Sezession
1. Oktober 2004

Nationale Identität

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Dag Krienen

Bernard Willms (* 1931, † 1991) gehörte zu den wenigen deutschen Hochschullehrern, die sich nach 1945 in affirmativer Weise mit der Idee der Nation und der nationalen Identität der Deutschen beschäftigt haben. Seit 1970 Professor für Politische Theorie und Geschichte der Politischen Ideen an der Ruhr-Universität in Bochum, verstand er sich als ein Philosoph in der Tradition des Deutschen Idealismus, insbesondere Hegels. Idealismus war für Willms stets Wirklichkeitswissenschaft im strengen Sinne, da nur er die jeweilige Wirklichkeit tatsächlich auf den Begriff bringen, in ihren notwendigen Strukturen und inneren Bewegungsgesetzen erfassen kann. Da aber jede menschliche Wirklichkeit nur als Idee im Sinne Hegels ihre Wahrheit besitzt, läßt sich die gegenwärtige politische Welt nur von der „Idee der Nation“ her angemessen begreifen.

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Jede begriffene menschliche Wirklichkeit ist eine historische. Ab einem bestimmten Punkt der historischen Entwicklung ist, so Willms, eine Nation zu sein eine unausweichliche Konsequenz der Conditio Humana, das heißt der im strengen Sinne notwendigen Bedingungen menschlicher Existenz. Ausgezeichnetes Merkmal der Conditio Humana ist „Freiheit“. Freiheit verstanden allerdings nicht in jenem emphatischen Sinne der liberalen Ideologie, in der „mehr Freiheit“ als Schlüssel zur Lösung aller Probleme ausgegeben wird. An dieser Stelle kommt zunächst der neben Hegel wichtigste politische Referenzphilosoph von Willms ins Spiel: der Engländer Thomas Hobbes (1588 – 1679). Dieser hatte auf der Basis eines strengen methodischen Individualismus, also ausgehend allein vom rein auf sich selbst und sein Interesse bezogenen Individuum, mechanistischabstrakt, more geometrico, die elementaren Grundprinzipien des modernen Staates deduziert. Obwohl sein philosophisches System nicht ganz widerspruchsfrei war, besaß Hobbes in Willms’ Augen das Verdienst, im Gegensatz zu späteren Aufklärungsphilosophen, von einem nicht erbaulichen, einem nicht über die unangenehmen Seiten hinwegsehenden, harmonisierenden Verständnis von menschlicher Freiheit auszugehen und nicht vor harten politischen Konsequenzen zurückzuschrecken, wenn es galt, die notwendigen Bedingungen der Möglichkeit der Existenz eines auf Freiheit bezogenen, ja eines zur Freiheit gezwungenen Lebewesens zu ergründen. Freiheit muß elementar aufgefaßt werden, als Notwendigkeit der Beziehung jedes einzelnen Menschen auf sich selbst, und damit möglicherweise nur auf sich selbst, aus der heraus alles möglich wird. Hobbes demonstrierte, daß eine Welt aus lauter nur auf sich bezogenen Individuen, die keiner institutionellen Hemmung unterliegen, im wahrsten Sinne des Wortes nicht lebbar ist, weil Freiheit darin nur schlechte Unendlichkeiten produzieren kann – auf der Ebene der materiellen Bedürfnisse des „schon vom zukünftigen Hunger hungrigen Lebewesens“ nur eine stetige Steigerung des immer Mehr-Haben-Müssens ad infinitum und auf der Ebene der Konfrontation mit anderen den unaufhebbaren Zwang zur beständigen Machtsteigerung. In einer Welt, in der es nichts als freie Einzelne gibt, müßte notwendig ein permanenter und unbeendbarer Krieg aller gegen alle herrschen.
Der moderne Staat ist die einzig denkbare Lösung des modernen Freiheitsdilemmas, allerdings eine abstrakte. Wie Hobbes ihn entworfen hat, ist er zunächst nur „Not- und Verstandesstaat“, an dem vor allem die Seite der Unterwerfung der Untertanen unter einen ihnen äußeren Willen hervortritt. Aber die Staaten sind stets konkret in Raum und Zeit entstanden, das heißt als Verwirklichung einer kollektiven Existenzform bestimmter Menschen in einem bestimmten Gebiet zu einer bestimmten Zeit und zugleich ihrer Selbstbehauptung gegen andere Staaten. Dies ist zunächst ebenfalls eine abstrakte Notwendigkeit, die sich als Herrschaftsordnung zur Geltung bringt, die als innere und äußere Zwangsgewalt in Erscheinung treten muß.

