Sezession
1. April 2004

Autorenportrait Pierre-Joseph Proudhon

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Eberhard Straub

„Was für eine Gesellschaft streben Sie also an?“ fragte Prinz Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III., den ihn interessierenden Pierre-Joseph Proudhon. „Eine, in der ich als ein Konservativer geköpft würde“, antwortete verschmitzt l‘homme terreur, der Schreckensmann aller leicht zu verängstigenden Bürger während der Februar-Revolution 1848. Er verstand sich, wie er oftmals wiederholte, als Revolutionär, der jedoch zutiefst konservativ sei. „Wer Revolution sagt, meint notwendigerweise Fortschritt und damit unweigerlich Bewahrung (conservation)“. Denn die gesellschaftlichen Veränderungen in der Geschichte entwickeln sich in einer ununterbrochenen Reihe von Metamorphosen, in der jede Umgestaltung sich aus Vorformen ergibt, die den Keim zu Umwandlungen in sich enthalten. Revolutionen, die sich selber idealisieren und darüber die „revolutionäre Geduld“ verlieren, weil sie Abstraktionen, weltfremde Ideale verwirklichen wollen, statt aus dem konkreten Leben zu neuen Lebensformen hinüber zu leiten, müssen, wie die Große, die Französische Revolution bestätigte, nach Proudhons Ansicht scheitern.

In diesem Sinne war er tatsächlich ein Konservativer und Revolutionär, der erste, der mit seiner Freude am Paradox diese beiden Gegensätze miteinanderversöhnte und für die Konservative Revolution warb, weil alles Neue, was sich nicht aus der Tradition rechtfertigt, nur Wiederholung, Plagiat ist, Wiederkehr des Alten, das gewaltsam umgestürzt wurde und in verzerrter Gestalt erst recht als lebensfeindliche Macht wirkt. Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) war als konservativer Revolutionär kein Republikaner. „Res publica meint die öffentliche Sache, und wer immer sich der öffentlichen Sache widmet unter welcher Regierungsform auch immer, kann sich Republikaner nennen. Auch Könige sind daher Republikaner“. Als Demokrat mochte er nicht gelten, aus Mißtrauen gegenüber dem sogenannten Volk, das sich nach Führern sehne. Monarchist oder Aristokrat konnte er nicht sein, weil er die Herrschaft eines Einzelnen und auch die einiger Weniger verurteilte. Verfassungen und Gewaltenteilung hielt er für große Täuschungsmanöver. Er witterte unter allen institutionellen Maskeraden die Schelmerei und den Betrug, auch im Kommunismus oder Sozialismus. So war er für alle Richtungen verdächtig, von allen je nach ihrer Dogmatik exkommuniziert, wie er, der resolute Anti-Dogmatiker, zufrieden bemerkte.
Mit dem Selbstbewußtsein des freien Mannes, der die Würde des Menschen darin erkennt, zur Freiheit berufen zu sein, begriff er sich als Anarchisten. Als Herr seiner selbst, keiner Autorität hörig, entzog er sich schroff allen Versuchen, ihn zum Konformisten oder Kollaborateur zu machen, ihn einzupassen in die ideologischen Systemlegitimationen, also zur politischen Korrektheit zu erziehen, wie heute Schelme befreiender Aufklärung die Gleichschaltung zur systemgerechten Funktionstüchtigkeit nennen. Proudhon machte sich unmöglich für all jene, die nach dem besten Staat und der besten Verfassung suchten, wohingegen er als freier Mann jede Regierungsform danach beurteilte, in wie weit sie es dem Menschen erlaube, frei zu leben und dadurch seine Freiheit als seine Bestimmung und Berufung zu erleben. Er ging vom Menschen aus, von der radikalen Freiheit des Einzelnen, der im Anderen nicht seinen Nächsten sieht, sondern den Fremden, den ganz anderen fürchtet, der mit seiner radikalen Freiheit ihm gefährlich wird. Proudhons Feinde – Gegner hatte er nicht – sprachen vom Staat, von der Verfassung, von allgemeinen Ideen, auf die sie jeden Einzelnen mit seiner proprietas, mit seinem unverwechselbaren Eigentum bezogen. Proudhons deutscher Zeitgenosse Max Stirner brachte den libertären Anarchismus 1845 auf die prägnante und polemische Formel: Der Einzige und sein Eigentum. Jeder Mensch ist einzig, eine Welt für sich, unerschöpflich, unaussprechbar und keines Anderen Nachhall oder Widerschein.


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