Wie weiter? (VIII): Helikopter-Quartett

Wenn ich -- was selten genug vorkommt -- während einer Arbeit Musik höre, dann ist das Programm ziemlich klassisch...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Ziem­lich heißt: Es gibt Kon­ser­va­ti­ve, die jede erns­te Musik von 12-Ton bis jün­ger nicht mehr für Musik hal­ten. Ich gehö­re nicht dazu und habe ges­tern Karl­heinz Stock­hau­sens Heli­ko­pter-Quar­tett aufgelegt.

Das ist futu­ris­ti­sche Musik! Vier Instru­men­ta­lis­ten eines klas­si­schen Quar­tetts stei­gen in je einen Hub­schrau­ber und spie­len par­al­lel auf­stei­gend ihr Tre­mo­lo, das heißt: ihre Töne in einem rasend schnel­len Bogen­tanz über die Sai­ten. Auf dem Höhe­punkt die­ser Dyna­mik rufen die Musi­ker von 1 auf­stei­gen­de Zah­len­fol­gen, her­aus­for­dernd, fast über­schnap­pend. Gegen Ende beru­higt sich das Quar­tett, die Heli­ko­pter lan­den, die Tur­bi­nen, die den Rhyth­mus vor­ga­ben, dre­hen aus: Man steht in der “Stil­le nach dem Schuß”.

Schla­gend ist die Irri­ta­ti­on. Sie ruft Abwehr­re­ak­tio­nen (bei Ver­tei­di­gern des Her­ge­brach­ten), blö­de Begeis­te­rung (bei “Haupt­sa­che Modern”-Typen), Unver­ständ­nis (bei den Selbst­si­che­ren) – oder eben Tem­pe­ra­tur­er­hö­hung her­vor. Die Irri­ta­ti­on ist ein Riß in der sta­bi­len (inne­ren) Ord­nung. Wer irri­tie­ren will, muß sich klar dar­über wer­den, was eigent­lich von ihm erwar­tet wird – und dann etwas tun, das die­se Erwar­tungs­hal­tung frucht­bar enttäuscht.

Frucht­bar muß der Regel­ver­stoß sein, nicht bloß so belie­big aus Lan­ge­wei­le aus­ge­führt: gezielt, in einem gewis­sen Sin­ne päd­ago­gisch, auf­stö­rend, ein­fach so, daß es mit der Ruhe des Intel­lekts für eine klei­ne oder grö­ße­re Span­ne vor­bei ist. Der Regel­ver­stoß gehört zum Bau­kas­ten einer Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt, er kann ins Gro­tes­ke, ins Über­spitz­te, ins Iro­ni­sche gehen.

Ich hal­te bei­spiels­wei­se die Wort­schöp­fung “Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on” bereits für eine Irri­ta­ti­on ers­ten Ran­ges: Bei­des zusam­men­zu­den­ken – das Bewah­rens­wer­te und den Vor­stoß – ist der Kern, um den wir (wir?) krei­sen: Nie bloß Bewah­ren oder Revol­tie­ren – immer beides.

Zuletzt: Irri­ta­tio­nen müs­sen ohne gro­ße Erklä­run­gen aus­kom­men. Und das ist das Ein­zi­ge, was ich an der Stock­hau­sen-CD ein­fach nicht begrei­fen kann: War­um hier die Insze­nie­rung der Auf­füh­rung des Heli­ko­pter-Quar­tetts damit endet, daß der Mode­ra­tor “Spie­ler und Pilo­ten nach ihren Erfah­run­gen befragt und schließ­lich das Publi­kum in die­ses Gespräch einbezieht”.

Nein: kei­ne Erklä­run­gen. “Laßt die Mole­kü­le rasen,/ was sie auch zusammenstoben!/ Laßt sie tür­men, laßt sie toben!/ Hei­lig hal­tet die Ekstasen!// (aus dem Kopf, Ril­ke, glau­be ich).

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (16)

benjamin jahn zschocke

22. September 2009 09:34

das ließt sich gut. doch macht es, rein in bezug auf die kunst, wieder deutlich: es ist scheinbar alles gesagt. wer gehört werden will, kann nur noch exzessiv, laut und eben verstörend sein. doch damit wird die kunst zu einem extrem elitären tunnel, der nach hinten hin immer enger wird und den, wenn leute wie jonathan meese, rebecca horn oder erwin wurm am ruder bleiben, bald keiner mehr nachvollziehen kann und will. das ist irgendwie schade, denn kunst beziehungsweise kunstgenuß könnte doch auch ein rückzugsort vom verstörenden sein, was ja nicht gleich "idylle" oder "romantik" bedeuten muß.

Ralf Paulus

22. September 2009 10:10

Musik dient dem Schönen.
Die es nicht tut, wird nicht überdauern.

derherold

22. September 2009 10:33

Na ja, auch wenn das Helikopter-Q. jünger ist, war Stockhausen eher in den 70igern und 80igern "heiß".

