Europas Identität – Simmel, Spengler, Feyer

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Galin Tihanov

Dieser Aufsatz untersucht die Vorstellungen von Europa, die drei deutsche Denker in den vier Jahrzehnten zwischen 1914 und 1955 entwickelten. Er zielt auf eine Analyse des engen Zusammenspiels zwischen den Europabildern Georg Simmels, Oswald Spenglers und Hans Freyers und der diese Bilder prägenden Vorstellungen von Kultur und Gesellschaft.

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Georg Sim­mel nann­te „Kul­tur“ und „Euro­pa“ in einem Atem­zug; der euro­päi­sche Gedan­ke selbst scheint sich in sei­nen Schrif­ten in dem Moment auf­zu­drän­gen, als ihm das Aus­maß der Kri­se bewußt wur­de, in der sich die euro­päi­sche Kul­tur seit dem Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs befand. 1917 erschie­nen Sim­mels Auf­sät­ze Die Kri­sis der Kul­tur und Die Idee Euro­pa zusam­men in dem Sam­mel­band Der Krieg und die geis­ti­gen Ent­schei­dun­gen.
Für Sim­mel ist die Idee Euro­pa zuerst eine his­to­ri­sche. Sie grün­det auf einer kul­tu­rel­len Wirk­lich­keit, die „cha­rak­te­ris­tisch geson­dert [ist] von der des grie­chisch-römi­schen Geis­tes im Alter­tum und der katho­li­schen Welt­idee des Mit­tel­al­ters“. Sim­mel ver­tritt somit ein­deu­tig ein in der Moder­ne wur­zeln­des Euro­pa­bild. Die Gewährs­män­ner, die er als des­sen „Schöp­fer“ anführt, zei­gen, daß er aus­schließ­lich die Gegen­wart und jün­ge­re Ver­gan­gen­heit im Blick hat: „Bis­marck wie Dar­win, Wag­ner wie Tol­stoi, Nietz­sche wie Berg­son“. Die ers­te, im März 1915 als Zei­tungs­ar­ti­kel ver­öf­fent­lich­te Fas­sung des Auf­sat­zes, hat­te bezeich­nen­der­wei­se ande­re als „gute Euro­pä­er“ auf­ge­zählt: Goe­the, Beet­ho­ven, Scho­pen­hau­er und Nietz­sche. Die­se ursprüng­li­che Lis­te war nicht nur kür­zer, son­dern auch bemer­kens­wert mono-natio­nal. In der spä­te­ren Fas­sung ist von die­ser Auf­zäh­lung nur Nietz­sche übrig­ge­blie­ben; jetzt fin­den wir einen Fran­zo­sen, einen Eng­län­der und einen Rus­sen: alle­samt Reprä­sen­tan­ten von Natio­nen, die im Krieg auf der geg­ne­ri­schen Sei­te standen.
Des wei­te­ren scheint Sim­mels Euro­pa­bild fast aus­schließ­lich auf den kul­tu­rel­len Leis­tun­gen aus­er­wähl­ter Indi­vi­du­en zu beru­hen. Eli­tä­re Unter­tö­ne sind unüber­hör­bar. „Die Erfah­run­gen des Krie­ges haben uns über­zeu­gen müs­sen, wie es mit der Rea­li­tät die­ses Euro­pa bestellt war: es befand sich in der Ein­bil­dung Vie­ler, in der Sehn­sucht von sehr viel Weni­ge­ren, und im Besitz eines ver­schwin­den­den Mini­mums von Men­schen“, schließt Sim­mel eini­ger­ma­ßen resi­gniert. Zum drit­ten fin­den poli­ti­sche Kri­te­ri­en in Sim­mels Euro­pa­bild kei­ne Berück­sich­ti­gung. Dank Tol­stoi steht Ruß­land auf einer Stu­fe mit Frank­reich, Eng­land und Deutsch­land. Hier sto­ßen wir auf einen pro­fun­den Wider­spruch. Zwar zeigt Sim­mels Argu­men­ta­ti­on eine unmiß­ver­ständ­lich natio­na­lis­ti­sche Ten­denz, wenn er auf das angeb­lich ein­zig­ar­ti­ge Schick­sal Deutsch­lands ver­weist, das in der ruhm­rei­chen Rück­kehr des von den übri­gen Völ­kern ver­trie­be­nen Soh­nes enden wird, der „mit einem Reich­tum zurück­kehrt, wie nur die auf sich selbst ange­wie­se­ne Kraft ihn gewin­nen konn­te“. Sei­ne eli­tä­re Nei­gung, die ihn die Idee Euro­pa ein­zig im Bereich der Kul­tur ver­or­ten läßt, schwächt jedoch die­sen Natio­na­lis­mus ab, indem sie einen Mit­tel­weg auf­zeigt zwi­schen der Beschrän­kung auf das Natio­na­le und der kos­mo­po­li­ti­schen Ent­wur­ze­lung. Euro­pä­er zu sein bedeu­tet für Sim­mel, eben­die­se krea­ti­ve Zwi­schen­stel­lung zwi­schen engem Natio­na­lis­mus und unge­sun­dem Inter­na­tio­na­lis­mus beset­zen zu können.
