1. April 2004

Das linke Prinzip

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Karlheinz Weißmann

„Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und läßt die Reichen leer.“ (Lukas 1.51-53)

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Charles Maurras, sicherlich einer der einflußreichsten Köpfe der politischen Rechten, hat das Magnifikat als „bolschewistisch“ bezeichnet, als radikallinkes Programm zwecks gewaltsamer Errichtung einer egalitären Ordnung. Tatsächlich ist in der Bibel eine Tradition nachzuweisen, die mit der Urgeschichte beginnt, über den Sklavenaufstand der Hebräer in Ägypten und die Kritik der Propheten an jenen, „die Haus an Haus reihen“ (Jesaja 5.8), bis zum Evangelium der Armen führt und geprägt ist von dem Verlangen nach sozialer Gleichheit.

Im Abendland hat die Vorstellung, daß die Gewaltigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhoben werden, daß einmal die Armen reich und die Reichen arm sein sollen, immer wieder mächtige Erschütterungen ausgelöst. Die Wortführer der Rebellionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit beriefen sich auf paradiesische Verhältnisse – „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann“ - , auf die Gleichheit, die unter den Israeliten während der Wüstenwanderung oder unmittelbar nach der Landnahme geherrscht habe oder auf die endzeitliche Verheißung eines Lebens ohne Not, ohne Gebrechen, ohne Tod. Die Grundmotive waren immer, den verlorenen Anfangszustand zurückzugewinnen oder durch einen apokalyptischen Akt in das Gottesreich einzutreten. Vielfach wurde das Neue schon hier und jetzt vorweggenommen. Sekten wie die „Adamiten“ lehnten nicht nur Eigentum, sondern auch Ehe ab und verknüpften Kommunismus mit Libertinage, die radikale reformatorische Strömung der diggers wollte Egalität durch Sittenstrenge, Rückkehr zum Landbau und Aufteilung des Grundbesitzes in kleinbäuerliche Parzellen erreichen.
Verglichen mit diesem Aktivismus waren die Gleichheitsträume der Antike elegisch. Man sehnte sich zwar nach einem Goldenen Zeitalter zurück, wußte es aber verloren. Am Beginn, so Ovid, haben die Menschen ohne Mühe gelebt, ohne Zwang und ohne Hierarchie, sogar die Natur war friedvoll:

„Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer, Ohne Gesetz, von selbst bewahrte man Treue und Anstand. Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten Stand an den Wänden auf Tafeln von Erz; es fürchtete keine Flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert … Selbst die Erde, vom Dienste befreit, nicht berührt von der Hacke, Unverwundet vom Pflug, so gewährte sie jegliche Gabe.“

Auch die Stoa kannte traurige Erinnerungen an die Egalität, die einmal unter den Menschen geherrscht hatte, sogar im Hinblick auf Begabung und Temperament, Rasse, Sprache und Religion. Ähnliche Wunschbilder sind in vielen Religionen nachweisbar, sogar in der indischen, die unter brahmanischem Einfluß eigentlich ein extrem hierarchisches Gesellschaftssystem rechtfertigen sollte: Am Beginn der Zeit lebten die Menschen aller Kasten in Harmonie, niemand mußte seinen Unterhalt verdienen, es gab keine individuellen Schicksale und alle konzentrierten sich auf Meditation und Anbetung der Götter. Ein politisches Programm läßt sich daraus selbstverständlich nicht ableiten.