Gerade im Bereich "E-Musik" ist man idR nicht "laut" ... insbesondere deshalb, weil das Publikum (buchstäblich !) keine Nerven für 2 1/2 Stunden "verstörende Musik" hat.

Hendrik Brödenfeld

22. September 2009 11:24

Der Gärtner:
"Die Frage bleibt am Ende:
Will ich mich erbauen, oder aber an einem sehr scharfen Rettich (unter Tränen) Genuß finden?"

Mellel

22. September 2009 12:14

Wer iritieren will, muß sich klar darüber werden, was eigentlich von ihm erwartet wird – und dann etwas tun, das diese Erwartungshaltung fruchtbar enttäuscht.

Fruchtbar muß der Regelverstoß sein, nicht bloß so beliebig aus Langeweile ausgeführt: gezielt, in einem gewissen Sinne pädagogisch, aufstörend,

Ja, das klappt mit dem neuen Werberechteck mit dem hübschen Geld-Schrei-Männchen und der Bohrmaschine hier neuerdings ja auch schon ganz gut. :-D

dimitroff

22. September 2009 12:23

Solch neue musik bleibt nicht lange neu und heiss. Noch immer schoen der titel eines vortrags vom adorno: 'Ueber das altern der neuen musik'; auch passend benjamins begriff von 'mode' als 'ewige wiederkehr des neuen'. Fahrstuhlmusik ist da vieles, wenn auch die eines abstuerzenden (einstuerzende neubauten, hiess da mal eine band, goebbels ihr leader).

W.Wagner

22. September 2009 12:24

Gerade das Stück auf youtube angehört - gestehe, dass es mir gefällt. Das "Verstörende" ist doch heute nur eins: während etwa in den 1920er Jahren neben der experimentellen oder "avantgardistischen" Kunst - durchaus gleichberechtigt bzw. mit dieser im Widerstreit befindlich - traditionelle Künstler, etwa Architekten (um einen anderen Bereich der Kunst anzusprechen), wirkten, scheint es mit dieser geistigen Weite und Freiheit und "verstörenden" Vielgestaltigkeit heute nicht mehr weit ... - da täte eine konservative Revolution durchaus Not, um die Dinge wieder in die Waage zu bringen - aber das halten die vermeintlich "Modernen" (vor allem in der Architektur) kaum aus ... - daher wirkt das "Verstörende" heute doch zumeist eher langweilig, denn es fehlt ihm der Widerpart, der Ausgleich, ...

eleonoraduse

22. September 2009 13:59

....das klingt etwas schaurig, nicht weniger verstörend aber ist ein Autohupkonzert der Leipziger Autosymphoniker ,das am 29.08. im Rahmen des Brückenfestivals an der Erpeler Ley (die Restbestände der legendären Brücke von Remagen) stattfand.Dort gab es Beethovens Neunte mit Hupeinlagen.Allerdings sollten die Instrumente,also die Autos ,nicht zu neu sein,alte haben noch einen ganz eigenen Klang bevorzugt sind die aus den 80-90jahren https://rhein-zeitung.de/on/09/08/27/magazin/szeneregional/t/rzo608697.html aber ernst nehmen kann man das nicht ..eher etwas zum lauthals lachen..

Hesperiolus

22. September 2009 19:10

Nicht der Rilke-Ton, ich mußte an Benn denken, ist aber von Morgenstern. Die Galgenlieder fangen damit an:
Laß die Moleküle rasen, / was sie auch zusammenknobeln! / Laß das Tüfteln, laß das Hobeln, / heilig halte die Ekstasen.
Und in deren Nachlese gehen sie dann in die Zimmerfreuden über: Wenn ich mittags fenstersteh / und die große landschaft seh, / dampft mir plötzlich Bratenrauch / in den reinen Tannenhauch. // Regst umsonst vom Erdenjoch / Flügel der Ekstase - / Ochs und Hammel steigen noch / Göttern in die Nase.

Martin

22. September 2009 20:58

... und ich muss an Thomas Mann denken: Doktor Faustus.

Nicht wegen dem guten Stockhausen, sondern wegen dem Artikel von Kubitschek.

tiberius

22. September 2009 21:31

Hallo Herr Kubitschek,

keine Sorge: Im Gefolge der Ereignisse am kommenden Sonntag (vulgo Bundestagswahl) und der sich mutmaßlich ergebenden Herrschaftsverhältnisse (rot-rot-grün für was weiß ich wieviele Jahre) werden Sie und die Mitgestalter dieser No-Go-Internetseite bald viel mehr Zeit haben sich der Kunst zu widmen.

Aber recht haben Sie irgendwie: Vielleicht sollten wir uns mehr mit Hubschrauber-Quartetten beschäftigen - ist wahrscheinlich besser für die Nerven.

godeysen

22. September 2009 23:09

"Wie schön ist doch die Musik,
aber wie schön erst,
wenn sie vorbei ist!"

