Ein Jahr danach – Die USA im Irak

pdf der Druckfassung aus Sezession 6 / Juli 2004

sez_nr_6von Jean-Jacques Langendorf

Jeder sich vorbereitende Krieg bringt seine Propheten hervor. Da ist zunächst das gewaltige Heer der Journalisten, von denen man sagen kann, daß ihre Aufgabe – von einigen Ausnahmen abgesehen – darin besteht, sich zu irren. Zwei Mal, als ihnen alle möglichen Medienmittel zur Verfügung standen, 1991 (erster amerikanischer Irakkrieg) und 2003 (zweiter amerikanischer Irakkrieg), haben sie im schlimmsten Fall ein Debakel der Koalitionsarmee gegen Saddam Hussein vorausgesagt und im besten Fall lange und schwierige Kämpfe. Auf Seiten der Militärexperten, die im allgemeinen, aber nicht immer, besser informiert sind als die Presseleute, gingen 1990 die Meinungen über die Verteidigungsfähigkeit der Iraker auseinander, und quasi einstimmig kamen sie 2003 zu der Auffassung, daß der irakische Widerstand schwach sein werde.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Als Prä­si­dent Geor­ge W. Bush im Mai 2003 dekre­tier­te, daß der zwei­te ame­ri­ka­nisch-ira­ki­sche Krieg zu Ende sei, teil­ten sich die Mili­tär­kun­di­gen in meh­re­re Grup­pen. Eini­ge mein­ten, daß der Irak, wenn er von der Dik­ta­tur befreit wäre, schnell auf den Weg der Nor­ma­li­tät zurück­fin­den wür­de, der über „freie und demo­kra­ti­sche Wah­len“ und einen wirt­schaft­li­chen Neu­start füh­re. Bei die­ser Pro­gno­se hat­ten sie das Bei­spiel Deutsch­lands oder Japans nach 1945 im Auge. Ande­re dage­gen sahen Schwie­rig­kei­ten vor­aus, ent­we­der als Fol­ge von „Frik­tio­nen“ oder auf Grund bewaff­ne­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Schii­ten, Sun­ni­ten und Kur­den. Schließ­lich warn­te eine Min­der­heit von vorn­her­ein vor Ter­ro­ris­mus und Guerilla.
Und die­se letz­te Grup­pe soll­te Recht behal­ten. Man kann aber nicht von einem Ter­ro­ris­mus als ein­heit­li­ches Phä­no­men spre­chen, denn er wird jen­seits des alle (mit Aus­nah­me der Kur­den) ver­bin­den­den Has­ses gegen den Besat­zer von ver­schie­de­nen Grup­pen getra­gen, aus ver­schie­de­nen Grün­den und mit ver­schie­de­nen Zie­len. Es gibt den Ter­ro­ris­mus, der von den ehe­ma­li­gen Mit­glie­dern der Geheim­diens­te Sad­dams aus­ge­übt wird, des­sen Zweck im wesent­li­chen dar­in besteht, den Auf­bau eines neu­en Irak nach ame­ri­ka­ni­schen Plä­nen zu ver­hin­dern. Daher die mör­de­ri­schen Atta­cken auf Poli­ti­ker, die fähig wären, eine neue Regie­rung zu bil­den, auf Tech­ni­ker, Pres­se­leu­te und Frau­en, die einem west­li­chen Lebens­stil fol­gen, und auch auf Infor­man­ten oder Spit­zel im Diens­te der Ame­ri­ka­ner. Gleich­zei­tig wer­den „blin­de“ Atten­ta­te mit Auto­bom­ben orga­ni­siert, um die Bevöl­ke­rung zu ver­un­si­chern. Dabei han­delt sich um einen prä­zi­sen und gut struk­tu­rier­ten Ter­ro­ris­mus, der offen­bar vor dem Beginn des ame­ri­ka­ni­schen Angriffs orga­ni­siert wur­de, mit eige­nen Netz­wer­ken, gehei­men Waf­fen­la­gern und mit beacht­li­chen Geld­res­sour­cen. Hal­ten wir fest, daß sich die­ser Ter­ro­ris­mus nicht nur gegen den Besat­zer rich­tet, son­dern auch gegen die schii­ti­sche Min­der­heit, um sie zum Äußers­ten zu trei­ben, damit sie sich gegen die Anglo-Ame­ri­ka­ner erhebt, die beschul­digt wer­den, nicht fähig zu sein, die Sicher­heit zu gewährleisten.
