Das rechte Prinzip

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

sez_nr_3Im Jahr 1988, kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks, erschien in der Büchergilde Gutenberg das Lexikon linker Leitfiguren. Neben den Personen, deren Erwähnung man mit Sicherheit erwarten durfte – von Bebel bis Schumacher – wurde vor allem das intellektuelle Umfeld – von Brecht bis Arnold Zweig – einbezogen, großzügig war man im Hinblick auf die Märtyrer – zum Beispiel Jesus von Nazareth oder Che Guevara –, während der Vorstoß zu den Klassikern – Engels und Marx – zaghaft blieb. Selbstverständlich fehlten Ceaucescu, Enver Hodscha oder Stalin, aber auf Lenin, Castro und Mao wollte man nicht verzichten. Die Auswahl erklärte sich hinreichend durch den Publikationsort, einen gewerkschaftseigenen Verlag, und die eher pädagogische als wissenschaftliche Absicht des Herausgebers.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Könn­te man sich ein ver­gleich­ba­res Pro­jekt für die Gegen­sei­te vor­stel­len? Ein „Lexi­kon rech­ter Leit­fi­gu­ren“, das von Anti­go­ne über Bis­marck und de Gaul­le bis zu Kar­di­nal Ratz­in­ger reicht, den lun­a­tic frin­ge von Benn über Eli­ot, die Brü­der Jün­ger bis zu Botho Strauß ver­zeich­net, Edgar Jung und Stauf­fen­berg als Blut­zeu­gen erwähnt und Vor­stö­ße zu Bar­rès, Nie­kisch, Sorel und Speng­ler unter­nimmt, viel­leicht noch Joris van Seve­ren ein­be­zieht, aber kon­se­quent die Behand­lung von Fran­co, Mus­so­li­ni und Hit­ler mei­det? Wohl kaum. Dabei erklärt nicht feh­len­de mora­li­sche oder intel­lek­tu­el­le Digni­tät die Lücke. Ent­schei­dend ist viel­mehr ein Pro­zeß des Ver­schwin­dens der rech­ten als einer denk­ba­ren geis­ti­gen und poli­ti­schen Position.
Die­ses Ver­schwin­den ist zunächst die Fol­ge einer „Links­mys­tik“ (Peter Richard Roh­den), die in Frank­reich schon vor dem Ers­ten Welt­krieg zum Kol­laps aller Par­tei­en führ­te, die sich bis dahin offen der Rech­ten zuge­ord­net hat­ten und nun bes­ten­falls als „Mit­te“, als „Radi­ka­le“ oder als „Sozia­lis­ten“ auf­zu­tre­ten wag­ten. Aber ist die­ses Unsicht­bar­wer­den der Rech­ten als Aus­lö­schung zu ver­ste­hen, als End­sieg der „ewi­gen Lin­ken“? Die For­mel „ewi­ge Lin­ke“ hat Ernst Nol­te gewählt, um die eigen­ar­ti­ge Sta­bi­li­tät lin­ker Ziel­vor­stel­lun­gen zu cha­rak­te­ri­sie­ren, die seit den Streiks der Arbei­ter an den Pyra­mi­den und der Gesell­schafts­kri­tik der Pro­phe­ten des Alten Tes­ta­ments unver­än­dert blie­ben. Immer ging und geht es dar­um, sozia­le Gleich­heit her­zu­stel­len, ver­knüpft mit der Annah­me, daß sich die Welt – die natür­li­che wie die vom Men­schen geschaf­fe­ne – zu dem Zweck unbe­grenzt ver­voll­komm­nen lasse.
Nol­te hat es ver­mie­den, der „ewi­gen Lin­ken“ eine „ewi­ge Rech­te“ gegen­über zu stel­len, etwa als Reprä­sen­tan­ten der herr­schen­den Klas­sen. Die Zusam­men­set­zung der Rech­ten habe sich im Lauf der Zeit sehr stark ver­än­dert, und mit ihr die der rech­ten Welt­an­schau­un­gen und Pro­gram­me. Die­se Hete­ro­ge­ni­tät hat der Rech­ten den Ruf ein­ge­tra­gen, die Par­tei der Ungleich­heit und des wahl­lo­sen Kon­ser­va­tis­mus zu sein. Aber schon ober­fläch­li­che Betrach­tung zeigt, daß die Rech­te nicht die Ungleich­heit als sol­che ver­tei­digt und daß sie nicht jede Ord­nung bejaht.