So monologisiert Sir Morosus in der "Schweigsamen Frau" von Richard Strauss (Libretto: Stefan Zweig).
Mich persönlich spricht Strauss, etwa im Rosenkavalier, auf eine einzigartige Weise an, weil er die Tonalität und die Regeln des Miteinander der Tonarten bis zum Kollaps ausgereizt hat, ohne dieses Fundament dabei aber zu verleugnen, wie es Schönberg tat. So gelangen Strauss musikalische Gleichnisse vom Ende der "alten Zeit" mit unwahrscheinlicher Tiefenlotung, weil seine Kompositionen eben auf den vergangenen 10 Jahrhunderten der abendländischen Musikgeschichte aufbauen und zeigen: Das war's, und so wird's nimmermehr.
Faszinierend auch Strawinskys komponierte Orgasmen im Sacre du Printemps, bei dessen Uraufführung 1913 in Paris die Damen reihenweise in Ohnmacht fielen.
Und dann? Was kam danach? Das ist die große Frage. Ich meine, Musik muss sinnlich erfassbar sein. Sie muss nicht immer "schön" sein, aber sie muss Emotionen erregen und sich unmittelbar an einen Empfänger richten, also "live" erlebbar sein. Und das ist m.E. das Hubschrauberquartett nicht - es kann nur als bearbeitetes Produkt rezipiert werden.
Es gibt sinnliche und expressive Musik des späteren 20. Jahrhunderts. Man denke an Bernstein und an Benjamin Britten - beides Komponisten, deren Tonsprache auf Jahrhunderten der Tradition aufbaute.
Doch die Publikumsmusik des 20. und 21. Jahrhunderts wurde die Popmusik. Die sogenannte "ernste Musik" hat es seit Strauss nicht mehr vermocht, in die Breite zu wirken, sondern kann nur noch eine vermeintlich oder tatsächlich intellektuelle Elite erreichen, die Musik als technische Konstruktion oder als Installation verstehen mag.

Censor

23. September 2009 01:48

Gut dass Morgenstern wenigstens Antroposoph war; ich meine, so in Anbetracht der Leberwerte nach häufigem Verzehr von "Ochs und Hammel"... Zum Kern zurück: Aus nervlichen Gründen "nehme" ich zeitweise nur noch Bruckners 8. zu mir. Wirkt - nach Erfahrungswerten eines überzeugten Waldgängers, immerhin- bei entsprechender Lautstärke ähnlich wie Valium. So erträgt man heroisch die Realität: ohne Gefahr zu laufen, zu erblinden.

corvusacerbus

23. September 2009 08:29

Kubitschek hat recht mit seinem Unwillen gegen das ästhetische Verspießern im Guten, Schönen, Wahren. Die Moderne ist auch für konservative Revolutionäre entzaubert. Mit einem zurück zur guten alten Zeit und schönen Form ist sie nicht wieder zu verzaubern. Wir wollen immer schwarz und weiß, aber wir sitzen im 21. Jahrhundert alle im grauen Dazwischen fest. Eine konservative Avangarde kann dem durch Nostalgie nicht entrinnen, sondern muß sich dem stellen. Aber es gibt in Form, Ton und Inhalt gute Vorbilder:

Menschen getroffen
Ich habe Menschen getroffen, die,
wenn man sie nach ihrem Namen fragte,
schüchtern - als ob sie garnicht beanspruchen könnten,
auch noch eine Benennung zu haben -
„Fräulein Christian" antworteten und dann:
„wie der Vorname", sie wollten einem die Erfassung erleichtern,
kein schwieriger Name wie „Popiol" oder „Babendererde" -
„wie der Vorname" - bitte, belasten Sie Ihr Erinnerungsvermögen nicht!

Ich habe Menschen getroffen, die
mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube
aufwuchsen, nachts, die Finger in den Ohren,
am Küchenherde lernten,
hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen -
und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,
die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

Gottfried Benn

derherold

23. September 2009 19:16

Benn ist zeitgenössisch ?
Teufel auch, in diesem Tagebuch lernt man täglich dazu !

rautenklausner

24. September 2009 08:23

Lieber goetz kubitschek,

gestatten Sie mir, da Sie diese woche so feundlich und affirmativ gestimmt sind, die folgende frage: Wie saehe, nicht die welt, aber ein deutschland eigentlich aus, in welchem Sie sich wohl fuehlen koennten, wie waere es im grossen, politisch also oder gesellschaftlich, eingerichtet? Und wie, so ganz im kleinen, saehe dann bei Ihnen ein gelingender Tag aus. Koennen Sie eine solche utopie fuer sich (und fuer uns) noch imaginieren, also eine p o s i t i o n, jenseits aller negationen und provokationen?

Es gruesst Sie hochachtungsvoll
ein leser von sehr links

Antwort Kubitschek:
asap

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