Die Fra­ge der Bezie­hung zwi­schen Speng­lers und Sim­mels jewei­li­ger Kul­tur­phi­lo­so­phie – und damit des wei­te­ren geis­ti­gen Hori­zon­tes, vor dem sich ihre Vor­stel­lun­gen von Euro­pa her­aus­bil­de­ten – harrt noch der gründ­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Aufarbeitung.

In Der Unter­gang des Abend­lan­des sagt Speng­ler zwar aus­drück­lich, sein Ziel sei die For­mu­lie­rung einer Phi­lo­so­phie und einer kor­re­spon­die­ren­den Metho­de ver­glei­chen­der Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te, fährt aber fort: „Das enge­re The­ma ist … eine Ana­ly­se des Unter­gangs der west­eu­ro­päi­schen, heu­te über den gan­zen Erd­ball ver­brei­te­ten Kul­tur“. Dadurch wird sein Vor­ha­ben in sich wider­sprüch­lich. Die Auf­ga­be, die Speng­ler nie­mals völ­lig zu lösen ver­moch­te, bestand dar­in, einen glo­ba­len, dem Euro­zen­tris­mus trot­zen­den Geschichts­be­griff mit der Tat­sa­che zu ver­ein­ba­ren, daß die Welt­ge­schich­te, deren Phi­lo­so­phie er zu schrei­ben beab­sich­tig­te, im wesent­li­chen eine Geschich­te der Aus­brei­tung west­eu­ro­päi­scher Kul­tur war. Er ver­such­te die­ses Para­dox zu umge­hen, indem er behaup­te­te, nicht die west­eu­ro­päi­sche „Kul­tur“ habe die welt­wei­te Vor­herr­schaft erlangt, son­dern die erschöpf­te, unor­ga­ni­sche und des­halb leich­ter zu expor­tie­ren­de euro­päi­sche „Zivi­li­sa­ti­on“, die sich von Kal­kut­ta bis Tokio erfolg­reich nach­ah­men las­se. Allen sei­nen gegen­tei­li­gen Behaup­tun­gen zum Trotz bleibt Speng­ler beson­ders im ers­ten Band einem gera­de­zu über­wäl­ti­gen­den Euro­zen­tris­mus verhaftet.
Selbst wenn Speng­ler auf der Suche nach den Unter­schei­dungs­merk­ma­len außer­eu­ro­päi­scher Kul­tu­ren die Gren­zen des euro­päi­schen Raums ver­läßt, wird sein Inter­es­se immer noch von tief­sit­zen­den euro­päi­schen Wert­ur­tei­len und Kon­ven­tio­nen gelei­tet. In die­ser Hin­sicht zeigt er sich Sim­mel sehr nahe. Auch Speng­lers geschichts­phi­lo­so­phi­scher Ansatz ist gezeich­net von der über­mäch­ti­gen Bedeu­tung der Ästhe­tik für sein Welt­bild. Wie Speng­lers Erör­te­rung der Viel­falt der Kul­tu­ren im ers­ten Band des Unter­gangs zeigt, berück­sich­tigt sei­ne Unter­su­chung sowohl euro­päi­scher wie außer­eu­ro­päi­scher Kul­tu­ren in einem viel­leicht über­pro­por­tio­na­len Maße deren archi­tek­to­ni­sche, künst­le­ri­sche und musi­ka­li­sche Errun­gen­schaf­ten sowie ihre Leis­tun­gen auf dem Gebiet der Wis­sen­schaf­ten, die er eben­falls als eine Art Kunst betrachtet.
