Sezession
1. Juli 2004

Ein Jahr danach – Die USA im Irak

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 6 / Juli 2004

sez_nr_6von Jean-Jacques Langendorf

Jeder sich vorbereitende Krieg bringt seine Propheten hervor. Da ist zunächst das gewaltige Heer der Journalisten, von denen man sagen kann, daß ihre Aufgabe – von einigen Ausnahmen abgesehen – darin besteht, sich zu irren. Zwei Mal, als ihnen alle möglichen Medienmittel zur Verfügung standen, 1991 (erster amerikanischer Irakkrieg) und 2003 (zweiter amerikanischer Irakkrieg), haben sie im schlimmsten Fall ein Debakel der Koalitionsarmee gegen Saddam Hussein vorausgesagt und im besten Fall lange und schwierige Kämpfe. Auf Seiten der Militärexperten, die im allgemeinen, aber nicht immer, besser informiert sind als die Presseleute, gingen 1990 die Meinungen über die Verteidigungsfähigkeit der Iraker auseinander, und quasi einstimmig kamen sie 2003 zu der Auffassung, daß der irakische Widerstand schwach sein werde.

Als Präsident George W. Bush im Mai 2003 dekretierte, daß der zweite amerikanisch-irakische Krieg zu Ende sei, teilten sich die Militärkundigen in mehrere Gruppen. Einige meinten, daß der Irak, wenn er von der Diktatur befreit wäre, schnell auf den Weg der Normalität zurückfinden würde, der über „freie und demokratische Wahlen“ und einen wirtschaftlichen Neustart führe. Bei dieser Prognose hatten sie das Beispiel Deutschlands oder Japans nach 1945 im Auge. Andere dagegen sahen Schwierigkeiten voraus, entweder als Folge von „Friktionen“ oder auf Grund bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden. Schließlich warnte eine Minderheit von vornherein vor Terrorismus und Guerilla.
Und diese letzte Gruppe sollte Recht behalten. Man kann aber nicht von einem Terrorismus als einheitliches Phänomen sprechen, denn er wird jenseits des alle (mit Ausnahme der Kurden) verbindenden Hasses gegen den Besatzer von verschiedenen Gruppen getragen, aus verschiedenen Gründen und mit verschiedenen Zielen. Es gibt den Terrorismus, der von den ehemaligen Mitgliedern der Geheimdienste Saddams ausgeübt wird, dessen Zweck im wesentlichen darin besteht, den Aufbau eines neuen Irak nach amerikanischen Plänen zu verhindern. Daher die mörderischen Attacken auf Politiker, die fähig wären, eine neue Regierung zu bilden, auf Techniker, Presseleute und Frauen, die einem westlichen Lebensstil folgen, und auch auf Informanten oder Spitzel im Dienste der Amerikaner. Gleichzeitig werden „blinde“ Attentate mit Autobomben organisiert, um die Bevölkerung zu verunsichern. Dabei handelt sich um einen präzisen und gut strukturierten Terrorismus, der offenbar vor dem Beginn des amerikanischen Angriffs organisiert wurde, mit eigenen Netzwerken, geheimen Waffenlagern und mit beachtlichen Geldressourcen. Halten wir fest, daß sich dieser Terrorismus nicht nur gegen den Besatzer richtet, sondern auch gegen die schiitische Minderheit, um sie zum Äußersten zu treiben, damit sie sich gegen die Anglo-Amerikaner erhebt, die beschuldigt werden, nicht fähig zu sein, die Sicherheit zu gewährleisten.
Studiert man diese Destabilisierungstaktik, merkt man, daß sie sich symmetrisch zur amerikanischen „Rekonstruktionstaktik“ entwickelt. Die Terroristen müssen schnellstmöglich die materielle und menschliche Infrastruktur zerstören, auf die sich die Besatzer stützen wollen. Umgekehrt müssen letztere, unabhängig vom eigentlichen Antiterrorkampf, um jeden Preis wirtschaftliche und politische Normalität schaffen, die durch ihre Funktionsfähigkeit den Terrorismus seiner Basis berauben würde. Man kann also von einem Wettlauf gegen die Zeit sprechen.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.