Sezession
1. April 2004

Das linke Prinzip

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Karlheinz Weißmann

„Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und läßt die Reichen leer.“ (Lukas 1.51-53)

Charles Maurras, sicherlich einer der einflußreichsten Köpfe der politischen Rechten, hat das Magnifikat als „bolschewistisch“ bezeichnet, als radikallinkes Programm zwecks gewaltsamer Errichtung einer egalitären Ordnung. Tatsächlich ist in der Bibel eine Tradition nachzuweisen, die mit der Urgeschichte beginnt, über den Sklavenaufstand der Hebräer in Ägypten und die Kritik der Propheten an jenen, „die Haus an Haus reihen“ (Jesaja 5.8), bis zum Evangelium der Armen führt und geprägt ist von dem Verlangen nach sozialer Gleichheit.

Im Abendland hat die Vorstellung, daß die Gewaltigen vom Thron gestoßen und die Niedrigen erhoben werden, daß einmal die Armen reich und die Reichen arm sein sollen, immer wieder mächtige Erschütterungen ausgelöst. Die Wortführer der Rebellionen des Mittelalters und der frühen Neuzeit beriefen sich auf paradiesische Verhältnisse – „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann“ - , auf die Gleichheit, die unter den Israeliten während der Wüstenwanderung oder unmittelbar nach der Landnahme geherrscht habe oder auf die endzeitliche Verheißung eines Lebens ohne Not, ohne Gebrechen, ohne Tod. Die Grundmotive waren immer, den verlorenen Anfangszustand zurückzugewinnen oder durch einen apokalyptischen Akt in das Gottesreich einzutreten. Vielfach wurde das Neue schon hier und jetzt vorweggenommen. Sekten wie die „Adamiten“ lehnten nicht nur Eigentum, sondern auch Ehe ab und verknüpften Kommunismus mit Libertinage, die radikale reformatorische Strömung der diggers wollte Egalität durch Sittenstrenge, Rückkehr zum Landbau und Aufteilung des Grundbesitzes in kleinbäuerliche Parzellen erreichen.
Verglichen mit diesem Aktivismus waren die Gleichheitsträume der Antike elegisch. Man sehnte sich zwar nach einem Goldenen Zeitalter zurück, wußte es aber verloren. Am Beginn, so Ovid, haben die Menschen ohne Mühe gelebt, ohne Zwang und ohne Hierarchie, sogar die Natur war friedvoll:

„Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer, Ohne Gesetz, von selbst bewahrte man Treue und Anstand. Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten Stand an den Wänden auf Tafeln von Erz; es fürchtete keine Flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert … Selbst die Erde, vom Dienste befreit, nicht berührt von der Hacke, Unverwundet vom Pflug, so gewährte sie jegliche Gabe.“

Auch die Stoa kannte traurige Erinnerungen an die Egalität, die einmal unter den Menschen geherrscht hatte, sogar im Hinblick auf Begabung und Temperament, Rasse, Sprache und Religion. Ähnliche Wunschbilder sind in vielen Religionen nachweisbar, sogar in der indischen, die unter brahmanischem Einfluß eigentlich ein extrem hierarchisches Gesellschaftssystem rechtfertigen sollte: Am Beginn der Zeit lebten die Menschen aller Kasten in Harmonie, niemand mußte seinen Unterhalt verdienen, es gab keine individuellen Schicksale und alle konzentrierten sich auf Meditation und Anbetung der Götter. Ein politisches Programm läßt sich daraus selbstverständlich nicht ableiten.


 Gastbeitrag

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