1. Januar 2004

Rudolf Fahrner – ein Lebensbild

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

sez_nr_4von Stefano Bianca

Erinnert wird hier an einen „Unzeitgemäßen“, dessen Lebensspanne (30. Dezember 1903 – 28. Februar 1988) einen großen Teil des zwanzigsten Jahrhunderts abdeckte – vom bewußten Erleben des ersten Weltkrieges in der Österreichischen Provinz bis zum Vorabend der „Wende“ in seiner deutschen Wahlheimat.

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Einer der Angelpunkte dieses Lebens war die Verschwörung des 20. Juli 1944, an der Fahrner als Freund der Brüder Stauffenberg und als Mitverfasser der geplanten Aufrufe beteiligt war. Dank dem Schutz durch die wenigen Mitwisser entging Fahrner auf eine für ihn selbst wundersame Weise der Rache des Regimes. Die ihm geschenkte zweite Lebenshälfte hat er dazu benutzt, die mit Freunden begonnene geistige Gründung fortzusetzen, ohne je die Publizität zu suchen, die ihm infolge der Ereignisse hätte zufallen können. So gibt dieses Jubiläum Gelegenheit, auf einen weitgehend Vergessenen hinzuweisen, der sein späteres literarisches und dichterisches Werk im Stillen entfaltet hat – wohl im Bewußtsein, daß die Zeitumstände der Aufnahme dessen was er vertrat nicht allzu gewogen waren. Die folgenden Abschnitte versuchen dem Leser, soweit es im Rahmen eines solchen Artikels möglich ist, das Leben und die Anliegen Fahrners nahezubringen. Sie stützen sich auf den vom Verfasser betreuten Nachlaß sowie auf seine langjährige Bekanntschaft mit Rudolf Fahrner.
In ländlich-großbäuerlichen Verhältnissen im Mühlviertel aufgewachsen, entdeckt der Schüler Rudolf Fahrner die Dichtungen Hugo von Hofmannsthals und liest Friedrich Gundolfs Goethe-Buch, die ihm als Vorboten einer neuen, dem dichterischen Urerlebnis zugewandten Haltung erscheinen. Gegen den Willen des Vaters, der ihn für die Führung eines der großen Höfe ausersehen hatte, erzwingt er, fast mittellos, den Aufbruch zum Studium nach Heidelberg; er studiert bei Gundolf, bewohnt ein Zimmer beim Philosophen Heinrich Rickert, in dessen Bibliothek er seinen neuen geistigen Leitstern Stefan George entdeckt, begegnet Nicolai Hartmann und Martin Heidegger (der ihn für sich zu gewinnen sucht), und wird schließlich von Gundolf zu Friedrich Wolters nach Marburg gewiesen, in dessen Freundeskreis er eintritt.
Nach seiner Promotion im Alter von 22 Jahren mit einer Arbeit über Hölderlins Begegnung mit Goethe und Schiller habilitiert sich Fahrner 1928 in Marburg mit seiner Schrift über „Wortsinn und Wortschöpfung bei Meister Eckehart“ als jüngster Privatdozent Deutschlands. Hier schart er einen Kreis von jungen Hörern und Freunden um sich, die ihm lebenslang verbunden bleiben sollten – darunter Karl Schefold, Eberhard Zeller, Stefan Thiersch, der vielversprechende, im Krieg jung gefallene Gottfried Baumecker und später Wolfgang Hoffmann-Zampis.
Ende der Zwanziger Jahre unterstützt Fahrner seinen Lehrer Wolters – nicht ohne kecke Einwände – bei der Abfassung seines umstrittenen Werkes „Stefan George und die Blätter für die Kunst“ (1930 erschienen). In diesen Jahren kommt er in Berührung mit Wolters’ älteren Freunden wie Kurt Hildebrandt, Berthold Vallentin, Paul Thiersch und Karl Wolfskehl. Zu Stefan George selbst gewinnt er persönlichen Zugang im Jahre 1930, nach Wolters’ Tod. Seid dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich der George-Kreis in manche Untergruppen gespalten, und seine Zugehörigkeit zum Wolters-Clan hatte Fahrner Gegnerschaft im nahen Umkreis von George beschert.

