Neue Linke und Gewalt

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Bernd Rabehl

Die Konzeption einer „Dialektik der Gewalt“ bezieht sich auf die politische Definition von Gewalt. Sie wurde von den unterschiedlichen Linksfraktionen im Nachkriegsdeutschland je nach Nähe oder Entfernung zur staatlichen Macht unterschiedlich vorgenommen. So trug die Theorie vom Monopolkapital oder vom Sicherheitsstaat der BRD dem Kaderaufbau von KPD oder SED Rechnung. Sie entstand als Konzeption von Wirklichkeit oder „Ortsbestimmung“ nicht im wissenschaftlichen Disput oder auf der Grundlage einer freien Wissenschaft, sondern schälte sich aus der Programmatik dieser Parteien heraus und genügte einem machtstrategischen Kalkül der Sowjetunion. Die Sozialdemokratie hingegen, die sich in der gleichen Zeitspanne darauf vorbereitete, Regierungsmacht in der Bundesrepublik zu werden und in den einzelnen Ländern und Kommunen Regierungen oder Bürgermeister stellte, hatte eine andere Sicht von Gewalt. Verfassung und Gesetz waren nach ihrer Weltanschauung Ergebnis sozialer und historischer Entwicklungen. In dem Maße wie sich Gewerkschaften und Sozialdemokratie in den bestehenden Staat hineingekämpft hatten und Machtpositionen besetzten, änderte sich der Rechtscharakter des Staates und der Strafgesetzordnung. Die Sozialdemokratie stand deshalb grundsätzlich positiv zur westlichen Demokratie, weil sie offen war für die skizzierten rechtlichen Transformationen und langfristig den Bürgerkrieg zwischen den Klassen abschaffte beziehungsweise rechtlichen Kompromissen unterwarf.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Die­se Gewalt- und Rechts­po­si­tio­nen zwi­schen den Kon­tra­hen­ten von KPD und SPD lie­ßen einen wei­ten Spiel­raum der Inter­pre­ta­tio­nen zu. Die tra­di­tio­nel­le Lin­ke, die sich aus den unter­schied­li­chen Bruch­stü­cken der his­to­ri­schen Spal­tun­gen in der Arbei­ter­be­we­gung zusam­men­setz­te, ten­dier­te zum Gewalt­ri­go­ris­mus der KPD. Die bür­ger­li­che Frie­den­sund Oster­marsch­be­we­gung vari­ier­te die Rechts­auf­fas­sung der SPD. Die „Gewalt­lo­sig­keit“ wur­de nicht nur über Ghan­di oder den anti­ko­lo­nia­len Kampf in Indi­en begrün­det. Sie wur­de immer auch aus den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes abge­lei­tet und soll­te fest­le­gen, daß es zu mili­tan­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Jus­tiz und Poli­zei nicht kom­men soll­te; nur so sei die Aggres­si­vi­tät der Sicher­heits­or­ga­ne zu unter­lau­fen. We shall over­co­me war ihr Frie­dens­ge­bet und die Hym­ne ihres Sieges.
Eine voll­kom­men ande­re Gewalt- und Rechts­theo­rie wur­de in einer ent­ste­hen­den anti­au­to­ri­tä­ren Lin­ken dis­ku­tiert. Sie stand zwar unter dem Ein­fluß der Gewalt­auf­fas­sung der tra­di­tio­nel­len Lin­ken, ging jedoch eige­ne Wege und radi­ka­li­sier­te sich im Ver­lau­fe der vie­len Pro­vo­ka­tio­nen bis 1968. Die­se anti­au­to­ri­tä­re Lin­ke hat­te ihre Ursprün­ge in Kunst, Male­rei und Pro­sa, kurz: in der phi­lo­so­phi­schen Ästhe­tik, und beschritt in Theo­rie und Pra­xis voll­kom­men ande­re Wege als die tra­di­tio­nel­le Lin­ke, obwohl sie spä­ter von die­ser durch den Man­gel bezie­hungs­wei­se durch den Ver­lust an Poli­tik­fä­hig­keit wie­der absor­biert wur­de. Die ästhe­ti­sche Betrach­tung von Poli­tik fand ihre Bestä­ti­gung oder Ergän­zung durch die „Kri­ti­sche Theo­rie“. Die­se stand aber zu kei­nem Zeit­punkt im Mit­tel­punkt der Überlegungen.

Der Ekel vor dem Kunst­markt und vor der Ver­mark­tung von Geist und See­le ver­ein­te die indi­vi­du­el­len Rebel­len und Ein­zel­gän­ger aus dem Milieu der Künst­ler, der Bil­dung, der Bohè­me und der Kul­tur. Die Akteu­re woll­ten sich aus dem Sta­tus des Kon­su­men­ten lösen. Sie woll­ten nicht mehr Kunst­wer­ke her­stel­len und ver­kau­fen. Der Akt der Kunst­pro­duk­ti­on und der Ver­nich­tung die­ser „Schöp­fun­gen“ wur­de Kern der Kunst­auf­fas­sung und der Kri­tik an der bestehen­den „Kon­sum­ge­sell­schaft“. Auf­bau­en, Ein­rei­ßen und Zer­stö­ren war die Devi­se. Kunst soll­te im Hap­pe­ning auf­ge­löst wer­den, in das die Zuschau­er und Neu­gie­ri­gen ein­be­zo­gen wur­den und das pri­mär den Skan­dal anpeil­te. Künst­ler und Gaf­fer ris­sen sich gegen­sei­tig mit, reagier­ten emo­tio­nal auf­ein­an­der und fan­den die Spra­che des Dis­puts. Die Pres­se nahm das Ereig­nis auf, weil die „Sen­sa­ti­on“ die Leser inter­es­sier­te und die Auf­la­gen stei­ger­te. Dadurch soll­ten die Gleich­gül­tig­keit, die Sprach­lo­sig­keit und die Stur­hei­ten auf allen Sei­ten auf­ge­bro­chen wer­den. Der Ver­such, Kunst zurück­zu­brin­gen zur Kri­tik, zum Auf­ruf, zum Skan­dal, soll­te nicht nur die Künst­ler und ihr sat­tes Publi­kum auf­rüt­teln, er besaß außer­dem poli­ti­sches Potential.
