Sezession
1. Januar 2004

Kälteschock – Gehlenlektüre und Gegenwartsanalyse

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_4Von Arnold Gehlen gestellt worden zu sein, ist ein seltsamer Zustand. Es ist erhebend, seine Gedanken zu begreifen. Es ist faszinierend, anhand seiner Maßstäbe die Ausdrucksformen menschlichen (vor allem: politischen) Handelns neu zu deuten. Aber gleichzeitig ist es beängstigend, die Ausbreitung des kalten Denkens im eigenen Gehirn letztlich nur beobachten zu können und zu sehen, daß der romantische Impuls als bisher gültige Disposition wie ein Krümel von der Tischplatte gefegt wird.

Dabei gibt es doch an Verhaltenslehren der Kälte in Deutschland keinen Mangel, die Jünger- oder Bennlektüre war wuchtig und befremdend, weil sie mit ätzendem Spott dort jede Gemütlichkeit zerstörte, wo sich Kraftlosigkeit als Rückzug in den kulturellen Bereich tarnen wollte. Der frühe Jünger und Benn: Auch ihre Sätze verbreiten keine Nestwärme, sie desillusionieren und vereinzeln den Leser und lassen ihn – wenn auch nicht auf verlorenem Posten – in weit vorgeschobener Linie zurück. Jedoch wohnt beiden ein Pathos der Vereinzelung inne, und Benn steigert sich gerade in den Texten, die den „kalten Stil“ begrüßen, in einen unverwechselbaren, sprachlichen Rausch.
Aus Arnold Gehlens Arbeiten zur philosophischen Anthropologie und Soziologie aber ist jedes Wärmerestchen zugunsten eines Kälteblicks gewichen, der keine Ausflüchte zuläßt. Wer Gehlens Grundlegungen gelesen hat, kann sich über das Wesen des Menschen und über die praktischen Ableitungen daraus keine Illusionen mehr machen. Mit Gehlen hat die politische Rechte jenen Anti-Rousseau, den sie für ihre Gegnerbekämpfung eigentlich so dringend benötigt. Und es sagt viel über die Rechte in Deutschland aus, daß sie sich Gehlen nicht stellt.
Arnold Gehlen wurde vor hundert Jahren, am 29. Januar 1904, geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie und wurde nach Promotion und Habilitation am 1. November 1934 Professor für Philosophie in Leipzig. Er wandte sich in den folgenden Jahren der Soziologie zu, die in Deutschland nicht als eigenständiges Fach, sondern nur in Forschungsinstituten existierte.
1940 erschien Der Mensch, sein großangelegter Versuch, die Philosophie als „Wirklichkeitswissenschaft“ neu zu begründen und ihr auf diesem Wege die Deutungshoheit zurückzugeben, die sie über Jahrhunderte innehatte. Denn daß die großen systematischen Entwürfe mit den empirisch erworbenen Erkenntnissen aus Politik und Naturwissenschaft nicht mehr Schritt hielten, hatte Gehlen in seinem Amt als Philosophieprofessor in Leipzig (1934), Königsberg (1938) und Wien (1939) erkannt. Einen Ausweg sah er darin, aus den anthropologischen Konstanten des Menschen unveränderbare Verhaltensmuster abzuleiten und über die Deutung dieses „So-sein-Müssens“ das menschliche Sein empirisch zu begründen.
Die Schlüsselbegriffe – deren Herleitung Hunderte von Seiten beansprucht – sind bei Platon, Herder, Scheler und anderen bereits vorgedacht, bei Gehlen jedoch mit unübertroffener Präzision in ein zwingendes Verhältnis gebracht und gedeutet: Der Mensch sei ein „Mängelwesen“, im Vergleich zum instinktsicheren Tier „unspezialisiert“, „weltoffen“ und „unsicher“ angelegt und damit wesensmäßig, von Natur aus, gezwungen, sich zu verhalten „zu sich selbst, lebensnotwendig, wie dies kein Tier tut. Nicht zum Spaß und nicht zum Luxus des Nachdenkens, sondern aus ernster Not.“ Der Mensch hat also handelnd stets die Umwelt zu „entgiften“, es ist dies sein prometheischer, kulturschaffender Auftrag: Denn als Natur-Mensch ist der Mensch undenkbar, und deshalb lautet Gehlens antirousseauistische Formel: „Die Natur des Menschen ist die Kultur“. Der ganze Gehlen kann von hier aus abgeleitet werden, und es ist faszinierend und von großem Wert, daß den optimistischen Gesellschaftsentwürfen der linken Politik-Labor-Arbeiter ein realistisches Denkgebäude entgegengestellt werden kann: systematisch, folgerichtig und weit davon entfernt, nur aus klug formulierten Bruchstücken zu bestehen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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