Die Ableh­nung des zen­tra­len Inhalts lin­ker Ideo­lo­gie ist für die Rech­te viel­leicht zuerst eine Stil­fra­ge. Man emp­fin­det Gleich­heit als Gleich­för­mig­keit, als Uni­for­mi­tät und die als ästhe­tisch stö­rend. Die Wert­schät­zung der Höf­lich­keit, der nuan­cier­ten Signa­le von Über- und Unter­ord­nung ist inso­fern typisch rechts. Die Bevor­zu­gung des Geschlos­se­nen gegen­über dem Dif­fu­sen steht dazu nur schein­bar im Wider­spruch, weil Geschlos­sen­heit eine Gestalt ver­bürgt, die das Ein­zel­ne ein­glie­dert und zum Teil eines Gan­zen macht, das mehr ist als die Sum­me sei­ner Tei­le. Für die Rech­te ist die Hier­ar­chie schön und mit ihr der lit­ur­gi­sche Aus­druck. Es rührt aus die­ser Wahr­neh­mung auch die Sym­pa­thie für authen­ti­sche Volks­kul­tu­ren einer­seits und die Ableh­nung des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus ande­rer­seits. Die Rech­te sieht in der Kul­tur immer ein Gesamt von Her­kunft, Hei­mat und spe­zi­fi­schen Aus­drucks­wei­sen, für die Lin­ke ist die Kul­tur patch­work, des­sen Ele­men­te man um der Bunt­heit wil­len belie­big ver­tau­schen kann.

Die Beto­nung der Dif­fe­renz geht ein­her mit der Nei­gung zum Kon­kre­ten und begrün­det die Fremd­heit der Rech­ten gegen­über sys­te­ma­ti­schen Welt­deu­tun­gen. Ihre Basis miß­traut den Ideo­lo­gen und beruft sich auf Erfah­rung und gesun­den Men­schen­ver­stand. Schon in der bäu­er­li­chen Kon­ter­re­vo­lu­ti­on der Ven­dée, im hemds­är­me­li­gen Haß der Arbei­ter auf den Kom­mu­nis­mus und im Miß­trau­en des Klein­bür­gers gegen Welt­ver­bes­se­rer steck­te eine Wirk­lich­keits­auf­fas­sung, die der­je­ni­gen vie­ler Gebil­de­ter über­le­gen war. Die Beein­druck­bar­keit und Irri­tier­bar­keit der Intel­lek­tu­el­len ruft aber auch bei den Köp­fen der Rech­ten Wider­wil­len her­vor und läßt die para­do­xe Nei­gung ent­ste­hen, sich als „Anti­in­tel­lek­tu­el­le“ zu begrei­fen, was nichts mit Ver­ach­tung des Geis­tes zu tun hat, son­dern mit einem scharf aus­ge­präg­ten Bewußt­sein für die Gren­zen der Ratio. Von den „Anti­phi­lo­so­phen“ des 18. bis zu den „Anti­so­zio­lo­gen“ des 20. Jahr­hun­derts arbei­te­te die Rech­te an einer Gegen-Auf­klä­rung, die vor allem über die pro­ble­ma­ti­schen Fol­gen der Auf­klä­rung – ins­be­son­de­re ihre nihi­lis­ti­sche Ten­denz – auf­zu­klä­ren suchte.