Der Sozi­al- oder Betriebs­frie­den soll­te pro­vo­ziert und die Gewalt oder ihre Poten­zen soll­ten sicht­bar wer­den. Hin­ter die­ser Hal­tung von Pro­vo­ka­ti­on stand die Über­zeu­gung, daß weder Ost- noch West­eu­ro­pa nach 1945 befreit wor­den waren. Frem­de Trup­pen waren ein­mar­schiert, hat­ten die Städ­te und Gebie­te besetzt und unter sich auf­ge­teilt. Sie hat­ten die NS-Dik­ta­tur zer­schla­gen und an ihre Stel­le ihre eige­nen Macht­be­rei­che errich­tet und jeweils ihre Kol­la­bo­ra­teu­re ange­stellt. Die einen nann­ten ihr Macht­ge­bil­de „Volks­de­mo­kra­tie“, die ande­ren einig­ten sich auf den schö­nen Namen „par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie“. Die Errun­gen­schaf­ten der euro­päi­schen Revo­lu­tio­nen waren 1933 und spä­tes­tens nach 1939 durch den NS-Ter­ror aus­ge­löscht wor­den. Die „Befrei­er“ hat­ten nach 1945 die Revo­lu­tio­nen von 1789, 1848, 1871, 1917 / 18, 1936 nicht erneu­ert oder auf­ge­nom­men in die neu­en Ver­fas­sun­gen. Es gab letzt­lich kei­ne Selbst­be­frei­ung der Völ­ker und Klas­sen, son­dern Recht und Ord­nung wur­den von außen „inspi­riert“. Die Grund­rech­te wur­den als abs­trak­te „Men­schen­rech­te“ ver­stan­den, die den kon­kre­ten Rah­men der Umset­zung ent­behr­ten. Sie waren Appell, kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv, besa­ßen jedoch nicht eine recht­li­che Norm in Ver­fas­sung oder Straf­recht. Die poli­ti­sche Teil­ha­be der Wäh­ler an der Macht wur­de bestrit­ten und der aus­schließ­li­chen Obhut der Par­tei­en unter­stellt. Die Bedeu­tung der Direkt­man­da­te, der For­men der kom­mu­na­len und ple­bis­zi­tä­ren Demo­kra­tie, der Mit­spra­che in Betrieb und Ver­wal­tung, die Gegen­stand der revo­lu­tio­nä­ren Strei­tig­kei­ten gewe­sen waren, wur­den in den neu­en Ver­fas­sun­gen nicht oder kaum berück­sich­tigt. Die Kon­zep­ti­on von Demo­kra­tie als „Dop­pel­herr­schaft“ oder als eine Syn­the­se von ple­bis­zi­tä­rer Macht von Prä­si­dent und Staats­exe­ku­ti­ve und von plu­ra­lis­ti­scher Par­tei­en­de­mo­kra­tie, die noch 1918 euro­pa­weit dis­ku­tiert wur­de, wur­de schlicht unter­schla­gen. Die Macht der Par­tei­spit­zen wur­de nicht durch die Auf­la­gen der inner­par­tei­li­chen Demo­kra­tie beschnit­ten. Sie erhiel­ten letzt­lich das Pri­vi­leg einer „Son­der­macht“ gegen­über dem Volk.

Sol­che Über­le­gun­gen wur­den in dem sub­ti­len Gewalt­be­griff von „Situa­tio­nis­ten“ und „Sub­ver­si­ver Akti­on“ reflek­tiert. Ihrer Mei­nung nach war die Gesell­schaft von Gewalt durch­drun­gen, denn frem­de Macht und Herr­schaft wur­de den ein­zel­nen Staa­ten auf­ge­zwun­gen. Gewalt war ent­hal­ten in der Rekla­me und in der Insze­nie­rung des Poli­ti­schen. Zugleich wur­de die­se Gewalt ver­bor­gen hin­ter Recht und dem Regel­werk des All­täg­li­chen. Der Sicher­heits­ap­pa­rat blieb zwar hoch­ge­rüs­tet, zugleich gewähr­te die Iso­lie­rung des Ein­zel­nen in der abs­trak­ten Mas­se von Kon­su­men­ten, Publi­kum, Zuschau­er, Wäh­ler und Sport­ler die Ver­ein­nah­mung durch Lebens­stil, Kon­sum­sta­tus und Habi­tus. Der Ein­zel­ne war die­sen Mani­pu­la­tio­nen hilf­los aus­ge­setzt und sie zer­stör­ten Per­sön­lich­keit und Eigen­sinn. Jeder war der Ande­re und kei­ner er selbst; so wür­den Hei­deg­ger oder Mar­cu­se die­se Mas­sen­haf­tig­keit umschrei­ben, die ihren poli­ti­schen Cha­rak­ter ver­lo­ren hat­te und die Poli­tik als Spiel oder Waren­an­ge­bot erfuhr. Gewalt­de­mons­tra­ti­on der Herr­schen­den als Reak­ti­on auf Pro­vo­ka­ti­on war not­wen­dig, um die Gleich­ge­sinn­ten zu fin­den. Erst ihre Deu­tung gab die Sprach­fä­hig­keit zurück und erlaub­te eine ers­te impro­vi­sier­te Über­sicht. Durch die Pro­vo­ka­ti­on wur­de die Sprach­lo­sig­keit über­wun­den und konn­te jen­seits der ideo­lo­gi­schen und psy­cho­lo­gi­schen Fest­le­gun­gen nach­ge­dacht wer­den. Die Theo­rie hat­te ihren Ursprung in der Provokation.
Die Kom­mu­n­edis­kus­sio­nen in Ber­lin stell­ten den Ver­such dar, die „Kohor­ten“ der Sub­ver­si­on zu bil­den und Pro­vo­ka­tio­nen zu star­ten, die Mas­sen­wirk­sam­keit und dadurch Poli­tik­fä­hig­keit errei­chen soll­ten. Es wur­den drei Pro­jek­te von „Kom­mu­ne“ ent­wor­fen und ver­wirk­licht. Sie ende­ten letzt­lich in der Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge des „Unter­grunds“ von RAF und „2. Juni“ oder in den Par­tei­ex­pe­ri­men­ten der unter­schied­li­chen MLGrup­pie­run­gen bezie­hungs­wei­se der Spon­tis und der aso­zia­len Aus­stei­ger. Die­ter Kun­zel­mann war ein wich­ti­ger Prot­ago­nist die­ses sub­ver­si­ven Den­kens. Ihm war bewußt, daß eine „Kom­mu­ne“ als Gegen­bild zur bestehen­den Gesell­schaft und als „Pro­vo­ka­ti­ons­eli­te“ in Gestalt einer „Sze­ne“ einen lan­gen Vor­lauf benö­tig­te. Wich­tig war, daß die Akteu­re einer der­ar­ti­gen Idee von Pro­vo­ka­ti­on sich gelöst hat­ten von den Kar­rie­ren, Lebens­sti­len und Illu­sio­nen des insze­nier­ten und vor­ge­leb­ten Lebens. Die Dif­fe­renz zum schö­nen Schein der „ewi­gen Jugend“ und der Kon­sum­wel­ten muß­te durch­lit­ten sein. Kun­zel­mann selbst ver­spür­te zugleich Haß und Ekel gegen­über dem lega­len und geborg­ten Leben. Ihm schweb­te vor, mit Gleich­ge­sinn­ten eine Kom­mu­ne zu grün­den und sie zu einem Fokus zu gestal­ten, der aus­strah­len wür­de in die unter­schied­li­chen Krei­se der Groß­städ­te und ihrer Genera­tio­nen. Das Pro­jekt wur­de bewußt bezo­gen auf die Stadt als Brenn­punkt einer „schaf­fen­den Kraft“ von Zer­stö­rung. Die Ver­bit­ter­ten soll­ten kom­men, die Belei­dig­ten, aber auch die Spaß­vö­gel und Har­le­ki­ne, die Ver­rück­ten und Wut­ent­brann­ten, die kei­nen Platz mehr woll­ten im Waren­haus der Eitel­kei­ten und Schaufensterpuppen.

