Sezession
1. Oktober 2004

Identität als Konstruktion

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Tom Drescher

Jegliche Art von Identität ist Konstruktion. Was immer sie bezeichnen mag, sie ist Beobachterleistung und somit nur als Differenz denkbar. Das klingt kryptisch? Die folgenden Ausführungen erklären diese Annahme, die so kategorisch formuliert wurde von der – aus meiner Sicht – konsequentesten und sozialwissenschaftlich einflußreichsten konstruktivistischen Strömung, dem „Radikalen Konstruktivismus“ sowie dessen systemtheoretisch-soziologisch elaborierter Variante, der Soziologie Niklas Luhmanns.

 Gastbeitrag

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In den Sozialwissenschaften interessiert man sich seit jeher für das Verhältnis von personaler zu kollektiver Identität. Diese Fragestellung geht auf die sozialpsychologische Diskussion der dreißiger bis fünfziger Jahre zurück. Richtungsbestimmende Arbeiten sind George Herbert Meads Mind, Self and Society (1936) und Erik Eriksons Identität und Lebenszyklus (1966). Ihnen ist der Grundgedanke gemeinsam, daß Identität (bei Mead das „Self“, bei Erikson die Ich-Identität) ein herzustellendes Produkt ist, welches durch die Integration sozialer Rollenerwartungen und persönlicher Attribute zustandegebracht werden muß.
Auch Autoren der Frankfurter Schule und aus deren Umfeld rekurrieren auf die Vorstellungen dieser Klassiker, so Lothar Krappmann und natürlich Jürgen Habermas. Ich-Identität wird hier ebenfalls als Ausbalancierung zwischen personaler Identität und gesellschaftlichen Rollenerwartungen gesehen. Menschen könnten diesem Modell zufolge eine „vernünftige“ Identität aufbauen oder diese verfehlen. Entscheidend ist, daß jene Autoren von einer „Ich“-Identität ausgehen, welche vorgesellschaftlich verankert zu sein scheint und gegen gesellschaftliche Ansprüche durchgesetzt und verteidigt werden müßte.
Demgegenüber betonen rechte Autoren eher die Notwendigkeit kollektiver Identität sowie die Rolle von Vergangenheitsbezug (Tradition, Ge schichte, Mythos) als individuelle Identifizierungsmöglichkeit. Politisch betrachtet korreliert dies oft mit der Emphase für nationale Identität. Die Auseinandersetzung linker und rechter Theorie organisiert sich also letztlich um die Differenz kollektiv/individuell und um den Identitätsbegründungszusammenhang qua Vergangenheit oder Zukunft.
Systemtheorie bietet hier eine diese, durch das Links-Rechts-Schema vorcodierte, Frontstellung unterlaufende Beobachtungsweise. Personale Identität ist einerseits nichts, was ein Individuum “gegen die Gesellschaft“ verteidigen müßte. Abgesehen von der banalen Tatsache, daß ein Individuum (biologisch betrachtet) ist, was es ist und insofern schon immer mit sich identisch ist (was allerdings nur ein Beobachter feststellen kann!), sind Individuen mit ihren Identitäten, welche narrativ qua Biographie und Lebenslauf erzeugt werden, geradezu ein Funktionserfordernis der modernen Gesellschaft, um Kommunikationen und Handlungen adressieren zu können. Mit Gesellschaft ist der Sonderfall eines sozialen Systems bezeichnet, welches alle möglichen Kommunikationen einschließt. Alles, was überhaupt kommuniziert wird und kommuniziert werden kann, findet in der Gesellschaft statt und reproduziert diese. Es gibt keine kommunikative Beobachtung der Gesellschaft außerhalb dieser.

