Das linke Prinzip

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Karlheinz Weißmann

„Er übet Gewalt mit seinem Arm und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllet er mit Gütern und läßt die Reichen leer.“ (Lukas 1.51-53)

 Gastbeitrag

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Charles Mau­rras, sicher­lich einer der ein­fluß­reichs­ten Köp­fe der poli­ti­schen Rech­ten, hat das Magni­fi­kat als „bol­sche­wis­tisch“ bezeich­net, als radi­kallin­kes Pro­gramm zwecks gewalt­sa­mer Errich­tung einer ega­li­tä­ren Ord­nung. Tat­säch­lich ist in der Bibel eine Tra­di­ti­on nach­zu­wei­sen, die mit der Urge­schich­te beginnt, über den Skla­ven­auf­stand der Hebrä­er in Ägyp­ten und die Kri­tik der Pro­phe­ten an jenen, „die Haus an Haus rei­hen“ (Jesa­ja 5.8), bis zum Evan­ge­li­um der Armen führt und geprägt ist von dem Ver­lan­gen nach sozia­ler Gleichheit.

Im Abend­land hat die Vor­stel­lung, daß die Gewal­ti­gen vom Thron gesto­ßen und die Nied­ri­gen erho­ben wer­den, daß ein­mal die Armen reich und die Rei­chen arm sein sol­len, immer wie­der mäch­ti­ge Erschüt­te­run­gen aus­ge­löst. Die Wort­füh­rer der Rebel­lio­nen des Mit­tel­al­ters und der frü­hen Neu­zeit berie­fen sich auf para­die­si­sche Ver­hält­nis­se – „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edel­mann“ – , auf die Gleich­heit, die unter den Israe­li­ten wäh­rend der Wüs­ten­wan­de­rung oder unmit­tel­bar nach der Land­nah­me geherrscht habe oder auf die end­zeit­li­che Ver­hei­ßung eines Lebens ohne Not, ohne Gebre­chen, ohne Tod. Die Grund­mo­ti­ve waren immer, den ver­lo­re­nen Anfangs­zu­stand zurück­zu­ge­win­nen oder durch einen apo­ka­lyp­ti­schen Akt in das Got­tes­reich ein­zu­tre­ten. Viel­fach wur­de das Neue schon hier und jetzt vor­weg­ge­nom­men. Sek­ten wie die „Ada­mi­ten“ lehn­ten nicht nur Eigen­tum, son­dern auch Ehe ab und ver­knüpf­ten Kom­mu­nis­mus mit Liber­ti­na­ge, die radi­ka­le refor­ma­to­ri­sche Strö­mung der dig­gers woll­te Ega­li­tät durch Sit­ten­stren­ge, Rück­kehr zum Land­bau und Auf­tei­lung des Grund­be­sit­zes in klein­bäu­er­li­che Par­zel­len erreichen.
Ver­gli­chen mit die­sem Akti­vis­mus waren die Gleich­heits­träu­me der Anti­ke ele­gisch. Man sehn­te sich zwar nach einem Gol­de­nen Zeit­al­ter zurück, wuß­te es aber ver­lo­ren. Am Beginn, so Ovid, haben die Men­schen ohne Mühe gelebt, ohne Zwang und ohne Hier­ar­chie, sogar die Natur war friedvoll:

„Und es ent­stand die ers­te, die gol­de­ne Zeit: ohne Rächer, Ohne Gesetz, von selbst bewahr­te man Treue und Anstand. Stra­fe und Angst waren fern; kein Text von dro­hen­den Wor­ten Stand an den Wän­den auf Tafeln von Erz; es fürch­te­te kei­ne Fle­hen­de Schar ihren Rich­ter: man war ohne Rächer gesi­chert … Selbst die Erde, vom Diens­te befreit, nicht berührt von der Hacke, Unver­wun­det vom Pflug, so gewähr­te sie jeg­li­che Gabe.“

Auch die Stoa kann­te trau­ri­ge Erin­ne­run­gen an die Ega­li­tät, die ein­mal unter den Men­schen geherrscht hat­te, sogar im Hin­blick auf Bega­bung und Tem­pe­ra­ment, Ras­se, Spra­che und Reli­gi­on. Ähn­li­che Wunsch­bil­der sind in vie­len Reli­gio­nen nach­weis­bar, sogar in der indi­schen, die unter brah­ma­ni­schem Ein­fluß eigent­lich ein extrem hier­ar­chi­sches Gesell­schafts­sys­tem recht­fer­ti­gen soll­te: Am Beginn der Zeit leb­ten die Men­schen aller Kas­ten in Har­mo­nie, nie­mand muß­te sei­nen Unter­halt ver­die­nen, es gab kei­ne indi­vi­du­el­len Schick­sa­le und alle kon­zen­trier­ten sich auf Medi­ta­ti­on und Anbe­tung der Göt­ter. Ein poli­ti­sches Pro­gramm läßt sich dar­aus selbst­ver­ständ­lich nicht ableiten.