Die Rech­te ist also nicht prin­zi­pi­ell theo­rie­feind­lich, aber sie benutzt Theo­rien als Hilfs­mit­tel, sieht in ihnen kei­nen Glau­bens­er­satz. Des­halb zog sie vie­le Bega­bun­gen an sich, deren Dis­zi­pli­nen von Hau­se mit der Viel­falt der Erschei­nungs­for­men zu tun haben, neben der Geschich­te die Reli­gi­ons­wis­sen­schaft, die Volks- und Völ­ker­kun­de, die Ger­ma­nis­tik und die Phi­lo­lo­gien über­haupt. Man wird das sogar für die Psy­cho­lo­gie behaup­ten dür­fen, soweit sie außer­halb der Freud­schen Schu­le Ansät­ze fand. Die­sen Wis­sen­schaf­ten ist aber nicht nur Auf­merk­sam­keit für die Phä­no­me­ne gemein­sam, son­dern auch die anthro­po­lo­gi­sche Inter­es­siert­heit. Und zu den Leit­mo­ti­ven des rech­ten Den­kens gehört ohne Zwei­fel die Suche nach dem sach­ge­rech­ten Bild des Menschen.
Land­läu­fig wird der Unter­schied von lin­kem und rech­tem Men­schen­bild auf den Gegen­satz von Opti­mis­mus und Pes­si­mis­mus gebracht, und tat­säch­lich hat die Lin­ke immer wie­der behaup­tet, daß der Mensch sei­nem Wesen nach „frei, gleich, gut, gesund und glück­lich“ (Rous­se­au) leben soll­te. Wo die Umstän­de das nicht erlaub­ten, müß­ten sie geän­dert wer­den. Die vor­der­grün­di­ge Plau­si­bi­li­tät die­ses Pro­gramms erklärt viel von der Anzie­hungs­kraft der Lin­ken, ihre Nei­gung, des­sen uto­pi­schen Kern als Hand­lungs­an­wei­sung zu ver­ste­hen, erklärt viel von ihrem Schei­tern. Des­halb ist die Lin­ke nicht nur Schritt­ma­cher der Demo­kra­ti­sie­rung, son­dern auch Schritt­ma­cher tota­li­tä­rer Sys­te­me. Der Jako­bi­nis­mus wie der Sowjet­kom­mu­nis­mus und alle mög­li­chen staats­so­zia­lis­ti­schen Model­le der Drit­ten Welt hat­ten und haben die Recht­fer­ti­gung als Erzie­hungs­dik­ta­tu­ren gemein­sam. Sie soll­ten dem kom­men­den „Reich der Frei­heit“ den Weg berei­ten, und die Ent­ste­hung einer „neu­en Klas­se“ (Mil­o­van Dji­las), einer all­mäch­ti­gen Nomen­kla­tu­ra, wur­de regel­mä­ßig damit begrün­det, daß das Ide­al wegen wid­ri­ger Ver­hält­nis­se noch nicht ver­wirk­licht wer­den kön­ne; bis die Zeit voll­endet sei, müß­ten eini­ge – wie die Schwei­ne auf Orwells Farm der Tie­re – „glei­cher“ sein als andere.
Die Lin­ke neigt dazu, das Para­dies inner­welt­lich her­zu­stel­len, was es schwer macht, ihre Leit­vor­stel­lun­gen anders als in theo­lo­gi­schen Begrif­fen zu beschrei­ben. Dem­ge­gen­über erkennt die Rech­te den „Fall“ an, selbst da, wo sie sich vom Glau­ben abge­wen­det hat, und akzep­tiert die Not­wen­dig­keit, unter gege­be­nen Bedin­gun­gen zu exis­tie­ren. In gewis­sem Sinn kann es das rich­ti­ge Leben nur im fal­schen geben. Die Lin­ke will die „Ent­frem­dung“ – auch das ein ursprüng­lich reli­giö­ser Begriff – ganz auf­he­ben, wäh­rend die Rech­te danach fragt, wie ein sinn­vol­les Dasein trotz Ent­frem­dung mög­lich ist. Faßt man „Iden­ti­tät“ als Gegen­be­griff zu Ent­frem­dung, so sieht die Lin­ke dar­in einen fina­len Zustand, eine Erlö­sung. Der Ein­zel­ne durch­schaut alle Bin­dun­gen und befreit sich von ihnen oder nimmt sie nach Maß­ga­be sei­nes Wil­lens an, dage­gen betrach­tet die Rech­te Iden­ti­tät als Über­ein­stim­mung mit sich selbst, die erreicht wird durch Aner­ken­nung des­sen, was Anspruch dar­auf erhe­ben kann: eine Auto­ri­tät, eine Insti­tu­ti­on und letzt­lich ein Schick­sal oder eine Fügung.