In seinen Erinnerungen sagt Fahrner, daß dieser späte Zugang zu George in gewissem Sinne ein besonderes Geschenk für ihn gewesen sei, da ihn der alternde Dichter nun mit der indessen nachgewachsenen jüngsten Generation von Anhängern in Verbindung brachte, insbesondere mit dem jungen Bildhauer Frank Mehnert, der während der letzten Lebensjahre des Dichters engster Vertrauter war. Durch Frank gewann Fahrner die Beziehung zu den Brüdern Claus und Berthold von Stauffenberg, und dieses Dreigestirn – später ergänzt durch den überlebenden Bruder Alexander von Stauffenberg – hat von da an Fahrners Lebensweg geprägt.
Äußerlich standen die frühen Dreißiger Jahre im Zeichen des heraufziehenden Nazismus, der auch Georges Freunde und Anhänger polarisierte und in verfeindete Gruppen zerriß. Der Dichter selbst entzog sich einer Stellungnahme und jeglichen Ehrungen des Nazi-Staats durch seine Aufenthalte in der Süd-Schweiz. Freilich hatte das von ihm erträumte „Neue Reich“ nichts mit dem vom Nazismus verdorbenen Zerrbild davon gemeinsam. In Fahrners Aufzeichnungen seiner Gespräche mit George wird das Thema des Nazismus zweimal berührt. So berichtet Fahrner: „Am Ende einer alle trennenden Klüfte gegen die siegreichen Nationalsozialisten deutlich machenden Gesprächsstunde (George hatte beim Vergleich das nationalsozialistischen Deutschlands mit Russland bemerkt, dass minus 100 und minus 200 Grad für den Menschen wenig Unterschied mache) und in Erinnerung rufend, dass es auch schon im Ersten Weltkrieg Freunde gegeben habe, die meinten, er müsse mitmachen weil er und sein Werk vom deutschen Schicksal abhingen, sagte George mit ungeheurer Gebärde, hoch aufgerichtet und den Kopf zurückgeworfen: „Ich habe ganz andere Aktien auf das Deutsche Reich – und sehr gute Papiere!“ (Aufzeichnung München, Mai 1933). In einem früheren Gespräch hatte George zu Fahrner gesagt, er sei politisch nicht unfehlbar: Wenn man ihm ein Gedicht bringe, könne er genau sagen, was es tauge; im übrigen könne er irren wie jeder andere. (Aufzeichnung Berlin, Herbst 1932.)
Die Haltung der Freunde Frank, Claus von Stauffenberg und Rudolf Fahrner zum Nazismus war zunächst ambivalent. Angesichts der georgeschen Ideale konnte sich keiner von ihnen Illusionen über die wahre Natur der Bewegung machen, doch sahen sie wohl anfangs auch Potenzen darin, die zu nutzen und in anderem Sinne zu gebrauchen wären. Karl Löwith, ein Kollege Fahrners während seiner Marburger Zeit, schreibt in seinen Erinnerungen, Fahrner habe ihm 1932 nach einem Marburger Auftritt Adolf Hitlers berichtet, dieser sei gewiß nicht der kommende Führer (das Wort habe bei ihm einen Georgeschen Klang gehabt), aber vielleicht ein „magischer Blödel“ der die Massen in Bewegung setze, bis der richtige Herrscher komme.
In eine dramatische Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Ideologen geriet Fahrner bereits mit dem Tag seiner Antrittsvorlesung am 2. Mai 1935 in Heidelberg, wohin er Ende 1934 als Nachfolger Friedrich Gundolfs berufen worden war. In seinen Erinnerungen schildert er die von ideologischen Drahtziehern betriebene „Verirrung und Verwirrung der Geister“, die sich bis zum behaupteten Verrat Goethes an den Deutschen verstieg. In seiner erhaltenen Antrittsvorlesung „Die Dichtung im deutschen Schicksal“ versuchte Fahrner darzulegen, welche Spannungen zwischen geistigem und politischem Leben ohnehin immer bestanden, wie sie sich in der deutschen Geschichte gezeigt und ausgewirkt hatten und wie die gegenwärtige politische Bewegung vor der Aufgabe stehe, eine Verbindung zu den geistigen Mächten überhaupt und zu den für Deutschland eigentümlichen Kräften im Besonderen zu finden.