Für das Ent­ste­hen einer Welt­an­schau­ung, die ver­spricht, alles im Sinn der Gleich­heits­phan­ta­sie umzu­ge­stal­ten sind ande­re Vor­aus­set­zun­gen not­wen­dig. Wahr­schein­lich war der Ein­fluß von „Nati­vis­mus“ und „Chi­li­as­mus“ (Wil­helm E. Mühl­mann) aus­schlag­ge­bend. Als nati­vis­tisch bezeich­net man Bewe­gun­gen, die in eine mythi­sche Vor-Zeit zurück­keh­ren wol­len, als chi­lias­tisch sol­che, die ein „tau­send­jäh­ri­ges Reich“ der Nach-Zeit zu errei­chen suchen. Bei­den Moti­ven liegt Feind­se­lig­keit gegen­über der Geschich­te zugrun­de, was ihre Ver­schrän­kung nahe legt, obwohl­das eine vergangenheits‑, das ande­re zukunfts­ori­en­tiert ist. Nati­vis­tisch war das Ver­lan­gen nach einem „Sab­bat­jahr“ im alten Isra­el, aber auch die glei­che Ver­tei­lung des Bodens in Spar­ta, die auf der Annah­me beruh­te, so stel­le man den Zustand bei der Erobe­rung des Lan­des wie­der her, nati­vis­tisch war die Bewe­gung der Bogu­mi­len in der Ost­kir­che des 11. und 12. Jahr­hun­derts, die alles aus­rot­te­te, was über das Ver­ständ­nis des ein­fa­chen Vol­kes ging, vor allem die gelehr­te Theo­lo­gie, nati­vis­tisch war der Tabo­ris­mus, der nicht nur auf die urchrist­li­che Leh­re zurück­grei­fen, son­dern auch das böh­mi­sche Land in sei­nen Anfangs­zu­stand zurück­brin­gen woll­te, durch Ver­trei­bung der Deut­schen und Rei­ni­gung der tsche­chi­schen Spra­che von allen frem­den Wor­ten, nati­vis­tisch war der Wider­stand der alt­gläu­bi­gen Rus­sen gegen die Refor­men Peters des Gro­ßen und sicher­lich kön­nen die zahl­lo­sen Erhe­bun­gen der far­bi­gen Völ­ker gegen die Wei­ßen als nati­vis­tisch bezeich­net wer­den, so schon die Tupi-Grup­pen Süd­ame­ri­kas, die im 16. Jahr­hun­dert gegen die Spa­ni­er und deren kul­tu­rel­len Import kämpf­ten, die Geis­ter­tän­zer im Nor­den des Kon­ti­nents, die Kar­go-Kul­te Mela­ne­si­ens und Neu­gui­ne­as oder der Mau-Mau in Kenia. Die Völ­ker­kun­de ver­mu­tet, daß hin­ter die­sen Bewe­gun­gen immer ein- und der­sel­be Antrieb stand: Ver­nich­tung einer als zu kom­plex und bedroh­lich ange­se­he­nen Zivi­li­sa­ti­on und Her­stel­lung eines har­mo­ni­schen und idyl­li­schen Kon­trast­zu­stan­des, den man als Erin­ne­rung ima­gi­nier­te. Aber die Zer­stö­rung der Sym­bo­le des feind­li­chen Frem­den allein genügt sel­ten, des­halb ver­bin­det sich der Nati­vis­mus häu­fig mit chi­lias­ti­schen­Er­war­tun­gen, einer Apo­ka­lyp­se, „mes­sia­ni­schen Wehen“, Ter­ro­ri­sie­rung der Fein­de, der letz­ten Schlacht und dem Sieg der neu­en Eli­te, die aus den Pari­as von ehe­dem bestehen und eine gute und ein­fa­che – das heißt eine auf Gleich­heit beru­hen­de – Ord­nung errich­ten wird, die trotz ihrer Neu­heit dem Ursprungs­zu­stand entspricht.
