Sezession
1. Oktober 2004

Was heißt deutsch?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Siegfried Gerlich

Der Weg zu Richard Wagner und der Deutschen Frage ist mit Totems und Tabus gepflastert. Wer ihnen zu nahe kommt, wird von einem furor antiteutonicus heimgesucht, dessen obsessiver Charakter jede vernünftige Besinnung auf die Sache selber unmöglich zu machen droht. Unbestreitbar hat Wagner mit seiner Kunst und Kulturphilosophie einen Sonderweg angebahnt. Man könnte freilich zögern, ihn deutsch zu nennen: zu deutlich weicht er ab von dem Weg, den die Deutschen in ihrer neueren Geschichte tatsächlich gegangen sind. Und doch steht Wagner für einen wahrhaft deutschen Sonderweg ein, der, wäre er aufrecht beschritten worden, weder zu Bismarck noch zu Hitler geführt hätte.

Die Deutsche Frage wurde von Wagner auf sehr deutsche Weise gestellt: als philosophische Wesensfrage. Entsprechend grundsätzlich lautete seine Antwort: „Deutsch sein“ heiße, „die Sache die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treiben; wogegen das Nützlichkeitswesen, d. h. das Prinzip, nach welchem eine Sache des außerhalb liegenden persönlichen Zweckes wegen betrieben wird, sich als undeutsch herausstellte. Die hierin ausgesprochene Tugend des Deutschen fiel daher mit dem durch sie erkannten höchsten Prinzip der Ästhetik zusammen, nach welchem nur das Zwecklose schön ist, weil es, indem es sich selbst Zweck ist, seine über alles Gemeine erhöhte Natur, somit das, für dessen Anblick und Erkenntnis es sich überhaupt der Mühe verlohnt, Zwecke des Lebens zu verfolgen, enthüllt.“
Im Laufe der Rezeptionsgeschichte dieser Wesensbestimmung indessen wurde die „Sache um ihrer selbst willen“ von ihren ethischen und ästhetischen Bezügen gewaltsam isoliert und in ihr reinstes Gegenteil verkehrt, nämlich als Maxime gewissenloser Pflichterfüllung mißdeutet. Adorno etwa verfiel dem Kurzschluß, die Judenvernichtung sei um ihrer selbst willen betrieben worden. Dabei hatte Himmler doch unmißverständlich verkündet, es gebe „keine Aufgabe um ihrer selbst willen“ und darum werde kein SSMann jemals eine Sache um ihrer selbst willen tun. Das nationalsozialistische Mordprogramm, heißt das, war im Sinne Wagners zutiefst undeutsch.
Aber bereits zu seiner Zeit verspürte Wagner ein großes Unbehagen in der Kultur, die sich nur aus einem tiefen „Mißverständnis des deutschen Geistes“ heraus als eine „deutsche“ betrachten konnte. Der Eigensinn einer wahrhaft deutschen Kultur, wie sie durch die Reformation und die spätere kulturprotestantische Säkularisierung des Luthertums grundgelegt worden war, vermöchte erst ganz zu sich selbst zu finden, wenn sie ihre „Pseudomorphose“ durch die französische Zivilisation, den englischen Utilitarismus und den jüdischen Mammonismus abgeschüttelt hätte, die ihr noch das Bewußtsein ihrer Selbstentfremdung raubte. Wagners Besinnung auf Kants Ethik, Schillers Ästhetik und Schopenhauers Metaphysik zielte darauf ab, den eingekesselten deutschen Geisteskräften von innen her einen Weg ins Offene zu bahnen.
Allerdings schien ihm die deutsche Geschichte auch vor den Zeiten politischer und kultureller Fremdherrschaft noch nie ihrer Wesensbestimmung gemäß verlaufen zu sein. Bereits das Heilige Römische Reich deutscher Nation verfiel seiner Kritik als eine historische Periode, „welche dem deutschen Wesen verderblich war, nämlich die Periode der Macht der Deutschen über außerdeutsche Völker“. Dagegen habe erst „mit dem Verfall der äußeren politischen Macht die rechte Entwicklung des wahrhaften deutschen Wesens“ begonnen. Während deutsche Philosophie, Dichtung und Musik aber von allen Völkern der Welt hochgeachtet seien, könnten sich die Deutschen unter „deutscher Herrlichkeit“ noch immer nichts anderes vorstellen als die Wiederherstellung des römischen Kaiserreiches. Nicht jedoch zur Weltherrschaft im Sinne römischer Staatspolitik sei Deutschland künftig berufen, sondern zur Weltveredelung im Zeichen einer deutschen Kulturmission.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.