Kun­zel­mann sah sich selbst als Patri­arch und Ana­ly­ti­ker einer der­ar­ti­gen Gemein­schaft. Er konn­te jedoch die­sen selbst­ge­stell­ten Auf­trag nicht erfül­len. Als typi­sche Zwi­schen­exis­tenz zwi­schen Eli­te und Bohè­me, Künst­ler­tum und Dilet­tan­tis­mus, Faul­heit und Fleiß, besaß er nur bedingt „Per­sön­lich­keit“. Er war dem Pari­ser Clo­chard näher als dem intel­lek­tu­el­len Den­ker. Er war faul, lieb­te die Muße und war den unter­schied­li­chen Dro­gen nicht abge­neigt. Er hat­te kei­nen Ehr­geiz und er war eher ein schlech­ter Pre­di­ger, der vor kom­pli­zier­ten Gedan­ken und Ideen zurück­schrak. Einen Män­ner­bund woll­te er ver­mei­den, nicht weil er befürch­te­te, daß Homo­se­xua­li­tät den Zusam­men­halt auf­lö­sen wür­de, son­dern weil die Viel­falt der Per­ver­sio­nen eine sexu­el­le Revo­lu­ti­on sti­mu­lie­ren soll­te, die gera­de auch die ver­klemm­ten Gestal­ten der Nor­mal­ge­sell­schaft anspre­chen wür­de. Er nahm Frau­en auf, weil er hoff­te, daß sie die weib­li­che Sei­te der Sexua­li­tät radi­ka­li­sie­ren wür­den. Er hat­te nicht damit gerech­net, daß die Män­ner und Frau­en, die sich in sei­ner Kom­mu­ne zusam­men­fan­den, ihre Rol­len und Hem­mun­gen längst nicht abge­legt hat­ten und weder mit den homo­ero­ti­schen noch mit den per­ver­sen Vari­an­ten von Sexua­li­tät spie­len konn­ten. Es gab Zwei­er­be­zie­hun­gen, Ein­zel­gän­ger, neu­ro­ti­sche Auf­la­dun­gen, Eifer­süch­te­lei­en, aber kaum Gemein­sam­kei­ten. Kun­zel­mann wur­de als Patri­arch und Inter­pret abge­lehnt. Er war kein gro­ßer Red­ner oder Auf­wieg­ler. Er zupf­te stets auf­ge­regt an sei­nem Bart und war mit sei­nem frän­ki­schen Dia­lekt schier unver­ständ­lich. Die vie­len Ängs­te unter­mi­nier­ten das Kom­mune­ex­pe­ri­ment, das über die vie­len Ver­su­che der stink­bür­ger­li­chen „Lebe­welt“ nicht hin­aus­kam. Die Hete­ro­se­xua­li­tät ließ sich auch in der Kom­mu­ne nicht exis­ten­zi­ell dra­ma­ti­sie­ren. Nie­mand war poly­morph per­vers, gera­de auch Kun­zel­mann nicht. Das gan­ze Expe­ri­ment wäre bereits nach Wochen geschei­tert, hät­te nicht der USVi­ze­prä­si­dent Hum­phrey die Stadt besucht und wären die ver­zwei­fel­ten Kom­mu­nar­den nicht dar­auf gekom­men, ein Pud­din­gat­ten­tat auf die­sen Reprä­sen­tan­ten der ame­ri­ka­ni­schen Groß­macht zu bege­hen. Das war ihre Ret­tung und schuf die Legen­de von der „Kom­mu­ne“.
Trotz­dem hat­te die Kom­mu­ne Anteil an der Radi­ka­li­sie­rung der anti­au­to­ri­tä­ren Lin­ken. Durch ihre Flug­blatt­se­ri­en über den Krieg in Viet­nam oder über das „Abfa­ckeln“ von Kauf­häu­sern setz­te sie den SDS unter Druck, weil sie die Pam­phle­te mit den Initia­len die­ser Orga­ni­sa­ti­on unter­zeich­ne­te. Ihre Akti­vis­ten muß­ten sich öffent­lich von der Kom­mu­ne distan­zie­ren, um die För­de­rung als Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on zu behal­ten und um einem ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­bot zu ent­ge­hen. Der Aus­schluß der Kom­mu­ne aus dem SDS setz­te ers­te Zei­chen, daß der Außer­par­la­men­ta­ris­mus Gren­zen dort haben wür­de, wo Recht und Ver­fas­sung direkt gebro­chen wur­den und wo zu ter­ro­ris­ti­schen Aktio­nen wie Brand­stif­tung über­ge­gan­gen wer­den wür­de. Die gesam­te West­ber­li­ner Füh­rungs­spit­ze des SDS stimm­te im April 1967 für den Aus­schluß der Kom­mu­ne. Das Expe­ri­ment war geschei­tert, bevor es rich­tig gestar­tet war.
Als Expe­ri­ment und Pro­vo­ka­ti­on aber fand sie ihre Nach­ah­mer in unzäh­li­gen Wohn­ge­mein­schaf­ten und sogar in den Fern­seh­rei­hen der pri­va­ten Anstal­ten. Sie grif­fen die The­ma­tik auf und ver­frem­de­ten sie in „Con­tai­ner“- und Hor­ror­sze­nen. Nicht zufäl­lig erhiel­ten der­ar­tig nach­ge­stell­te Sze­nen den Titel Big Bro­ther. Es domi­nier­te die sub­ti­le Gewalt der Wort­ge­wand­ten, Rück­sichts­lo­sen und Denun­zi­an­ten. Es ent­stand der Ein­druck, daß die Kom­mu­ne die Vor­weg­nah­me eines tota­li­tä­ren Staa­tes oder einer zwang­haf­ten Situa­ti­on gewe­sen sei. Gesprä­che und Dis­kus­sio­nen erin­ner­ten an die Ver­hö­re und Bloß­stel­lun­gen von Gesta­po oder MfS. Die­se Umdeu­tun­gen mach­ten sicht­bar, daß die Kom­mu­ne als Expe­ri­ment die Zwi­schen­la­ge von Befrei­ung und Zwang zu kei­nem Zeit­punkt auf­ge­ge­ben hat­te. Sie wur­de gera­de nicht die Alter­na­ti­ve oder das Lebens­bei­spiel der vie­len Aussteiger.

