Sezession
1. April 2004

Antifaschismus – vom linksradikalen Kampfbegriff zum staatstragenden Axiom

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Thomas Drescher

„Wer vom Faschismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“ Max Horkheimer, 1939

„NPD, Republikaner und DVU unterscheide ich nicht....Das hieße, Scheiße nach Geruch sortieren.“ Gerhard Glogowski, ehemaliger Niedersächsischer Innenminister 1998

Was haben das gesellschaftstheoretische Diktum eines Protagonisten der Kritischen Theorie und die sich fäkalsprachlicher Elemente bedienenden Auslassungen über rechte Kleinparteien eines SPD-Landesministers gemeinsam? Beide vereinfachen die Komplexität sozialer beziehungsweise politischer Verhältnisse, indem sie Differenzen negieren. Der eine jene von totalitären und nicht-totalitären Herrschaftssystemen und deren gesellschaftlichen Grundlagen, der andere die inhaltlichen und programmatischen Unterschiede zwischen Rechtsradikalismus, Konservatismus und Rechtspopulismus. Sie können das tun, weil diese von ihnen inkriminierten Phänomene ihrem Selbstverständnis nach das absolut „Andere“ ihres eigenen politischen und moralischen Wollens darstellen. Beide sind dem Geist jenes „Mythos“ verpflichtet, der uns im Folgenden beschäftigen wird – dem „Antifaschismus“.

Vergleicht man die eher spärlich vorhandene wissenschaftliche Literatur, die sich kritisch mit dem Thema „Antifaschismus“ auseinandersetzt, so kann man als gemeinsamen Nenner die Identifikation von Antifaschismus als einem Bestandteil von (links-)extremistischer beziehungsweise totalitärer Ideologie identifizieren. Eine Ideologie kann verstanden werden als eine wertbezogene Form der Gesellschaftsbeschreibung. Ideologien sind in modernen Gesellschaften ein funktionales Äquivalent zu den – nicht mehr vorhandenen – geringer generalisierten Rollenorientierungen ständischer Gesellschaften. Ihre Funktion ist dabei eine genuin politische – sie orientieren und legitimieren kollektives Handeln. Der Rekurs auf Werte erspart in Alltagssituationen ein ständiges Sich-Rückversichern-Müssen der eigenen Handlungsprämissen. Werte haben dabei den großen kommunikativen Vorteil, im Normalfall insinuiert werden zu können.
Es stellt sich nun die Frage, wann eine Ideologie als „extremistisch” oder „totalitär” zu gelten hat. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Erklärungs- und Definitionsversuchen. Einige heben vor allem auf den Aspekt der Anwendung beziehungsweise Befürwortung physischer Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung ab. Damit ist ein für Extremismus konstitutives Moment bezeichnet, gleichzeitig bleiben wichtige Dimensionen – vor allem auf semantischer Ebene – außer Acht. Eine zweite Strömung folgt dem totalitarismustheoretischen Erklärungsansatz. Hier wird in nuce mit einer Binärklassifikation gearbeitet, deren beide Werte (Demokratie einerseits, Extremismus andererseits), sich wechselseitig exklusiv definieren. Also: Extremismus äußert sich in Demokratiefeindlichkeit, Demokratie ist wesentlich Ablehnung jeglicher Art von Extremismus. Demokratie kann einer solchen Begriffsbestimmung zufolge per definitionem keine totalitären Eigenschaften aufweisen. Auch Veränderungsprozesse in Richtung der einen oder anderen Herrschaftsform sind mit einer solchen Klassifikation schlecht erfaßbar.


 Gastbeitrag

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