Wenn Gleich­heit so ver­brei­tet als wün­schens­wert betrach­tet wird und es seit alters Ver­su­che gibt, sie not­falls mit Gewalt her­zu­stel­len, wel­ches all­ge­mei­ne und ele­men­ta­re mensch­li­che Bedürf­nis steht dahin­ter? Aus­schlag­ge­bend ist wahr­schein­lich eine bestimm­te Vor­stel­lung von Gerech­tig­keit. Die Kor­re­spon­denz zwi­schen Gerech­tig­keit und Gleich­heit wird jeden­falls nicht erst in der Moder­ne behaup­tet. Schon Aris­to­te­les muß­te erheb­li­che Mühe auf den Nach­weis ver­wen­den, daß nur im Grenz­fall das Prin­zip „Allen das Glei­che“ gerecht ist, wäh­rend im Nor­mal­fall „Jedem das Sei­ne“ gege­ben wer­den müs­se. Die „dis­tri­bu­ti­ve Gerech­tig­keit“ kommt bloß zum Zuge, wenn es um Teil­ha­be an ele­men­ta­ren Gütern geht, deren Ver­wei­ge­rung das Leben unmög­lich oder ganz unwür­dig macht. Wie der Kon­ser­va­ti­ve Ernst Lud­wig von Ger­lach mein­te, ist gegen den, „der das Eigen­tum nur als Genuß­mit­tel kon­ser­vie­ren will, … der Kom­mu­nis­mus in sei­nem Rech­te“. Dabei han­delt es sich aber um einen Aus­nah­me­fall, und gewöhn­lich hat jene Gerech­tig­keit Hand­lungs­grund­la­ge zu sein, die dem Ein­zel­nen nach Ver­dienst gibt. Das zwingt dazu, Maß­stä­be für Ange­mes­sen­heit fest­zu­le­gen, die natur­ge­mäß umstrit­ten sind, jeden­falls dyna­mi­scher und viel weni­ger ein­deu­tig als das Gleich­heits­prin­zip, das sche­ma­tisch ange­wandt wer­den kann.

Die Sim­pli­zi­tät erklärt viel von der Anzie­hungs­kraft des Gleich­heits­pos­tu­lats, aber es gibt noch eine mäch­ti­ge­re Ursa­che für des­sen Attrak­ti­on. Der Sozio­lo­ge Hel­mut Schoeck hat auf den Neid als einen der wich­tigs­ten Fak­to­ren im mensch­li­chen Zusam­men­le­ben hin­ge­wie­sen. Die­se Bedeu­tung wäre kaum vor­stell­bar, wenn der Neid nicht einen gewis­sen sozia­len Mehr­wert her­vor­bräch­te: Neid führt zur Unzu­frie­den­heit mit bestehen­den Ver­hält­nis­sen und ermög­licht Kon­kur­renz um bes­se­re Lösun­gen. Aller­dings hängt die kon­struk­ti­ve Wir­kung des Nei­des ab vom Ein­fluß der ihn hem­men­den Fak­to­ren. „Blan­ker Neid“ wirkt nur zer­stö­rend. Das hat sei­ne his­to­ri­sche Bedeu­tung nicht gemin­dert. Gera­de die destruk­ti­ve Sei­te des Nei­des spiel­te in Revo­lu­tio­nen eine ent­schei­den­de Rol­le. Neid wirk­te sich vor allem bei den kom­mu­nis­ti­schen Macht­er­grei­fun­gen und den Erhe­bun­gen der „Drit­ten Welt“ aus. In der Anfangs­pha­se des Indo­chi­na­kriegs wur­de beob­ach­tet, daß der Ter­ror der Vietminh nach Ver­trei­bung der Wei­ßen aus einem besetz­ten Gebiet zuerst gegen die „Bes­ser­ge­stell­ten“ unter den Ein­hei­mi­schen gerich­tet wur­de: die, die eine Mis­si­ons­schu­le besucht hat­ten, die, die ein Geschäft besa­ßen oder über ande­res Eigen­tum ver­füg­ten. Waren sie getö­tet oder aus­ge­schal­tet, dehn­te man die Maß­nah­men auf jeden aus, der eine Näh­ma­schi­ne oder ein Fahr­rad besaß, sich Fleisch zu essen erlaub­te oder Milch in sei­nen Kaf­fee nahm. Ent­schei­dend war dabei, daß die kom­mu­nis­ti­schen Funk­tio­nä­re inner­halb der­sel­ben sozia­len Schicht gezielt zum Neid ansta­chel­ten, was eine Flut von Denun­zia­tio­nen aus­lös­te, die wei­te­re Kon­trol­len durch die Behör­den über­flüs­sig machte.
