Sezession
1. Juli 2004

Edgar Julius Jung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 6 / Juli 2004

sez_nr_6von Karlheinz Weißmann

Im Sommer 1934 schrieb der Dichter Rudolf Borchardt aus dem italienischen Exil: „Deutscher sein wird nach dem Schreckensende eine graue und grässliche Sache werden …“. Das war prophetisch gesprochen, auch wenn nicht alle finsteren Erwartungen Borchardts sofort in Erfüllung gingen. Das „Schreckensende“ hielt Borchardt für unvermeidlich nach den Ereignissen vom 30. Juni jenes Jahres, als man fünf seiner Freunde ermordet hatte, „darunter meinen armen lieben Edgar Jung“. Die Verbindung zwischen beiden datierte vom Januar 1930, nachdem Jung an Borchardt die zweite Fassung seines Buches Die Herrschaft der Minderwertigen geschickt hatte, worauf Borchardt wohlwollend, wenn auch nicht unkritisch reagierte. Beide zählten zu derselben Denkfamilie der rechten Intelligenz – den Jungkonservativen –, aber es gab durchaus Differenzen. Dazu gehörte Borchardts Treue zum Haus Hohenzollern und zur protestantischen Überlieferung gegen Jungs Begeisterung für die Reichsidee und eine Erneuerung der una sancta, außerdem ging es um die Einschätzung der Person Stefan Georges, den Jung ebenso verehrte, wie ihn Borchardt haßte, und sicher spielte eine Rolle, daß Borchardt durch seine Herkunft aus dem deutsch-jüdischen Großbürgertum zur alten Elite gehörte und seinen Konservatismus mit einer gewissen Lässigkeit vertrat, während Jung aus dem Volk kam und zu einer Generation zählte, deren Konservatismus willentlich angeeignet war und deshalb ein neues dynamisches Moment enthielt.

Edgar Julius Jung wurde am 6. März 1894 in Ludwigshafen geboren. Seine Vorfahren entstammten dem evangelischen Bauerntum der Pfalz, der Vater hatte als Gymnasialprofessor einen gewissen sozialen Aufstieg erreicht. Jedenfalls konnte Jung nach dem Abitur 1912 ein Jura-Studium in Lausanne aufnehmen, kehrte aber bei Kriegsbeginn nach Deutschland zurück. Er meldete sich freiwillig, kam an der Westfront zum Einsatz, zuletzt in der Luftwaffe, und wurde nach dem Zusammenbruch als Leutnant entlassen. Er schloß bis 1922 sein Studium an den Universitäten Würzburg und Heidelberg mit der Promotion ab, beteiligte sich aber gleichzeitig aktiv an den Kämpfen des Nachkriegs. Er trat dem Freikorps Epp bei, das mithalf, die Münchener Räteherrschaft niederzuwerfen, und nach der Besetzung der heimatlichen Pfalz durch französische Truppen bildete er eine Geheimorganisation, den „Rheinisch-Pfälzischen Kampfbund“, der im Januar 1924 das Attentat auf den Präsidenten der separatistischen „Pfälzischen Republik“, Heinz Orbis, ausführte. Jung mußte wegen seiner Beteiligung an dem Anschlag nach Bayern fliehen, wo allerdings keine Strafverfolgung eingeleitet wurde, da die Behörden Heinz Orbis des Hochverrates angeklagt hatten und seine Erschießung als „Akt der Staatsnotwehr“ betrachteten. Jung ließ sich in München nieder, übte den Beruf als Rechtsanwalt aber nur zum Zweck des Broterwerbs aus. Eine parteipolitische Heimat hatte er in der DVP gefunden, deren pfälzischer Landesverband zu den Trägern des Widerstands gegen die französische Okkupation gehörte. Nach dem Abschluß des Vertrags von Locarno wuchs Jungs Distanz zu den Nationalliberalen, und allmählich verlor er völlig das Interesse an der Parteiarbeit. Er sah seinen eigenen Platz dort, wo man „die geistigen Vorbedingungen einer deutschen Wiedergeburt zu schaffen“ begann und ging auf die Seite der Jungkonservativen.


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