Luhmann unterscheidet im wesentlichen drei Gesellschaftsformen: archaische (segmentäre), Hochkulturen (stratifizierte) und die Moderne. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich gegenüber allen anderen durch das Primat der funktionalen Differenzierung aus. Die gesellschaftlichen Funktionssysteme (Wirtschaft, Politik, Recht, Massenmedien und so weiter) sind insofern gleich, als sie alle eine und nur eine spezifische gesamtgesellschaftlich relevante Funktion erfüllen, aber ungleich, weil jedes eben eine andere zu erfüllen hat (nur Erziehung erzieht, nur Recht spricht Recht). Sie sind insofern autonom, als sie die Zugehörigkeit kommunikativer Ereignisse zum eigenen Operationsbereich oder zur Umwelt über einen spezifischen binären Code (für Wissenschaft beispielsweise wahr/unwahr) kenntlich machen. Erst dadurch gelingt es den Funktionssystemen, ihre Operationen zugleich gesellschaftsweit (universal) und systemspezifisch zu organisieren – beispielsweise kann alles prinzipiell zum Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis werden, aber es erlangt Informativität nur hinsichtlich seines Wahrheitswertes, und nicht etwa aufgrund politischer Wünschbarkeit oder ästhetischer Schönheit.
In welchem Lichte erscheint die Identitätsproblematik unter systemtheoretisch-konstruktivistischem Vorzeichen? Hier gilt es zu unterscheiden zwischen der Formulierung eines systemtheoretischen Identitätsbegriffes und der systemtheoretischen Beschreibung von Identitätsgebrauch durch andere Beobachter.
Entweder stellt ein Beobachter die Identität von etwas von ihm verschiedenen fest (ein Objekt, ein Prozeß, eine andere Person) oder er bezeichnet sich selbst als (mit sich) identisch. Beides setzt voraus, daß der Beobachter bereits zwischen Selbst- und Fremdreferenz (zwischen eigenen und Umweltzuständen) zu diskriminieren vermag. Das bedeutet, Identität ist nicht die Voraussetzung für die Existenz von Systemen (zum Beispiel Nationen oder „Menschen“), sondern Systembildung ist umgekehrt die Voraussetzung zur Identitätsgenerierung. Identität ist – für komplexe Systeme – eine Notwendigkeit zur Regelung ihrer Umwelt- und Selbstkontakte. Sie wird allerdings nur in spezifischen Lagen überhaupt in Anspruch genommen, nämlich immer dann, wenn ein System Wahlmöglichkeiten des eigenen Verhaltens abzuwägen hat. Insofern sichert Identität Kontinuität trotz Wahlmöglichkeit und ist somit ein Instrument zur Reduktion von Komplexität.
Identitätsbeobachtungen sind prinzipiell paradoxer Natur. Sie behaupten entweder die Einheit von Differentem (A = B) oder von Komplexem (Einheit einer Vielheit), oder aber, im Falle der Selbstbeobachtung, bezeichnet die Identitätsbeobachtung gerade nicht das, was sie zu bezeichnen vorgibt, da die Beobachtung sich selbst nicht mitbeobachten kann, aber nichtsdestotrotz vom System selbst erzeugt ist. Durch ihr pures Auftreten verändert sie also wiederum das, was sie als identisch bezeichnet. Dieser kurze Problemaufriß deutet bereits an: Das konstruktivistische Interesse an Identität verschiebt sich – wie bei der Erkenntnisfrage auch – von der ontologischen Frage: WAS ist Identität? auf die Frage: WIE entsteht und funktioniert und erhält sich Identität?