Daß sich Neid vor­züg­lich als Mit­tel zur Erlan­gung und Siche­rung von Herr­schaft eig­net, erklär­te Schoeck aus einer ele­men­ta­ren Struk­tur des Bewußt­seins: „Das Nei­den­kön­nen ist vor­ge­ge­ben. Inso­weit der Mensch ein Wesen ist, das über sei­ne Exis­tenz nach­den­ken kann, muß er auch ein­mal fra­gen: ‘Wes­halb bin ich und nicht ein ande­rer?´ Die nächs­te Fra­ge ergibt sich von selbst: ‘Wes­halb ist die Exis­tenz des ande­ren von der mei­nen so ver­schie­den?´“ Aller­dings bedeu­te die­se Fest­stel­lung nicht, daß man alle Aus­wir­kun­gen des Nei­des als schick­sal­haft betrach­ten müs­se, die ent­schei­den­den zivi­li­sa­to­ri­schen Leis­tun­gen wur­den gegen den Neid erreicht. Auch des­halb sei die Ent­wick­lung in Euro­pa bedenk­lich: der „emp­find­sa­me Abend­län­der“ – so Schoeck – habe seit Mit­te des 18. Jahr­hun­derts „vor dem Neid der ande­ren die Ner­ven ver­lo­ren“. Im Gefol­ge der Auf­klä­rung ent­stan­den neue Hand­lungs- und Agi­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten, die dem Neid nicht nur vor­über­ge­hend, son­dern dau­ernd Repu­ta­ti­on ver­schaff­ten, ihn vor­zeig­bar mach­ten und den Benei­de­ten unter Recht­fer­ti­gungs­zwang setzten.
Es ist offen­sicht­lich, daß der Auf­stieg des Neids zur sozia­len Groß­macht mit dem Auf­stieg der moder­nen Lin­ken ein­her­geht. Was sie mit der „ewi­gen Lin­ken“ (Ernst Nol­te) ver­bin­det, ist der alte Traum von der ega­li­tä­ren Gesell­schaft, der Drang Ungleich­hei­ten ein­zu­eb­nen, den Kreis der Glei­chen dau­ernd zu erwei­tern. Was sich ver­än­dert hat, das ist vor allem die Struk­tur der poli­ti­schen Füh­rung, die sich deut­li­cher dif­fe­ren­zier­te: in die Typen des „Popu­la­ren“, des „Welt­ver­bes­se­rers“ und des „bewaff­ne­ten Pro­phe­ten“. Als Popu­la­re wer­den die­je­ni­gen bezeich­net, die die Gleich­heits­for­de­rung nur als poli­ti­sches Instru­ment betrach­ten. Sie haben erkannt, daß ihre Zeit kei­ne deut­li­chen sozia­len Unter­schie­de mehr erträgt, daß die tra­di­tio­nel­le Ord­nung unrett­bar in Auf­lö­sung begrif­fen ist. Sie nut­zen die Dyna­mik des Zer­falls­pro­zes­ses, um ihre eige­ne Kar­rie­re zu för­dern und tre­ten als „Dem­ago­gen“ – „Volks­füh­rer“ – auf, die vor­ge­ben, die Mas­sen gegen die Pri­vi­le­gier­ten zu ver­tei­di­gen. Was Figu­ren wie The­mis­to­kles und Peri­kles, Pom­pei­us und Cäsar mit Bona­par­te und Lenin eint, ist neben dem zyni­schen Gebrauch der Ega­li­tät ihre Her­kunft aus den alten Füh­rungs­schich­ten. Die tritt bei den anti­ken Bei­spie­len beson­ders deut­lich hervor,während man im Fal­le Bona­par­tes und Lenins eher von Deklas­sier­ten zu spre­chen hat, die die Zei­chen der Zeit erkann­ten und glaub­ten, den ihnen ange­mes­se­nen Sta­tus im Bünd­nis mit den auf­stei­gen­den Mäch­ten gewin­nen zu kön­nen. Das erklärt ihren Klassenverrat.

