Sezession
1. Januar 2004

Hohmanns Demontage – Eine Medienanalyse

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

sez_nr_4von Arne Hoffmann

Im Sommer 2001 wurde erstmals Herlinde Koelbls Dokumentarfilm Die Meute – Macht und Ohnmacht der Medien ausgestrahlt. Wie keine andere Sendung zeigte sie das „Herdenproblem“ (so Hartmann von der Tann, ARD) des Massenjournalismus auf. Jemand besetzt ein bestimmtes Thema, gibt die Stoßrichtung vor, und etliche andere Journalisten überbieten sich in ihrem Eifer, daraus noch schneller den noch größeren Skandal, die noch größere Story zu machen. In diesem Wettbewerb gehen die Maßstäbe gelegentlich verloren. „Schreibe so, daß du dem, über den du schreibst, in die Augen schauen kannst“ formulierte FAZ-Korrespondent Karl Feldmeyer seine Maxime. In der Berichterstattung über Hohmann ist dieses Gebot schwer verletzt worden.

Wenn jemand in kurzer Zeit das Wesentliche über Martin Hohmann und seine umstrittene Rede vom Tag der Deutschen Einheit 2003 recherchieren möchte, etwa per Internet, dann läuft er durchaus Gefahr, Informationen zu erhalten, die ihn zunächst einmal gründlich in die Irre führen. In einer chronologischen Auflistung aller Ereignisse in dieser Affäre eröffnet beispielsweise der Spiegel mit folgendem Geschehnis als Stein des Anstoßes: „3. Oktober 2003: Hohmann bezeichnet in Neuhof bei Fulda die Juden als `Tätervolk´. Er sagt im Zusammenhang mit Verbrechen während der kommunistischen Revolution in Rußland: „Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als `Tätervolk´ bezeichnen.“
An dieser Stelle reißt der zitierte Auszug aus der Rede ab. Der Leser erhält somit den Eindruck, daß die Sätze dem Tenor der Rede entsprechen oder zumindest eine seiner Stützen darstellen. In diesem Licht stehen fortan sämtliche folgenden Ereignisse der Spiegel-Chronik, beispielsweise die Abkanzelung der Rede durch Angela Merkel als völlig inakzeptabel und unerträglich, die Rücktrittsforderung von Jürgen Rüttgers, die Rüge durch Präsidium und Vorstand der Union, die Entlassung des Bundeswehrgenerals Günzel, nachdem dieser Hohmanns Rede in einem Brief an ihn gelobt hatte, Paul Spiegels Erklärung, Hohmann habe sich mit seinen Worten in eine Reihe mit „rechtsextremen, antisemitischen Brandstiftern“ gestellt, und schließlich der Antrag, Hohmann aus der CDU-Bundestagsfraktion auszuschließen. Ein lediglich über diese Chronik informierter Leser muß zu dem Eindruck kommen, daß all diese Reaktionen daher rührten, daß Hohmann eine in Deutschland lebende Minderheit, Überlebende eines Völkermordes, als „Tätervolk“ diffamierte. Wahrscheinlich wird er die erfolgten Reaktionen demnach als verständlich, wenn nicht als zwingend einschätzen. Viele weitere Artikel weisen in eine ähnliche Richtung.
Zu einem gänzlich anderen Eindruck gelangt man, wenn man die in den Medien zitierte Passage im Original betrachtet: „Juden waren in großer Anzahl sowohl in der Führungsebene als auch bei den Tscheka-Erschießungskommandos aktiv. Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als `Tätervolk´ bezeichnen.“ So weit reichte auch das Zitat in der Spiegel-Chronik. Hohmann spricht allerdings weiter: „Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet.“ Wohlgemerkt: Er spricht bei seiner These von Juden als Tätervolk zum einen im Konjunktiv. Vor allem aber erklärt er auch, daß diese These derselben Logik folge, mit der man die Deutschen als Tätervolk bezeichnet – was Hohmann offensichtlich zutiefst ablehnt. Anlaß seiner Rede war es also, bestehende Kollektivschuldzuschreibungen dadurch auszuhebeln, daß er das Unstatthafte der Verallgemeinerung möglichst krass veranschaulichte.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.