Sezession
1. Juli 2004

Widerstand im Schatten

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 6 / Juli 2004

sez_nr_6Im Juli 1982 schrieb Johannes Groß in seinem „Notizbuch“, das das FAZ-Magazin (eine Wochenbeilage der Frankfurter Allgemeinen) regelmäßig veröffentlichte: „Die Linken legen heutzutage größten Wert darauf, daß es nicht nur konservativen, rechten Widerstand gegen Hitler gegeben hat. Mit Recht. Es hat linken Widerstand gegen Hitler gegeben, aber vornehmlich als Abwehr der Verfolgung, im Interesse einer Partei und unter dem Gesichtspunkt, daß die falsche Diktatur sich etablieren konnte, die von der Geschichtsphilosophie nicht vorgesehen war. Der moralisch begründete Widerstand gegen Hitler war in der Tat konservativen, aristokratischen Ursprungs …“ Seitdem ist die Zahl der Untersuchungen über die weltanschaulichen Hintergründe der Opposition im „Dritten Reich“ stark angewachsen, trotzdem hat die Aussage von Groß ihren skandalösen Charakter kaum verloren. Der Grund dafür ist eine allmähliche Verzerrung des Geschichtsbildes, die seit den siebziger Jahren dazu führte, jede Art von Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus zu nobilitieren, sofern sie von links kam, ganz gleichgültig, ob die Motivation ein konkurrierender Totalitarismus war oder die Grenze zum Landesverrat systematisch überschritten wurde, umgekehrt führte die „denunziatorische Laune“ (Joachim C. Fest) gegenüber aller Opposition aus konservativer, nationaler oder christlicher Motivation zu dem Verdikt, in ihr fänden sich keine brauchbaren Modelle für die gegenwärtige Verfassungsordnung. Beide Tendenzen haben außerdem dazu beigetragen, alle jene Einzelgänger und Gruppen aus dem Auge zu verlieren, die nicht zur ersten Linie des Widerstandes gehörten und durch ganz verschiedene altkonservative, jungkonservative oder nationalrevolutionäre Vorstellungen geprägt waren. Gerade in dieser „zweiten Linie“ gab es viele, die sich sehr früh zum Kampf gegen Hitler entschlossen, wobei die Gründe genauso in einer ursprünglichen Sympathie für den Nationalsozialismus und anschließender Enttäuschung liegen konnten wie in einer prinzipiellen Feindschaft, die häufig einer „reaktionären“ Gesinnung entsprang.

Bose, Carl Fedor Eduard Herbert von 16. März 1893 (Straßburg) – 30. Juni 1934 (Berlin). Oberregierungsrat, Privatsekretär von Papens, baut nach der Regierungsübernahme Hitlers mit seinem Freund Edgar J. Jung und Fritz von Tschirschky die sogenannte Pressestelle der Vizekanzlei auf, die in Wirklichkeit dazu dient, Informationen zu sammeln, den Kirchen in Abwehr der „Gleichschaltung“ beizustehen und Verhafteten sowie deren Familien zu helfen. Außerdem wurden in diesem Zirkel die Vorbereitungen für einen Staatsstreich getroffen, der im Frühsommer 1934 mit Unterstützung der Reichswehr und Hindenburgs durchgeführt werden sollte. B. wurde wie Jung im Zusammenhang mit der „Röhm-Affäre“ festgenommen und ohne Urteil erschossen.

Ebeling, Hans 2. September 1897 (Krefeld) – 17. Mai 1986 (Düsseldorf). Entstammte bürgerlich-konservativen Verhältnissen, schloß sich nach dem Ersten Weltkrieg dem der DNVP nahestehenden Deutschnationalen Jugendbund, dann dessen nationalrevolutionärer Abspaltung, dem „Jungnationalen Bund“ (Junabu), an, dessen „Pfadfinderschaft Westmark“ er führt. 1924 bildete E. den „Junabu – Deutsche Jungenschaft“. Bezog zunehmend sozialradikale Positionen, nicht zuletzt unter dem Einfluß seines akademischen Lehrers, des Nationalökonomen Friedrich Lenz, bei dem er promovierte. Gab von Ende 1929 bis Januar 1933 die nationalrevolutionäre Zeitschrift Der Vorkämpfer heraus. Nach der Machtübernahme Hitlers mehrfach inhaftiert, ging E. in die Emigration, agierte von Belgien, den Niederlanden und schließlich von England aus gegen das Regime, griff auch von dort aus in die Diskussion ein und versuchte durch die gemeinsam mit Theo Hespers (ehemaliger katholischer Jugendführer, 1943 in Berlin gehenkt) herausgegebene Zeitschrift Kameradschaft die Bildung einer Jugendopposition gegen das NS-Regime zu fördern.


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