Wenn der Popu­la­re eine Figur des Über­gangs ist, so der Welt­ver­bes­se­rer eine Gestalt, die von Anbe­ginn zur Lin­ken gehör­te, in vie­lem ver­kör­pert er ihr Wesen. Dabei sind Span­nun­gen mit den Popu­la­ren unaus­weich­lich, man erin­ne­re sich der weg­wer­fen­den Äuße­run­gen Bona­par­tes über die „Ideo­lo­gen“. Ande­rer­seits­wä­re der Erfolg lin­ker Pro­gram­me ohne das Sen­dungs­be­wußt­sein der Welt­ver­bes­se­rer kaum zu erklä­ren. Sie sind davon durch­drun­gen, das Gan­ze ver­stan­den, die Geset­ze sei­ner Mecha­nik begrif­fen zu haben und mit­tels geziel­ter Ein­grif­fe in die­se Mecha­nik das Gan­ze zu opti­mie­ren. Der so Begeis­ter­te kann ein harm­lo­ser Träu­mer sein oder ein Tat­kräf­ti­ger, der sich für die Besei­ti­gung kon­kre­ter Miß­stän­de ein­setzt oder in irgend­ei­ner­ab­ge­le­ge­nen Gegend sein Uto­pia ver­wirk­licht, aber es hat auch immer wie­der den Fall gege­ben, daß aus den Rei­hen der Welt­ver­bes­se­rer der bewaff­ne­te Pro­phet her­vor­geht, der alles und alles gewalt­sam ver­än­dern will.
Ohne den bewaff­ne­ten Pro­phe­ten ist kei­ne Revo­lu­ti­on mög­lich. Wer nichts mehr zu ver­lie­ren hat als sei­ne Ket­ten, mag sich erhe­ben, aber es fehlt ihm an Ziel­stre­big­keit, an Über­bau. Geor­ges Rudé hat in einer Unter­su­chung über die Bedeu­tung der Mas­sen für die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on dar­auf hin­ge­wie­sen, daß nur das Zusam­men­spiel von Sans­cu­lot­ten, die aus­schließ­lich an der „Magen­fra­ge“ inter­es­siert waren, und einer radi­ka­li­sier­ten Intel­li­genz, die ihre abs­trak­ten poli­ti­schen Prin­zi­pi­en durch­set­zen woll­te, den Erfolg des Umstur­zes erklä­re: „… das pri­mä­re und andau­ernds­te Motiv für die revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen in die­sen Jah­ren war die Sor­ge um die Beschaf­fung von bil­li­ger und aus­rei­chen­der Nah­rung. Mehr als irgend­ein ande­rer Fak­tor war dies das Roh­ma­te­ri­al, aus dem die popu­lä­re Revo­lu­ti­on geschmie­det wur­de. Die­ser Umstand allein erklärt die anhal­ten­de sozia­le Gärung, die in jenen Jah­ren für die Haupt­stadt so bezeich­nend war und aus der die gro­ßen Auf­stands­ta­ge her­vor­gin­gen. … Ohne die Durch­schlags­kraft poli­ti­scher Ideen jedoch, die haupt­säch­lich von bür­ger­li­chen Füh­rern ver­brei­tet wur­den, wären die­se Teil­be­we­gun­gen ziel­los und erfolg­los geblieben.“
Die Geschich­te der Lin­ken in den bei­den letz­ten Jahr­hun­der­ten wird wesent­lich bestimmt von einer lan­gen Rei­he bewaff­ne­ter Pro­phe­ten: Robes­pierre und Saint-Just, Baboe­uf, Baku­nin, Marx und Engels, Lieb­knecht und Luxem­burg, Trotz­ki und Radek, Che, Cas­tro und Pol Pot. Dem ers­ten in die­ser Rei­he, Robes­pierre, hat man den Bei­na­men „der Unbe­stech­li­che“ ver­lie­hen, nicht nur um ihn von den nor­ma­ler­wei­se kor­rup­ten Füh­rern der Revo­lu­ti­on zu unter­schei­den (Mira­beau, Des­moulins, Dan­ton usw. usf.), son­dern auch, um das Maß sei­ner Über­zeugt­heit zu kenn­zeich­nen. Robes­pierre war tat­säch­lich ganz von sei­ner Mis­si­on durch­drun­gen und sei­ne Erbar­mungs­lo­sig­keit das Modell für die Erbar­mungs­lo­sig­keit aller übri­gen, – Ter­ro­ris­ten, prak­ti­zie­ren­de oder ver­hin­der­te. Der „Gro­ße Schre­cken“ dien­te der äußers­ten Lin­ken immer als Erzie­hungs­mit­tel, eine Zucht­ru­te, um das ersehn­te End­ziel der Gleich­heit zu errei­chen. Da deren Ver­wirk­li­chung auf immer neue Hin­der­nis­se stieß und die Men­schen unbe­greif­li­cher Wei­se das ihnen ange­bo­te­ne Gute ver­wei­ger­ten, muß­te das päd­ago­gi­sche Instru­men­ta­ri­um furcht­ba­rer ergänzt wer­den, um aus ihnen „neue Men­schen“ zu machen oder sie als „Unmen­schen“ zu beseitigen.

