Sezession
1. Oktober 2004

Amerikas Identität

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 7 / Oktober 2004

sez_nr_7von Till Kinzel

„Was ist ein Amerikaner?“ – diese Frage Hector St. John de Crèvecoeurs aus dem 18. Jahrhundert bleibt auch in der Gegenwart eine höchst aktuelle Frage. Die Frage nach der nationalen Identität Amerikas ist eine Frage, die für die ganze übrige Welt nicht gleichgültig sein kann. Denn wie die Amerikaner sich selbst verstehen, hat auch Auswirkungen auf ihre außenpolitischen Orientierungen. Der Harvard-Politologe Samuel P. Huntington hat sich in seinem neuesten, in den USA bereits kontrovers diskutierten und sehr lesenswerten Buch (Who Are We? The Challenges to America’s National Identity, New York 2004) dieser Frage gewidmet – und ist dafür auch prompt in deutschen Medien mit Rassismus-Unterstellungen belegt worden. Denn Huntington sieht im traditionellen Anglo-Protestantismus die unverzichtbare Grundlage für das, was Amerika auszeichnet; und er plädiert unbefangen für eine Stärkung der nationalen Identität Amerikas gegen das im akademischen Diskurs und bei vielen transnational ausgerichteten Eliten herrschende Multikulturalismus-Paradigma. Zwar darf nicht übersehen werden, daß es in bezug auf die nationale Identität Amerikas sehr wohl „konkurrierende Erzählungen“ gibt, doch auch ein sozialdemokratisch orientierter Denker wie Richard Rorty, der kräftige Korrekturen an der amerikanischen politischen Tradition vornehmen will, sieht im Nationalstolz analog zum Selbstrespekt der Einzelnen eine notwendige Bedingung für die Selbstverbesserung. Das aber heißt nichts anderes, als daß es etwas geben muß, auf das die Nation als Ganzes stolz sein kann – wie immer dies dann aussehen mag.

Huntington sieht nun aber den Multikulturalismus als Teil einer Dekonstruktion der nationalen Identität, die durch multiple Identitäten abgelöst werden soll. Allerdings sei der traditionelle Patriotismus immer noch stark im Volk verwurzelt. Seine nachhaltige Wiederbelebung, wie nach dem 11. September 2001, hält er jedoch nur dann für wahrscheinlich, wenn es zu weiteren schweren Krisen oder Kriegen kommt, weil sich die eigene Identität in Abgrenzung gegen einen Feind leichter herstellen lasse. Der 2. Weltkrieg habe so, wie Nathan Zuckerman, der Erzähler in Philip Roths Roman Mein Mann der Kommunist, betont, „die Wirklichkeit des Mythos eines Nationalcharakters“ bestätigt, an dem alle teilhaben sollten. Subnationale Identitäten waren damit verglichen weniger wichtig: „Ich war ein jüdisches Kind, kein Zweifel, doch ich interessierte mich nicht dafür, am jüdischen Charakter teilzuhaben. Ich wußte nicht einmal genau, was das sein sollte. Ich wollte es nicht einmal besonders genau wissen. Ich wollte am Nationalcharakter teilhaben.“
Zwar gebe es auch anderswo auf der Welt Diskussionen zum Thema nationale Identität, so Huntington, doch ist das Identitätsproblem Amerika einzigartig. Amerika habe durch die meist anglo-protestantischen Siedler des 17. und 18. Jahrhunderts entscheidende Prägungen erhalten – die durch die in späteren Wellen in das Land kommenden Einwanderer in starkem Maße übernommen wurden. (Ob sich die gegenwärtige ungebremste Einwanderung aus Lateinamerika ebenfalls in dieses Muster fügen wird, ist noch offen, die Beweislage gemischt – Huntington nährt indes mit guten Gründen Skepsis, weil er etwa in der Infragestellung des Englischen als einziger Landesprache durch die wachsende Bedeutung des Spanischen eine gegenüber früher völlig neue Situation erkennt.)
Die zentrale Bedeutung dessen, was Gunnar Myrdal den „American Creed“, das amerikanische Glaubensbekenntnis, genannt hat, ergibt sich aus einem Faktum, das Richard Hofstadter einmal prägnant auf die Formel brachte: Amerika habe das Schicksal, keine Ideologie zu haben, sondern selbst eine zu sein („It has been our fate as a nation not to have ideologies, but to be one“). Amerika ist also eine ideologische Nation, was rein deskriptiv zu verstehen ist – der Nationsbegriff ermöglicht Identität, indem man sich zu ihm bekennt. Es handelt sich bei dieser Ideologie des Amerikanismus um eine Art politischer Religion, eine Zivilreligion, weshalb bereits Ralph Waldo Emerson festhielt, Amerikaner zu werden sei ein religiöser Akt. Weil die Vereinigten Staaten nicht so sehr Abstammungsgemeinschaft als vielmehr Bekenntnisgemeinschaft sind, spielen nationale Symbole, allen voran die Flagge, in der zivilreligiösen Liturgie eine besondere Rolle – weshalb die Flagge, nicht der Boden, als heilig zu schützen ist.


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