Sezession
18. September 2009

Post-rassischer Sozialismus

Martin Lichtmesz

obama-jokerAuffallend geringes Medienecho fand in der deutschen Presse der  bisher größte konservative Protestmarsch in Washington, gerichtet gegen Barack Obamas Gesundheitsreform.  Immerhin sollen bis zu 75,000 Menschen daran teilgenommen haben -- andere Schätzungen sprechen gar von der zehnfachen Zahl.  Die Demonstration war der bisherige Höhepunkt der "Tea Party"-Protestaktionen, die seit April dieses Jahres am Laufen sind.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der Name der losen Gruppierung hat traditionsreiche Bezüge , steht aber auch als Kürzel für "Taxes Enough Already" (Schon genug Steuern").

Die Demonstranten verzierten Obama-Bilder mit Hakenkreuzen, Hitlerbärten, Che-Guevara-Mützen und Sowjetsymbolen, warnten vor "Staatssozialismus" und Steuererhöhungen.  Unter den Parolen: "It's 1939 Germany all over again!" "Socialized Health doesn't work." "Obamunism."  "Hide our Checkbook!" "Obamacare is elderly Genocide!" "Stop enslaving my kids." "Socialism is not freedom."

Für den Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung ist das ein Beweis: "Das post-rassistische Zeitalter ist noch fern." Der "abgrundtiefe Haß", der dem Präsidenten entgegenschlage, sei vermutlich Zeichen eines nicht überwundenen "Rassismus". Ähnlich bewertet die FAZ die Lage.  Kurz nach den Protesten hatte sich Ex-Präsident Jimmy Carter zu Wort gemeldet und in dasselbe Horn gestossen: "Ich glaube, daß die intensiv zur Schau gestellte Feindseligkeit gegen Präsident Barack Obama zu einem überwältigenden Anteil auf der Tatsache beruht, daß er ein Schwarzer ist." Und der berüchtigte Reverend Jeremiah Wright jr., Obamas verstossener Ex-Guru, äußerte: "Die rassistische Rechte ist wütend, weil armen Leuten nun geholfen werden soll."

Die daran anschließende Szene auf Fox-News zwischen einer (blonden, hellhäutigen) Moderatorin  und einem (farbigen) Professor:

MARC LAMONT HILL, Ph. D.:  Ich denke, daß Reverend Wright absolut Recht hat, daß das Thema Rasse und Armut in den Diskurs über die Gesundheitsreform aufgenommen werden muß.
MODERATORIN:  Das hat er nicht gesagt, er hat gesagt, daß reiche Leute verärgert sind, weil armen Leuten geholfen werden soll. Wie kann er bloß so eine Aussage machen?
HILL:  Die tiefergehende Frage ist doch: was bedeutet es, wenn alle Amerikaner Zugang zu Krankenversicherungen haben? Und die Leute, die hier geopfert werden müssen, sind eben zu einem gewissen Anteil die Wohlhabenden. Ich weiß nicht, ob sie Rassisten sind, ich würde sie nicht als rassistisch bezeichnen...
M:  Aber er schon!
HILL: Da stimme ich ihm nicht unbedingt zu. Aber grundsätzlich gibt es ein Rassen- und Klassenproblem, und da hat er Recht.

Wenn man sich nun Videos vom Protestmarsch der "Tea Party"-Aktivisten ansieht, dann springt ins Auge, daß sich die Demonstration aus wohl mindestens 99% Weißen zusammensetzt. Das gilt auch für die anderen "Anti-Healthcare"-Proteste, von denen Videos im Netz kursieren. Andererseits scheint es, daß die Schwarzen sich generell kaum an den Demonstrationen beteiligen. Eine Stichprobe von einer "Pro-Healthcare"-Demo in Phoenix zeigt kaum ein Viertel Schwarze unter den Demonstranten.

Was sich hier allmählich zuspitzt, ist mit dem Schlagwort "Rassismus", oder der simplen Frage "Ist das Rassismus, Ja oder Nein?" längst nicht mehr zu fassen.  "Rassismus" ist in den USA medialer Dauerbrenner. Kritik an Barack Obama wird inzwischen routinemäßig als "rassistisch" oder "latent rassistisch" abgewehrt, was nicht selten hysterische Ausmaße annimmt. Der jüngste Zwischenfall betraf den aus dem Süden stammenden Kongreßabgeordneten Joe Wilson, der Obama offen die Worte "You lie!" an den Kopf geworfen hatte. Die Medien identifizierten diesen Ausbruch sofort als "rassistisch", und ein farbiger Kongreßabgeordneter verkündete, wenn Wilson nicht diszipliniert werde, würden bald die "weißen Kapuzen durch das Land reiten." Eine Kolumnistin der New York Times stellte nur aufgrund dieser beiden Worte fest, daß "es manche niemals akzeptieren werden, daß ein Schwarzer Präsident ist" und glaubte den "unausgesprochenen" Zusatz "You lie, boy!" gehört zu haben.