Für das Entstehen einer Weltanschauung, die verspricht, alles im Sinn der Gleichheitsphantasie umzugestalten sind andere Voraussetzungen notwendig. Wahrscheinlich war der Einfluß von „Nativismus“ und „Chiliasmus“ (Wilhelm E. Mühlmann) ausschlaggebend. Als nativistisch bezeichnet man Bewegungen, die in eine mythische Vor-Zeit zurückkehren wollen, als chiliastisch solche, die ein „tausendjähriges Reich“ der Nach-Zeit zu erreichen suchen. Beiden Motiven liegt Feindseligkeit gegenüber der Geschichte zugrunde, was ihre Verschränkung nahe legt, obwohldas eine vergangenheits-, das andere zukunftsorientiert ist. Nativistisch war das Verlangen nach einem „Sabbatjahr“ im alten Israel, aber auch die gleiche Verteilung des Bodens in Sparta, die auf der Annahme beruhte, so stelle man den Zustand bei der Eroberung des Landes wieder her, nativistisch war die Bewegung der Bogumilen in der Ostkirche des 11. und 12. Jahrhunderts, die alles ausrottete, was über das Verständnis des einfachen Volkes ging, vor allem die gelehrte Theologie, nativistisch war der Taborismus, der nicht nur auf die urchristliche Lehre zurückgreifen, sondern auch das böhmische Land in seinen Anfangszustand zurückbringen wollte, durch Vertreibung der Deutschen und Reinigung der tschechischen Sprache von allen fremden Worten, nativistisch war der Widerstand der altgläubigen Russen gegen die Reformen Peters des Großen und sicherlich können die zahllosen Erhebungen der farbigen Völker gegen die Weißen als nativistisch bezeichnet werden, so schon die Tupi-Gruppen Südamerikas, die im 16. Jahrhundert gegen die Spanier und deren kulturellen Import kämpften, die Geistertänzer im Norden des Kontinents, die Kargo-Kulte Melanesiens und Neuguineas oder der Mau-Mau in Kenia. Die Völkerkunde vermutet, daß hinter diesen Bewegungen immer ein- und derselbe Antrieb stand: Vernichtung einer als zu komplex und bedrohlich angesehenen Zivilisation und Herstellung eines harmonischen und idyllischen Kontrastzustandes, den man als Erinnerung imaginierte. Aber die Zerstörung der Symbole des feindlichen Fremden allein genügt selten, deshalb verbindet sich der Nativismus häufig mit chiliastischenErwartungen, einer Apokalypse, „messianischen Wehen“, Terrorisierung der Feinde, der letzten Schlacht und dem Sieg der neuen Elite, die aus den Parias von ehedem bestehen und eine gute und einfache – das heißt eine auf Gleichheit beruhende – Ordnung errichten wird, die trotz ihrer Neuheit dem Ursprungszustand entspricht.
Wenn Gleichheit so verbreitet als wünschenswert betrachtet wird und es seit alters Versuche gibt, sie notfalls mit Gewalt herzustellen, welches allgemeine und elementare menschliche Bedürfnis steht dahinter? Ausschlaggebend ist wahrscheinlich eine bestimmte Vorstellung von Gerechtigkeit. Die Korrespondenz zwischen Gerechtigkeit und Gleichheit wird jedenfalls nicht erst in der Moderne behauptet. Schon Aristoteles mußte erhebliche Mühe auf den Nachweis verwenden, daß nur im Grenzfall das Prinzip „Allen das Gleiche“ gerecht ist, während im Normalfall „Jedem das Seine“ gegeben werden müsse. Die „distributive Gerechtigkeit“ kommt bloß zum Zuge, wenn es um Teilhabe an elementaren Gütern geht, deren Verweigerung das Leben unmöglich oder ganz unwürdig macht. Wie der Konservative Ernst Ludwig von Gerlach meinte, ist gegen den, „der das Eigentum nur als Genußmittel konservieren will, … der Kommunismus in seinem Rechte“. Dabei handelt es sich aber um einen Ausnahmefall, und gewöhnlich hat jene Gerechtigkeit Handlungsgrundlage zu sein, die dem Einzelnen nach Verdienst gibt. Das zwingt dazu, Maßstäbe für Angemessenheit festzulegen, die naturgemäß umstritten sind, jedenfalls dynamischer und viel weniger eindeutig als das Gleichheitsprinzip, das schematisch angewandt werden kann.