Aber von Seiten der den jeweiligen Staaten unterworfenen Individuen ist diese Notwendigkeit prinzipiell als Bedingung auch ihrer individuellen Existenz und Freiheit einsehbar, und sie können den jeweils ihren Staat auch als den ihrigen begreifen oder einen Staat fordern und realisieren, der von ihnen als der ihre begriffen werden kann. Dieser, der mit dem Selbstbewußtsein seiner Bürger aufgeladene, zu eigenem Selbstbewußtsein gelangte Staat, ist der Kern der Idee der Nation bei Willms. Als bewußtes Selbst ist ein Staat Nation und die Nation ist der selbstbewußte Staat. Und von den Bürgern her: „Die Nation ist ein Volk, daß in bezug auf einen bestimmten Raum in der Geschichte hindurch das Bewußtsein eines Wir, eines Ganzen, eines Selbst entwickelt hat, das als dieses Selbst einen gemeinsamen politischen Willen, das heißt einen Staat, ausbilden will und das in unablässiger Bemühung seine Selbstbestimmung und seine Selbstbehauptung politisch geltend macht und geschichtlich durchhält.“
Daß Staaten zu Nationen werden, ist nicht ein bloß zufälliges, historisch gelegentlich beobachtbares Phänomen. Willms hat stets unterstrichen, daß die Nation zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils zur einzig denkbaren, also notwendigen Wirklichkeit der schon an sich notwendig staatlichen Existenz der Menschen wird: „Wenn politische Wirklichkeit nicht mehr `naturwüchsig´ erlebt, sondern als Verwirklichung bewußt wird, wenn ihr grundlegender Charakter als allgemeine Voraussetzung aller auch individueller Wirklichkeit erkannt ist, wenn Politik subjektiv wird, das heißt von einem Ganzen her denkbar und von diesem als Subjekt, als Selbst her durchführbar wird, dann ist Staat konkret als Nation wirklich.“ Sobald und soweit dieser Punkt jeweils erreicht ist, gibt es zur Nation keine Alternative mehr: „Die Idee der Nation erhält wie die der Freiheit die Substanz und Würde einer Notwendigkeit, die daher kommt, daß uns im genauen Sinne nichts anderes übrig geblieben ist“ – es sei denn die freiheitsnegierende Selbstauslieferung an einen gesichtslosen und anonymen Herrschaftsapparat, dem Staat als „kältesten aller kalten Ungeheuer“ (Nietzsche), oder an eine säkulare Priesterherrschaft, die gegebenenfalls auch per Gedankenpolizei und Ketzerverbrennung den Wolf im Menschen in Zaum hält.
Es ist also kein Zufall, daß „Nation“ die einzige wirklich globale politische Errungenschaft der Menschen ist. Seit dem Abschluß der Dekolonisierung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts leben die Menschen praktisch überall auf der Welt in Nationalstaaten, auch wenn der Prozeß des nation-building oft noch in den ersten Anfängen steckt. „Nation“ ist aber keine Errungenschaft, die ein Staat und ein Volk einfach auf einen Schlag erwerben und dann für immer sicher „haben“ können. Das „bewußte Durchhalten des politischen Selbst als bewußte Verwirklichung des je individuellen Selbst“ muß durch stete politische Arbeit gesichert werden und kann mehr oder weniger gut gelingen, mit Verlusten des schon erreicht geglaubten, aber auch teilweise mit unerwarteten Erfolgen verbunden sein. Und es kann natürlich auch scheitern. Wirklich ist die Nation als „Idee“, weil der allgemeine Begriff der Nation und ihre je konkrete, hundertfältige Wirklichkeit ebenso zwangsläufig auseinanderfallen, wie sie notwendig doch stets zusammengedacht und in steter Arbeit an der Verwirklichung zusammengebracht werden müssen. Die Idee der Nation ist eine Wirklichkeit, „die immer auf dem Weg zu sich selbst ist“ und impliziert so den nationalen Imperativ, das Gebot des Durchhaltens der Existenz eines selbstbewußten politischen Subjekts in Raum und Zeit.