Die Lin­ke ist schwan­kend geblie­ben in der Ein­schät­zung die­ses Teils ihrer Tra­di­ti­on. Die Erin­ne­rung an eine heroi­sche Zeit, an die Mög­lich­keit einer kon­se­quen­te­ren Alter­na­ti­ve zu den bestehen­den Ver­hält­nis­sen zieht vor allem jede „Neue Lin­ke“ an. Die Radi­kal­so­zia­lis­ten vor dem Ers­ten Welt­krieg, die Grenz­gän­ger zwi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie und Kom­mu­nis­mus in den Zwi­schen­kriegs­jah­ren, die Acht­und­sech­zi­ger der Nach­kriegs­zeit waren fas­zi­niert von der Vor­stel­lung des gro­ßen Umstur­zes. Das Inter­es­se Letz­te­rer an den vor- und außer­mar­xis­ti­schen Tra­di­tio­nen, den Skla­ven­auf­stän­den, den Land­re­vol­ten, den frü­hen, auch reli­giö­sen Anar­chis­men, dem abwei­chen­den Ver­hal­ten in Sub­kul­tu­ren und im Lum­pen­pro­le­ta­ri­at, spricht dafür, daß stär­ker als theo­re­ti­sche Erwä­gun­gen nati­vis­ti­sche und chi­lias­ti­sche Sehn­süch­te nach­wirk­ten, der „theo­lo­gi­sche Glut­kern“ (Ernst Bloch) wich­ti­ger war als Theo­rien. Das lin­ke Prin­zip wur­de hier zum bis­her letz­ten Mal kennt­lich: ega­li­tär und anti­zi­vi­li­sa­to­risch, auf die Gleich­heit als ein dem Men­schen wohl­tu­en­des, ihn zu sei­ner wah­ren Natur zurück­füh­ren­des Mit­tel alle Hoff­nung set­zend oder ent­schlos­sen, ihn in das Para­dies oder Rous­se­aus Wäl­der zurückzuzwingen.
Aller­dings zeig­te die Bar­ba­rei ein ande­res Gesicht als das erhoff­te. Sie fügt sich pro­blem­los in eine tech­nisch hoch ent­wi­ckel­te Lebens­form. Was als tota­le Eman­zi­pa­ti­on gedacht war, ende­te in neu­en Zwän­gen, was Selbst­be­stim­mung ver­hieß, führ­te zu einem Kon­for­mis­mus, der sei­nes­glei­chen sucht. Es hat das zu tun mit der Wirk­sam­keit bio­gra­phi­scher Fak­to­ren, dem Wunsch nach Ruhe und Kar­rie­re, aber auch mit der Gesetz­mä­ßig­keit, nach der alle lin­ken Anläu­fe schei­tern. Die­ses Schei­tern hat heu­te einen ande­ren Cha­rak­ter als in der Ver­gan­gen­heit. Im 19. Jahr­hun­dert muß­te man wohl an der Mög­lich­keit von Restau­ra­tio­nen zwei­feln, durf­te aber glau­ben, daß zwi­schen der „Bewe­gungs­par­tei“ – der Lin­ken – und der „Behar­rungs­par­tei“ – der Rech­ten – ein dyna­mi­sches Gleich­ge­wicht bestehe. Davon kann im 20. Jahr­hun­dert kei­ne Rede mehr sein. In immer neu­en Schü­ben sind die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten ega­li­siert wor­den und hat die­se Ten­denz auf die außer­eu­ro­päi­sche Welt gewirkt. Kei­ne auf Tra­di­ti­on beru­hen­de Ungleich­heit hat­te Bestand, und mitt­ler­wei­le wer­den auch die natür­li­chen Dif­fe­ren­zen immer wei­ter eingeebnet.