Die Simplizität erklärt viel von der Anziehungskraft des Gleichheitspostulats, aber es gibt noch eine mächtigere Ursache für dessen Attraktion. Der Soziologe Helmut Schoeck hat auf den Neid als einen der wichtigsten Faktoren im menschlichen Zusammenleben hingewiesen. Diese Bedeutung wäre kaum vorstellbar, wenn der Neid nicht einen gewissen sozialen Mehrwert hervorbrächte: Neid führt zur Unzufriedenheit mit bestehenden Verhältnissen und ermöglicht Konkurrenz um bessere Lösungen. Allerdings hängt die konstruktive Wirkung des Neides ab vom Einfluß der ihn hemmenden Faktoren. „Blanker Neid“ wirkt nur zerstörend. Das hat seine historische Bedeutung nicht gemindert. Gerade die destruktive Seite des Neides spielte in Revolutionen eine entscheidende Rolle. Neid wirkte sich vor allem bei den kommunistischen Machtergreifungen und den Erhebungen der „Dritten Welt“ aus. In der Anfangsphase des Indochinakriegs wurde beobachtet, daß der Terror der Vietminh nach Vertreibung der Weißen aus einem besetzten Gebiet zuerst gegen die „Bessergestellten“ unter den Einheimischen gerichtet wurde: die, die eine Missionsschule besucht hatten, die, die ein Geschäft besaßen oder über anderes Eigentum verfügten. Waren sie getötet oder ausgeschaltet, dehnte man die Maßnahmen auf jeden aus, der eine Nähmaschine oder ein Fahrrad besaß, sich Fleisch zu essen erlaubte oder Milch in seinen Kaffee nahm. Entscheidend war dabei, daß die kommunistischen Funktionäre innerhalb derselben sozialen Schicht gezielt zum Neid anstachelten, was eine Flut von Denunziationen auslöste, die weitere Kontrollen durch die Behörden überflüssig machte.
Daß sich Neid vorzüglich als Mittel zur Erlangung und Sicherung von Herrschaft eignet, erklärte Schoeck aus einer elementaren Struktur des Bewußtseins: „Das Neidenkönnen ist vorgegeben. Insoweit der Mensch ein Wesen ist, das über seine Existenz nachdenken kann, muß er auch einmal fragen: `Weshalb bin ich und nicht ein anderer?´ Die nächste Frage ergibt sich von selbst: `Weshalb ist die Existenz des anderen von der meinen so verschieden?´“ Allerdings bedeute diese Feststellung nicht, daß man alle Auswirkungen des Neides als schicksalhaft betrachten müsse, die entscheidenden zivilisatorischen Leistungen wurden gegen den Neid erreicht. Auch deshalb sei die Entwicklung in Europa bedenklich: der „empfindsame Abendländer“ – so Schoeck – habe seit Mitte des 18. Jahrhunderts „vor dem Neid der anderen die Nerven verloren“. Im Gefolge der Aufklärung entstanden neue Handlungs- und Agitationsmöglichkeiten, die dem Neid nicht nur vorübergehend, sondern dauernd Reputation verschafften, ihn vorzeigbar machten und den Beneideten unter Rechtfertigungszwang setzten.
Es ist offensichtlich, daß der Aufstieg des Neids zur sozialen Großmacht mit dem Aufstieg der modernen Linken einhergeht. Was sie mit der „ewigen Linken“ (Ernst Nolte) verbindet, ist der alte Traum von der egalitären Gesellschaft, der Drang Ungleichheiten einzuebnen, den Kreis der Gleichen dauernd zu erweitern. Was sich verändert hat, das ist vor allem die Struktur der politischen Führung, die sich deutlicher differenzierte: in die Typen des „Popularen“, des „Weltverbesserers“ und des „bewaffneten Propheten“. Als Populare werden diejenigen bezeichnet, die die Gleichheitsforderung nur als politisches Instrument betrachten. Sie haben erkannt, daß ihre Zeit keine deutlichen sozialen Unterschiede mehr erträgt, daß die traditionelle Ordnung unrettbar in Auflösung begriffen ist. Sie nutzen die Dynamik des Zerfallsprozesses, um ihre eigene Karriere zu fördern und treten als „Demagogen“ – „Volksführer“ – auf, die vorgeben, die Massen gegen die Privilegierten zu verteidigen. Was Figuren wie Themistokles und Perikles, Pompeius und Cäsar mit Bonaparte und Lenin eint, ist neben dem zynischen Gebrauch der Egalität ihre Herkunft aus den alten Führungsschichten. Die tritt bei den antiken Beispielen besonders deutlich hervor,während man im Falle Bonapartes und Lenins eher von Deklassierten zu sprechen hat, die die Zeichen der Zeit erkannten und glaubten, den ihnen angemessenen Status im Bündnis mit den aufsteigenden Mächten gewinnen zu können. Das erklärt ihren Klassenverrat.