Dutsch­ke hat­te gegen­über den Kom­mu­nar­den ein Gegen­bild von Orga­ni­sa­ti­on und Gemein­schaft ver­tre­ten. Er hat­te zu kei­nem Zeit­punkt die sub­ver­si­ve Prä­mis­se akzep­tiert, daß alle Theo­rie ver­al­tet war und durch die Akti­on neu for­mu­liert wer­den muß­te. Er war groß gewor­den im pro­tes­tan­ti­schen Chris­ten­tum und hat­te als Stu­dent und Her­an­wach­sen­der die Pro­phe­ten ersetzt durch die gro­ßen Theo­re­ti­ker des Mar­xis­mus und Anar­chis­mus. Er hat­te ein gläu­bi­ges Ver­hält­nis zur Theo­rie, und alle Iro­nie oder gar Zynis­mus waren ihm fremd. Über die unter­schied­li­chen Bau­stei­ne von Theo­rie kon­stru­ier­te er ein neu­es Welt­bild, das er hin­ein­tra­gen woll­te in eine neue Lin­ke. Für ihn waren die Kolo­ni­al­völ­ker Motor der sozia­len Ver­än­de­run­gen, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahr­hun­dert in Euro­pa von der Arbei­ter­be­we­gung reprä­sen­tiert wor­den waren. Das Schei­tern der rus­si­schen Revo­lu­ti­on und die Absorp­ti­on der Sozi­al­de­mo­kra­tie durch den Sozi­al­staat nach 1945 hat­te das revo­lu­tio­nä­re Sub­jekt auf die­sem Kon­ti­nent geschwächt, wenn nicht sogar zer­stört. Die tra­di­tio­nel­le Lin­ke war als Sozi­al­de­mo­kra­tie und Kom­mu­nis­mus zum Staat mutiert und ver­kör­per­te in den sech­zi­ger Jah­ren die Macht­eli­ten von je spe­zi­fi­schen Ordnungen.
In den SDS-Krei­sen war vor 1967 eine Dis­kus­si­on über die „Räte­de­mo­kra­tie“ ent­brannt. Sie wur­de aus der Tra­di­ti­on der Arbei­ter­be­we­gung und der Revo­lu­tio­nen in Russ­land, Deutsch­land und Spa­ni­en, 1905, 1917, 1918 und 1936 über­nom­men. Die­se „Räte“ soll­ten wie die Pari­ser Kom­mu­ne von 1871 eine Alter­na­ti­ve zur bür­ger­li­chen und par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie vor­stel­len. Die­se „Räte“, so die The­se, wür­den die staat­li­che Zen­tra­li­sa­ti­on und Büro­kra­tie in die Selbst­ver­wal­tung der Pro­du­zen­ten zurück­neh­men. His­to­risch war die­se radi­ka­le Demo­kra­tie in der Umset­zung fehl­ge­schla­gen. Sie schei­ter­te in Deutsch­land an der demo­kra­ti­schen Repu­blik und in Russ­land an der kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur. Auch für das West­ber­lin der sech­zi­ger Jah­re war frag­lich, ob eine Räte­de­mo­kra­tie eine Alter­na­ti­ve zur par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie bedeu­te­te. Das groß­in­dus­tri­el­le Pro­le­ta­ri­at und sei­ne Betrie­be und Stadt­be­zir­ke umfaß­ten kaum mehr als 40 Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Dutsch­ke und Rabehl nah­men des­halb sehr bald Abstand von einer Räte­de­mo­kra­tie, weil sie in Ber­lin nur eine Mino­ri­tät von „Wahl­volk“ ver­kör­pern wür­de. Statt­des­sen wur­de die demo­kra­ti­sche Form auf ein Kon­zept der „schwa­chen Glie­der“ über­tra­gen. Demo­kra­tie und Gewalt wur­den in ein Spek­trum gestellt. Solan­ge die Radi­kal­op­po­si­ti­on schwach war, über­trug sie Gegen­wehr und Gewalt auf die „Sache“, nicht auf Per­so­nen. Die „Sache“ war als Ame­ri­ka­haus oder Fens­ter­schei­be von Zei­tungs­fi­lia­len Sym­bol für die revo­lu­tio­nä­re Umwäl­zung, das auch auf die Insti­tu­tio­nen von Uni­ver­si­tät, Schu­le, Kran­ken­haus oder Thea­ter über­tra­gen wer­den konn­te. Der Genera­ti­ons­kon­flikt wur­de als Spreng­satz ange­se­hen. Die weni­gen Fabri­ken und der büro­kra­ti­sche Was­ser­kopf der Stadt­ver­wal­tung soll­ten zum Schluß in den Sog der Auf­lö­sung gera­ten. Nicht nur die jun­ge Genera­ti­on wur­de als Trä­ger eines demo­kra­ti­schen Kamp­fes ange­se­hen. Im Sin­ne des Jako­bi­ner­na­tio­na­lis­mus, die gan­ze Nati­on zum Trä­ger von Recht und Befrei­ung zu erhe­ben, wur­de die Kon­zep­ti­on der „Frei­en Stadt West­ber­lin“ auf­ge­nom­men, die ver­meint­lich im Kal­kül der sowje­ti­schen Deutsch­land­po­li­tik lag. Sie wür­de gleich­zei­tig auf Ost- und West­eu­ro­pa ein­wir­ken und „Volks­re­vo­lu­tio­nen“ pro­vo­zie­ren, die nach 1945 fäl­lig gewe­sen wären, jedoch durch die Besat­zungs­dik­ta­tu­ren unter­drückt wurden.

Der Viet­nam­kon­greß Anfang Febru­ar 1967 in Ber­lin war Bei­spiel für Kam­pa­gne und poli­ti­sche Eska­la­ti­on. In der „Front­stadt“ Ber­lin wur­de zur Soli­da­ri­tät gegen den ame­ri­ka­ni­schen Krieg in Viet­nam auf­ge­ru­fen. Zehn­tau­sen­de aus West­deutsch­land und West­eu­ro­pa kamen in die­se Teil­stadt. Poli­zei­ein­hei­ten bela­ger­ten die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät. Alli­ier­te Mili­tär­po­li­zei stand Gewehr bei Fuß. Im Audi Max der TU wur­de über Revo­lu­ti­on und Umsturz dis­ku­tiert. Demons­tra­tio­nen wur­den vor­be­rei­tet, die vor die ame­ri­ka­ni­schen Kaser­nen in Lich­ter­fel­de füh­ren soll­ten, um die schwar­zen Sol­da­ten zum Auf­stand auf­zu­for­dern. Den Ver­bo­ten und Poli­zei­auf­la­gen soll­te getrotzt wer­den. Falls den Rechts­ein­sprü­chen gegen die Sank­tio­nen nicht statt­ge­ge­ben wür­de, soll­ten ille­ga­le Aktio­nen statt­fin­den. Der staat­li­chen Gewalt soll­te durch die „sub­ti­le“ Gewalt der Oppo­si­ti­on begeg­net wer­den. Unter­halb der fak­ti­schen Macht von Poli­zei und Mili­tär soll­te pro­vo­ziert wer­den, so daß die­se unter den Bli­cken der Welt­öf­fent­lich­keit nicht ein­schrei­ten konn­te. Zuspit­zung und Situa­ti­on eines fak­ti­schen Bür­ger­krie­ges in der Teil­stadt wur­den als „Lehr­stück“ ange­se­hen, das der Oppo­si­ti­on den fak­ti­schen Zustand einer Stadt­de­mo­kra­tie vor­stell­te. Als das Ver­wal­tungs­ge­richt die Demons­tra­ti­on in der Innen­stadt erlaub­te, atme­ten zwar alle auf, weil der „Krieg“ ver­mie­den wor­den war. Die­ses Zuge­ständ­nis wur­de als Beleg genom­men, daß Jus­tiz und Staat nur einer star­ken Oppo­si­ti­on ihre Reve­renz zei­gen würden.
