Sezession
1. April 2004

Neomarxismus und Globalisierung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Michael Wiesberg

„Es ist auf jeden Fall ein kommunistisches Buch.“ Mit diesen Worten charakterisierte der US-Literaturwissenschaftler Michael Hardt in einem Interview das Buch Empire, das er zusammen mit dem italienischen Politikwissenschaftler Antonio Negri herausgegeben hat.

Eine Reihe von Kritikern meinte, hier ein neues linkes Kultbuch, eine Art Kommunistisches Manifest unserer Zeit ausmachen zu können. Die Vielzahl der Seminare, Workshops und Diskussionen zu Empire, wie sie beispielsweise auf den Internetseiten der PDS-nahen „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ aufgelistet ist, scheint das zu bestätigen: Selten wurde einem Buch über die Globalisierung derartig viel Aufmerksamkeit zuteil. Seitens orthodoxer Marxisten gab es allerdings eine Reihe von kritischen Einlassungen. David Mayer, Redakteur des marxistischen österreichischen Theorieorgans Der Funke, wollte in einer Besprechung nicht mehr als einen „Zirkusreigen postmoderner Plattheiten“ erkennen. Und Deutschlands bekanntester Krisentheoretiker, der Nürnberger Marxist Robert Kurz, 1999 mit dem voluminösen Schwarzbuch Kapitalismus hervorgetreten (siehe in diesem Heft S. 56 – 57), nannte Empire kurz und knapp ein „miserables Buch“. Solche Stimmen blieben allerdings – nicht nur in Deutschland – die Ausnahme.
Dieser Befund führt zu der Frage, welche Erkenntnisse gerade das Buch von Hardt und Negri aus der inzwischen langen Reihe neomarxistisch inspirierter Globalisierungskritik herausheben? Was genau macht dieses Buch zu einem „kommunistischen Buch“, wie es Hardt ausdrückte? Und: Sind die Thesen von Hardt und Negri überhaupt plausibel?
Der Begriff „Empire“ löst Assoziationen mit dem Römischen Reich oder dem britischen Empire aus. Diese Assoziationen gehen allerdings an denjenigen Phänomenen, die Negri und Hardt mit dem Begriff Empire kennzeichnen, vorbei. Sie wollen eine neue Form von „Souveränität“ beschreiben, die nach ihrer Auffassung durch „eine einzige Herrschaftslogik“ gekennzeichnet ist. Die hieraus entstandene Herrschaftsinstanz, das Empire, kann als eine Art gigantisches Netzwerk verstanden werden, das alle ökonomischen und politischen Organisationen auf dieser Erde erfaßt. Der Begriff Netzwerk impliziert, daß es kein Zentrum mehr gibt. Und da dieses Netzwerk globale Ausmaße hat, gibt es auch kein Außen mehr. Hier liegt eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage, worin der Unterschied von Empire im Vergleich zu marxistischen Kapitalismuskritiken liegt, die in der Regel zwischen Zentrum und Peripherie unterscheiden. In dem Netzwerk, das Hardt und Negri als Empire vorstellen, gibt es nur noch „Knoten“ der Machtkonzentration. Ein Beispiel hierfür seien die USA. Diese hätten „eine privilegierte Rolle“, stellte Michael Hardt in einem Interview mit der Jungen Freiheit fest und präzisierte seine Feststellung dahingehend, daß diese als „Monarch in einer Adelsrepublik“ bezeichnet werden könnten – „die Adligen, das wären die europäischen und die kapitalistischen asiatischen Staaten“.


 Gastbeitrag

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