Wenn der Populare eine Figur des Übergangs ist, so der Weltverbesserer eine Gestalt, die von Anbeginn zur Linken gehörte, in vielem verkörpert er ihr Wesen. Dabei sind Spannungen mit den Popularen unausweichlich, man erinnere sich der wegwerfenden Äußerungen Bonapartes über die „Ideologen“. Andererseitswäre der Erfolg linker Programme ohne das Sendungsbewußtsein der Weltverbesserer kaum zu erklären. Sie sind davon durchdrungen, das Ganze verstanden, die Gesetze seiner Mechanik begriffen zu haben und mittels gezielter Eingriffe in diese Mechanik das Ganze zu optimieren. Der so Begeisterte kann ein harmloser Träumer sein oder ein Tatkräftiger, der sich für die Beseitigung konkreter Mißstände einsetzt oder in irgendeinerabgelegenen Gegend sein Utopia verwirklicht, aber es hat auch immer wieder den Fall gegeben, daß aus den Reihen der Weltverbesserer der bewaffnete Prophet hervorgeht, der alles und alles gewaltsam verändern will.
Ohne den bewaffneten Propheten ist keine Revolution möglich. Wer nichts mehr zu verlieren hat als seine Ketten, mag sich erheben, aber es fehlt ihm an Zielstrebigkeit, an Überbau. Georges Rudé hat in einer Untersuchung über die Bedeutung der Massen für die Französische Revolution darauf hingewiesen, daß nur das Zusammenspiel von Sansculotten, die ausschließlich an der „Magenfrage“ interessiert waren, und einer radikalisierten Intelligenz, die ihre abstrakten politischen Prinzipien durchsetzen wollte, den Erfolg des Umsturzes erkläre: „… das primäre und andauerndste Motiv für die revolutionären Massen in diesen Jahren war die Sorge um die Beschaffung von billiger und ausreichender Nahrung. Mehr als irgendein anderer Faktor war dies das Rohmaterial, aus dem die populäre Revolution geschmiedet wurde. Dieser Umstand allein erklärt die anhaltende soziale Gärung, die in jenen Jahren für die Hauptstadt so bezeichnend war und aus der die großen Aufstandstage hervorgingen. … Ohne die Durchschlagskraft politischer Ideen jedoch, die hauptsächlich von bürgerlichen Führern verbreitet wurden, wären diese Teilbewegungen ziellos und erfolglos geblieben.“
Die Geschichte der Linken in den beiden letzten Jahrhunderten wird wesentlich bestimmt von einer langen Reihe bewaffneter Propheten: Robespierre und Saint-Just, Baboeuf, Bakunin, Marx und Engels, Liebknecht und Luxemburg, Trotzki und Radek, Che, Castro und Pol Pot. Dem ersten in dieser Reihe, Robespierre, hat man den Beinamen „der Unbestechliche“ verliehen, nicht nur um ihn von den normalerweise korrupten Führern der Revolution zu unterscheiden (Mirabeau, Desmoulins, Danton usw. usf.), sondern auch, um das Maß seiner Überzeugtheit zu kennzeichnen. Robespierre war tatsächlich ganz von seiner Mission durchdrungen und seine Erbarmungslosigkeit das Modell für die Erbarmungslosigkeit aller übrigen, - Terroristen, praktizierende oder verhinderte. Der „Große Schrecken“ diente der äußersten Linken immer als Erziehungsmittel, eine Zuchtrute, um das ersehnte Endziel der Gleichheit zu erreichen. Da deren Verwirklichung auf immer neue Hindernisse stieß und die Menschen unbegreiflicher Weise das ihnen angebotene Gute verweigerten, mußte das pädagogische Instrumentarium furchtbarer ergänzt werden, um aus ihnen „neue Menschen“ zu machen oder sie als „Unmenschen“ zu beseitigen.