Der weltoffene Horizont von Fahrners Vorlesung, sowie seine Bemühung, das Geistige als primäre Wirkungsmacht in Beziehung zum Tatwesen zu setzen, jedoch es von allen dogmatischen und ideologischen Verengungen freizuhalten, muß die nazistischen Fanatiker um den mächtigen Reichsstudentenführer Scheel sowohl beeindruckt als auch tief beunruhigt haben. Scheel bedrohte Fahrner kurz darauf mit einem Ultimatum, sich der politischen Bewegung einzuordnen, widrigenfalls er ihn nicht länger halten könne. Die Zeitgleichheit von Fahrners demonstrativem Austritt aus der SA (16. Mai 1935) läßt keinen Zweifel daran, was Fahrners Antwort auf dieses Ultimatum war. Der Altgermanist und Geheimrat Friedrich Panzer, der Fahrners Berufung herbeigeführt hatte, konnte ihn noch rechtzeitig warnen, daß der Dekan der Fakultät ein geheimes Schreiben an das Kultusministerium gerichtet hatte, in welchem Fahrners Entfernung auf Grund untragbarer Gesinnungen verlangt wurde. Dies gestattete es Fahrner, durch ein selbst eingereichtes Entlassungsgesuch dem drohenden Prozeß und weiteren voraussehbaren Verleumdungen zu entgehen.
Die folgenden freien Jahre gaben Fahrner die Möglichkeit und den Ansporn, das mit Gutheißung von George in Angriff genommene Buch über E.M. Arndt abzuschließen – eine Arbeit, die ihrerseits in das später im eigenen Verlag veröffentlichte Gneisenau-Buch überleitete. Beide Bücher gehen zurück auf die Fahrner und seine Freunde bedrängende Frage, wie sich geistig geprägte Menschen in einem ungemäßen politischen Umfeld verwirklichen und wie sie eine Erneuerung verkrusteter staatlicher Lebensordnungen von den geistigen Ursprüngen her bewirken könnten. Das Arndt-Buch hat seinerzeit breite Wirkung gefunden und hat Fahrner, wie sich später zeigen sollte, die Sympathien und den Schutz von einflußreichen Ministerialbeamten gesichert, die sich innerhalb des Regimes ihre geistige Freiheit bewahrt hatten. Claus von Stauffenberg, ein Gneisenau-Nachfahre, nahm besonderen Anteil am Entstehen der zweiten Arbeit und hat Fahrner mehrmals, nicht ohne Absicht, aufgefordert, vor seinen Soldaten über Gneisenau zu sprechen.
So bereitete der Rückschlag in Heidelberg den Boden für eine wichtige neue Lebensphase, zumal in diese Zeit auch Fahrners gemeinsam mit Gemma Wolters-Thiersch unternommene Hausgründung in Überlingen am Bodensee fiel. Über viele Jahrzehnte blieb dieses Haus das Zentrum eines Freundeskreises, in dem Dichtung, Bildhauerei und Kunsthandwerk eine Heimstätte fanden. Die Gruppe setzte sich weitreichende Aufgaben mit der Gründung des Delfin-Verlags, dessen in eigener Typographie gedruckte Bücher dem dichterischen und dem geschichtlichen Mythos zugewandt waren. Unter den erschienenen Publikationen finden sich Das Rolandslied, Parzival, Hannibal und Übersetzungen homerischer Gesänge. Der von Freunden gegründete „Weberhof“ auf der Insel Juist bot der Gruppe eine weitere Stätte für gemeinschaftliche Feste, Lesungen und Aufführungen. Fahrner selbst fand nun die Zeit, sich mit dem Freund Frank in der Bildhauerei zu üben. (Seine Skulpturen riefen ungläubiges Staunen beim George-Erben Robert Boehringer hervor, der später den Abguss der Fahrnerschen Büste von Alexander von Stauffenberg für die George-Stiftung veranlaßte.) Die freien Jahren waren auch eine Zeit des Reisens und der Entdeckungen – insbesondere in Süditalien, Griechenland und Ägypten.