Andererseits: Soziale (kollektive) Identitäten müssen funktional auf soziale Systeme bezogen werden. Aus dem Bedürfnis einzelner Menschen läßt sich keine kollektive (ergo: auch keine nationale) Identität ableiten – ebensowenig, wie man aus den Bewegungsgesetzen der Atome lebendige Strukturen erklären kann. Der Rekurs auf die „Gefühle“ beziehungsweise den „Willen“ des Einzelnen ist – soziologisch zumindest – nicht nachvollziehbar. Wir haben schlichtweg keine Möglichkeit nachzuschauen, was denn im jeweils Einzelnen vorgeht, wenn er sich positiv auf die Nation (oder ein anderes kollektives Phänomen) bezieht. Wir können aber sagen, daß die Kommunikation von nationalen oder vaterländischen Gefühlen die Chancen der Mobilisierbarkeit der Angesprochenen für politisches Handeln erhöht. Dies gilt sowohl für innenpolitische („Solidarität“) als erst recht für außenpolitische (Territorialverteidigung) Zielsetzungen.
Rein empirisch ist die Behauptung, Menschen bräuchten notwendig eine nationale Identität, falsch. Das Konzept der Nation in seiner heutigen Form ist überhaupt erst etwa 200 Jahre alt. Davor haben Menschen ohne eine Idee der Nation (nicht: ohne Ideen kollektiver Identität!) gelebt. Erst mit dem Beginn des Umbaus der Gesellschaft von der alten, feudalen, geschichteten Ordnung zur funktional differenzierten ergibt sich auch das Problem der Identität. In Europa kann man diesen Prozeß auf das ausgehende 18. und das beginnende 19. Jahrhundert datieren. Sowohl die Forderung nach Bildung von Nationalstaaten als auch die Ideologie des Individualismus werden in dem Moment formulierbar (und in der Folge: plausibel), als die Herauslösung der Menschen aus ihren alten, multifunktionalen, schichtspezifischen Bezügen, in denen Identität als etwas Gegebenes hingenommen wurde, die Frage nach der Adressabilität der Menschen aufwirft.
Die Ideologie des Individualismus reagiert auf das oben geschilderte Inklusionsproblem, indem sie den Menschen eine Identität außerhalb der gesellschaftlichen Funktionssysteme zuweist und dies dann als Freiheit und Autonomie glorifiziert. Unter der Flagge des Nationalgedankens versucht man, äußerst erfolgreich, die kollektive Handlungsfähigkeit durch Stiftung einer Tradition zu schaffen. Zwar gab es den Nationenbegriff schon im Mittelalter, er war zu dieser Zeit jedoch nur ein Instrument zur „Sortierung von [ethnischer, T.D.] Herkunft“ (Luhmann) in hochspezifischen Kontexten, zum Beispiel an Universitäten, und auch nur dann, wenn mehrere nationes vertreten waren. Darüber hinausgehende Anforderungen wie kulturelle und sprachliche Einheit verbanden sich aber noch nicht mit diesem Konzept.
Die Nation im modernen Wortsinne ist eine Größe, welche zwar auf Tradition rekurriert, dies aber unter der Prämisse, ihre Einheit erst noch zustandebringen zu müssen. Und diese Einheit muß zwingend in einem Territorium mit staatlicher Organisation realisiert werden – sonst bleibt die Idee der Nation eine bloße Idee. Die Forderung nach Orientierung an nationaler Identität kann letztlich nur paradox oder tautologisch begründet werden: Paradox ist sie, solange die Nation „im Entstehen“ ist, als Größe, welche schon immer da war, aber nichtsdestotrotz erst zu schaffen ist. Eine Tautologie entsteht, wenn die Nation als Einheit bereits etabliert ist. Eine solch tautologische Struktur weißt etwa die Definition der Nation von Karlheinz Weißmann auf: Nation ist, was eine Nation sein will und diesen Willen auf Dauer aufrecht erhalten kann.

Die „Entfaltung“ der Tautologie wird über die Einführung von Zeit und den Rekurs auf einen „Willen“ vorgenommen. Das Problem solcher Aussagen ist, daß sie nur binnenperspektivisch als hinreichende Begründung gelten können, das heißt, wenn und solange sich das Nationalkonzept von selbst versteht. Da dies heute nicht mehr der Fall ist, müssen – außerhalb der „Binnenperspektive“ – andere Begründungsformen gesucht werden. Systemtheorie bietet hier vor allem die Betonung der Funktion nationaler Semantik an: Der „Begriff der Nation bietet ein Inklusionskonzept, das nicht auf die Sonderbedingungen der einzelnen Funktionssysteme angewiesen ist und die Politik dazu zwingt, alle Angehörigen der eigenen Nation als gleiche zu respektieren.“ Das heißt: „Der Begriff der Nation nimmt dem Begriff Volk (peuple, people) seinen Unterschichtengeruch, gibt eine Begründung für Entaristokratisierung des politischen Systems und ermöglicht am Ende des 19.Jhd. die Wiedereinführung des Volksbegriffes als eines spezifisch politischen Begriffs ... Er bietet ein sehr klares, ganz einfach zu handhabendes Unterscheidungsschema: Eine Nation unterscheidet sich von anderen Nationen (und nicht etwa von Aristokratie oder von Landleben...)“.
Vergleicht man diese Ausführungen nochmals mit denen von Weißmann, kann man Unterschiede, aber auch Übereinstimmungen erkennen: Gegenüber biologisch oder völkisch argumentierenden Autoren fällt bei Weißmann eine eigentümliche – um nicht zu sagen: wohltuende – Ambivalenz in der Argumentation auf: Einerseits sieht er sehr wohl, daß die Nation und die ihr affinen Begriffe Nationalbewußtsein oder nationale Identität keine natürlichen Entitäten sind („Hinwendung zu Nation ist ein abstrakter Vorgang ... Nationalbewußtsein ist ein geistiger, kein natürlicher Sachverhalt“) und daß genuin rechte Wesens-Vorstellungen wie Nationalcharakter oder Nationalseele zuviel Ontologie implizieren, um heute noch plausibel kommunizierbar zu sein.
(Nationale) Identität ist auch nach Weißmann auf Narration, auf Mythos angewiesen. Wenn Weißmann auf die Notwendigkeit des Mythos, also auf eine narrative Form von kollektivem Gedächtnis verweist, dann ist dies nach meiner Auffassung ein Beleg für die Richtigkeit des konstruktivistischen Arguments: Denn Mythos ist nichts anderes als Traditionsbildung durch selektiven Zugriff auf Vergangenheit. Er ist, wie Weißmann richtig sagt, „Vorstellung“, nicht die Vergangenheit selbst. Wenn dem so ist, muß man andererseits Aussagen wie jene, daß der Mythos auf „ein geschichtliches Wesen bezogen wird, das sich bestimmter Teile seiner Vergangenheit gar nicht oder jedenfalls nicht sicher erinnert“ oder daß „nationale Identität“ einen „vorreflexiven Aspekt“ impliziert, als zum Bereich des Mythos selbst gehörend qualifizieren, sofern mit diesem „vorreflexiven Wesen“ mehr gemeint ist als die sich als Nation selbstbeschreibende staatliche Organisation. Die Rede vom „Wesen“ der Nation kann wissenschaftlich nur als politisch funktional qualifiziert werden; sie stellt selbst keine wissenschaftliche Kategorie dar.