Es gibt hier und noch in einem wei­te­ren Punkt wich­ti­ge Gemein­sam­kei­ten zwi­schen Speng­ler und Sim­mel, inso­fern, als bei­de um ein Gleich­ge­wicht bemüht sind zwi­schen der Rol­le als guter Reprä­sen­tant der eige­nen Nati­on, in ihrem Fall als guter Deut­scher (die Fra­ge einer jüdi­schen Iden­ti­tät scheint Sim­mel in den meis­ten sei­ner Tex­te aus den Kriegs­jah­ren unter den Tep­pich zu keh­ren), und einer Über­win­dung der Beschrän­kung auf das Natio­na­le. In einem Auf­satz von 1916, Die Dia­lek­tik des deut­schen Geis­tes, schwärmt Sim­mel von der bemer­kens­wer­ten „Grund­ver­fas­sung“ des deut­schen Geis­tes, der stets nach Ver­voll­komm­nung stre­be. In einer Art und Wei­se, die an Moel­ler van den Brucks etwas spä­te­re Dok­trin der „jun­gen Natio­nen“ erin­nert, die Deutsch­land als noch-nicht-bereit prei­sen wird – im Gegen­satz zu den ande­ren gro­ßen euro­päi­schen Natio­nen, vor allem den roma­ni­schen –, beschreibt Sim­mel die Eng­län­der und Fran­zo­sen hier als Natio­nen, deren „unge­kann­ten Form­mög­lich­kei­ten bei ihnen zu einem Mini­mum gewor­den sind, daß sozu­sa­gen aus ihnen schon gewor­den ist, was über­haupt wer­den konn­te“. Die Deut­schen hin­ge­gen sind noch unge­formt; daher haben sie das grö­ße­re Poten­ti­al, bes­se­re Euro­pä­er zu wer­den. Sowohl Sim­mel als auch Speng­ler beto­nen den Glücks­fall der ver­spä­te­ten Ankunft der jun­gen deut­schen Nati­on auf der Welt­büh­ne. Sim­mel weist den stän­di­gen Vor­wurf gegen die Deut­schen als „Par­ve­nü unter den Völ­kern“ mit dem Argu­ment zurück, hin­ter die­sem „Spott über das Tem­po unse­res Wer­dens“ ver­ber­ge sich die Angst der übri­gen Natio­nen ange­sichts der Geschwin­dig­keit der deut­schen Ent­wick­lung: „ein unheim­li­ches Angst­ge­fühl über das, was wir noch wer­den kön­nen“. In einem Auf­satz von 1927 greift Speng­ler Sim­mels Gedan­ken einer Dia­lek­tik des deut­schen Geis­tes und einer dyna­mi­schen Unvoll­end­etheit in der natio­na­len Kon­sti­tu­ti­on der Deut­schen auf. Speng­ler glaub­te sogar, das deut­sche Volk sei das gene­tisch „unver­brauch­tes­te“.