Die Linke ist schwankend geblieben in der Einschätzung dieses Teils ihrer Tradition. Die Erinnerung an eine heroische Zeit, an die Möglichkeit einer konsequenteren Alternative zu den bestehenden Verhältnissen zieht vor allem jede „Neue Linke“ an. Die Radikalsozialisten vor dem Ersten Weltkrieg, die Grenzgänger zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus in den Zwischenkriegsjahren, die Achtundsechziger der Nachkriegszeit waren fasziniert von der Vorstellung des großen Umsturzes. Das Interesse Letzterer an den vor- und außermarxistischen Traditionen, den Sklavenaufständen, den Landrevolten, den frühen, auch religiösen Anarchismen, dem abweichenden Verhalten in Subkulturen und im Lumpenproletariat, spricht dafür, daß stärker als theoretische Erwägungen nativistische und chiliastische Sehnsüchte nachwirkten, der „theologische Glutkern“ (Ernst Bloch) wichtiger war als Theorien. Das linke Prinzip wurde hier zum bisher letzten Mal kenntlich: egalitär und antizivilisatorisch, auf die Gleichheit als ein dem Menschen wohltuendes, ihn zu seiner wahren Natur zurückführendes Mittel alle Hoffnung setzend oder entschlossen, ihn in das Paradies oder Rousseaus Wälder zurückzuzwingen.
Allerdings zeigte die Barbarei ein anderes Gesicht als das erhoffte. Sie fügt sich problemlos in eine technisch hoch entwickelte Lebensform. Was als totale Emanzipation gedacht war, endete in neuen Zwängen, was Selbstbestimmung verhieß, führte zu einem Konformismus, der seinesgleichen sucht. Es hat das zu tun mit der Wirksamkeit biographischer Faktoren, dem Wunsch nach Ruhe und Karriere, aber auch mit der Gesetzmäßigkeit, nach der alle linken Anläufe scheitern. Dieses Scheitern hat heute einen anderen Charakter als in der Vergangenheit. Im 19. Jahrhundert mußte man wohl an der Möglichkeit von Restaurationen zweifeln, durfte aber glauben, daß zwischen der „Bewegungspartei“ – der Linken – und der „Beharrungspartei“ – der Rechten – ein dynamisches Gleichgewicht bestehe. Davon kann im 20. Jahrhundert keine Rede mehr sein. In immer neuen Schüben sind die europäischen Gesellschaften egalisiert worden und hat diese Tendenz auf die außereuropäische Welt gewirkt. Keine auf Tradition beruhende Ungleichheit hatte Bestand, und mittlerweile werden auch die natürlichen Differenzen immer weiter eingeebnet.
Dabei erwies sich wirksamer als jeder Versuch gewaltsamer Revolution und zwangsweiser Aufrechterhaltung der Egalität das Vertrauen auf die langfristige Wirkung der Bürokratie. Das „sozialdemokratische Jahrhundert“ (Ralf Dahrendorf) ist geprägt von einem ungeheuren Ausbau der Verwaltungsapparate, die in der Hand entsprechender Eliten das Instrument zur Herstellung von Gleichheit geworden sind. Dementsprechend wirkt die Linke nicht mehr länger nur anziehend auf die gesellschaftliche Basis und die „wurzellosen Intellektuellen“ (Wilhelm Röpke), sondern auch auf die Technokraten und den ganzen Bereich der neuen Mittelschichten. In ihrer Führung finden sich schon lange keine Popularen mehr, aber auch keine bewaffneten Propheten und selten Weltverbesserer, eher ein neuer – der vierte Typus – der des „Funktionärs“, der Egalisierung als notwendiges Mittel sozialer Integration begreift. Funktionäre haben jenen „Gleichheitsstaat“ (Walter Leisner) geschaffen, der in der Nachkriegszeit zum erfolgreichsten Modell der westlichen Welt wurde, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks – der extremistischen und deshalb erfolglosen Variante – sogar das einzig denkbare. Aber heute sieht es so aus, als ob diejenigen, die 1989 / 90 zur Niederlage der „Gesamtlinken“ (Jan Philipp Reemtsma) erklärten, in gewissem Sinne recht behalten sollten.