Dabei erwies sich wirk­sa­mer als jeder Ver­such gewalt­sa­mer Revo­lu­ti­on und zwangs­wei­ser Auf­recht­erhal­tung der Ega­li­tät das Ver­trau­en auf die lang­fris­ti­ge Wir­kung der Büro­kra­tie. Das „sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Jahr­hun­dert“ (Ralf Dah­ren­dorf) ist geprägt von einem unge­heu­ren Aus­bau der Ver­wal­tungs­ap­pa­ra­te, die in der Hand ent­spre­chen­der Eli­ten das Instru­ment zur Her­stel­lung von Gleich­heit gewor­den sind. Dem­entspre­chend wirkt die Lin­ke nicht mehr län­ger nur anzie­hend auf die gesell­schaft­li­che Basis und die „wur­zel­lo­sen Intel­lek­tu­el­len“ (Wil­helm Röp­ke), son­dern auch auf die Tech­no­kra­ten und den gan­zen Bereich der neu­en Mit­tel­schich­ten. In ihrer Füh­rung fin­den sich schon lan­ge kei­ne Popu­la­ren mehr, aber auch kei­ne bewaff­ne­ten Pro­phe­ten und sel­ten Welt­ver­bes­se­rer, eher ein neu­er – der vier­te Typus – der des „Funk­tio­närs“, der Ega­li­sie­rung als not­wen­di­ges Mit­tel sozia­ler Inte­gra­ti­on begreift. Funk­tio­nä­re haben jenen „Gleich­heits­staat“ (Wal­ter Leis­ner) geschaf­fen, der in der Nach­kriegs­zeit zum erfolg­reichs­ten Modell der west­li­chen Welt wur­de, nach dem Zusam­men­bruch des Ost­blocks – der extre­mis­ti­schen und des­halb erfolg­lo­sen Vari­an­te – sogar das ein­zig denk­ba­re. Aber heu­te sieht es so aus, als ob die­je­ni­gen, die 1989 / 90 zur Nie­der­la­ge der „Gesamt­lin­ken“ (Jan Phil­ipp Reem­ts­ma) erklär­ten, in gewis­sem Sin­ne recht behal­ten sollten.

Die Lin­ke hat ihren letz­ten Auf­stieg ent­ge­gen eige­ner Erwar­tung in einer Pha­se des Wohl­stands erlebt. Nicht die Pau­peri­sie­rung der Mas­sen, die Erhe­bung der Ver­zwei­fel­ten und die Errich­tung eines plan­wirt­schaft­li­chen Gesamt­sys­tems mach­te die Ver­wirk­li­chung vie­ler lin­ker Träu­me mög­lich, son­dern die bei­spiel­lo­se öko­no­mi­sche Auf­wärts­ent­wick­lung und der Mas­sen­kon­sum lie­ßen es zu, die „Belast­bar­keit“ des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems zu erpro­ben. Was dabei an „sozia­ler Gerech­tig­keit“ her­aus kam, war aber nur denk­bar, solan­ge der Klas­sen­feind funk­tio­nier­te. Wer in den sieb­zi­ger Jah­ren die Aller­welts­war­nung von sich gab, man kön­ne nur Geld aus­ge­ben, das vor­her auch ver­dient wor­den sei, ern­te­te bei poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen Geläch­ter. So wie die Lin­ke dem Glau­ben zuneigt, daß alle Kul­tur natur­wüch­sig ist, daß sie ohne Anstren­gung ent­steht und sich nach Abriß von selbst rege­ne­riert, so hegt sie auch die Vor­stel­lung, daß das Wirt­schaf­ten ein Kin­der­spiel sein müs­se, daß es eigent­lich nur um „Ver­tei­lungs­fra­gen“ gehe. Mitt­ler­wei­le ist der Pro­zeß der Revi­si­on in vol­lem Gan­ge. Die so apo­stro­phier­te Renais­sance der Lin­ken nach den Wahl­sie­gen von New Labour und Schrö­ders SPD war jeden­falls nur mög­lich, nach­dem man sich dazu bekannt hat­te, eine stär­ker markt­ori­en­tier­te – also Ungleich­heit akzep­tie­ren­de – Poli­tik zu machen. Die zwingt aller­dings zum dau­ern­den Kon­flikt mit der eige­nen Kli­en­tel und zur Rück­nah­me des bis dahin wirk­sams­ten poli­ti­schen Instru­ments: Herr­schaft durch Nivellierung.