Nach­dem Speng­ler die bei­den Bän­de von Der Unter­gang des Abend­lan­des abge­schlos­sen hat­te, schrieb er eine Rei­he poli­ti­scher Pam­phle­te, von denen Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus die wohl bedeu­tends­te Zusam­men­fas­sung sei­ner Ideen ent­hält. Hier wird offen ersicht­lich, wie sehr Euro­pa und Deutsch­lands Rol­le in Euro­pa im Mit­tel­punkt sei­nes Den­kens ste­hen. In Speng­lers Ansatz, Euro­pa zu den­ken, gibt es zwei ent­schei­den­de Dif­fe­renz­punk­te: Eng­land als das Ande­re Deutsch­lands, Ruß­land als das Ande­re Euro­pas. Speng­lers Ver­hält­nis zu Eng­land läßt sich am bes­ten als respekt­vol­le Abscheu cha­rak­te­ri­sie­ren; oft­mals gehen sei­ne Atta­cken Hand in Hand mit Bewun­de­rung. Das Ruß­land-Motiv ist ori­gi­nel­ler, auch wenn Sim­mel in Die Dia­lek­tik des deut­schen Geis­tes bereits die ver­schie­de­nen Facet­ten der „Form­lo­sig­keit“ ver­gli­chen hat­te, die dem deut­schen und dem rus­si­schen Natio­nal­cha­rak­ter inne­wohn­ten. Ruß­land dient Speng­ler vor allem als Bei­spiel für eine „Pseu­do-Mor­pho­se“, die müh­se­li­ge, qual­vol­le (und oft ober­fläch­li­che) Aneig­nung west­li­cher Nor­men, wobei sowohl west­li­che wie nicht-west­li­che Prin­zi­pi­en ihre Gül­tig­keit behal­ten. Stell­ver­tre­tend für jedes die­ser Prin­zi­pi­en nennt er zwei gro­ße rus­si­sche Schrift­stel­ler: Tol­stoi als „Ereig­nis inner­halb der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on“, als Mann der west­li­chen Ver­gan­gen­heit, und Dos­to­jew­ski als Ver­kör­pe­rung des wahr­haf­tig Rus­si­schen (das heißt Nicht-West­li­chen), eines zukünf­ti­gen neu­en Ruß­land, des­sen Kon­tu­ren noch nicht klar erkenn­bar sind.
Nähert sich Sim­mel aus einer kul­tur­phi­lo­so­phi­schen Posi­ti­on Euro­pa an, beruht Speng­lers Ansatz auf einer Mischung aus qua­si-mor­pho­lo­gi­scher Argu­men­ta­ti­on und hit­zi­ger geo­po­li­ti­scher Deu­tung, so läßt sich Hans Frey­ers Vor­stel­lung von Euro­pa am bes­ten als moder­ne kon­ser­va­ti­ve Fort­schrei­bung der star­ken deut­schen Tra­di­ti­on welt­ge­schicht­li­cher Ana­ly­se betrach­ten, die er um sozio­lo­gi­sche Ein­sich­ten berei­chert. Das moder­ne Ele­ment rührt von Frey­ers Aus­ein­an­der­set­zung mit den Pro­ble­men des tech­no­lo­gi­schen Fort­schritts in den 1950er Jah­ren her.
Was Frey­er am deut­lichs­ten von Sim­mel wie von Speng­ler unter­schei­det, ist, daß er Euro­pa vor dem Hori­zont der Glo­ba­li­sie­rung denkt; tat­säch­lich zählt er zu den ers­ten Theo­re­ti­kern die­ser Ent­wick­lung, und man­che Argu­men­te bezüg­lich der Fol­gen der Glo­ba­li­sie­rung für West­eu­ro­pa, die man heu­te bei­spiels­wei­se in Deutsch­land hört, for­mu­lier­te er bereits in den spä­ten vier­zi­ger Jah­ren. Anders als Sim­mel, der zutiefst euro­zen­trisch dach­te – viel­leicht weil er an eine tra­gi­sche Kluft zwi­schen sub­jek­ti­ver und objek­ti­ver Kul­tur glaub­te und Euro­pa für den Ort hielt, der bes­ser als ande­re geeig­net war, sub­jek­ti­ve Kul­tur her­vor­zu­brin­gen und zu sti­mu­lie­ren – und Speng­ler, des­sen Per­spek­ti­ve uni­ver­sel­ler war, aber den­noch dem Glau­ben ver­haf­tet blieb, daß Kul­tu­ren auf­grund ihrer orga­ni­schen Natur von­ein­an­der iso­liert sind und nur die Zivi­li­sa­ti­on sich über den Glo­bus ver­brei­ten kann, ver­trat Frey­er ein wahr­haft glo­ba­les Euro­pa­bild, das kei­ne Unter­schei­dung zwi­schen Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on voraussetzte.
