Sezession
1. Januar 2004

Rudolf Fahrner – ein Lebensbild

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

sez_nr_4von Stefano Bianca

Erinnert wird hier an einen „Unzeitgemäßen“, dessen Lebensspanne (30. Dezember 1903 – 28. Februar 1988) einen großen Teil des zwanzigsten Jahrhunderts abdeckte – vom bewußten Erleben des ersten Weltkrieges in der Österreichischen Provinz bis zum Vorabend der „Wende“ in seiner deutschen Wahlheimat.

Einer der Angelpunkte dieses Lebens war die Verschwörung des 20. Juli 1944, an der Fahrner als Freund der Brüder Stauffenberg und als Mitverfasser der geplanten Aufrufe beteiligt war. Dank dem Schutz durch die wenigen Mitwisser entging Fahrner auf eine für ihn selbst wundersame Weise der Rache des Regimes. Die ihm geschenkte zweite Lebenshälfte hat er dazu benutzt, die mit Freunden begonnene geistige Gründung fortzusetzen, ohne je die Publizität zu suchen, die ihm infolge der Ereignisse hätte zufallen können. So gibt dieses Jubiläum Gelegenheit, auf einen weitgehend Vergessenen hinzuweisen, der sein späteres literarisches und dichterisches Werk im Stillen entfaltet hat – wohl im Bewußtsein, daß die Zeitumstände der Aufnahme dessen was er vertrat nicht allzu gewogen waren. Die folgenden Abschnitte versuchen dem Leser, soweit es im Rahmen eines solchen Artikels möglich ist, das Leben und die Anliegen Fahrners nahezubringen. Sie stützen sich auf den vom Verfasser betreuten Nachlaß sowie auf seine langjährige Bekanntschaft mit Rudolf Fahrner.
In ländlich-großbäuerlichen Verhältnissen im Mühlviertel aufgewachsen, entdeckt der Schüler Rudolf Fahrner die Dichtungen Hugo von Hofmannsthals und liest Friedrich Gundolfs Goethe-Buch, die ihm als Vorboten einer neuen, dem dichterischen Urerlebnis zugewandten Haltung erscheinen. Gegen den Willen des Vaters, der ihn für die Führung eines der großen Höfe ausersehen hatte, erzwingt er, fast mittellos, den Aufbruch zum Studium nach Heidelberg; er studiert bei Gundolf, bewohnt ein Zimmer beim Philosophen Heinrich Rickert, in dessen Bibliothek er seinen neuen geistigen Leitstern Stefan George entdeckt, begegnet Nicolai Hartmann und Martin Heidegger (der ihn für sich zu gewinnen sucht), und wird schließlich von Gundolf zu Friedrich Wolters nach Marburg gewiesen, in dessen Freundeskreis er eintritt.
Nach seiner Promotion im Alter von 22 Jahren mit einer Arbeit über Hölderlins Begegnung mit Goethe und Schiller habilitiert sich Fahrner 1928 in Marburg mit seiner Schrift über „Wortsinn und Wortschöpfung bei Meister Eckehart“ als jüngster Privatdozent Deutschlands. Hier schart er einen Kreis von jungen Hörern und Freunden um sich, die ihm lebenslang verbunden bleiben sollten – darunter Karl Schefold, Eberhard Zeller, Stefan Thiersch, der vielversprechende, im Krieg jung gefallene Gottfried Baumecker und später Wolfgang Hoffmann-Zampis.
Ende der Zwanziger Jahre unterstützt Fahrner seinen Lehrer Wolters – nicht ohne kecke Einwände – bei der Abfassung seines umstrittenen Werkes „Stefan George und die Blätter für die Kunst“ (1930 erschienen). In diesen Jahren kommt er in Berührung mit Wolters’ älteren Freunden wie Kurt Hildebrandt, Berthold Vallentin, Paul Thiersch und Karl Wolfskehl. Zu Stefan George selbst gewinnt er persönlichen Zugang im Jahre 1930, nach Wolters’ Tod. Seid dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich der George-Kreis in manche Untergruppen gespalten, und seine Zugehörigkeit zum Wolters-Clan hatte Fahrner Gegnerschaft im nahen Umkreis von George beschert.


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