Sezession
1. Oktober 2004

Europas Identität – Simmel, Spengler, Feyer

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Galin Tihanov

Dieser Aufsatz untersucht die Vorstellungen von Europa, die drei deutsche Denker in den vier Jahrzehnten zwischen 1914 und 1955 entwickelten. Er zielt auf eine Analyse des engen Zusammenspiels zwischen den Europabildern Georg Simmels, Oswald Spenglers und Hans Freyers und der diese Bilder prägenden Vorstellungen von Kultur und Gesellschaft.

Georg Simmel nannte „Kultur“ und „Europa“ in einem Atemzug; der europäische Gedanke selbst scheint sich in seinen Schriften in dem Moment aufzudrängen, als ihm das Ausmaß der Krise bewußt wurde, in der sich die europäische Kultur seit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs befand. 1917 erschienen Simmels Aufsätze Die Krisis der Kultur und Die Idee Europa zusammen in dem Sammelband Der Krieg und die geistigen Entscheidungen.
Für Simmel ist die Idee Europa zuerst eine historische. Sie gründet auf einer kulturellen Wirklichkeit, die „charakteristisch gesondert [ist] von der des griechisch-römischen Geistes im Altertum und der katholischen Weltidee des Mittelalters“. Simmel vertritt somit eindeutig ein in der Moderne wurzelndes Europabild. Die Gewährsmänner, die er als dessen „Schöpfer“ anführt, zeigen, daß er ausschließlich die Gegenwart und jüngere Vergangenheit im Blick hat: „Bismarck wie Darwin, Wagner wie Tolstoi, Nietzsche wie Bergson“. Die erste, im März 1915 als Zeitungsartikel veröffentlichte Fassung des Aufsatzes, hatte bezeichnenderweise andere als „gute Europäer“ aufgezählt: Goethe, Beethoven, Schopenhauer und Nietzsche. Diese ursprüngliche Liste war nicht nur kürzer, sondern auch bemerkenswert mono-national. In der späteren Fassung ist von dieser Aufzählung nur Nietzsche übriggeblieben; jetzt finden wir einen Franzosen, einen Engländer und einen Russen: allesamt Repräsentanten von Nationen, die im Krieg auf der gegnerischen Seite standen.
Des weiteren scheint Simmels Europabild fast ausschließlich auf den kulturellen Leistungen auserwählter Individuen zu beruhen. Elitäre Untertöne sind unüberhörbar. „Die Erfahrungen des Krieges haben uns überzeugen müssen, wie es mit der Realität dieses Europa bestellt war: es befand sich in der Einbildung Vieler, in der Sehnsucht von sehr viel Wenigeren, und im Besitz eines verschwindenden Minimums von Menschen“, schließt Simmel einigermaßen resigniert. Zum dritten finden politische Kriterien in Simmels Europabild keine Berücksichtigung. Dank Tolstoi steht Rußland auf einer Stufe mit Frankreich, England und Deutschland. Hier stoßen wir auf einen profunden Widerspruch. Zwar zeigt Simmels Argumentation eine unmißverständlich nationalistische Tendenz, wenn er auf das angeblich einzigartige Schicksal Deutschlands verweist, das in der ruhmreichen Rückkehr des von den übrigen Völkern vertriebenen Sohnes enden wird, der „mit einem Reichtum zurückkehrt, wie nur die auf sich selbst angewiesene Kraft ihn gewinnen konnte“. Seine elitäre Neigung, die ihn die Idee Europa einzig im Bereich der Kultur verorten läßt, schwächt jedoch diesen Nationalismus ab, indem sie einen Mittelweg aufzeigt zwischen der Beschränkung auf das Nationale und der kosmopolitischen Entwurzelung. Europäer zu sein bedeutet für Simmel, ebendiese kreative Zwischenstellung zwischen engem Nationalismus und ungesundem Internationalismus besetzen zu können.
Die Frage der Beziehung zwischen Spenglers und Simmels jeweiliger Kulturphilosophie – und damit des weiteren geistigen Horizontes, vor dem sich ihre Vorstellungen von Europa herausbildeten – harrt noch der gründlichen wissenschaftlichen Aufarbeitung.


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