Horst Mah­ler wür­de als RAF-Akti­vist zu Beginn der sieb­zi­ger Jah­re in der von ihm ver­faß­ten „Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung“ die­ses Bild von Demo­kra­ti­sie­rung und Dop­pel­herr­schaft auf­neh­men. Die RAF konn­te nach sei­ner Sicht in den Groß­städ­ten agie­ren und fand hier Rück­halt in bestimm­ten Bezir­ken, in denen die Aus­stei­ger zusam­men mit den städ­ti­schen Pau­pers und den aus­län­di­schen Ein­wan­de­rern leb­ten. Es waren Pro­blem­zo­nen mit einem hohen Anteil von Armut und Kri­mi­na­li­tät. Hier fand die RAF Aner­ken­nung, weil sie die Bewoh­ner vor Über­grif­fen schütz­te und zugleich die Auf­stän­de und Streiks der aus­län­di­schen Arbeits­kräf­te unter­stütz­te, die von den Unter­neh­mern den Sta­tus der „Skla­ven“ ohne Absi­che­run­gen erhal­ten wür­den. Die RAF wür­de Schritt für Schritt so etwas wie eine „Dop­pel­herr­schaft“ zur bestehen­den Ord­nung und die Kei­me eines ande­ren Staa­tes bil­den. Hier hät­te Dutsch­ke wider­spro­chen. Die Nähe zur Kri­mi­na­li­tät wäre ihm unheim­lich gewe­sen. Außer­dem hät­te er die RAF nicht als Avant­gar­de oder Ord­nungs­macht akzep­tiert. Ihre Kom­man­do­funk­ti­on hät­te er abge­lehnt. Aber das Bild von Milieu und Alter­na­ti­ve, Gegen­macht und Keim­form einer ande­ren Gesell­schaft hät­te ihm gefal­len. Im Gegen­satz zu Kun­zel­manns Bild von der Kom­mu­ne, woll­te Dutsch­ke die Beto­nung des Anders­seins zurück­neh­men, die ästhe­ti­sche Aus­nah­me bestrei­ten und er war bemüht, die anti­au­to­ri­tä­re Idee poli­tik­fä­hig zu gestal­ten, um her­aus­zu­kom­men aus den abs­trak­ten Wunsch­land­schaf­ten und um so etwas zu gewin­nen wie „Real­po­li­tik“, die jedoch nicht den Prä­mis­sen von bestehen­der Macht oder den Kampf­for­men der tra­di­tio­nel­len Lin­ken folg­te. Dutsch­ke schei­ter­te, weil der Atten­tä­ter Bach­mann ihn in einer wich­ti­gen Pha­se der Kon­so­li­die­rung einer „Gegen­macht“ „her­aus­schoß“ und dadurch die neue Oppo­si­ti­on chaotisierte.
Es kann kei­nen Zwei­fel geben, daß die RAF dem Kern von SDS und APO ent­stamm­te. Nach dem Atten­tat auf Dutsch­ke, Grün­don­ners­tag 1968, waren fast alle Akti­vis­ten die­ser Oppo­si­ti­on der Über­zeu­gung, daß Agen­ten des Staa­tes oder der Diens­te der Besat­zungs­mäch­te die ein­zel­nen Füh­rer liqui­die­ren wür­den, um die­sen Jugend­pro­test und die ent­ste­hen­de Alter­na­ti­ve zur auto­ri­tä­ren Demo­kra­tie „kopf­los“ zu machen. Dadurch soll­te die APO ihre Ziel­set­zung und Radi­ka­li­tät verlieren.

Kar­frei­tag und die Oster­fei­er­ta­ge wur­den des­halb als Auf­stand gese­hen, der zwar nicht die Macht­fra­ge stell­te, aber Stär­ke demons­trier­te und zeig­te, daß die Städ­te, Groß­ver­la­ge und Regie­rungs­vier­tel blo­ckiert wer­den konn­ten. Die Staats- und Par­tei­en­macht wur­de zwar noch von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung gewählt, sie war jedoch unfä­hig, Mas­sen auf die Stra­ße zu brin­gen. Ihre Wäh­ler waren nur noch Kon­su­men­ten von Poli­tik. Sie begnüg­ten sich mit der Reprä­sen­ta­ti­on durch Par­tei­en und Kan­di­da­ten, ohne selbst Inter­es­sen anzu­mel­den. Die APO brach­te eine Oppo­si­ti­on auf die Stra­ßen der Städ­te zurück, die ihre Mit­spra­che ein­klag­te und die Geg­ner­schaft zu Medi­en und Mani­pu­la­tio­nen offen vor­trug. Bereit­schafts­po­li­zei und Poli­zei­ein­hei­ten konn­ten die­se Oppo­si­ti­on nicht mehr nie­der­kämp­fen, es sei denn, es wur­de von der Schuß­waf­fe Gebrauch gemacht. Dadurch hät­te die Staats­macht jedoch zu erken­nen gege­ben, daß die demo­kra­ti­sche Auf­ma­chung nicht zählte.
