Sezession
1. Januar 2004

Zu Hölderlins Kosmos- und Geschichtsdeutung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

sez_nr_4Vortrag von Rudolf Fahrner (1970) - Gekürzte Fassung, aus dem Nachlaß herausgegeben von Stefano Bianca.

Kosmosdeutung und Geschichtsdeutung waren von alters ein Bestandteil des Alltagslebens des Menschen. Sie sind immer wieder neu und unter verschiedenen Gesichtspunkten unternommen worden von Religionsstiftern und Priestern, von Gründern und Lenkern menschlicher Gemeinwesen, von bestallten und unbestallten Denkern und Weisen, von Künstlern jeder Art, die auf Kunstgebilde zustrebten. Beide Deutungen gehören seit jeher – schon allein wegen der Sprachkräfte, die dabei beteiligt sind – zum ursprünglichen Amt der Dichter, sowohl in den Formen ausdrücklicher Darstellungen wie in den Formen sprachimmanenter Auslegungen.

Dichterische Kosmos- und Geschichtsdeutungen sind nicht von einer isoliert arbeitenden und durch Selbstüberschätzung gefährdeten Ratio unternommen, sondern von einem im Gesamt der Menschenkräfte eingebundenen, mit allen anderen menschlichen Kräften – vor allem mit der visionären Kraft – zusammenarbeitenden Intellekt. Für ihre Geltung und in ihre Wirkung sind sie nicht auf Benutzer oder Anhänger angewiesen, weil sie, wie es nur bei künstlerischen Schöpfungen möglich ist, in sich selbst beruhen.
In unseren europäischen Regionen treten uns die dichterischen Kosmos- und Geschichtsdeutungen von Homer an immer wieder vor Augen – ob wir dem „Fürsten und Ahn der Dichter“ (wie Homer von Dante genannt wird) nun solche anreihen, die zu großer Auswirkung gekommen sind, wie etwa Pindar, Aischylos, Sophokles, Dante, Shakespeare, Goethe und Hölderlin, oder ob wir an stillere, verborgenere, in ihrem Wirken begrenztere Vertreter dieses Standes denken. Den Dichter Hölderlin zeichnet dabei besonders aus, daß er sich ganz ausdrücklich und mit unbegrenzter Hingabe dieser dichterischen Aufgabe der Kosmos- und Geschichtsdeutung gewidmet hat, und das nach Jahrhunderten, die es nicht mehr gewohnt waren, die Inangriffnahme und Lösung solcher Aufgaben vom Dichter zu erwarten.
Hölderlin hat erst um das Jahr 1800 jene neuen, mit keiner deutschen Dichtung vor ihm vergleichbaren Gesänge zu dichten begonnen, die wir die späten Hymnen nennen. Die erste dieser Hymnen hat vom Dichter keine Überschrift bekommen. Sie beginnt mit den Worten „Wie wenn am Feiertage ...“, und diese Worte leiten – nicht ohne Bedeutung – Hölderlins Kosmos- und Geschichtsdeutung ein. Die Hymne beginnt mit der Anführung eines Vergleiches, der sich über die ganze erste Strophe ausspannt. Gegenstand des Vergleiches ist der Morgen eines Feiertages nach einer langen Gewitternacht, an dem ein Landmann hinausgeht, seine Felder zu beschauen. Man hört noch von ferne die Donner rollen, die Regenfluten sind aber schon verrauscht, der Strom ist wieder zurückgetreten in seine Ufer, das Grün des Bodens glänzt im Morgenlicht, die Weinstöcke traufen von der Himmelsfeuchte, während die glänzenden Bäume des Haines im Licht der stillen Morgensonne stehen.
Beides also, dieser Morgen und dieses Stehen der glänzenden Hainbäume im stillen Licht soll verglichen werden mit dem Stehen der Dichter unter „günstiger Witterung“. Die ganze erste Strophe gibt die Exposition des Vergleiches, die erste Zeile der zweiten Strophe zieht den Vergleich. Aber das Verglichene wird in dieser ersten Zeile nur im Pronomen genannt.

„So stehn sie unter günstiger Witterung“


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