Die Linke hat ihren letzten Aufstieg entgegen eigener Erwartung in einer Phase des Wohlstands erlebt. Nicht die Pauperisierung der Massen, die Erhebung der Verzweifelten und die Errichtung eines planwirtschaftlichen Gesamtsystems machte die Verwirklichung vieler linker Träume möglich, sondern die beispiellose ökonomische Aufwärtsentwicklung und der Massenkonsum ließen es zu, die „Belastbarkeit“ des kapitalistischen Systems zu erproben. Was dabei an „sozialer Gerechtigkeit“ heraus kam, war aber nur denkbar, solange der Klassenfeind funktionierte. Wer in den siebziger Jahren die Allerweltswarnung von sich gab, man könne nur Geld ausgeben, das vorher auch verdient worden sei, erntete bei politisch Verantwortlichen Gelächter. So wie die Linke dem Glauben zuneigt, daß alle Kultur naturwüchsig ist, daß sie ohne Anstrengung entsteht und sich nach Abriß von selbst regeneriert, so hegt sie auch die Vorstellung, daß das Wirtschaften ein Kinderspiel sein müsse, daß es eigentlich nur um „Verteilungsfragen“ gehe. Mittlerweile ist der Prozeß der Revision in vollem Gange. Die so apostrophierte Renaissance der Linken nach den Wahlsiegen von New Labour und Schröders SPD war jedenfalls nur möglich, nachdem man sich dazu bekannt hatte, eine stärker marktorientierte – also Ungleichheit akzeptierende – Politik zu machen. Die zwingt allerdings zum dauernden Konflikt mit der eigenen Klientel und zur Rücknahme des bis dahin wirksamsten politischen Instruments: Herrschaft durch Nivellierung.
Hinter der Gleichheit tritt für die Linke alles andere zurück, vor allem die Idee der Freiheit. Sie neigt dazu, Freiheit entweder als Freiheit von materieller Bedrängnis zu bestimmen oder sie der „Einsicht in die Notwendigkeit“ (Karl Marx) ganz unterzuordnen. Es gibt im Hinblick auf die zentrale Bedeutung der Gleichheit auch keine Spannung zwischen Selbstbild und Fremdbild. Während die treibende Kraft des rechten Prinzips sehr viel schwerer abgegrenzt werden kann, besteht bei Anhängern wie Gegnern Einigkeit über den zentralen Vorstellungszusammenhang der Linken. Das Ziel einer egalitären Gesellschaft ist aber nur zu rechtfertigen aus der Vorstellung, daß der Mensch für ein solches Gemeinwesen geeignet sei. Dem widerspricht jede Erfahrung, auch die linke. Gewaltsam aufrechterhaltene Gleichheit erzeugt „neue Klassen“ (Milovan Djilas), über Reformen geschaffene wachsende Staatsdefizite und eine permanente Ausdehnung des Nivellierungsbedarfs, freiwillige den Zerfall des Kibbuz nachdem die Gründergeneration der Begeisterten alt geworden ist. Trotzdem wird die Linke an ihren Schlüsselvorstellungen festhalten, und wenig spricht dafür, daß deren Anziehungskraft je ganz verschwindet. Der Wunsch nach Gleichheit entspricht zu tiefen Sehnsüchten der Menschen, vor allem der nach einem „Leben ohne Bedingungen“ (Max Weber). Die utopische Struktur verbürgt geradezu die Dauer der Linken, die Unerreichbarkeit der Ziele die weltanschauliche Stabilität. Man wird dem als Korrektiv einen gewissen Wert zusprechen können, problematisch ist das Vorherrschen linker Konzepte, das Ausgreifen auf die Politik insgesamt und das heißt auch auf die schwierige Verknüpfung von Politik und Theologie.
Donoso Cortés zitierte Pierre-Joseph Proudhon mit dem Satz „Es ist auffallend, daß wir im Hintergrund unserer Politik stets auf die Theologie stoßen“, und pflichtete seinem Gegner ausdrücklich bei, wies aber darauf hin, daß die Linke die Aussagen der Theologie mißbrauche, indem sie sie verkürze. Was in der Heiligen Schrift als Ordnung einer jenseitigen Welt angekündigt werde oder Bezug auf die Zeit vor dem Fall habe, das wolle sie mit menschlichen Mitteln und in dieser Welt verwirklichen. Die Linke glaube, den Weg aus der Geschichte heraus zu weisen. Aber das sei Verblendung. Sie kenne keine „höhere Lösung“ und bereite gerade mit dem Bemühen, die Schöpfung neu zu entwerfen, Katastrophen den Weg.


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