Im April 1968 kamen in Frank­furt Ver­tre­ter des SDS zusam­men, um über eine Par­la­men­ta­ri­sie­rung der APO oder die Fort­set­zung der demons­tra­ti­ven Pro­vo­ka­ti­on zu bera­ten. Es ging auch dar­um, die ver­bands­in­ter­nen Frak­tio­nen zu Stel­lung­nah­men zu brin­gen, ob das poli­ti­sche Bünd­nis fort­ge­setzt oder auf­ge­löst wür­de. Durch die bevor­ste­hen­de Lega­li­sie­rung der KPD in der Auf­ma­chung einer DKP wur­de deut­lich, daß die tra­di­tio­nel­le Lin­ke in ihrer Mehr­heit sich von SDS und APO tren­nen wür­de, um eine eige­ne Bünd­nis­front zu eröff­nen. Die anti­au­to­ri­tä­re Lin­ke muß­te bewei­sen, daß sie ohne Dutsch­ke fähig war, Real­po­li­tik zu machen, ohne in das Lebens­ge­fühl von Jugend oder in die Gewalt­sze­ne der Revol­te auf­zu­ge­hen. Die Pres­se und das Fern­se­hen Euro­pas bela­ger­ten das Tref­fen in den Men­sa-Räu­men der Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät. Dele­ga­tio­nen aus ganz Euro­pa kamen ange­reist. In die­ser Situa­ti­on von öffent­li­cher Bera­tung und Ball­haus­schwur ver­üb­te eine Grup­pe um Andre­as Baa­der und Gud­run Ens­s­lin einen Brand­an­schlag auf ein Kauf­haus. Die­ser Anschlag soll­te eine Signal­wir­kung haben. Der Kampf soll­te auf den Stra­ßen fort gesetzt wer­den und wür­de nur in der Ille­ga­li­tät so etwas gewin­nen wie Kon­ti­nui­tät und Radi­ka­li­tät. Alle Bemü­hun­gen, sich als Oppo­si­ti­on in einem lega­len Rah­men von Poli­tik zu eta­blie­ren, wur­den als Ver­rat am „Ver­mächt­nis“ von Dutsch­ke angesehen.
Baa­der ver­kör­per­te ein Gegen­bild zu Dutsch­ke. Er besaß vor­der­grün­dig kein Cha­ris­ma. Er war nicht bele­sen und theo­re­ti­sche Ansprü­che waren ihm fremd. Sei­ne Lek­tü­re bestand aus Comics. Er orga­ni­sier­te sich nicht über Wort­ge­walt oder die Kraft eines Pre­di­gers und Agi­ta­tors. In der Öffent­lich­keit stot­ter­te er und rang mit den Wor­ten. Nur im klei­nen Kreis, von Auge zu Auge, konn­te er sich durch­set­zen. Er besaß ande­re Fähig­kei­ten, die ihn sehr schnell zum Kom­man­dan­ten einer Grup­pe erho­ben, die sich anfangs zufäl­lig gebil­det hat­te, über ihn jedoch sehr bald For­mat und Gestalt gewann. Baa­der kam aus dem klein­kri­mi­nel­len Milieu. Er hat­te eine höhe­re Bil­dung aus­ge­schla­gen und folg­te dem Lebens­stil einer „Zwi­schen­exis­tenz“ der Groß­stadt, der in der „Halb­welt“ die Aner­ken­nung such­te und fand. Frau­en waren für ihn Mit­tel, zu Geld zu kom­men oder Ver­bin­dun­gen her­zu­stel­len. Er fühl­te sich als schö­ner Mann und Drauf­gän­ger, dem die Frau­en zu Füßen lie­gen muß­ten. Ohne Kom­mu­ne oder Stu­den­ten­re­vol­te hät­te Baa­der den Weg eines Zuhäl­ters oder Hei­rats­schwind­lers genom­men, falls ihn nicht der Film ent­deckt hät­te, um einen moder­nen Hel­den aus ihm zu machen. Baa­der sam­mel­te Leu­te um sich, die unsi­cher und schwach waren und die er umdre­hen konn­te. Er besaß nicht die Skru­pel der Intel­lek­tu­el­len, die an den Nor­men der Erzie­hung und an den Wer­ten von Theo­rie, Moral und Kar­rie­re lit­ten. Er durch­schau­te die Hem­mun­gen, Aus­re­den und Ratio­na­li­sie­run­gen und über­schritt lachend die­se Abgrün­de. Gewalt war für Baa­der All­tag, Lebens­form, und er kann­te gar nicht die Gren­zen von sub­ti­ler, struk­tu­rel­ler und offe­ner Gewalt. Der Täter durf­te sich nicht erwi­schen las­sen, um nicht der Gewalt von Poli­zei oder Moral zu erlie­gen. Das war sein Cre­do. Hier­in war er allen Intel­lek­tu­el­len haus­hoch über­le­gen, und selbst Horst Mah­ler, Hol­ger Meins oder Jan Carl Ras­pe unter­war­fen sich spä­ter sei­nem Führungsstil.

Wel­che Rol­le spiel­ten die Frau­en in der RAF? Folg­ten sie den Lebens­zei­chen der Göt­tin Aphro­di­te, die sich vol­ler Lie­be dem star­ken Mann unter­warf und auf ihre Zeit war­te­te oder folg­ten sie der Göt­tin Arte­mis, die dem Jäger so lan­ge Gefolg­schaft leis­te­te, bis die Stun­de der Rache gekom­men war. Ulri­ke Mein­hof, hoch­in­tel­lek­tu­ell, hat­te sich bis 1968 dem Prin­zip der „Gleich­heit“ der tra­di­tio­nel­len Lin­ken unter­wor­fen. Sie genüg­te den patri­ar­cha­li­schen Anfor­de­run­gen, solan­ge ihr Raum als Jour­na­lis­tin gewährt wur­de. In der Fami­lie folg­te sie der vor­ge­ge­ben Arbeits­tei­lung zwi­schen Mann und Frau. Sie ver­ließ den Gat­ten Klaus Rai­ner Röhl, die ille­ga­le KPD und den Schutz­raum der Haupt­ver­wal­tung für Auf­klä­rung (HVA). Ihre plötz­li­che Ent­gren­zung trieb sie in die Radi­ka­lis­men der APO und der ent­ste­hen­den RAF. Unter den Bedin­gun­gen der Ille­ga­li­tät unter­warf sie sich Baa­der, obwohl sie von ihm nur Ver­ach­tung erfuhr. Ens­s­lin wur­de Sprach­rohr, Über­set­ze­rin, Hil­fe, intel­lek­tu­el­le Inspi­ra­ti­on, Gewis­sen und Stim­me von Baa­der. Nahm sie dadurch Rache, indem sie den Geist des Kom­man­dan­ten in Besitz nahm? War sie die wirk­li­che Füh­re­rin einer Par­ti­sa­nen­ein­heit? Trug die RAF weib­li­che Züge?
