Sezession
1. April 2004

Eine linke Phantasie – Der „edle Wilde“

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 5 / April 2004

sez_nr_5von Markus Abt

Der Gedanke, daß das Umfeld der Zivilisation und somit der eigenen, weit entwickelten Kultur der Selbstverwirklichung nicht immer dient, sondern sie sogar unterdrücke, wird seit Jahrhunderten von Kulturpessimisten mit dem Verlust eines ursprünglichen Idealzustandes in Verbindung gebracht. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Schritt in die Zivilisation ein Schritt in die Barbarei. Denn der Mensch des ursprünglichen, vorkapitalistischen Umfelds muß besser, zufriedener und friedliebender gelebt haben, obendrein im Einklang mit der Natur: Der „edle Wilde“ ist eine alte und hartnäckige Figur mit Ausstrahlungskraft in die politische Entscheidungsfindung bis heute.

Jedoch hat man sich die Realität, in der der vorzivilisatorische Mensch lebte, härter, grausamer und amoralischer vorzustellen als das, was wir heute vorfinden. Die technologischen Möglichkeiten der modernen Archäologie tragen fast täglich dazu bei, den Mythos des „edlen Wilden“ als Wunschgedanken zu entlarven.
Der Gedanke, daß der „edle Wilde“ im Einklang mit seiner Umwelt lebte, zählt zweifellos zu den nachhaltigsten Mythen der Menschheit. Insbesondere die Ureinwohner Amerikas dienten und dienen dabei als Vorbild eines gelungenen Ausgleichs zwischen Mensch und Natur, dessen Harmonie erst durch die Ankunft der Europäer zerstört wurde. Die erste durch Menschen verursachte ökologische Katastrophe in Nordamerika hatte sich allerdings schon zwischen 9000 und 5000 Jahre vor Christus vollzogen, in einer Epoche, die allgemein als pleistocene overkill bekannt ist: Während dieser Zeit wurden große Säugetiere wie das amerikanische Pferd, der Säbelzahntiger, Faultiere und der Riesenbiber, insgesamt circa 160 Tierarten, Opfer der wachsenden Menschenzahl in Nordamerika.
Auch in späteren Epochen griff der edle Wilde ökologisch verheerend in seine Umwelt ein. Als herausragendes Beispiel dafür kann die Stadt Cahokia, eines der Zentren der Mississippi- Hochkultur dienen. Die hölzernen Hütten, Palisaden, Wehrgänge und Wehrtürme der Stadt, aber auch der Brennholzbedarf, waren eine signifikante ökologische Belastung, die zum Untergang Cahokias im 12. beziehungsweise 13. Jahrhundert beigetragen hat. Allein der Bau der etwa vier Kilometer langen Palisaden bedeutete das Fällen von ungefähr 80 000 Bäumen.
Die archäologischen Beweise deuten außerdem im Bereich der Nahrungsbeschaffung auf gelegentliche Massentötung. So setzten die Miamis Feuer ein, um die Bisons den Jägern zuzutreiben: Bis zu zweihundert Tiere am Tag wurden erlegt, weit mehr als der Bedarf.
Ähnlich problematisch wie in Nordamerika war die ökologische Realität im vorkolonialen Neuseeland. Dort hatten die Maoris innerhalb der ersten 600 Jahre nach ihrer Ankunft etliche Vogelarten ausgerottet und die Hälfte des Baumbestandes gerodet, woraus insgesamt mindestens 4000 Forts und Festungen entstanden sind.
Aus diesen und ähnlichen Beispielen läßt sich ableiten, daß auch der edle Wilde, insofern ihm die technologischen Möglichkeiten zur Verfügung standen, ökologischen Gesichtspunkten geringe Beachtung schenkte. Wo das ökologische Gleichgewicht bewahrt wurde, spielte meist die mangelnde Fähigkeit zur Naturausbeutung mit geringer Siedlungsdichte und kleinen Bedarfsmengen zusammen. Oder man trifft auf die sehr entwickelte Kulturtechnik einer optimalen und nachhaltigen Nutzung der Naturressourcen. Es kann jedoch kaum die Rede sein von einem ökologischen Bewußtsein im Sinne eines ethischen Leitgedankens oder von einem vorbewußten Eingebettetsein ins sanfte Widerspiel von Natur und Mensch.
Die erwähnte hohe Anzahl von Befestigungen in Neuseeland und die Palisaden der Ureinwohner Amerikas widerlegen auch die Annahme, daß Krieg eine Erfindung der Zivilisation sei. Versuche, die Palisaden als „Umzäunung“ zu beschreiben, deren Zweck es war, die Dorfbewohner gegen wilde Tiere zu schützen, scheitern an der Beweislast. Weder das neolithische Zeitalter in Europa noch die primitiven Gesellschaften anderswo waren von besonderer Friedfertigkeit geprägt. Vielmehr läßt sich zeigen, daß zivilisatorisch fortgeschrittene Gemeinschaften weniger häufig und zeitlich begrenzt ihre Kriege führen, der technischen Möglichkeiten wegen jedoch mit hoher Intensität und Zerstörungskraft.
Im Gegensatz dazu führten vorindustrielle Gesellschaften meist im zyklischen Jahresrhythmus die petite guerre. Deren Dauerhaftigkeit führte zu einem starken kriegerischen Mobilisierungsgrad und zu Verlusten, die prozentual viel höher lagen als beispielsweise die der Deutschen während beider Weltkriege. Solche Überlegungen lassen sich auch am vorkolonialen Bevölkerungswachstum abgleichen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lag dieses Wachstum in Afrika, südlich der Sahara, bei 0,1 Prozent. Durch die Kolonisierung und die damit verbundene Unterbrechung der Kriegszyklen – auch als Tegria- oder Killikriege bekannt – stieg das Bevölkerungswachstum rapide an und erreichte bis zum Zeitpunkt der Entkolonisierung, nicht zuletzt auch durch die verbesserte medizinische Versorgung, bis zu drei Prozent.


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