Es ist in die­ser Aner­ken­nung ein Bedürf­nis nach Ein­deu­tig­keit wirk­sam, das den „Dezisio­nis­mus“ der Rech­ten eben­so zu erklä­ren hilft wie ihr Miß­trau­en gegen­über dem „Dis­kurs“. Das Pathos der Ent­schei­dung und die Skep­sis gegen­über der Debat­te, die die Ent­schei­dung vor­be­rei­ten, aber kei­nes­falls erset­zen kann, grün­den außer­dem in der Erfah­rung, daß das gro­ße Pala­ver regel­mä­ßig Macht und Ver­ant­wor­tung ver­schlei­ert oder auf­löst. Die Anwen­dung von Macht ist aber so unum­gäng­lich wie die Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung. Legi­ti­me Gewalt gehört zu den Kenn­zei­chen jeder guten Ord­nung. Ihr Gebrauch steht nicht im Wider­spruch zur Frei­heit des Indi­vi­du­ums, vor­aus­ge­setzt die Frei­heit wird im sitt­li­chen Zusam­men­hang verstanden.
Daß die Rech­te der lin­ken „Frei­heit wovon“ die „Frei­heit wozu“ ent­ge­gen­stellt, ist auf die Sor­ge vor den denk­ba­ren und wahr­schein­li­chen Fol­gen eines ver­kehr­ten Frei­heits­be­griffs zurück­zu­füh­ren, aber auch dar­auf, daß die Gewäh­rung schran­ken­lo­ser Frei­heit dem Men­schen nicht gemäß ist. Inhu­ma­ni­tät ist aus rech­ter Per­spek­ti­ve die letz­te Fol­ge lin­ker Ideo­lo­gie. Ega­li­ta­ris­mus gehört zum Reich der Lüge, er zer­stört tief im Men­schen ange­leg­te Bedürf­nis­se: das Bedürf­nis, sich aus­zu­zeich­nen eben­so wie das, einer Sache mit Anstand zu die­nen. Man kann Rechts­gleich­heit reli­gi­ös, phi­lo­so­phisch oder prag­ma­tisch begrün­den, aber jeder Ver­such, Gleich­heit über die­sen Bereich aus­zu­deh­nen, sieht sich mit der Tat­sa­che kon­fron­tiert, daß die Men­schen im Hin­blick auf ihre ent­schei­den­den – intel­lek­tu­el­len, krea­ti­ven und mora­li­schen – Qua­li­tä­ten nicht gleich sind. Die Lin­ke hat immer wie­der ver­sucht, dem durch Umver­tei­lung, Erzie­hung und The­ra­pie zu begeg­nen, ohne daß man die Ergeb­nis­se über­zeu­gend nen­nen dürf­te, häu­fig sind sie zer­stö­re­risch. Wenn Men­schen ihre Ver­schie­den­heit gegen eine dog­ma­ti­sche Auf­fas­sung von Gleich­heit behaup­ten müs­sen, wird die Ent­fal­tung ihrer geis­ti­gen und schöp­fe­ri­schen Fähig­kei­ten behin­dert und wird der Zwei­fel an einer hin­rei­chend kla­ren Bestim­mung von Gut und Böse wach­sen. Inso­fern die Rech­te glaubt, daß der Mensch am bes­ten gedeiht, wenn er sei­nen Fähig­kei­ten ent­spre­chend behan­delt wird, und wei­ter annimmt, daß der Mensch durch­aus mora­lisch zu han­deln ver­mag, ist ihre Anthro­po­lo­gie in der Kon­se­quenz opti­mis­ti­scher als die der linken.