Hin­ter der Gleich­heit tritt für die Lin­ke alles ande­re zurück, vor allem die Idee der Frei­heit. Sie neigt dazu, Frei­heit ent­we­der als Frei­heit von mate­ri­el­ler Bedräng­nis zu bestim­men oder sie der „Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit“ (Karl Marx) ganz unter­zu­ord­nen. Es gibt im Hin­blick auf die zen­tra­le Bedeu­tung der Gleich­heit auch kei­ne Span­nung zwi­schen Selbst­bild und Fremd­bild. Wäh­rend die trei­ben­de Kraft des rech­ten Prin­zips sehr viel schwe­rer abge­grenzt wer­den kann, besteht bei Anhän­gern wie Geg­nern Einig­keit über den zen­tra­len Vor­stel­lungs­zu­sam­men­hang der Lin­ken. Das Ziel einer ega­li­tä­ren Gesell­schaft ist aber nur zu recht­fer­ti­gen aus der Vor­stel­lung, daß der Mensch für ein sol­ches Gemein­we­sen geeig­net sei. Dem wider­spricht jede Erfah­rung, auch die lin­ke. Gewalt­sam auf­recht­erhal­te­ne Gleich­heit erzeugt „neue Klas­sen“ (Mil­o­van Dji­las), über Refor­men geschaf­fe­ne wach­sen­de Staats­de­fi­zi­te und eine per­ma­nen­te Aus­deh­nung des Nivel­lie­rungs­be­darfs, frei­wil­li­ge den Zer­fall des Kib­buz nach­dem die Grün­der­ge­nera­ti­on der Begeis­ter­ten alt gewor­den ist. Trotz­dem wird die Lin­ke an ihren Schlüs­sel­vor­stel­lun­gen fest­hal­ten, und wenig spricht dafür, daß deren Anzie­hungs­kraft je ganz ver­schwin­det. Der Wunsch nach Gleich­heit ent­spricht zu tie­fen Sehn­süch­ten der Men­schen, vor allem der nach einem „Leben ohne Bedin­gun­gen“ (Max Weber). Die uto­pi­sche Struk­tur ver­bürgt gera­de­zu die Dau­er der Lin­ken, die Uner­reich­bar­keit der Zie­le die welt­an­schau­li­che Sta­bi­li­tät. Man wird dem als Kor­rek­tiv einen gewis­sen Wert zuspre­chen kön­nen, pro­ble­ma­tisch ist das Vor­herr­schen lin­ker Kon­zep­te, das Aus­grei­fen auf die Poli­tik ins­ge­samt und das heißt auch auf die schwie­ri­ge Ver­knüp­fung von Poli­tik und Theologie.
Dono­so Cor­tés zitier­te Pierre-Joseph Proud­hon mit dem Satz „Es ist auf­fal­lend, daß wir im Hin­ter­grund unse­rer Poli­tik stets auf die Theo­lo­gie sto­ßen“, und pflich­te­te sei­nem Geg­ner aus­drück­lich bei, wies aber dar­auf hin, daß die Lin­ke die Aus­sa­gen der Theo­lo­gie miß­brau­che, indem sie sie ver­kür­ze. Was in der Hei­li­gen Schrift als Ord­nung einer jen­sei­ti­gen Welt ange­kün­digt wer­de oder Bezug auf die Zeit vor dem Fall habe, das wol­le sie mit mensch­li­chen Mit­teln und in die­ser Welt ver­wirk­li­chen. Die Lin­ke glau­be, den Weg aus der Geschich­te her­aus zu wei­sen. Aber das sei Ver­blen­dung. Sie ken­ne kei­ne „höhe­re Lösung“ und berei­te gera­de mit dem Bemü­hen, die Schöp­fung neu zu ent­wer­fen, Kata­stro­phen den Weg.

 Gastbeitrag

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