Fahrners nach den Heidelberger Vorfällen intaktes, ja gesteigertes Ansehen bei den Verantwortlichen im Reichserziehungsministerium führte nun dazu, daß er ein zweites Mal, wie schon 1934, als Vertreter für deutsche Sprachen und Kultur an die internationale Sommerakademie in Santander entsandt wurde. Mehr noch, 1937 kam aus Berlin das Angebot für eine mit griechischen Stellen vereinbarte Vertragsprofessur an der Universität Athen – ein Ruf, der auf die Initiative griechischer Hörer von Fahrners Vorlesungen in Heidelberg zurückging. Nach etlichen bürokratischen Verzögerungen trat Fahrner diese Stellung im Herbst 1939 an und wurde danach auch mit der Leitung des Deutschen Wissenschaftlichen Institutes in Athen betraut.
In seinen Erinnerungen schreibt Fahrner, er habe zweimal in seinem Leben eine durchgeistigte Stadt erlebt: „Heidelberg nach dem ersten Weltkrieg und Athen zu Beginn des zweiten Weltkrieges. Dort war es der geistige Durst der aus dem Feld heimkehrenden Jugend, die auf die in jenen Jahren erst ganz in die Öffentlichkeit tretende geistige Bewegung traf, die von Stefan George ihren Ausgang genommen hatte. Das bewirkte ein Wiederaufflammen aller Erneuerungsbewegungen (auch in der Wissenschaft), die an der Jahrhundertwende begonnen hatten und nach der Überschattung durch die Kriegsjahre neumächtig emportauchten. (…) Im Athen des späten Herbstes 1939 trafen sich noch einmal viele Geister aus ganz Europa und aus anderen Erdteilen unter hellenischem Zeichen. Sie wußten, was ihnen an Trennung und schweren Schicksalen bevorstand, und sie feierten in diesem Augenblick noch einmal ihre Gemeinsamkeit, ihren Glauben an hohe Bilder, ihre Unabhängigkeit von allen Machtkämpfen und dem sie einengenden und begleitenden Wahn. Sie zeigten sich ihre Neigung und gingen zarter und fühlender miteinander um in diesen Abschiedstagen von einer Welt, die sie hervorgebracht hatte und die sie als die ihre getragen hatten. Es war ein Kreisen geistiger Hochgefühle, das sie verband und das die ganze Stadt durchwogte und durchtränkte.“
In Athen sah Fahrner seine Aufgabe darin, die Vermittlung deutschen Kulturgutes in einem hellenischen und internationalen Milieu rein zu halten von allen politischen und ideologischen Beimischungen. Dies ging nicht ohne Kämpfe und Denunziationen ab, doch Fahrners Berliner Schutzgeister im Reichsministerium (insbesondere der treffliche Dr. Scurla) standen zu ihrem vorweg gegebenen Versprechen, ihn zu stützen. Und der damalige deutsche Botschafter in Athen, Prinz Erbach, sowie der Gesandtschaftsrat Karl Fritz von Grävenitz wurden Mitspieler in dieser heimlichen Konspiration gegen eine nazistische Kulturpolitik. Die Fortführung der Homer-Übersetzung sowie Vorlesungen über Winckelmann, Goethe und Hölderlin standen damals im Zentrum seiner Tätigkeit, zu der er viele Gastreferenten zuzog. Alexander Stauffenberg, Frank, Eberhard Zeller und andere Freunde gehörten zu den Besuchern und gelegentlichen Mitarbeitern.