Voll­stän­di­ge Gleich­heit gibt es nur im Tod. Auch wenn ega­li­tä­re Ideo­lo­gien sich den Anschein von Vita­li­tät geben, tritt ihr lebens­feind­li­cher Cha­rak­ter über kurz oder lang her­vor. Zwar wur­den die Erfol­ge der „Neu­en Lin­ken“ in den sech­zi­ger Jah­ren von der „sexu­el­len Revo­lu­ti­on“ beglei­tet und ermög­licht, aber es sah nur auf den ers­ten Blick nach Ent­fes­se­lung dio­ny­si­scher Ener­gien aus. Im Lau­fe der Zeit hat sich die Freud­lo­sig­keit der Liber­ti­na­ge eben­so ent­hüllt wie die bedenk­li­chen Fol­gen weib­li­cher Eman­zi­pa­ti­on, der Skan­dal mas­sen­haf­ter Abtrei­bun­gen eben­so wie die Apo­rien der Fort­pflan­zungs­tech­no­lo­gie oder die Kon­se­quen­zen, die der Gebur­ten­schwund haben muß. Noch gar nicht abzu­se­hen ist, was die Pri­vi­le­gie­rung der Homo­se­xua­li­tät bedeu­tet. Die wird beglei­tet von der „Dekon­struk­ti­on“ der Geschlecht­lich­keit, in der die Anthro­po­lo­gie der Lin­ken offen­bar an ihr letz­tes Ziel kommt: der Auf­he­bung aller Anthro­po­lo­gie in der als Selbst­be­stim­mung aus­ge­ge­be­nen Mach­bar­keit des Menschen.

Im Kern ist die Lin­ke lebens­feind­lich und Leben der „im höchs­ten, reli­giö­sen Sinn kon­ser­va­ti­ve Begriff“ (Tho­mas Mann), – eine irri­tie­ren­de Fest­stel­lung, wenn man im Kon­ser­va­tis­mus vor allem Nost­al­gie und Fest­hal­ten an Bestän­den sieht. Ohne Zwei­fel sehnt sich die Rech­te nach gol­de­nen Zeit­al­tern, wird der Schmerz über den Ver­lust des Ver­trau­ten tie­fer emp­fun­den, gibt es eine beson­de­re Pie­tät gegen­über den Alten. Aber die Zahl der Archai­ker ist immer klein gewe­sen, eine „anti­ge­schicht­li­che“ (Juli­us Evo­la) Posi­ti­on läßt sich kaum kon­se­quent durch­hal­ten. Schon die ers­te kon­ser­va­ti­ve Refle­xi­on führ­te zur Ein­sicht in die bestim­men­de Kraft des Wan­dels. Aller­dings nimmt der Wan­del das Frü­he­re in sich auf und bil­det es um. Die gan­ze Roman­tik war fas­zi­niert von die­ser Idee „orga­ni­scher“ Ent­wick­lung, wobei weder die Meta­pher des pflanz­li­chen Wachs­tums im Vor­der­grund stand noch der spä­ter so ein­fluß­reich gewor­de­ne Natu­ra­lis­mus, der Dar­wins Leh­ren auf die mensch­li­che Gesell­schaft über­trug. „Das Wesen des Orga­ni­schen“, so Adam Mül­ler, „ist, daß es sich bis ins Unend­li­che orga­ni­siert“, das heißt, das Orga­ni­sche ver­bürgt den Zusam­men­hang ver­schie­de­ner und ver­schie­den­ar­ti­ger Ele­men­te, die – wie von selbst – zur Ein­heit „orga­ni­siert“ werden.