Unausgesprochene, allenfalls auf ein paar Blogs geäußerte Gedanken, lagen allerdings auch in der Luft, als bei der Verleihung eines MTV-Preises an die (blonde, hellhäutige) Country-Sängerin Taylor Swift  der (farbige) Rapper Kanye West arrogant das Mikro an sich riß, um zu verkünden, daß die (farbige) Sängerin Beyoncé "eines der besten Videos aller Zeiten abgeliefert" habe. Präsident Obama nannte daraufhin West einen "Idioten". Wieso fühlt sich der US-Präsident eigentlich bemüßigt, sich zu einem solchen Vorfall unter Popstars zu äußern?

Bekanntlich haben volle 96% aller schwarzen (und 43% aller weißen) Wähler für Obama gestimmt. Während seine weiße Anhängerschaft allerdings rapide im Sinken begriffen ist, steht die überwältigende Mehrheit der Schwarzen immer noch hinter ihrem Präsidenten.  In dem brillanten "paläokonservativen" Online-Magazin Takimag verneint Pat Buchanan einen "rassistischen" Hintergrund von Obamas Popularitätsverlust:

Vor sechs Monaten betrug Obamas Zustimmungsrate 70 Prozent.
Ist sie nun auf 50 gesunken, weil Millionen Amerikaner plötzlich entdeckt haben, daß Obama schwarz ist?

Und nun der wesentliche Punkt:

Barack hat die Stimme der Afro-Amerikaner im Verhältnis 24:1 gewonnen. Aber er hat unter Weißen besser abgeschnitten als der Südstaatler Al Gore oder als John Kerry. Ein Grund dafür ist nach Ansicht der Meinungsexperten, daß viele Weiße dachten, ein schwarzer Präsident würde uns endlich aus der Sackgasse der Rassenpolitik hinausführen. Barack Obama wäre ein "post-rassischer (post-racial) Präsident".

Es ist nun wohl nicht nur die Verunsicherung durch die Wirtschaftskrise, die den Zorn gegen Obama und seine Reformpläne ausgelöst hat.  Der oben zitierte Marc Lamont Hill hatte durchaus recht, daß hier noch tieferreichende Rassen- und Klassenprobleme hineinspielen. Während sich die weißen Wähler nämlich ein Ende der Rassenfrage und ihre Überführung in einen "postrassischen" Zustand erhofft hatten, sahen und sehen die Farbigen in Obama vielmehr einen der ihren, der ihrer Rasse in den USA ingesamt zu mehr Macht und Status verhelfen würde.  Wer die US-Medien von den großen TV-Sendern bis zu den politischen Blogs, in denen die rassebezogenen Themen wuchern, in den letzten Monaten verfolgt hat, wird merken, daß die Stimmung in den USA eher "hyper-" als "post-rassisch" ist, mit steigender Tendenz.

Die überwiegende Mehrheit der "Tea Party"-Demonstranten ist wohl nicht direkt "rassistisch" motiviert. Die Polarisierung zwischen Schwarz und Weiß, die hier über dem Gesundheitsreform-Streit angeheizt wird, hat jedoch ihre guten Gründe. Es sind weniger die "Reichen" als eine breite weiße Mittelschicht, die Angst davor hat, für Miseren zur Kasse gebeten zu werden, die sie nicht verschuldet hat.

Ein signifikanter Prozentsatz der Menschen, die keine Krankenversicherung haben, ist hispanisch ( 41,5 %) oder schwarz (19,9%).  Die Armutsrate unter Schwarzen beträgt über 40%, ganz zu schweigen von der Verbrechensrate. Eine von der New York Times veröffentlichte Statisik zeigt, daß rund 60% aller pro Jahr begangenen Morde in New York von Schwarzen (Bevölkerungsanteil: 26%) verübt werden, rund 30 % von Hispanics. Die Opferquote unter Schwarzen beträgt ebenfalls im Schnitt 60 %.

All das sind Probleme, die längst nicht mehr der "Unterdrückung" durch die Weißen in die Schuhe geschoben werden können. Wer darüber noch Illusionen hegt, sollte sich diesen Bericht eines linksliberalen Lehrers zu Gemüte führen: "What it's Like to Teach Black Students."

Oder auch dieses Interview, das in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist:

SZ: Sie glauben nicht, dass die Kinder in der Schule mehr arbeiten, weil sie ein Vorbild im Weißen Haus haben? Sind das also naive Träume?
SHELBY STEELE: Ich fürchte, es sind europäische Träumereien. In den Sechzigern kam die Idee des Rollenmodells auf. Schwarze Kinder versagten, weil sie keine schwarzen Lehrer hatten. Nun, wir haben schwarze Lehrer bekommen und schwarze Kinder  versagen immer noch.
Dann hieß es, es liegt daran, dass wir  keine schwarzen Bürgermeister haben. Wir haben schwarze Bürgermeister in jeder größeren Stadt bekommen, die Großstadtschulen schneiden schlechter ab als je zuvor, und die Prüfungsergebnisse schwarzer Schüler fallen immer mehr ab.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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