Stu­diert man die­se Desta­bi­li­sie­rungs­tak­tik, merkt man, daß sie sich sym­me­trisch zur ame­ri­ka­ni­schen „Rekon­struk­ti­ons­tak­tik“ ent­wi­ckelt. Die Ter­ro­ris­ten müs­sen schnellst­mög­lich die mate­ri­el­le und mensch­li­che Infra­struk­tur zer­stö­ren, auf die sich die Besat­zer stüt­zen wol­len. Umge­kehrt müs­sen letz­te­re, unab­hän­gig vom eigent­li­chen Anti­ter­ror­kampf, um jeden Preis wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Nor­ma­li­tät schaf­fen, die durch ihre Funk­ti­ons­fä­hig­keit den Ter­ro­ris­mus sei­ner Basis berau­ben wür­de. Man kann also von einem Wett­lauf gegen die Zeit sprechen.

Infil­trier­te Ele­men­te aus Syri­en, aber haupt­säch­lich aus dem Iran, bil­den eine drit­te Frak­ti­on der Ter­ro­ris­ten, die man als al-Kai­da bezeich­net, die aber weit davon ent­fernt ist, eine ein­heit­li­che Grup­pe dar­zu­stel­len, denn man fin­det in ihr auch ira­ni­sche Schii­ten, Paläs­ti­nen­ser, Syrer und sogar Tsche­tsche­nen. Eine wei­te­re Gefah­ren­quel­le ist die schii­ti­sche Stadt­gue­ril­la, sowohl in Bag­dad als auch in Nad­jaf und ande­ren Städ­ten. End­lich geht ein Teil der Angrif­fe und Ent­füh­run­gen ganz ein­fach auf das Kon­to des Straßenraubs.
Natür­lich blei­ben die Besat­zer – in die­sem Fall die Ame­ri­ka­ner und die Bri­ten – nicht untä­tig. Ihre Anti­ter­ro­ris­mus- und Anti­guer­ril­la-Aktio­nen bewe­gen sich auf meh­re­ren Ebe­nen. Eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung ist das Sam­meln von Infor­ma­tio­nen, das auf ver­schie­de­ne Wei­sen erfol­gen kann: durch ira­ki­sche Infor­man­ten oder Ver­rä­ter, die oft – dem Risi­ko ent­spre­chend – gut bezahlt wer­den, oder auf tech­ni­schem Weg (Über­wa­chung der Funk­ver­bin­dun­gen und ver­schie­de­ne Abhör­me­tho­den, Luft- oder Satel­li­ten-Beob­ach­tun­gen). Durch Ver­rat konn­te zum Bei­spiel Sad­dam Hus­sein gefaßt wer­den. Anzu­mer­ken ist auch, daß man gewalt­sa­me Ver­hö­re bis hin zur Fol­ter als effek­ti­ve Metho­de betrach­tet, um Infor­ma­tio­nen zu gewinnen.