Wie­viel die drei Theo­rien von­ein­an­der trennt, zeigt die Ant­wort, die Frey­er auf die unver­meid­li­che Fra­ge nach Euro­pas Ande­rem gibt. Für Sim­mel ist Euro­pas Ande­res die Mehr­zahl der Euro­pä­er selbst, zumin­dest die­je­ni­gen unter ihnen, die in sich noch nicht die Fähig­keit ent­wi­ckelt haben, die „wahr­haft idea­len Zie­le“ zu erken­nen, die der Krieg wie­der­erweckt hat. Für Speng­ler ist es zum ers­ten Ruß­land als Teil Asi­ens, zum zwei­ten sind es die Prot­ago­nis­ten der gefähr­li­chen „far­bi­gen Revo­lu­ti­on“, die Euro­pas inne­re Schwä­che aus­nut­zen wer­den. Für Frey­er dage­gen ist Euro­pas Ande­res Euro­pa selbst, aller­dings nicht als sein eige­ner inne­rer Feind, son­dern als welt­wei­te Pro­jek­ti­on sei­ner Errun­gen­schaf­ten, die nun mit dem Mut­ter­kon­ti­nent in den Wett­streit tritt.

Zu die­sem Schluß gelangt er in sei­ner Welt­ge­schich­te Euro­pas. Nach einer prä­gnan­ten und über­zeu­gen­den Ana­ly­se der jün­ge­ren euro­päi­schen Ver­gan­gen­heit bezeich­net Frey­er im zwei­ten Band des Wer­kes das 19. Jahr­hun­dert als wich­tigs­tes in der euro­päi­schen Geschich­te, da Euro­pa sei­nen welt­wei­ten Ein­fluß­be­reich auf bei­spiel­lo­se Wei­se aus­ge­dehnt habe. Das in die­ser Peri­ode herr­schen­de Gleich­ge­wicht der Kräf­te wur­de über­haupt erst mög­lich durch Euro­pas Aus­deh­nung, dank derer in Euro­pa unlös­ba­re Kon­flik­te sich end­los auf­schie­ben und schließ­lich mit­tels Kom pen­sa­tio­nen außer­halb des Kon­ti­nents lösen lie­ßen. Euro­pas Ein­zig­ar­tig­keit bestand dem­nach weder in einer exqui­si­ten, ver­fei­ner­ten Kul­tur noch im Chris­ten­tum, son­dern in sei­nem impe­ria­lis­ti­schen Drang, der von Euro­pas Export der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on zusätz­li­che Antriebs­kraft erhielt. Die tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen des 19. Jahr­hun­derts mach­ten Euro­pa zu dem, was es ist, und bestimm­ten sei­ne Zukunft. Indem es sei­ne Tech­no­lo­gien welt­weit expor­tie­re, begeg­ne Euro­pa über­all auf der Welt sich selbst. Alle euro­päi­schen Gren­zen wie­der­ho­len sich in der Fer­ne, und selbst sol­che, die in Euro­pa nicht exis­tie­ren, ent­ste­hen dort: „bri­tisch-ita­lie­ni­sche, por­tu­gie­sisch-fran­zö­si­sche, bri­tisch-hol­län­di­sche, bri­tisch-deut­sche“. Durch den Ers­ten Welt­krieg inten­si­vier­te sich der Pro­zeß der Abwan­de­rung der Indus­trie; ande­re Tei­le der Welt waren nun in der Lage, euro­päi­sche Tech­no­lo­gien effi­zi­en­ter und pro­duk­ti­ver anzu­wen­den: „Das euro­päi­sche Mono­pol war gebro­chen“, die Kon­kur­renz ließ den Kon­ti­nent zusam­men­schrump­fen und „wie­der ‘klein´“ wer­den. Frey­ers Erklä­rung, wie dies pas­sie­ren konn­te, zeugt von einem ganz ande­ren Ver­ständ­nis von Kul­tur und Tech­no­lo­gie, als es Speng­ler noch 1931 in sei­nem Buch Der Mensch und die Tech­nik ver­trat, wo er sich gering­schät­zig über das krea­ti­ve Poten­ti­al der Nicht-West­ler äußer­te, die sei­ner Mei­nung nach bloß zur Nach­ah­mung fähig waren. Frey­er teil­te Speng­lers Ein­schät­zung, daß Tech­no­lo­gie für die Euro­pä­er an spe­zi­fi­sche For­men des kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Lebens gebun­den sei, zog dar­aus aber einen ande­ren Schluß: Weil den neu­en Kon­ti­nen­ten die­se For­men fremd sei­en, hät­ten sie mehr Frei­heit, den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt über die kul­tu­rel­len Schran­ken hin­aus vor­an­zu­trei­ben, die der alte Kon­ti­nent ihm auf­er­leg­te. In Euro­pa bedeu­te­te die indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on eine radi­ka­le Ver­än­de­rung eines bestehen­den Zustan­des; in den neu­en Län­dern war sie dage­gen nicht mehr „her­ein­bre­chen­des Schick­sal, son­dern sie ist freie Wahl, locken­de Möglichkeit“.
