Sezession
1. April 2004

Neomarxismus und Globalisierung

Gastbeitrag

Viel schwerer wiegt freilich die Behauptung, daß sich inmitten der globalen Netzwerk-Machtstruktur eine „neue Form der Souveränität“ etabliert habe, die den alten Nationalstaaten genauso den Garaus mache wie dem Imperialismus. Kein Staat, oder besser: kein „Machtknotenpunkt“, so die These von Negri und Hardt, könnte heute die alleinige Kontrolle über die aktuelle globale Ordnung ausüben. Das globale System der Netzwerke, dieser „U-topos“, also Nicht-Ort, bestimme nicht nur die menschlichen Interaktionen. Diesem System sei auch inhärent, sich die „menschliche Natur“ zu unterwerfen. An die Stelle der Nationalstaaten, die im entgrenzten Empire nur nachrangige Bedeutung hätten, träten supranationale Organisation wie die WTO, der IWF, die G-8-Runde oder ähnliches, die mehr und mehr an Bedeutung gewännen. Spätestens hier gerät das auf jegliche Empirie verzichtende Opus von Negri und Hardt an seine Grenzen. Daß alle diese supranationalen Organisationen mehr oder weniger offenkundig unter Kontrolle der USA stehen, findet in ihrer Theorie keinen Niederschlag. Tagtäglich wird ihre Behauptung, die Vereinigten Staaten seien nur primus inter pares, es gebe keine wirklich dominierende Größe im globalen Netzwerk, von der Wirklichkeit widerlegt. Realität ist eine ständig größer werdende Asymmetrie der Macht zwischen der alten und der neuen Welt. All das läßt sich auch in harte Empirie fassen, die Negri und Hardt – wie eine Reihe anderer postmoderner und neomarxistischer Theoretiker, die Machtfragen gerne sozialwissenschaftlich verdampfen – außer acht lassen. Diese Abgleichung an der Wirklichkeit liefern beispielsweise die beiden US-Politologen Stephen G. Brooks und William C. Wohlforth, die am Dartmouth College in Hanover (New Hampshire) lehren. Beide Wissenschaftler, die dem „rechten Flügel“ der Republikaner zugerechnet werden, präsentieren einen Strom von Daten und Fakten, der vor allem eines belegt: die unangefochtene Machtstellung der USA in der Welt. Diese Überlegenheit ist nicht nur militärischer, sondern auch ökonomischer Natur. Brooks und Wohlforth machen klar, daß die zentrale Behauptung von Negri und Hardt, nach der wir es mit einem „Römischen Reich ohne Rom“ zu tun hätten, den Fakten nicht standhält. Weil die diskursiven Rahmenbedingungen unzureichend reflektiert sind, sind auch alle Thesen, die Negri und Hardt im Hinblick auf das Empire, diesem „Netzwerk von Netzwerken“ entfalten, fragwürdig. Nicht mehr als reines Wunschdenken bleibt deshalb auch ihre Prognose, daß der globale Kapitalismus durch das neue Proletariat der Multitude seinen Untergang quasi selbst hervorbringe.


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