Sobald Infor­ma­tio­nen vor­lie­gen, kom­men ver­schie­de­ne Arten mili­tä­ri­scher Ope­ra­tio­nen in Fra­ge. Um sie durch­zu­füh­ren, benut­zen die Ame­ri­ka­ner wie die Bri­ten vor allem Spe­zi­al­ein­hei­ten (Spe­cial For­ces), die sowohl aus der Army, der Navy als auch der Air For­ce stam­men. Die Angrif­fe gegen im vor­aus iden­ti­fi­zier­te Zie­le fin­den im all­ge­mei­nen nachts statt. In den Anti­gue­ril­la-Kämp­fen der Ver­gan­gen­heit (Alge­ri­en, Ango­la, Viet­nam, und so wei­ter) galt als fes­ter Grund­satz, daß die Nacht den Rebel­len und der Tag den „Ord­nungs­kräf­ten“ gehör­te. Das ist aber eine Vor­stel­lung, die heu­te ihre Gül­tig­keit ver­lo­ren hat, dank der Ver­wen­dung von Night Visi­on Gog­gles. Die­se „Bril­le“, die weni­ger als ein Kilo wiegt, wird am Helm befes­tigt und ver­mit­telt eine grün-schwar­ze Sicht, die erlaubt, in einer mond­lo­sen Nacht einen Men­schen auf 100 Meter und bei Voll­mond auf 300 Meter zu erken­nen, wäh­rend ein Fahr­zeug auf 550 Meter sicht­bar wird. Dazu kommt ein gan­zes Sor­ti­ment von Nacht­ziel­ge­rä­ten. Wegen die­ser ver­schie­de­nen Hilfs­mit­tel haben jene, die man frü­her „die Kämp­fer der Nacht“ nann­te, den Vor­teil der Dun­kel­heit ver­lo­ren. Nacht für Nacht füh­ren die Spe­cial For­ces, aber auch Fall­schirm­jä­ger­ein­hei­ten, Unter­neh­mun­gen durch, die oft von Erfolg gekrönt sind und mit der Ver­haf­tung von Ter­ro­ris­ten oder der Ent­de­ckung von Waf­fen­ver­ste­cken enden.
Dage­gen nähert sich der Kampf gegen die schii­ti­schen Mili­zen eines Mol­lah al-Sadr (in dem die Mari­nes die Haupt­rol­le spie­len) eher den For­men der klas­si­sche Stadt­gue­ril­la. Die Auf­stän­di­schen besit­zen leich­tes Mate­ri­al, das von Kalasch­ni­kow und Mör­sern bis zur Pan­zer­faust reicht, wäh­rend ihre Geg­ner über eine rei­che Palet­te schwe­ren Geräts ver­fü­gen (Pan­zer; Artil­le­rie; Kampf­hub­schrau­ber und so wei­ter) und ihre erdrü­cken­de Feu­er­kraft ein­set­zen, um den Feind mit mini­ma­len Eigen­ver­lus­ten aus­zu­schal­ten; so kommt unge­fähr ein gefal­le­ner Ame­ri­ka­ner auf zehn Schii­ten. Man darf auch nicht ver­ges­sen, daß die Stel­lung al-Sadrs und sei­ner Mili­zen durch die Tat­sa­che geschwächt wird, daß er auf das Miß­trau­en eines Teils des hohen schii­ti­schen Kle­rus stößt, der in ihm einen gefähr­li­chen Aben­teu­rer erblickt.

Seit dem Beginn des Kamp­fes vor einem Jahr haben die Ame­ri­ka­ner ihre Ver­tei­di­gungs­maß­nah­men deut­lich ver­fei­nert, indem sie die Reak­ti­ons­zeit auf ein Mini­mum redu­zier­ten, zum Bei­spiel bei Angrif­fen auf Kon­vois. Ein ande­rer Bereich, in dem die abschre­cken­de Über­wa­chung eine Rol­le gespielt zu haben scheint, ist die Sicher­heits­la­ge der Pipe­lines, sowohl im Nor­den als auch im Süden des Lan­des, deren Sabo­ta­ge nie wirk­lich bedroh­li­che Aus­ma­ße anneh­men konnte.