Die RAF kam zwar aus der Radi­ka­li­tät der APO, sie war jedoch deut­lich getrennt von der Orga­ni­sa­ti­ons­fra­ge, wie sie in der anti­au­to­ri­tä­ren Lin­ken dis­ku­tiert wor­den war. Sie folg­te auf kei­nen Fall den Über­le­gun­gen von Dutsch­ke, in denen die ille­ga­le Gewalt nur eine beschränk­te Bedeu­tung besaß und Bestand­teil einer Mas­sen­be­we­gung und alter­na­ti­ven „Sze­ne“ sein muß­te. Die RAF ent­stand aus den Zufäl­len von Brand­an­schlag, juris­ti­schen Pro­zes­sen und der „Baa­der­be­frei­ung“. Sie war anfangs nicht mehr als eine „kri­mi­nel­le Ban­de“, die sich ein poli­ti­sches Ali­bi ver­schafft hat­te. Spä­ter gewann sie die Kon­tu­ren einer Par­ti­sa­nen­ein­heit im Ver­ständ­nis der tra­di­tio­nel­len Lin­ken. Die Kom­in­tern (KI) hat­te bereits in den zwan­zi­ger Jah­ren einen ille­ga­len Appa­rat auf­ge­baut, der zu jeder kom­mu­nis­ti­schen Par­tei gehör­te, aller­dings inter­na­tio­nal orga­ni­siert war und der den Bür­ger­krieg oder Sabo­ta­gen gegen Poli­zei und Staats­ap­pa­rat in den ein­zel­nen Län­dern vor­be­rei­te­te und durch­führ­te. Die RAF ihrer­seits ver­lor sehr schnell als Bestand­teil einer inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on bezie­hungs­wei­se als Par­ti­sa­nen­trupp, der auf Stütz­punk­te, Geld, Waf­fen und Logis­tik im Aus­land ange­wie­sen war, ihre Selb­stän­dig­keit und wur­de von ver­schie­de­nen Diens­ten beein­flußt. Sie wur­de zu einer mili­tä­ri­schen Ein­heit, der aller­dings die sozia­le Grund­la­ge fehl­te und zu einem Kampf­or­gan der tra­di­tio­nel­len Lin­ken. Es ist des­halb nicht ver­wun­der­lich, daß spä­ter die DDR als Etap­pe für die müden Kämp­fe­rin­nen diente.
Trotz­dem gewan­nen der Orga­ni­sa­ti­ons­typ der RAF zusam­men mit der Orga­ni­sa­ti­ons­hier­ar­chie der ML-Kader­par­tei spä­ter eine grö­ße­re Bedeu­tung als die Poli­tik- und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wür­fe von Dutsch­ke. RAF, KBW oder KPD folg­ten unbe­wußt dem Kader­prin­zip der kom­mu­nis­ti­schen Lin­ken, unter­la­gen jedoch nicht deren direk­tem Ein­fluß. Die RAF und Baa­der fan­den unzäh­li­ge Nach­ah­mer in den unter­schied­li­chen links­ra­di­ka­len „Kampf­grup­pen“ der gro­ßen Städ­te. Die Frank­fur­ter Putz­trup­pe und Leder­ja­cken­frak­ti­on um Josef Fischer imi­tier­te die Kom­man­do­struk­tur der RAF. Das Umkip­pen in die Ille­ga­li­tät war in den unzäh­li­gen Aktio­nen ange­legt. Ähn­lich revo­lu­tio­när war der inne­re Kader­auf­bau von KBW und KB Nord ange­legt, kom­mu­nis­ti­scher Grup­pen, die sich nach dem Mus­ter asia­ti­scher Revo­lu­tio­nen und Bür­ger­krie­ge radi­ka­li­sier­ten und sich sogar Pol Pot in Kam­bo­dscha zum Vor­bild nah­men. In der Situa­ti­on der Auf­lö­sung der Links­fron­ten nach den Selbst­mor­den in Stamm­heim, nach 1977, denen Baa­der, Ens­s­lin, Ras­pe und ande­re zum Opfer fie­len und die signa­li­sier­ten, daß das west­li­che Deutsch­land nicht in den Bür­ger­krieg geris­sen wer­den konn­te, bil­de­ten die­se Orga­ni­sa­ti­ons­ty­pen als Par­ti­sa­nen­ein­heit und als Kader­par­tei die Grund­la­gen, die ent­ste­hen­de grü­ne Par­tei zu besetzen.

Dutsch­ke bemüh­te sich 1979 eine grü­ne, demo­kra­ti­sche Par­tei auf kom­mu­na­ler Basis zu grün­den. Das impe­ra­ti­ve Man­dat der Abge­ord­ne­ten soll­te ver­mei­den, daß die­se im poli­ti­schen Geschäft ihre Son­der­in­ter­es­sen wahr­nah­men oder sich ein­bin­den lie­ßen in die kor­rup­ten Netz­wer­ke der Poli­tik. Dar­in waren sich die kon­ser­va­ti­ven Grü­nen um Her­bert Gruhl mit Dutsch­ke, Petra Kel­ly und Gerd Bas­ti­an einig. Der Rea­lis­mus einer inner­par­tei­li­chen Demo­kra­tie und des impe­ra­ti­ven Man­dats soll­te die Kon­struk­ti­on der bestehen­den Macht­par­tei­en unter­lau­fen. Dutsch­ke bestand dar­auf, daß die grü­ne Par­tei nicht die Kader der unter­schied­li­chen kom­mu­nis­ti­schen Grup­pen und Par­tei­en auf­neh­men soll­te. Die­se hat­ten bereits nach 1968 bewie­sen, daß sie den Prin­zi­pi­en der tra­di­tio­nel­len Lin­ken Fol­ge leis­te­ten und letzt­lich an einer Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft nicht inter­es­siert waren. Der Tod Dutsch­kes erleich­ter­te das Kal­kül der poli­ti­schen Kader und Füh­rer, die grü­ne Par­tei in ihrem Sinn zu instru­men­ta­li­sie­ren. Sie wur­den Macht­par­tei­en bezie­hungs­wei­se Kader­grup­pen, die einer grü­nen Basis auf­ge­pfropft wur­den und die über Man­da­te, Posi­tio­nen und Gel­der ver­füg­ten und dadurch die gesam­te Par­tei kor­rum­pier­ten. Fischer wur­de der Meis­ter die­ser Machen­schaf­ten und fri­sier­te die­se Par­tei um in die Macht­re­ser­ve von Sozi­al­de­mo­kra­tie und „glo­ba­li­sier­ten Impe­ria­lis­mus“. „Orga­ni­sa­ti­on“ wur­de jetzt nicht mehr im Blick­win­kel von „Revo­lu­ti­on“, son­dern unter der Per­spek­ti­ve von Ord­nung und Macht­er­halt gese­hen. Die Kehr­sei­te des „ML“ wur­de nun ange­spro­chen und umgesetzt.