Nationen bilden sich analog zu den Staaten also in Zeit und Raum und haben ihre je eigene Geschichte, begeben auf je konkreten „Wegen zu sich selbst“, die auch in die Irre gehen können. Nationen sind als je diese stets kontingente Erscheinungen. Notwendig ist, daß es die Nationen heute gibt; daß es aber eine deutsche, eine französische, eine thailändische oder eine pakistanische gibt, ist das Ergebnis von historischen Entwicklungen, die auch ganz anders hätten verlaufen, auch ganz andere Nationen hätte hervorbringen können. Zwar entfaltet sich die Idee der Nation im Verlauf der Geschichte nach der Überzeugung von Willms in den drei Stufen der Territorialisierung, der Demokratisierung und der Sozialisierung. Doch auch in diesem Fall erfolgt die Realisierung historisch in sehr unterschiedlichen Formen und in nicht unbedingt zeitlich streng getrennter Reihenfolge. Voraussetzung ist allerdings, daß im Zuge der Territorialisierung die Grenzen einer Nation und damit auch der Kreis derjenigen, die dazu gehören und die nicht dazu gehören, bestimmt werden. Da es keine natürlichen Grenzen gibt, weder im Raum noch zwischen den Menschen, sind solche Abgrenzungen immer ein historisch kontingentes und oft genug blutig ausgefochtenes Produkt des Kampfes um Begrenzung. Die Kampf-Metapher ist allerdings nicht sozialdarwinistisch oder etwa im Sinne eines nationalen sacro egoisimo mißzuverstehen. Die Ausdehnung einer Nation über die ganze Welt oder auch nur die Herrschaft über ein anderes Volk, das dieser nicht angehören will, stellt einen Widerspruch in sich dar. Historisch mag der Prozeß der Abgrenzung der Nationen voneinander noch so blutig verlaufen sein, der offenbar gewordene Sinn dieses Prozesses ist die Ausbildung eines Systems der Selbstbehauptung unter wechselseitiger Anerkennung der Nationen.
Damit Staaten zu selbstbewußten Nationen werden, in denen ihre Bürger ihr eigenes allgemeines Schicksal wiedererkennen können, ist Demokratisierung notwendig. Dies heißt aber zunächst nur, daß der sich zur jeweiligen Nation ausfaltende oder auch neugebildete Staat solche inneren Strukturen gewinnt, daß es zu einer „bewußten Verwirklichung eines Staats-Staatsbürger-Verhältnisses“ kommen kann. Je nach dem Stand der geschichtlichen Entwicklung und der politischen Lage kann der Partizipationsanspruch der Bürger in unterschiedlicher Weise seine Befriedigung finden. Selbst eine kommissarische Diktatur auf Zeit, in der ein als Inkarnation des Volkswillens allgemein anerkannter Diktator einen nationalen Notstand effektiv beseitigt, widerspricht nicht von vornherein der Idee der Nation. Natürlich impliziert diese Idee im Kern das Ideal einer freiheitlichen und demokratischen inneren Ordnung und jede solche ist also durchaus zunächst eine nationale Errungenschaft. Aber jede konkrete Verfassung muß sich auch als Instrument der Selbstdurchhaltung und Selbstbehauptung der Nation bewäh ren. So verteidigenswert sie als Bürge eines „guten“ Lebens der Bürger auch jeweils sein mag, sie steht immer unter dem Vorbehalt dieses nationalen Imperativs. Weder „Demokratie“ noch „Freiheit“ im liberalen Sinne können einen Vorrang vor ihm beanspruchen. Wird gegenteiliges behauptet, handelt es sich um reine Ideologien. Objektiv können solche Ideologien nichts anderes bewirken, als eine Nation und ihre Bürger daran zu hindern, ihrem je eigenen nationalen Imperativ zu folgen, sich auf sich selbst zu beziehen, also in einem politisch substantiellen Sinne frei zu sein und zu bleiben.