Trotz­dem muß man fest­stel­len, daß die Ame­ri­ka­ner einen schwe­ren Feh­ler begin­gen, als sie die Kon­trol­le des Iraks über­nah­men und die gesam­te Armee Sad­dam Hus­seins auf­lös­ten. Einer­seits beraub­ten sie sich mit die­ser Vor­ge­hens­wei­se jener Kampf­ein­hei­ten, die nach „ideo­lo­gi­scher“ Schu­lung einen Teil der „Drecks­ar­beit“ hät­ten ver­rich­ten kön­nen; ande­rer­seits schu­fen sie, indem sie eine gan­ze Armee, ein­schließ­lich ihrer Offi­zie­re, ent­lie­ßen und nach Hau­se schick­ten, einen Herd der Unzu­frie­den­heit und des Has­ses. Es scheint auch, daß die Ame­ri­ka­ner in der Anfangs­pha­se der Besat­zung ihren Haupt­feind nicht erkann­ten. Ange­sichts der ers­ten Atten­tats­wel­le glaub­ten sie, daß deren Anstif­ter oder Aus­füh­ren­de Sad­dam nahe stan­den; die­se „Bon­zen“, die bald in einem Kar­ten­spiel ver­ewigt wur­den, konn­ten rasch ver­haf­tet wer­den, ohne daß eine spür­ba­re Ver­min­de­rung des Ter­rors statt­ge­fun­den hät­te. Neue Ana­ly­sen zei­gen, daß die Gefahr in Wirk­lich­keit nicht von ihnen aus­ging, son­dern von Offi­zie­ren des Geheim­diens­tes oder unter­ge­ord­ne­ten Offi­zie­ren der regu­lä­ren Streit­kräf­te, die sich auf die­se neue Kampf­form sorg­fäl­tig vor­be­rei­te­te hatten.
Jetzt besteht das Haupt­pro­blem der Ame­ri­ka­ner dar­in, sich einem asym­me­tri­schen Krieg anzu­pas­sen und eine effi­zi­en­te Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung zu fin­den. Die Her­aus­for­de­rung als sol­che ist nicht neu. Bereits 1998 beton­te der dama­li­ge US-Ver­tei­di­gugs­mi­nis­ter Wil­liam S. Cohen: „In naher Zukunft wer­den die­je­ni­gen sel­ten sein, die uns auf mili­tä­ri­scher oder wirt­schaft­li­cher Ebe­ne her­aus­for­dern kön­nen, aber sie wer­den Sun Tse und Die Kunst des Krie­ges stu­die­ren, um die Schwä­chen unse­rer wirk­li­chen Kraft aus­zu­nüt­zen.“ Etwas frü­her hat­te der­sel­be Cohen ein ein­drucks­vol­les Bild der auf die USA zukom­men­den Bedro­hun­gen gemalt – vier Jah­re vor dem ver­häng­nis­vol­len 11. Sep­tem­ber –, indem er schrieb: „Auf stra­te­gi­scher Ebe­ne könn­te ein Angrei­fer ver­su­chen, eine direk­te mili­tä­ri­sche Kon­fron­ta­ti­on zu ver­mei­den, indem er eher ter­ro­ris­ti­sche Mit­tel wie nuklea­re, bio­lo­gi­sche und che­mi­sche Waf­fen (NBC) ein­setzt, den Infor­ma­ti­ons­krieg oder Umwelt­sa­bo­ta­ge, um sei­ne Zie­le zu errei­chen.“ Den­noch fällt auf, daß die Ame­ri­ka­ner eben bis zum 11. Sep­tem­ber die Bedro­hung nicht ernst nah­men, obwohl sie außer­halb ihres Ter­ri­to­ri­ums Opfer meh­re­rer mör­de­ri­scher Atten­ta­te gewor­den waren (Aden, Somalia).