Während der Heimataufenthalte in Deutschland setzte sich die Zusammenarbeit mit den drei Brüdern Stauffenberg fort, die sowohl Dichterisches wie Politisches zum Inhalt hatte. Einerseits wurde die Homerübersetzung weitergeführt und an Alexander Stauffenbergs Dichtung Der Tod des Meisters gearbeitet; andererseits kristallisierten sich bei Claus von Stauffenberg die ersten Pläne zur Erhebung, in die Fahrner im September 1943 in Lautlingen eingeweiht wurde mit der Aufforderung, die geplanten Aufrufe abzufassen. Am 28. Juni 1944 wurde Fahrner von Claus angesichts der bevorstehenden Ereignisse nach Berlin zurückgerufen.
Die Vorgänge um den 20. Juli und Fahrners Rolle darin sind in mehreren Büchern ausführlich geschildert worden, sodaß hier wenige Hinweise genügen. Die kompetenteste Darstellung findet sich in den zwei Büchern von Eberhard Zeller, der mit Stauffenberg und dessen Umkreis vertraut war und dem Fahrner seine persönlichen Erinnerungen mitgeteilt hat. Peter Hoffmans Buch erweckt durch seine akribische Sammlung von Daten und Zeugnissen den Anschein von „Objektivität“, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß sein Verfasser dem geistigen Hintergrund Stauffenbergs und seiner Freunde fremd gegenübersteht. Das Werk ist ein Musterbeispiel dafür was Fahrner gerne als „Voreingenommenheit durch Uneingenommenheit“, das heißt als Mangel an geistiger Affinität zum Gegenstand der Betrachtung, bezeichnete. So dienen die fleißig recherchierten „Fakten“ oft nur der Bestätigung eigener Vorurteile. Das Bild Fahrners hat Hoffmann in seiner Darstellung, einseitige Quellen herausstreichend, eher negativ eingefärbt – wohl zum Entgelt dafür, daß Fahrner ihm (anders als im Fall von Zeller) persönliche Informationen vorenthielt, auf die Hoffmann Anspruch zu haben glaubte.
Die letzten Jahre des zweiten Weltkrieges brachten Fahrner ähnlich große Verluste an Mentoren, Freunden und Mitarbeitern wie die späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Hatte er damals innerhalb von wenigen Jahren Erika und Friedrich Wolters, Paul Thiersch und Stefan George verloren, so wurden nun Frank Mehnert, Claus und Berthold Stauffenberg, Friedrich Baumecker, Wolfgang Hoffmann-Zampis und Hans Zeller vom Krieg oder von den Nachbeben des 20. Juli dahingerafft. Der Neubeginn nach Ende des Krieges war auch durch die Schwierigkeit belastet, neue Wirkungsmöglichkeiten in Deutschland zu finden. Nicht ohne Bitterkeit stellte Fahrner fest, daß viele Vertreter oder Mitläufer des Nazi-Regimes nach dem Krieg in leitender Stellung an verschiedenen Institutionen der Bundesrepublik unterkamen, während ihm die Unterstützung entzogen wurde.
Äußerlich ist dieser Einschnitt in Fahrners Leben durch den Antritt der Professur für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Ankara markiert (1950 – 1958) – ein Auslandsaufenthalt, der ihm ganz neue west-östliche Perspektiven in Anatolien, im Iran und in Syrien eröffnet, die er bereist. Er gewahrt den Parallelismus zwischen Hohenstaufen und Seldschuken, entdeckt das orientalische Rittertum mit seinen Herrschern, Dichtern und fürstlichen Bauten; er erschließt sich Firdausi und Dschelalleddin Rumi, die östlichen Verwandten von Wolfram von Eschenbach und Meister Eckehart, die ihm geläufig waren. Andere damals in Ankara lehrende Deutsche, mit denen er manches gemeinsam entdeckt, waren der Architekt Clemens Holzmeister und die Orientalistin Annemarie Schimmel.