Weißmann meldet mehrfach starke Bedenken gegenüber der Idee der Nation als Konstruktion und Abstraktion an. Sieht man genauer hin, erkennt man jedoch, daß es sich vor allem um eine Ablehnung der im Konstruktbegriff vermuteten Konnotationen wie Willkürlichkeit, Betrug und Austauschbarkeit handelt, wodurch der Konstruktbegriff, so verstanden, zu einer Art Freibrief für sozialtechnologische Experimente würde. Genau dies ist aber mit Konstrukt im radikalkonstruktivistischen Sinne nicht gemeint. Erstens bedeutet systemische Strukturbildung (nichts anderes ist Konstruktion!) allgemein immer eigendeterminierte Einschränkung von Möglichkeiten, Inanspruchnahme von Gedächtnis („Tradition“), also Nicht-Beliebigkeit. Dies sind Aussagen, welche einer rechten Position sehr nahe kommen dürften. Zweitens sind soziale Systeme nicht von außen, also „willentlich“, durch Menschen (auch nicht durch gutmeinende Emanzipatoren), kausal beeinflußbar. Das Scheitern der beiden großen sozialistischen Utopien im 20. Jahrhundert sowie jetzt auch das sich immer deutlicher abzeichnende Ende der emanzipatorischen Träume von Habermas und Co. können dafür als Beleg stehen. Das ändert aber nichts an der prinzipiellen Feststellung, daß jede sinnhafte Beobachtung, ergo auch das Identitätskonzept und sein Sonderfall „nationale Identität“, Konstruktcharakter im Sinne der oben beschriebenen Theorie hat. Diese Aussage hat aber völlig andere Implikationen, als Weißmann dies zu befürchten, und dementsprechend verständlicherweise auch zu bekämpfen scheint.
Es gibt keine Differenz von realitätsadäquaten Vorstellungen einerseits und illusionären, gefälschten Manipulationen andererseits, wie etwa die Neomarxisten in Anschluß an die klassischen marxistischen Differenzen Basis / Überbau und Wissen / Ideologie gern in Halbierung des konstruktivistischen Arguments behaupten. Es gibt nur bessere oder schlechtere, plausible oder weniger plausible, politisch wirksame oder politisch versagende Konstruktionen. Falsch ist eben nicht die Aussage: „Die Nation ist ein Konstrukt“, sondern die Behauptung: „Die Nation ist nur ein Konstrukt“! Eine systemtheoretische Re-Formulierung von Weißmanns Definition könnte lauten: Nation ist, was sich als Nation beschreibt und auf Dauer funktioniert. Ob, wie Weißmann nahelegt, dieses Konstrukt Nation auch zukünftig „ohne Alternative“ sein wird, ist eine Frage, welche auch unter rechten Autoren kontrovers diskutiert wird. Ohne Alternative für die Ermöglichung politischer (kollektiver) Handlungsfähigkeit ist jedoch, auch hierin dürften sich systemtheoretisches und rechtes Denken einig sein, die Konstruktion von kollektiver Identität.
Systemtheorie versteht sich als (Selbst-)Beschreibung der modernen Gesellschaft. Im Gegensatz zu normativen Soziologien wie etwa jener von Habermas verteidigt sie Gesellschaft nicht, will sie aber auch nicht „verbessern“. Ihr ständiges Rekurrieren auf Unbestimmbarkeit, Paradoxie und Unwahrscheinlichkeit ist zwar theoretisch ergiebig (zumindest: für Systemtheoretiker!), führt aber – mit Luhmann gesprochen – gleichzeitig „der Gesellschaft vor Augen, was sie sich leistet, wenn sie sich Wissenschaft leistet“; allgemeiner, was sie sich leistet, wenn sie sich funktionale Differenzierung leistet. Systemtheorie kann somit (ohne dies „intendieren“ zu müssen!) zum Stichwortgeber für rechte Kultur- und Gesellschaftskritik werden. Dies ist nicht im Sinne politischer Programmatik mißzuverstehen: Systemtheorie und Radikaler Konstruktivismus sind Beobachtungsleistungen zweiter Ordnung und können in diesem Sinne nicht handlungsleitend oder ideologisch sein, da sie „parasitär“ (im Sinne von Michel Serres) auf Handlungen beziehungsweise Beobachtungen anderer angewiesen sind.