Man spricht gele­gent­lich vom Irak als einem neu­en Viet­nam. Der Mili­tär­his­to­ri­ker, oder der His­to­ri­ker schlecht­hin, weiß nur all­zu­gut, wie sehr man sol­chen Ver­glei­chen miß­trau­en muß. Der Irak ist nicht Viet­nam, die Ira­ker sind kei­ne Viet­na­me­sen, und die heu­ti­ge ame­ri­ka­ni­sche Armee mit ihren hoch­ent­wi­ckel­ten Über­wa­chungs­sys­te­men, ihrer Mobi­li­tät ist nicht mehr die von ges­tern. Tat­säch­lich haben sich die Gege­ben­hei­ten radi­kal ver­än­dert. In ihrem Krieg gegen die Ame­ri­ka­ner ver­füg­ten die Nord­viet­na­me­sen über zwei mäch­ti­ge Ver­bün­de­te, Chi­na und die UdSSR, die sie mas­siv mit Rüs­tung und Nach­schub belie­fer­ten, die sie diplo­ma­tisch unter­stütz­ten und den Ame­ri­ka­nern auch bestimm­te Gren­zen für ihre Akti­on auf­er­leg­ten, da die Furcht vor Pro­vo­ka­tio­nen sie oft in ihren Hand­lun­gen beschränk­te. Heu­te exis­tie­ren sol­che mäch­ti­gen Ver­bün­de­ten für die auf­stän­di­schen Ira­ker nicht. In Viet­nam war der Wider­stand gegen die Ame­ri­ka­ner von den Stra­te­gen des Nor­dens streng orga­ni­siert, hier­ar­chi­siert und koor­di­niert. Eine der­ar­ti­ge Zen­tra­li­sie­rung des ira­ki­schen Wider­stands exis­tiert dage­gen nicht, weil der Wider­stand sehr anders­ar­ti­gen Zwän­gen und Inter­es­sen gehorcht. Was die Unter­stüt­zung der Rebel­len betrifft, wis­sen die Nach­bar­län­der, daß sie Vor­sicht wal­ten las­sen müs­sen, was im wesent­li­chen für Iran und Syri­en gilt. Ein ande­rer Unter­schied: Wäh­rend die Mehr­heit der in Viet­nam enga­gier­ten Trup­pen aus Wehr­pflich­ti­gen bestand, setzt sich die Mehr­heit des im Irak ein­ge­setz­ten Kon­tin­gents aus Frei­wil­li­gen zusammen.
Die mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen in Ame­ri­ka ken­nen all­zu­gut die ver­hee­ren­de Wir­kung, die hohe Ver­lus­te auf die öffent­li­che Mei­nung ihres Lan­des haben kön­nen und daß man sie folg­lich auf ein Mini­mum redu­zie­ren muß. Man kann sagen, daß ihnen das gelun­gen ist, mit 150 Gefal­le­nen für den eigent­li­chen Mili­tär­feld­zug und mehr als 600 Toten durch Atten­ta­te oder Unfäl­le. Das sind für eine Streit­macht von 140000 Mann und für die Dau­er von über einem Jahr „annehm­ba­re“ Zah­len. Im Golf­krieg von 1991 hat­ten die Ame­ri­ka­ner die erträg­li­che Höhe der Ver­lus­te auf 5000 Gefal­le­ne bezif­fert und auf 2000 die des Kriegs von 2003. Übri­gens auch im Gegen­satz zu Viet­nam haben die ame­ri­ka­ni­schen Ver­lus­te im Irak die ame­ri­ka­ni­schen Mas­sen kaum zu einer brei­ten Pro­test­be­we­gung mobi­li­siert. Noch ein wei­te­rer Unter­schied: das Gelän­de. Krieg­füh­rung ist unend­lich viel schwie­ri­ger in einem Dschun­gel oder in einem ber­gi­gen Gebiet als in einer Wüs­ten- und Oasen­zo­ne, sowohl was die Kampf­tak­tik selbst angeht als auch was die Über­wa­chung betrifft.
