Sezession
1. April 2004

Überraschende Synthesen – Adornos Kulturkritik

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Winfried Knörzer

Bekanntlich sind Intellektuelle nicht einfach nur Künstler oder Gelehrte. Zu Intellektuellen werden sie erst, wenn in ihnen der Glaube heranwächst, zur geistig-moralischen, mitunter sogar zur politischen Führung berufen zu sein. In der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre war Adorno der paradigmatische Intellektuelle. Wie kann aber in einer Massendemokratie ein nicht durch Wahlen legitimierter Führungsanspruch erhoben werden und vor allem, wie läßt sich ein solch antiegalitaristisches Ansinnen mit einer nominell linken Haltung, die im Laufe der Zeit für Intellektuelle zum Ausweis ihres Standesethos erhoben wurde, vereinbaren? Wie kein zweiter verkörperte Adorno dieses die linksintellektuelle Existenz verstörende Dilemma zwischen uneingestandenem elitärem Habitus und progressiver Gesinnung, weshalb er auch zur Identifikationsfigur für das gebildete Publikum der Epoche wurde.

Adorno entstammt wie viele andere Angehörige des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“ dem Großbürgertum. Sein Vater war ein vermögender Weingroßhändler, seine Mutter eine gefeierte Kammersängerin. Adorno selbst war jedoch bis weit über die Lebensmitte hinaus zu einer sozial marginalisierten Position verurteilt. So mußte er, obwohl er bereits an der Frankfurter Universität Vorlesungen gehalten hatte, in der Emigration mit der Position eines postgraduate student am Merton College in Oxford vorlieb nehmen. Auch in seiner Funktion als Mitarbeiter am Frankfurter Institut und an diversen Forschungsprojekten in Amerika konnte er sich nur am Rande des akademischen Betriebs betätigen. Eine solche intellektuelle Randlage bringt naturgemäß eine kritische Sicht auf die Gesellschaft, der man als Außenseiter nicht wirklich angehört, und eine Affinität zu radikalen Theorien mit sich, da man nicht durch die Abweichungen glättende und disziplinierende Wirkung der akademischen Routine an der Entfaltung unorthodoxer Gedankengänge gehindert wird.
Diese formale, soziostrukturelle Disposition wird inhaltlich aufgefüllt und produktiv gemacht durch Adornos intellektuelle Prägung. Diese bestand zum einen in der intensiven Begegnung mit der bürgerlichen Hochkultur im Elternhaus und der ebenso intensiven Beschäftigung mit der musikalischen Avantgarde des Schönbergkreises, zum anderen in der Rezeption des Marxismus, wobei vor allem Marxens Frühschriften und einige Kapitel des Kapitals, namentlich Themen wie Ideologiekritik, Warencharakter, Tauschform und stark philosophisch orientierte, den subjektiven Faktor betonende Autoren wie Bloch und Lukács entscheidend waren.
In der ideell-geistigen Sphäre verhalten sich hochkulturelle Prägung einerseits und marxistische Orientierung andererseits zueinander wie der Gegensatz von großbürgerlicher Herkunft und akademischer Außenseiterposition in der materiell-sozialen Sphäre. Marxistische Theorie und soziale Marginalisierung führen zu einer die bestehende Gesellschaft radikal kritisierenden Weltsicht. Eine totale Radikalisierung in Richtung einer engagierten, kommunistischen Parteiorthodoxie, ein Weg, den beispielsweise Adornos früher Mentor Lukács einschlug, wird aber durch den von Herkunft und ästhetischem Geschmack geformten elitären Habitus konterkariert. Der Haß gegen die bestehende Gesellschaft, die sich gegen sein Ideal eines wahrhaft menschlichen Daseins sperrt und ihm die angestrebte Anerkennung als geistiger Führer verweigert, treibt Adorno nach links, die Angst vor einer banausischen, unmusischen, durchproletarisierten und vermassten Lebenswelt treibt ihn wieder nach rechts. Der Zusammenhang von Biographie und Philosophie Adornos läßt sich in dem einen Satz zusammenfassen: Er kann der Welt nicht verzeihen, daß es in ihr nicht so zugeht wie in Mutters Salon.


 Gastbeitrag

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