes­ten­falls als geis­ti­ger Kurz­schluß bewer­tet wer­den. Die antrai­nier­te Reflex­ket­te, die von Deutsch und Nati­on direkt zur Asso­zia­ti­on mit Ausch­witz führt, war für ihn aber vor allem das Ergeb­nis einer geis­ti­gen Kon­di­tio­nie­rung und damit das genaue Gegen­teil von frei­em Den­ken. Zunächst ent­sprach es den Inter­es­sen der Sie­ger­mäch­te von 1945, durch eine geeig­ne­te Ree­du­ca­ti­on zu ver­hin­dern, daß die Deut­schen jemals wie­der einen unge­bro­che­nen natio­na­len Selbst­be­haup­tungs­wil­len ent­wi­ckeln wür­den. Die Umer­zie­hung stell­te somit zunächst ein „Iden­ti­täts­stö­rungs­pro­gramm“ zur Schwä­chung eines Macht­ri­va­len dar, das den Deut­schen nur ein ein­zi­ges Merk­mal natio­na­ler Iden­ti­tät belas­sen woll­te: Schuld. „Schuld“ ist jedoch eine juris­ti­sche und mora­li­sche Kate­go­rie indi­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung, die, zur Essenz der Geschich­te einer Nati­on erklärt, die Arbeit an der natio­na­len Iden­ti­tät im Sin­ne des natio­na­len Impe­ra­tivs nur ver­un­mög­li­chen kann und soll.
Für Will­ms stell­te die auf ste­te Bestä­ti­gung des Schuld­vor­wurf abzie­len­de Pra­xis der „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung“ des­halb im genau­en Sin­ne ein Instru­ment von Fremd­herr­schaft bezie­hungs­wei­se Fremd­be­stim­mung, eine Destruk­ti­ons­stra­te­gie gegen die Deut­schen als Nati­on dar. Natür­lich hat er nicht über­se­hen, daß in West­deutsch­land die­se Destruk­ti­ons­stra­te­gie auch von vie­len Deut­schen wei­ter­ver­folgt wur­de, ohne daß es dazu wei­te­rer frem­der Anre­gun­gen bedurf­te. Damit wur­den sie zu einer laten­ten Bür­ger­kriegs­tra­te­gie von par­ti­ku­la­ren Grup­pen, vor allem von sich – bes­ten­falls aus Denk­faul­heit und Bequem­lich­keit und schlimms­ten­falls aus Macht­gier und mit west­ta­schen-machia­vel­lis­ti­schem Zynis­mus – den ein­mal eta­blier­ten und fort­ge­schrie­be­nen herr­schen­den Ver­hält­nis­sen anpas­sen­den Poli­ti­kern und intel­lek­tu­el­len „Sinn­pro­du­zen­ten“.

Wird aber natio­na­le Iden­ti­tät auf die­se Wei­se ver­zerrt und geschwächt, schwin­den auch die Chan­cen für die Auf­recht­erhal­tung der Iden­ti­tät der Bür­ger mit dem kon­kret All­ge­mei­nen ihres Staa­tes. Der Staat als Zwangs­ap­pa­rat mag dann noch fort­exis­tie­ren, aber er kann von sei­nen Bür­gern nur noch als Ver­tre­ter par­ti­ku­la­rer Inter­es­sen wahr­ge­nom­men wer­den, bes­ten­falls sol­cher, die mit den eige­nen indi­vi­du­ell-par­ti­ku­la­ren Inter­es­sen gele­gent­lich über­ein­stim­men. Ein sol­ches Gemein­we­sen hört auf, (All-) Gemein­we­sen zu sein, son­dern dege­ne­riert zur Fremd­herr­schaft, selbst wenn die Mit­glie­der der neu­en Herrscher­klas­se den­sel­ben Paß haben wie ihre Unter­ta­nen, auf eine mehr oder min­der gro­ße Anhän­ger­schaft ver­wei­sen kön­nen und für sich den Besitz einer höhe­ren Moral oder grö­ße­ren Ein­sicht reklamieren.
Die Men­schen haben aber, wie Will­ms wie­der­holt unter­strich, ein Recht auf Nati­on, das heißt auf ein Leben in einem je kon­kre­ten Staat, den sie als den ihren anse­hen kön­nen. Ihnen die­ses Recht zu ver­weh­ren, ist der wah­re Rück­fall in ein des­po­ti­sches Mit­tel­al­ter, auch wenn sich die­ser noch so fort­schritt­lich dra­piert. Eine von Will­ms immer wie­der zitier­te Sen­tenz von Tho­mas Hob­bes lau­tet: „Was gegen den Frie­den ist, kann nicht wahr sein!“ Man kann, dar­an ange­lehnt, im Sin­ne Will­ms die Fest­stel­lung wagen: Was gegen die Nati­on ist, kann nicht wahr sein!

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