1. Januar 2004

Professorenarroganz

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 4 / Januar 2004

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_4Mitte November führte ich ein denkwürdiges Telefongespräch über das Buch „Jüdischer Bolschewismus“. Mythos und Realität, und zwar mit dem Bielefelder Emeritus Hans-Ulrich Wehler. Grund meines Anrufs bei Wehler war der Streit um den Autor des Buchs, Johannes Rogalla von Bieberstein, der in der Universitätsbibliothek in Bielefeld als Wissenschaftlicher Bibliothekar angestellt und Autor meines Verlags ist.

In jahrelanger Arbeit hat Rogalla von Bieberstein das Material zu seiner Untersuchung über den „Jüdischen Bolschewismus“ zusammengetragen, um sie schließlich – bereichert um ein Vorwort von Ernst Nolte – zu veröffentlichen. Über die Rede, die der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann (CDU) zum 3. Oktober hielt, wurde Rogalla von Biebersteins Buch zu einem vielgekauften und vieldiskutierten Werk, weil Hohmann sich in seinen Überlegungen zu Juden und Deutschen als „Tätervölkern“ auf das Quellenmaterial des „Jüdischen Bolschewismus“ bezog. Rogalla von Bieberstein selbst muß seither um seine wissenschaftliche Reputation kämpfen, obwohl eine fundierte Kritik seiner Arbeit bisher nicht vorliegt: Man warf und wirft ihm einfach antisemitische Argumentationsstrukturen vor.
Es ist verwunderlich, daß die tiefgehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Rogalla von Biebersteins These und Methodik ausblieb. Denn natürlich strengte die Universität Bielefeld eine Prüfung des Buchs an, scheu gemacht nicht zuletzt durch die dramatische Berichterstattung der Neuen Westfälischen, Lokalteil Bielefeld. Dort, in den Redaktionsräumen einer überraschungslosen Stadt, sah sich der Redakteur plötzlich im Brennpunkt des Kampfs um den antifaschistischen Konsens. Stellungnahmen der Universitätsleitung wurden eingefordert. Nach einiger Zeit kam die Auskunft, daß straf- oder beamtenrechtlich nichts gegen Rogalla von Bieberstein vorgebracht werden könne. In einer Pressemitteilung distanzierte sich die Universitätsleitung jedoch von jeder antisemitischen Äußerung eines ihrer Mitarbeiter. In der Presse wurde diese Distanzierung aufgegriffen und zu einer Distanzierung von Rogalla von Bieberstein überhaupt umgedeutet.
An dieser Stelle des Vorgangs begann ich mit meinen Anrufen. Den Prorektor der Universität Bielefeld, den Rechtswissenschaftler Christoph Gusy, bat ich, sich im Sinne seiner Fürsorgepflicht nicht halbherzig oder zweideutig, sondern unmißverständlich hinter seinen Mitarbeiter zu stellen. Gusy jedoch machte das Gegenteil und drückte in einem Gespräch mit der Presse sein Bedauern darüber aus, daß gegen Rogalla von Bieberstein institutionell nicht anders vorgegangen werden könne. Um seiner Beurteilung mehr Gewicht zu verleihen, verwies Gusy auf die Autorität Hans-Ulrich Wehlers, dessen deutliche Kritik an Bieberstein und am wissenschaftlichen Standard des Buchs für die Universität maßgeblich sei.

Ausdrücklich verwies der Prorektor auf die Berichterstattung dieser Zeitung, die den international renomierten Historiker Hans-Ulrich Wehler zu dem Bieberstein-Buch befragt hatte. Eine gute Adresse, die an der Universität dafür sorge, daß die „fachwissenschaftliche Diskussion eigentlich so gut wie abgeschlossen ist“, verweist Gusy auf die Autorität des bedeutenden Bielefelder Gelehrten.
(Neue Westfälische, 20. November 2003)

Ich telefonierte erneut mit Gusy. Er wiederholte seine Aussagen, stritt eine Wertung seinerseits ab und berief sich nochmals auf Wehler. Für mich war das der Auslöser, direkt bei Professor Wehler anzurufen. Ich beobachtete dabei an mir eine seltsame Scheu, denn Gusy hatte wiederholt von Wehler als einem „Historiker von Weltruf“ gesprochen und damit mein eigenes Bewertungssystem erschüttert: Mir war Wehler nur als Autor einer methodisch konfusen Gesellschaftsgeschichte der Deutschen in Erinnerung.
Um aufgewärmt mit Wehler über Rogalla von Biebersteins Redlichkeit sprechen zu können, telefonierte ich zunächst mit Professor Wilhelm Heitmeyer. Heitmeyer, Soziologe und Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Gewalt- und Konfliktforschung, ebenfalls Bielefeld, hatte der Presse gegenüber versucht, die Körperhaltung meines Autors mit den Inhalten des Buchs in Verbindung zu bringen.

In der Universität gilt von Bieberstein als Sonderling und wird auch so behandelt. Das Problem erledigt sich spätestens in eineinhalb Jahren. Dann verlässt der stets gebeugt gehende Bieberstein (Heitmeyer: „Seine Körperhaltung zeigt, dass er schwer an seiner Mission trägt“) für immer sein Büro in der Bibliothek.
(Neue Westfälische, 13. November 2003)

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