Sezession
1. Juli 2004

Die neuen Kriege des Westens und die Ordnung der Welt

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 6 / Juli 2004

sez_nr_6von Dag Krienen

Vor 1990 war eine öffentliche Beschäftigung mit dem Thema Krieg fast nur noch im Rahmen der Friedens- und Konfliktforschung möglich, doch seitdem hat die Debatte über ihn eine Renaissance erlebt. In deren Mittelpunkt stehen die neuen Erscheinungen im Kriegsgeschehen der letzten Jahre, die bereits im ersten Heft dieser Zeitschrift vorgestellt worden sind. Die Veränderungen des Krieges ziehen aber über das militärische hinaus weitreichende Folgen nach sich. Das Bild, das sich Menschen vom Krieg machen, beeinflußt in erheblichem Maße auch das Bild, das sie sich von der notwendigen Ordnung der Staaten und der internationalen Staatenwelt machen.

Dies zeigen nicht zuletzt Ulrike Kleemeiers Ausführungen. Für Platon war Krieg das Gegenteil einer „rechten Ordnung“ des menschlichen Zusammenlebens. Sein Entwurf für eine ideale Polis war deshalb, wie Kleemeier herausarbeitet, so verfaßt, daß sie keine unnötigen Kriege führen würde, das heißt keine Raub- und Unterwerfungskriege gegen andere griechische Stadtstaaten. Zugrunde lag die Vorstellung, daß solche Kriege durch das Streben bestimmter Menschenklassen nach immer mehr materiellen Gütern, das stete Mehr-Haben-Wollen (Pleonexie), verursacht würden. Die ideale Polis schaltet solche ökonomischen Kriegsursachen aus, indem sie die von der Pleonexie beherrschte „Klasse“ von der politischen Entscheidungsfindung fernhält und umgekehrt jenen die Herrschaft überläßt, die von dieser Leidenschaft frei und zugleich befähigt sind, die wahre Ordnung zu schauen: die Philosophen. Kriegsprävention legitimierte die Herrschaft von Menschen mit überlegenem Wissen und moralischer Haltung über solche mit vorgeblich unabänderlichen, zum Krieg treibenden Neigungen – ein immer wiederkehrendes Muster.
Krieg wie Platon prinzipiell als „Störung“ zu interpretieren, entspricht der in den meisten europäischen Sprachen fest verankerten Sichtweise, den Frieden – ein Wort, von dem ein Plural nicht gebildet werden kann – als den durch Kriege nur unterbrochenen Normalzustand des Zusammenlebens anzusehen. Die gegenteilige Auffassung vertrat im 17. Jahrhundert der englische Philosoph Thomas Hobbes. „Das Wesen des Krieges“ besteht für ihn „nicht in tatsächlichen Kampfhandlungen, sondern in der bekannten Bereitschaft dazu während der ganzen Zeit, in der man sich des Gegenteils nicht sicher sein kann“. Im Naturzustand vor der Gründung der Staaten kann sich jedoch kein Mensch dieses Gegenteils, des Friedens, sicher sein. Das natürliche Streben jedes einzelnen Individuums nach Selbsterhaltung und die Furcht vor ihrer Gefährdung durch andere, verbunden mit der Konkurrenz um die Macht, jede zukünftige Bedrohung auszuschließen, sind die Ursachen für einen permanenten Krieg jedes einzelnen gegen jeden anderen (bellum omnia contra omnes). Der Frieden muß in einem singulären historischen Akt eigens erfunden werden. Erst das Erscheinen des souveränen Staates beendet diesen Krieg und schafft zumindest inneren Frieden, indem er seinen Untertanen die Furcht vor der wechselseitigen tödlichen Bedrohung nimmt.


 Gastbeitrag

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