Was über die Demokratisierung als Stufe der je konkreten Entfaltung der Idee der Nation gesagt wurde, gilt sinngemäß auch für die Sozialisierung, bei der die gesellschaftlichen Vorraussetzungen dafür geschaffen werden, damit auch der „ärmste Sohn des Vaterlandes“ die Möglichkeit erhält, zu seinem „treuesten“ zu werden. Die konkrete Lösung, genauer: Abarbeitung der „soziale Frage“ kann nur auf nationaler Ebene erfolgen und zwar ebenfalls je nach historischer Entwicklung und politischer Lage. Alle „sozialen“ oder „sozialistischen“ Errungenschaften können nur nationale sein und nie über dem nationalen Imperativ stehen.
Auf der Ebene der einzelnen Menschen entsteht Nation also aus der jedem Individuum zuzumutenden Einsicht in die Notwendigkeit einer nicht nur abstrakten, sondern in Raum und Zeit konkreten politisch-staatlichen Fundierung jedweder Verwirklichung seiner individuellen Existenz in ihrer ganzen Fülle, entsprechend der von Bernard Willms wiederholt zitierten Sentenz von Hoffmann von Fallersleben: „Alles, was ich bin und was ich habe, verdank ich Dir, mein Vaterland.“ Zwar bedarf es der Voraussetzung, daß das Allgemeine, die Nation, für jeden „einzelnen erlebbar, nachvollziehbar oder eben begreifbar sein“ kann, um nationales Bewußtsein als „Bewußtsein der Verwirklichung des individuellen Selbst in der notwendigen Form erfahrbarer Allgemeinheit“ hervorzubringen. Aber zugleich existiert in der Moderne auch nur auf dieser Ebene für die Menschen die Chance, ihre bloß zufällige individuelle Existenz als Teil und zugleich als Beitrag zu jenem allgemeinen Schicksal zu verstehen, das objektiv sein Schicksal ist. Die als individuelle bloß sinnlose Existenz gewinnt erst durch diese Möglichkeit des bewußten Bezuges auf ein notwendiges und zugleich konkretes Allgemeines die Chance der Sinnhaftigkeit.
Nationalbewußtsein ist unausweichlich stets in sehr unterschiedlichen Intensitätsgraden von der unterbewußten Zugehörigkeit bis zur bewußten und opferwilligen Arbeit an der Nation vorhanden. Zudem kann Nationalbewußtsein von der Nation auch nicht allen Staatsbürgern verordnet werden. Anders als der Staat, der Rechtsgehorsam von Uneinsichtigen oder Unwilligen notfalls auch per Zwang einfordern darf, kann von der Idee der Nation her selbst die Freiheit eines Bürgers, sich ablehnend auch gegenüber dem nationalen Imperativ zu verhalten, nicht negiert werden. Nationsvergessenheit ist insoweit ein unvermeidliches Phänomen, das wiederum bis zur massenhaften Nationsallergie reichen kann. Nationen als je konkrete sind insoweit durchaus „sterblich“, wenn bei ihren Mitgliedern die Bereitschaft schwindet, sie jeweils als die ihrige zu sehen. Aber, um ein berühmtes Diktum von Carl Schmitt zu paraphrasieren, wenn ein Volk sich als Nation aufgibt, verschwindet nicht die Idee der Nation aus der Welt, sondern nur eine in sich selbst schwach gewordene Nation.
Insofern erfaßt die französische Definition von Nation als plébiscite de tous les jours durchaus ein Element nationaler Wirklichkeit. In der von Willms zur Darstellung gebrachten Idee der Nation werden aber die westlichen Auffassung von Nation als Ergebnis eines „täglichen Plebiszits“ (also eines Verbandes, der sich durch Willensentscheidungen der Verbandsmitglieder konstituiert und aufrecht erhält) und die als typisch deutsch geltende Vorstellung, daß es sich bei der Nation beziehungsweise dem Volk um ein den Individuen übergeordnetes überindividuelles „Wesen“ handelt (in das die Angehörigen als bloße abhängige Glieder eingeordnet sind) als bloße Momente einer höheren Synthese aufgefaßt. Denn in dieser Idee sind die beiden Gesichtspunkte der je individuellen Freiheit und zugleich der unentrinnbaren Notwendigkeit der Eingliederung in eine konkrete politische Gemeinschaft zusammengedacht und im Hegelschen Sinne als Momente einer begriffenen Wirklichkeit „versöhnt“.