Auf metapolitischer Ebene jedoch – also im Bereich politischer Reflexion – sind deren Einsichten sowie deren Denkstil möglicherweise von erheblicher Bedeutung. Rechte Positionen haben ja den Widerspruch zu lösen (sofern sie nicht auf Revolution abzielen), ihre Ablehnung des Differenzierungsprinzips der modernen Gesellschaft sowie der daraus folgenden Inklusionsmechanismen mit den Mitteln der modernen Gesellschaft in der modernen Gesellschaft gegen die Gesellschaft für die Gesellschaft kommunizieren zu müssen. Das heißt, sie müssen anschlußfähig sein. Man kann in diesem Zusammenhang auf den Sachverhalt verweisen, daß die konstruktivistischen und systemtheoretischen Ansätze sich bereits heute anschicken, (zumindest in den Sozialwissenschaften) das aufklärerisch-kritische Theorieprimat zu entthronen, während konservativen und rechten Positionen, sofern sie mit ontologischen Selbstverständlichkeiten operieren, derzeit jegliche Anschlußfähigkeit im wissenschaftlichen Bereich fehlt.
Eine Anreicherung der eigenen Position mit konstruktivistischen Argumenten könnte sich in dieser Situation als hilfreich erweisen. Dies ist – wie am Beispiel des Identitätsbegriffes gezeigt werden konnte, nicht prinzipiell unmöglich. Weiterhin ermöglicht es der konstruktivistische „Denkstil“, eigene Aporien („blinde Flecken“) zu benennen. So ist etwa der Wunsch nach Homogenität, die Ablehnung eines all-permissiven Wertepluralismus und Individualismus selbst wiederum eine weitere Werthaltung unter anderen, die ihren Anhängern Möglichkeiten der Individualisierung („Ich bin ein Rechter“) eröffnet. Rechte Positionen sind heute Alternativangebote in einer polykontexturalen Gesellschaft – und eben keine Selbstverständlichkeiten mehr.
Die Forderung nach Selbstverständlichkeit, nach Authentizität und letztlich nach Identität wiederum geht, als Forderung erhoben, schon an der angestrebten Authentizität vorbei. Dies ist, wenn man es so pathetisch formulieren möchte, der „Fluch“ der Aufklärung und ihrer multiperspektivischen Beobachtungsverhältnisse. Die Eindeutigkeit wird, zusammen mit Gott aus der Gesellschaft vertrieben und diese damit aus dem Paradies der Gewißheiten.
Derartige Überlegungen können hilfreich sein, politische Erfolgserwartungen realitätsnah zu halten, mögliche argumentative Einwände bereits im Vorfeld zu erkennen beziehungsweise in den eigenen Argumentationsstrategien zu berücksichtigen. Es kommt jetzt darauf an, was die Rechte mit diesem Angebot der Erkenntnisgewinnung anfängt. Sie hat die Möglichkeit, die konstruktivistisch-systemtheoretische Theorieform selektiv für sich zu nutzen – ihre eigene Identität mag sich dadurch ändern, verlieren muß sie sie deshalb jedoch nicht.


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