Ein häu­fig auf die ame­ri­ka­ni­schen Inter­ven­ti­on in Irak ange­wand­ter Gemein­platz ist die Behaup­tung, es han­de­le sich um einen „Ölkrieg“. Dabei han­delt es sich um eine Ver­ein­fa­chung, die eine viel kom­pli­zier­te und beun­ru­hi­gen­de­re Wirk­lich­keit ver­birgt. Die Ölim­por­te des USA aus dem Nahen Osten belau­fen sich auf 20 Pro­zent gegen­über 57 Pro­zent für Euro­pa. Was das ira­ki­sche Öl angeht, so fließt es nach der Nie­der­la­ge Sad­dam Hus­seins nur spär­lich, wegen der ver­al­te­ten Ein­rich­tun­gen, bei denen man Jah­re für Erneue­rung brau­chen wird, um sie ganz funk­ti­ons­fä­hig zu machen. Außer­dem wird die ame­ri­ka­ni­sche Prä­senz vom Mit­tel­meer bis in den Nahen Osten nicht von rein wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen dik­tiert; das ist schon dar­an zu erken­nen, daß die Anwe­sen­heit von US-Trup­pen in die­sem Raum jähr­lich 30 Mil­li­ar­den Dol­lar kos­tet, wohin­ge­gen mög­li­che Expor­te nur einen Gegen­wert von 20 Mil­li­ar­den Dol­lar errei­chen. Ein ande­rer Vor­wand, den die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung selbst angibt, um ihre Inter­ven­ti­on zu recht­fer­ti­gen, die Neu­tra­li­sie­rung der che­mi­schen, bio­lo­gi­schen oder sogar Atom­waf­fen, viel­leicht auf der Grund­la­ge irri­ger oder falsch inter­pre­tier­ter Infor­ma­tio­nen, hat sich als gegen­stands­los erwiesen.

Um den Sinn der ame­ri­ka­ni­schen Inter­ven­ti­on im Irak und in Afgha­ni­stan rich­tig zu beur­tei­len, muß man sie in einer ande­ren Per­spek­ti­ve inter­pre­tie­ren: der eines ziel­ge­rich­te­ten Wil­lens. Dabei wirk­te das Atten­tat vom 11. Sep­tem­ber 2001 nur wie eine Spreng­kap­sel. Unter Bush juni­or erfuhr die ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär­dok­trin eine grund­le­gen­de Ver­än­de­rung. Statt defen­siv zu blei­ben, auf der Grund­la­ge des con­tain­ments, wur­de sie prä­ven­tiv und inter­ven­tio­nis­tisch: die USA haben vor, mili­tä­risch auf­zu­tre­ten, sobald sie ihre Inter­es­sen bedroht sehen. Das Defen­sivg­la­cis hat sich in eine Aus­gangs­ba­sis ver­wan­delt, und auf die geo­stra­te­gi­sche Bedeu­tung des Zwei­strom­lan­des hat­te der Theo­re­ti­ker der sea­power, Alfred Thay­er Mahan, schon im 19. Jahr­hun­dert hin­ge­wie­sen. Es genügt, einen Atlas zu kon­sul­tie­ren, um sich von der zen­tra­len geo­po­li­ti­schen Bedeu­tung die­ses Gebie­tes zu über­zeu­gen. Die ame­ri­ka­ni­sche Prä­senz in die­ser Gegend stellt tat­säch­lich eine direk­te Bedro­hung für Syri­en und für den Iran dar. Was Afgha­ni­stan betrifft, bringt es die Ame­ri­ka­ner in Kon­takt mit Chi­na, und ihr Schwer­punkt hat sich somit beträcht­lich nach Osten ver­la­gert. Aber wenn sie sich in die­se Poli­tik stür­zen kön­nen, so des­halb, weil sie die Mit­tel dazu haben und auch, in der heu­ti­gen Kon­stel­la­ti­on, den ent­spre­chen­den poli­ti­schen Wil­len. Sie sind ent­schlos­sen, ihre Mili­tär­macht radi­kal zu ver­stär­ken, obwohl die­se Mili­ta­ri­sie­rung eine schwe­re Belas­tung für den Haus­halt der Nati­on dar­stellt. Aber die­se Art von Fest­stel­lung ist zweit­ran­gig, weil wir es mit einer Dia­lek­tik der Macht zu tun haben, mit einer Real­po­li­tik als Fol­ge von rea­ler Macht.