Das soll kei­nes­wegs hei­ßen, daß Frey­er die Gefah­ren nicht bewußt gewe­sen wären, die der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt und die Glo­ba­li­sie­rung mit sich brin­gen wür­den. Im Gegen­teil: Sein gesam­tes Werk der Nach­kriegs­zeit ist eine skep­ti­sche Ana­ly­se der unver­meid­li­chen Ent­frem­dung, die die­se Ent­wick­lung ver­ur­sacht. Tech­no­lo­gi­scher wie wirt­schaft­li­cher Fort­schritt gal­ten ihm als „sekun­dä­res Sys­tem“, Ergeb­nis eines Pro­zes­ses, der den Men­schen einem Sys­tem aus­lie­fe­re, das unab­hän­gig von den „pri­mä­ren“ Gege­ben­hei­ten sei­ner kul­tu­rel­len Umge­bung funk­tio­nie­re: Fami­lie, Freund­schaft, Tra­di­tio­nen, die alle­samt inner­halb der abs­trak­ten Gesell­schafts­struk­tur sein Leben schütz­ten und bereicherten.

In den fünf­zi­ger Jah­ren for­der­te Frey­er einen sub­ti­len Kon­ser­va­tis­mus, der den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt nicht blind­lings igno­rie­re, son­dern ihn mit der mora­li­schen Kraft durch­trän­ke, die den bedeu­tungs­vol­le­ren grund­le­gen­den For­men des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens ent­sprin­ge, auf deren Grund­la­ge der Fort­schritt erst gedei­hen kön­ne. In die­ser Hin­sicht lagen Wel­ten zwi­schen Frey­er und Speng­ler. Wenn über­haupt, stand Frey­er Sim­mel näher, aller­dings teil­te er nicht des­sen Dua­lis­mus zwi­schen sub­jek­ti­ver und objek­ti­ver Kul­tur und ver­moch­te sich eher für die Tech­no­lo­gie als not­wen­di­ge mate­ri­el­le Grund­la­ge zu begeis­tern, auf der sich zukünf­tig unvor­her­ge­se­he­ne – will hei­ßen, nicht unbe­dingt nega­ti­ve – mensch­li­che Qua­li­tä­ten mobi­li­sie­ren lie­ßen. Anders als Sim­mel lös­te Frey­er zudem sei­ne Hoff­nun­gen auf eine Ein­däm­mung der Ent­frem­dung von sei­ner natür­li­chen, wenn auch recht abs­trak­ten Sym­pa­thie für Euro­pa und der euro­päi­schen Kul­tur, die im letz­ten Abschnitt sei­ner Welt­ge­schich­te Euro­pas zum Aus­druck kommt.
Gegen­über den Kräf­ten der Glo­ba­li­sie­rung befin­de sich Euro­pa im wesent­li­chen in der­sel­ben Posi­ti­on wie ande­re Tei­le der Welt; in sei­ner Theo­rie des gegen­wär­ti­gen Zeit­al­ters wie­der­holt Frey­er mehr­mals, daß Euro­pa „ein Fall unter vie­len“ sei. Damit hat auch das rei­che kul­tu­rel­le Ver­mächt­nis Euro­pas sei­ne Wirk­macht als Garan­tie eines mensch­li­che­ren Daseins für die Euro­pä­er so gut wie ver­lo­ren: Im Gegen­satz zu Speng­ler und Sim­mel bestrei­tet Frey­er in der Theo­rie des gegen­wär­ti­gen Zeit­al­ters aus­drück­lich den Wert einer Unter­schei­dung zwi­schen „jun­gen“ und „alten“ Völ­kern und Kul­tu­ren. Sei­ner Mei­nung nach war Geschich­te plu­ra­lis­tisch gewor­den in dem Sin­ne, daß alle Natio­nen vor den­sel­ben Her­aus­for­de­run­gen stan­den und jede von ihnen sich als fähig erwei­sen könn­te, Abhil­fe zu schaf­fen oder sogar eine dau­er­haf­te Lösung zu finden.

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