Innerlich hat sich der Einschnitt – so darf man vielleicht auf Grund seines späteren Werks interpretieren – dahingehend ausgewirkt, daß die zusammen mit Frank und den Brüdern Stauffenberg verfolgte Hoffnung auf staatliche Erneuerung durch die Macht der Dichtung einem innigeren Streben nach Wirkung wich: jenem, die lebenspendenden und verwandelnden Kräfte der Dichtung in ihrem Kern zu erfassen und so zu vermitteln, daß sie in aufnahmefähigen Individuen wirksam würden. Dieses Ziel läßt sich aus der Frucht der türkischen Jahre herauslesen – Fahrners in Ankara veröffentlichter und in Deutschland fast unbeachtet gebliebener Studie Dichterische Visionen menschlicher Urbilder in Hofmannsthals Werk. Hier wird nicht nur das Werk Hofmannsthals analysiert, sondern der Wesensgrund der dichterischen Erneuerung um 1900 dargestellt. Zugleich wird – jenseits der getrennten Lebenswege – die Gemeinsamkeit von Hofmannsthals Ansatz mit dem von George beleuchtet, die beide auf der gesammelten Kraft der von ihnen geschaffenen Gestalten und Bildern beruhen.
1958 kehrte Fahrner nach Deutschland zurück, um einem Ruf an die Technische Hochschule Karlsruhe zu folgen, wo ihm die Möglichkeit gegeben war, die Belange der Dichtung an einer technisch orientierten Universität zu vertreten. Hier hat er sich streitbar für die Rolle der Geisteswissenschaften in einer ökonomisch und technologisch determinierten Welt eingesetzt. Als stiller Mitarbeiter an einem Werk seines Freundes Friedrich Wagner über die Grenzen des technischen Fortschrittes hat er sich auch in die angehende Umwelt-Debatte eingeschaltet. Seine Vorlesungen setzten den großen historischen Bogen fort, den er in den dreißiger Jahren zu errichten begonnen hatte. Das große, weit über die Germanistik hinausgreifende Thema war „Dichter als Wegweiser zur Dichtung“. Den Bogen von Homer und Pindar über 1001 Nacht, Shakespeare, Goethe, Hölderlin und Hofmannsthal bis zur Moderne spannend, suchte Fahrner die wesentlichen Anliegen und Verfahren der Dichter aus deren eigenen Verlautungen zu erhellen, anstatt sich auf ein bloßes Herantragen äußerer Fakten und Kommentare zu beschränken.
Noch während der Karlsruher Professur wurde Fahrner aufgefordert, einen Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Kairo aufzubauen, was ihm erlaubte, neu in die östliche Welt einzutauchen und manche in der Türkei aufgenommene Fäden weiterzuspinnen. Zu den Seldschuken fügten sich nun die Ayyubiden und Mamluken-Herrscher, deren Bauten und deren ritterlicher Wettkampf mit den Kreuzfahrern. Das Schicksal der Sultanin Shagarat ad-Durr („Perlenbaum“) erregte ihn ebenso wie jenes der großen Alianor von Aquitanien, Förderin des Minnesanges und Inspiratorin von Ritterepen. So keimte allmählich die Idee zu einem Werk über das „West-Östliche Rittertum“, in dem diese neuen Entdeckungen mit früheren Arbeiten zusammenfinden sollten.

Diese Arbeit am postum erschienen West-Östlichen Rittertum, die um das geheime Grundmotiv „Dichtung und Geschichte“ kreiste, beschäftigte Fahrner während der Jahre nach seiner Emeritierung, die er teils in Überlingen, teils in einem Refugium in der Pfalz (gegenüber von der Burg Trifels wo Richard Löwenherz gefangen saß) verbrachte. Der Abschluß dieses Werks fiel ihm schwer, nicht nur wegen der Fülle der angeschnittenen historischen und literarischen Themen, sondern auch deshalb, weil sich manche der geschichtlichen Figuren (Lancelot, Alianor, Shagarat ad-Durr, Kaihosrau, Mahmud von Ghazna) nun zu Gestalten verdichteten, die dichterisch bewältigt werden wollten. So entwuchs der Beschäftigung mit dem west-östlichen Rittertum eine ganze Reihe von Dramoletten und Dialogen eigener Art, die im dichterischen Werk Rudolf Fahrners – Gedichte hatte er seit seiner Studienzeit geschrieben – einen besonderen Platz einnehmen. Sie wurden alle als Privatdrucke veröffentlicht, oft mit Unterstützung aus Fahrners Freundeskreis.
Seine letzten Jahre verbrachte Fahrner großenteils als „Fahrender“, regelmäßig die Wohnsitze älterer und jüngerer Freunde besuchend, und viele seiner späteren Dichtungen sind auf solchen Reisen entstanden. Daneben liebte er die Sommeraufenthalte an stillen, geheim gehaltenen Orten in Griechenland und unternahm manche Entdeckungsreisen nach Aquitanien, in die Bretagne und nach Irland.
Überblickt man Fahrners Schriften und Vorträge in ihrer Gesamtheit (das dichterische Werk sei hier ausgeklammert) treten drei Hauptthemen und Anliegen hervor, die ihn – in verschiedener Weise – lebenslang beschäftigt haben:
Das erste ließe sich etwa mit der Suche nach den „primären“ Antrieben und Wirklichkeiten umschreiben. Lange bevor Georg Steiner in seinem Werk Von realer Gegenwart wieder die grundlegende qualitative Differenz zwischen authentischen Dichtungen oder Kunstwerken und der bloß „sekundären“ Reflexion darüber neu ins Bewußtsein gerückt (und damit auch auf die Schwächen einer fast vollständig von parasitären Schein-Welten überwucherten Moderne gewiesen) hat, sind solche Gedanken erstmals in den Jahrbüchern für die Geistige Bewegung (1910 – 1912) aus dem Umkreis von Stefan George geäußert worden. Fahrner hat die Suche nach dem Ursprünglichen von früh auf in sehr bestimmter Weise verfolgt und sie zur Triebfeder seiner literarischen und dichterischen Interpretationen gemacht. Besonders lag ihm daran, die kosmisch begründete, schöpferische Macht des Wortes zu bezeugen, wie er ihr bei Meister Eckehart, bei Luther und vor allem in den großen dichterischen Erneuerungen der Sprache bei Hamann-Herder-Goethe, bei Hölderlin und bei George-Hofmannsthal begegnet war.