Seit dem Beginn des 19. Jahr­hun­dert betrei­ben die USA eine beharr­li­che und letz­lich kohä­ren­te Poli­tik, wenn man sich bemüht, sie in einer Per­spek­ti­ve der longue durée zu betrach­ten. Über­all auf dem Glo­bus haben sie mili­tä­risch gese­hen, Fuß gefaßt, von Grön­land bis Kuba, von den Samoa-Inseln bis Oki­na­wa, von Deutsch­land bis in die Tür­kei, von Kuweit bis Geor­gi­en, unter Ein­schluß der Mög­lich­keit einer schnel­len Inter­ven­ti­on an fast allen Punk­ten der Erde, die ihres Inter­es­ses wür­dig sind. Im all­ge­mei­nen war der Erwerb die­ser stra­te­gi­schen Punk­te das Ergeb­nis eines Krie­ges, aber manch­mal auch der Inter­ven­ti­on einer mehr oder weni­ger kraft­vol­len Diplo­ma­tie. Und außer dem Para­de­bei­spiel Viet­nams waren die Mißer­fol­ge selten.
Die­se Mili­tär­macht wird von einem bein­dru­cken­den Satel­li­ten­netz ver­stärkt, das die Kon­troll­mög­lich­kei­ten noch stei­gert, obwohl es nicht immer eine tota­le Über­wa­chung erlaubt. Selbst­ver­ständ­lich geht die­se Mili­tär­prä­senz mit einer eben­so beein­dru­cken­den Wirt­schaft­prä­senz ein­her. Ange­sichts sol­cher Tat­sa­chen ver­steht man bes­ser, war­um man seit eini­gen Jah­ren nicht mehr von einer ame­ri­ka­ni­schen mili­tä­ri­schen Super­macht, son­dern von einer Hyper­macht spricht. Haben die Euro­pä­er den Krieg als Aus­druck oder Mit­tel der Poli­tik in den Requi­si­ten­raum ver­bannt, stellt er für die Ame­ri­ka­ner (aber auch für die Chi­ne­sen, wenn die Stun­de schlägt) immer noch ein voll­kom­men ver­wend­ba­res und legi­ti­mes Mit­tel auf der poli­ti­schen Büh­ne dar, wenn sie es für nütz­lich hal­ten. Die Bezie­hung zum Krieg ist bei Euro­pä­ern und Ame­ri­ka­nern grund­ver­schie­den, wes­halb die einen ihr mili­tä­ri­sches Instru­ment ver­nach­läs­sigt und die ande­ren es fort­wäh­rend ver­voll­komm­net und ver­stärkt haben. Es gibt, wenn man so will und eine clau­se­witz­sche Per­spek­ti­ve ein­nimmt, eine ame­ri­ka­ni­sche mili­tä­ri­sche Fata­li­tät: die Groß­macht besitzt eine gro­ße Armee, und die­se gro­ße Armee wird zwangs­läu­fig für eine gro­ße Poli­tik ein­ge­setzt, die die einer Groß­macht ist. Und ob die­se Poli­tik von einem Repu­bli­ka­ner oder einem Demo­kra­ten im Wei­ßen Haus bestimmt wird, ändert nichts an den Tatsachen!

Heu­te arbei­tet die ame­ri­ka­ni­sche Armee inten­siv an der lang­fris­ti­gen Fest­le­gung ihrer neu­en Dok­trin (Joint Visi­on 2010 and 2020) und an der neu­en Rüs­tung die sie erfor­dern wird. In die­sem Rah­men wer­den vier Zie­le definiert.