Durch die Absorp­ti­on der Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pi­en die­ser Par­tei­en und Grup­pen fand über die grü­ne Par­tei eine „Koopt­ati­on“ ehe­ma­li­ger Revo­lu­tio­nä­re und Des­pa­ra­dos statt. Sie besetz­ten die­se Par­tei und bil­de­ten als ein inter­nes Macht­bünd­nis eine Par­tei in der Par­tei. Die radi­ka­len demo­kra­ti­schen und öko­lo­gi­schen Posi­tio­nen wur­den her­aus­ge­drängt. Die weib­li­chen Inter­es­sen wur­den durch ihre „Ver­mach­tung“ ent­schärft und zurück­ge­nom­men. Die Frau­en wur­den in den staat­li­chen Macht­po­si­tio­nen gan­ze Män­ner. Heu­te sit­zen in den ein­zel­nen Minis­te­ri­en die Kader der ML-Par­tei­en oder die Kämp­fer der Putz­trup­pe. Sie bestim­men in die­ser Obhut als Staats­se­kre­tä­re oder höhe­re Beam­te die Frak­ti­ons­ar­beit in der Par­tei, die alle radi­kal­de­mo­kra­ti­schen oder radi­kal­öko­lo­gi­schen Inter­es­sen aus­grenz­te. Heu­te ist die­se Par­tei nicht nur Staat und Macht­re­ser­ve der herr­schen­den Sozi­al­de­mo­kra­tie. Sie besetzt zugleich pro­im­pe­ria­lis­ti­sche Posi­tio­nen. Der Revo­lu­tio­nis­mus erlang­te das end­gül­ti­ge For­mat von Oppor­tu­nis­mus. Die grü­ne Par­tei als eine mehr­heit­li­che „Frau­en­par­tei“ wur­de von einer radi­kal­de­mo­kra­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on in eine sub­ti­le Kader- und Macht­par­tei trans­for­miert, die als ein­zi­ge Par­tei heu­te die Züge einer „Füh­rer­par­tei“ ohne Oppo­si­ti­on, Frak­tio­nen und Alter­na­ti­ven trägt. In die­ser Aus­rich­tung über­steigt sie die SPD und defi­niert sich nicht zufäl­lig selbst in die Nähe der FDP, einer Par­tei der Neu­rei­chen und Börsenspekulanten.
Es ist heu­te modisch, allen archai­schen Momen­ten von Herr­schaft oder Orga­ni­sa­ti­on das Signum des Faschis­mus auf­zu­drü­cken. Unter­grün­dig fol­gen der­ar­ti­ge Ver­däch­ti­gun­gen dem poli­ti­schen Anti­fa­schis­mus der tra­di­tio­nel­len Lin­ken. In dem Maß wie die­se Lin­ke Staat wur­de, die „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ form­te, Ver­bre­chen vor­be­rei­te­te und den sozia­len Geg­ner, die feind­li­chen Klas­sen, ver­trieb und liqui­dier­te, war sie gezwun­gen, die eige­ne Trans­for­ma­ti­on zur Macht und den wach­sen­den Abstand zu den ursprüng­li­chen Zie­len zu verbergen.

Im Feind­be­griff, der ent­wi­ckelt wur­de in der Auf­ma­chung des „Links­ra­di­ka­lis­mus“, der „Kon­ter­re­vo­lu­ti­on“ oder des „Faschis­ten“, soll­te abge­lenkt wer­den von der Formi­den­ti­tät von Staat und Macht mit dem bür­ger­li­chen oder faschis­ti­schen Staat, und es soll­te die Par­al­le­li­tät von Pro­pa­gan­da, Mobil­ma­chung, Ziel­set­zung, Füh­rer­kult und Ritua­li­tät von kom­mu­nis­ti­schen, faschis­ti­schen oder natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Par­tei­en und Bewe­gun­gen ver­schwie­gen und ver­drängt wer­den. In dem Maße der objek­ti­ven „Archai­sie­rung“ des Kom­mu­nis­mus oder der fak­ti­schen Anglei­chung an den „Feind“ wur­de die anti­fa­schis­ti­sche Pro­pa­gan­da radi­ka­li­siert. Jeder Abweich­ler, Kri­ti­ker, Oppo­si­tio­nel­ler, Zweif­ler wur­de als „Faschist“ ent­tarnt, denun­ziert, ver­haf­tet oder zumin­dest aus­ge­grenzt. Je mehr die­se Ord­nung ver­fiel, des­to stär­ker wur­de die anti­fa­schis­ti­sche Propaganda.
Die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Vari­an­te der tra­di­tio­nel­len Lin­ken war in der Feind­be­stim­mung durch­aus nicht fei­ner als die Kom­mu­nis­ten. Bei ihr wur­den das posi­ti­ve Recht, der Rechts­staat, die Men­schen­rech­te zum Prin­zip erho­ben und die Zwi­schen­la­gen ihrer Regie­rungs­macht zwi­schen poten­ti­el­ler Dik­ta­tur und Demo­kra­tie, zwi­schen Sozi­al- und Poli­zei­staat unter­schla­gen. Es wur­de so getan, als gäbe es in ihrem Macht­be­reich kei­ne Gewalt, kei­ne Klas­sen­herr­schaft oder die Durch­set­zung des gro­ßen Kapi­tals. Der „herr­schafts­freie Dis­kurs“ wur­de ver­kün­det in einer Situa­ti­on, in der Herr­schafts­grup­pen, Besat­zungs­mäch­te oder Macht­eli­ten ohne Hem­mun­gen ihre Inter­es­sen durch­setz­ten. Der Geg­ner war gleich­zei­tig der anti­mo­der­ne, roman­ti­sche, kri­ti­sche Geist, aber immer auch der kom­mu­nis­ti­scher Wüh­ler oder die faschis­ti­sche Reak­ti­on. Auch in die­sen Krei­sen gab es die Wie­der­ge­bur­ten des Links- und Rechts­fa­schis­mus oder des tota­li­tä­ren Fein­des. Bereits 1967 wur­de Dutsch­ke gera­de von sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kar­rie­re­pro­fes­so­ren wie Haber­mas des Links­fa­schis­mus ver­däch­tigt, eine absur­de Unter­stel­lung, die sich bis in die Gegen­wart fort­ge­schleppt findet.
Die­se Feind­for­mie­rung über­nah­men die unter­schied­li­chen K‑Gruppen, die sich aus der Erb­mas­se der APO bil­de­ten. Sie schwenk­ten um in den Feind­my­thos der tra­di­tio­nel­len Lin­ken und gei­ßel­ten die eige­ne Ver­gan­gen­heit als „Kin­der­krank­heit“ oder „roman­ti­schen Auf­bruch“. Dadurch ging das Den­ken der anti­au­to­ri­tä­ren Lin­ken weit­ge­hend ver­lo­ren. Selbst in der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten mach­te sich der Umschwung bemerk­bar, so daß bei den Ana­ly­sen der Links­be­we­gun­gen nach 1945 unter­schla­gen wur­de, daß ratio­na­les Den­ken immer auch den Wider­part der Irra­tio­na­li­tät ent­hielt und daß jede Ideo­lo­gie mit dem „Reli­giö­sen“ schwan­ger ging. Neben den ratio­na­len Herr­schafts­for­men exis­tier­ten in jedem Betrieb, jeder Ver­wal­tung, Par­tei oder Orga­ni­sa­ti­on tra­di­tio­nel­le Macht­kon­stel­la­tio­nen, die teils patri­ar­cha­lisch, cha­ris­ma­tisch, aber auch weib­lich und männ­lich oder homo­ero­tisch auf­ge­la­den waren. Die­se Zusam­men­hän­ge zu igno­rie­ren, öff­ne­ten der Spe­ku­la­ti­on und der Denun­zia­ti­on Tür und Tor und sie stei­ger­ten Moral und Hypermoral.

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