Ein zweites Anliegen Fahrners, dem eben beschriebenen verwandt, war die Verteidigung des gewachsenen, organischen Aufbaus, also der durch gegebene äußere Randbedingungen entstandenen natürlichen Vielfalt, gegen die Starre des ideologischen oder wissenschaftlichen Dogmatismus oder des überhandnehmenden mechanistischen und ökonomischen Denkens. Hier baute er auf Georges Wort: „Das Denken zieht seine Kraft daraus, daß es Halt macht.“ So vertrat er immer die Ansicht, daß ein Denken, das seine eigene Begrenzungen ignoriert, in sich selbst zerfallen muß und keine lebensfördernden Gebilde mehr erzeugen kann. Er fand die gestalthaft-überrationale Auffassung der Wirklichkeit auch in Goethes Schriften zur Morphologie verkörpert und nutzte diese wiederum zur Interpretation des dichterischen Lebensgefüges von Wilhelm Meister. Hier wies er an vielen Beispielen Goethes Eintreten für einen organischen, lebendigen Aufbau in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen nach und erkannte darin ein Gegenbild zu den abstrakten, sterilen Einteilungen und Regeln, die unser modernes Leben immer stärker zu bestimmen drohen.
Ein drittes, von Jugend auf in ihm lebendiges Anliegen war das Ethos des Ritterlichen mit allen seinen Ritualen, das er als Heranwachsender in der untergehenden österreichischen Monarchie noch selbst erlebt hatte, das er in vielen vergangenen Formen neu heraufzubeschwören, und im Umgang mit den ihm nahen Menschen als Ideal lebendig zu verkörpern wußte. Wichtig war ihm die Treue des Individuums gegenüber dem eigenen Hochbild und den dadurch auferlegten Verpflichtungen. Besonders faszinierte ihn dabei das Element des Agon – nämlich daß es im ritterlichen Wettkampf möglich war, die Gegnerschaft dadurch zu überwinden, daß man sich um die bestmögliche Erfüllung eines verbindlichen Ideals bemühte. Die damit vorausgesetzte Achtung des Gegners ist freilich eine Haltung, die in einem Zeitalter der platten Ideologien und der mechanisierten, flächendeckenden Kriegsführung kaum mehr gefragt ist.
Was Fahrner zu sagen hatte – und darüber machte er sich keine Illusionen – war nicht eben „aktuell” und sperrte sich gegen vorherrschende modische Anschauungen und Klassifizierungen. Gerade dieses Unzeitgemäße ist es aber auch, was es verlohnen würde, heute sein Werk neu zu entdecken.


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