(1) Pro­ject and Sus­tain. Um schnellst­mög­lich über­see­ische Streit­kräf­te zu ent­fal­ten und zu ver­sor­gen, sol­len eine Divi­si­on und eine Bri­ga­de zusam­men in 30 Tagen mobi­li­siert und kampf­be­reit sein und fünf ande­re Divi­sio­nen in den fol­gen­den 120 Tagen (im ers­ten ame­ri­ka­ni­schen Irak­krieg hat­te man sechs Mona­te gebraucht, um die schwe­ren Divi­sio­nen zu mobi­li­sie­ren, im zwei­ten konn­te die­se Zeit deut­lich ver­kürzt werden).
(2) Pro­tect the For­ce. Die ope­ra­tio­nel­len Pha­sen sol­len durch effi­zi­en­te Flug­ab­wehr­ra­ke­ten geschützt werden;
(3) Win the Infor­ma­ti­on War. Es geht dar­um, schnellst­mög­lich ein Maxi­mum an Infor­ma­tio­nen aller Art zu sam­meln, sie zu ana­ly­sie­ren und sie sofort den rich­ti­gen Adres­sa­ten zu übermitteln;
(4) Con­duct Pre­cisi­on Strike. Man möch­te den Feind wäh­rend sei­ner Ent­fal­tung schla­gen, bevor er Kon­takt auf­nimmt, mit­tels Inter­ven­ti­on von Kampf­hub­schrau­bern und weit­rei­chen­der Raketenartillerie.
(5) Domi­na­te the Maneu­ver Batt­le. Man möch­te schnellst­mög­lich zuschla­gen unter Nut­zung der maxi­ma­len Feu­er­kraft, um den Feind zu ver­nich­ten, mit Pan­zern, mobi­ler Artil­le­rie und Kampfhubschraubern.

Selbst­ver­ständ­lich impli­ziert die Durch­füh­rung die­ses Pro­gramms die Ent­wick­lung neu­en Mate­ri­als, das effi­zi­en­ter, aber auch leich­ter und wenn mög­lich bil­li­ger sein soll, was zum Bei­spiel den Erwerb durch die Pri­vat­in­dus­trie ent­wi­ckel­ter Fahr­zeu­ge oder Schif­fe erklärt, die nicht a prio­ri für das Mili­tär ent­wor­fen wor­den sind. In die­ser Spar­per­spek­ti­ve herrscht die Richt­li­nie vor, daß man „den Schwanz stut­zen, aber die Zäh­ne schär­fen“ müs­se, das heißt, an den büro­kra­ti­schen und admi­nis­tra­ti­ven Struk­tu­ren spa­ren, um die Eli­te­kämp­fer zu bevorzugen.
Die Gesamt­stra­te­gie soll von finan­zi­el­len Ein­schrän­kun­gen in jedem Fall unbe­ein­flußt blei­ben. Die USA müs­sen fähig sein, unter Auf­recht­erhal­tung ihrer Basen in der Welt und außer Reich­wei­te des Fein­des, sich gleich­zei­tig zwei grö­ße­ren Kon­flik­ten oder einem grö­ße­ren Kon­flikt mit meh­re­ren klei­ne­ren, par­al­lel geführ­ten Ope­ra­tio­nen zu stel­len. Unter­sucht man die mili­tä­ri­sche Anstren­gung Ame­ri­kas, kurz- oder lang­fris­tig, darf man nie ver­ges­sen, was kürz­lich der fran­zö­si­sche Mili­tär­his­to­ri­ker Phil­ip­pe Richar­dot fest­stell­te: „Die Armee der Ver­ei­nig­ten Staa­ten bleibt das über­zeu­gen­de Argu­ment für die ame­ri­ka­ni­sche Beherr­schung der Welt“.

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