Dies gestattet es einerseits, daß ein Individuum seine nationale Identität negiert. Aber dies kann es nur, indem es sich zu einer Nation als seiner verhält, sich also beispielsweise doch wieder als Deutscher zu erkennen geben muß, um auf seinem Nicht-Deutsch-Sein zu beharren. Mag der Betreffende aber noch so intensiv darauf pochen, mit Deutschland und den Deutschen nicht viel am Hut zu haben, und sich auch nicht als Deutscher, sondern als Europäer, Weltbürger oder einfach nur als Mensch ausgeben – zumindest außerhalb von Deutschland wird er in der Regel zuallererst als ein Deutscher wahrgenommen werden. Und notfalls wird ihm auch mehr oder weniger deutlich klar gemacht werden, daß er trotz aller seiner Beteuerungen ein Deutscher ist und bleiben wird. Als Individuum hat er insoweit also nicht wirklich eine Wahl.
Nationale Identität besitzt somit einen ebenso notwendigen Charakter wie die Nation selbst. Sie existiert, wo sich Individuen als Angehörige eine Nation, in unserem Falle also als „Deutsche“ begreifen können oder müssen. Über welche Merkmale sich, jenseits des einschlägigen Paßvermerks, nationale Identität konkret aus- und weiterbildet, ist hingegen nicht festgelegt. Zu einem 1988 herausgegebenen Sammelband mit dem Titel Was ist deutsch? steuerte Willms einen Beitrag mit der Antwort als Überschrift bei: „Was deutsch ist, das ist Geschichte und was Geschichte ist, das ist wirklich, und was wirklich ist....“. Auf die Frage, was die deutsche oder auch eine andere nationale Identität denn ausmache, kann es nur eine allgemeine Antwort geben: „Unsere Geschichte ist unsere Identität“. Nationen beruhen für Willms nicht auf im naturwissenschaftlichen Sinne objektivierbaren Eigenschaften, also nicht auf einer „Rasse“ oder einer real nachweisbaren Abstammung von einem „Urvolk“, nicht auf natürlichen Landschaften und noch nicht einmal zwangsläufig auf Sprachoder Kulturgemeinschaften. Es kommt, bildlich gesprochen, nur darauf an, daß Menschen ihre Freiheit dazu nutzen, je ihren Ruetli-Schwur zu leisten: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr“ und sich über Zeit, Raum und Generationen daran zu halten. Alles, was sie zu diesem Zweck getan haben, geht in ihre Geschichte als Nation ein, selbst wenn die Einzelheiten später wieder vergessen werden.
Denn Geschichte wird von Willms als ein ewiges Werden aufgefaßt, das niemals abgeschlossen ist. In einer solchen Auffassung ist kein Platz für eine ein für allemal endgültige Antwort auf die Frage „Was ist deutsch“? Es gibt nach seiner Meinung zwar durchaus so etwas wie einen Nationalcharakter, soweit sich in einer Nation jeweils überdurchschnittlich häufig anzutreffende Einstellungen und Haltungen, Laster und Tugenden antreffen lassen. Aber auch eine Feststellung wie: „Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun“ beschreibt eine Tugend, die an sich allen Menschen gut zu Gesicht stände, aber aus guten historischen Gründen unter Deutschen – noch – besonders weit verbreitet ist. Insoweit prägt sie eine bestimmte deutsche Tradition der Haltung zur Arbeit – so wie die bei deutschen Philosophen immer wieder zu findende Einstellung, dem Werden ein größeres Gewicht als dem statischen Sein zuzumessen, eine spezifische deutsche philosophische Tradition prägt, die im Deutschen Idealismus gipfelt. Sich an solche Traditionen, soweit sie als positiv empfunden werden, anzuschließen – was Willms als Antaios-Prinzip bezeichnet hat – entspricht dem nationalen Imperativ. Andere in einer Nation weit verbreitete Einstellungen können sich aber durchaus irgendwann einmal als überholt oder gefährlich erweisen. Auch ein Nationalcharakter muß formbar und „lernfähig“ bleiben, um die stets neue Aufgabe der Selbstbehauptung von Nationen über die Zeiten hinweg zu ermöglichen.

Nationale Identität muß deshalb, wie Willms wiederholt unterstrichen hat, sowohl Identität mit den Dichtern und Denkern, als auch Identität mit den Mördern und Henkern der Nation, und nicht zuletzt auch ihren Opfern sein. Historische Lernprozesse fließen unausweichlich darin ein. Ihre Geschichte bestimmt zwar die jeweilige Identität einer Nation, doch zugleich kann und muß die Nation versuchen, aus dieser Lage heraus jeweils das Beste zu machen und ihre Geschichte als ihre fortzuschreiben. Determiniert ist nationale Identität nur in Bezug auf die je vergangene Geschichte, als Momentaufnahme, nicht aber im Hinblick auf ihre zukünftige Geschichte. Zwar ist diese Zukunft nicht offen im Sinne des beliebig Wünschbaren. Aber auf der Basis der Ergebnisse der bisherigen Geschichte kann und muß die nationale Identität weiterentwickelt werden.
Das Lernen aus der Geschichte auch im Sinne des Abbrechens bestimmter Traditionen ist nationaler Identität nicht per se abträglich. Daß nach dem Ergebnis der nationalsozialistischen Epoche manches Revirement nötig war, ist nicht zu bestreiten. Daraus aber abzuleiten, daß die Nation als solche, oder zumindest die Deutsche Nation, auf ewig diskreditiert oder gar historisch widerlegt sei, konnte von Willms bestenfalls als geistiger Kurzschluß bewertet werden. Die antrainierte Reflexkette, die von Deutsch und Nation direkt zur Assoziation mit Auschwitz führt, war für ihn aber vor allem das Ergebnis einer geistigen Konditionierung und damit das genaue Gegenteil von freiem Denken. Zunächst entsprach es den Interessen der Siegermächte von 1945, durch eine geeignete Reeducation zu verhindern, daß die Deutschen jemals wieder einen ungebrochenen nationalen Selbstbehauptungswillen entwickeln würden. Die Umerziehung stellte somit zunächst ein „Identitätsstörungsprogramm“ zur Schwächung eines Machtrivalen dar, das den Deutschen nur ein einziges Merkmal nationaler Identität belassen wollte: Schuld. „Schuld“ ist jedoch eine juristische und moralische Kategorie individueller Verantwortung, die, zur Essenz der Geschichte einer Nation erklärt, die Arbeit an der nationalen Identität im Sinne des nationalen Imperativs nur verunmöglichen kann und soll.
Für Willms stellte die auf stete Bestätigung des Schuldvorwurf abzielende Praxis der „Vergangenheitsbewältigung“ deshalb im genauen Sinne ein Instrument von Fremdherrschaft beziehungsweise Fremdbestimmung, eine Destruktionsstrategie gegen die Deutschen als Nation dar. Natürlich hat er nicht übersehen, daß in Westdeutschland diese Destruktionsstrategie auch von vielen Deutschen weiterverfolgt wurde, ohne daß es dazu weiterer fremder Anregungen bedurfte. Damit wurden sie zu einer latenten Bürgerkriegstrategie von partikularen Gruppen, vor allem von sich – bestenfalls aus Denkfaulheit und Bequemlichkeit und schlimmstenfalls aus Machtgier und mit westtaschen-machiavellistischem Zynismus – den einmal etablierten und fortgeschriebenen herrschenden Verhältnissen anpassenden Politikern und intellektuellen „Sinnproduzenten“.

Wird aber nationale Identität auf diese Weise verzerrt und geschwächt, schwinden auch die Chancen für die Aufrechterhaltung der Identität der Bürger mit dem konkret Allgemeinen ihres Staates. Der Staat als Zwangsapparat mag dann noch fortexistieren, aber er kann von seinen Bürgern nur noch als Vertreter partikularer Interessen wahrgenommen werden, bestenfalls solcher, die mit den eigenen individuell-partikularen Interessen gelegentlich übereinstimmen. Ein solches Gemeinwesen hört auf, (All-) Gemeinwesen zu sein, sondern degeneriert zur Fremdherrschaft, selbst wenn die Mitglieder der neuen Herrscherklasse denselben Paß haben wie ihre Untertanen, auf eine mehr oder minder große Anhängerschaft verweisen können und für sich den Besitz einer höheren Moral oder größeren Einsicht reklamieren.
Die Menschen haben aber, wie Willms wiederholt unterstrich, ein Recht auf Nation, das heißt auf ein Leben in einem je konkreten Staat, den sie als den ihren ansehen können. Ihnen dieses Recht zu verwehren, ist der wahre Rückfall in ein despotisches Mittelalter, auch wenn sich dieser noch so fortschrittlich drapiert. Eine von Willms immer wieder zitierte Sentenz von Thomas Hobbes lautet: „Was gegen den Frieden ist, kann nicht wahr sein!“ Man kann, daran angelehnt, im Sinne Willms die Feststellung wagen: Was gegen die Nation ist, kann nicht wahr sein!


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