Wir sind gewohnt, Orga­ni­sa­ti­on im Sinn eines pla­nen­den Aus­grei­fens zu ver­ste­hen, wäh­rend es hier als umfas­sen­de, gera­de nicht „mecha­ni­sche“ Ganz­heit auf­ge­faßt wird. Die Vor­lie­be kon­ser­va­ti­ver Theo­re­ti­ker für den Makro­an­thro­pos, den Gro­ßen Men­schen, als Sinn­bild von Volk oder Staat oder Kir­che hat im Orga­nis­mus­ge­dan­ken eben­so ihre Wur­zeln wie die Men­ge der Lebensreform‑, Hei­mat- und Natur­schutz­be­we­gun­gen, die „Öko­lo­gie“ bereits zum Ori­en­tie­rungs­punkt mach­ten, als es die­sen Begriff noch gar nicht gab. Öko­lo­gie als lin­kes Pro­jekt auf­zu­fas­sen, ist nur mög­lich, wenn man die Bewah­rung des Lebens mit Sen­ti­men­ta­li­tät ver­wech­selt und vor wich­ti­gen Schluß­fol­ge­run­gen zurück­scheut. Daß Öko­lo­gie kaum mit Selbst­ent­fal­tung zusam­men­geht, daß Arten­schutz schlecht auf bedroh­te Pflan­zen und Tie­re beschränkt wer­den kann, ist von Kon­ser­va­ti­ven immer wie­der ins Feld geführt wor­den. Der Name Her­bert Gruhls gehört in die­sem Zusam­men­hang, aber auch der­je­ni­ge von Kon­rad Lorenz. Lorenz hat sich nicht gescheut, die eigent­li­che Gefähr­dung jeder Orga­ni­sa­ti­on durch „Deka­denz“ auf­zu­zei­gen. Unter Deka­denz ver­stand er als Bio­lo­ge die „Stö­rung der Sys­temganz­heit“, auf den mensch­li­chen Bereich bezo­gen hat er vor allem im Abbruch der Tra­di­ti­on eine Ursa­che für die­se Art von Stö­rung gese­hen. Es ist auf­schluß­reich, daß Lorenz aus­drück­lich von der Emp­find­lich­keit der Kul­tur sprach, ein für die Rech­te typi­scher Gesichts­punkt, wäh­rend die Lin­ke Kul­tur im Grun­de für selbst­ver­ständ­lich hält und deren Belast­bar­keit glaubt unge­straft erpro­ben zu dür­fen. Aller­dings hielt Lorenz den Pro­zeß der Deka­denz nicht für zwangs­läu­fig. Über­haupt neigt die Rech­te nur aus­nahms­wei­se zur Vor­stel­lung einer Invo­lu­ti­on, eines unver­meid­ba­ren Nie­der­gangs, so skep­tisch sie im übri­gen den „Fort­schritt“ sieht. Im Regel­fall hat man es mit der Idee eines Wech­sel­spiels von Auf­stieg und Ver­fall zu tun, einem alter­nie­ren­den Pro­zeß, in dem Deka­denz und Rege­ne­ra­ti­on sich ablösen.
Es gibt des­halb auf der Rech­ten nicht nur eine Nei­gung, die Tra­di­ti­on zu ver­tei­di­gen, son­dern auch ein beson­de­res Inter­es­se an „kad­mei­schen Fel­dern“ (Ernst Moritz Arndt), das heißt an Situa­tio­nen, in denen neue, lebens­fä­hi­ge Ord­nun­gen geschaf­fen wur­den durch Hero­en, Wun­der­män­ner, geschicht­li­che Per­sön­lich­kei­ten. Deren Über­ein­stim­mung mit ihrer Zeit und deren außer­or­dent­li­che Fähig­keit respek­tiert man und glaubt nicht, daß sie ersetzt wer­den könn­ten oder an den gewöhn­lich gel­ten­den Maß­stä­ben gemes­sen wer­den dürf­ten. In die­ser Ehr­furcht vor der „bil­den­den“ Tat fin­det die sonst für die Rech­te typi­sche Prä­fe­renz zu Guns­ten des Bestehen­den und der Insti­tu­tio­nen ihre Grenze.

Es gibt durch­aus Ver­hält­nis­se, die nicht bewahrt wer­den dür­fen und Ein­rich­tun­gen, die zwar noch vor­han­den, aber längst unfä­hig sind, ihre lebens­dien­li­che Auf­ga­be zu erfül­len. Das ers­te Kri­te­ri­um für Lebens­dien­lich­keit ist das Ver­mö­gen, Dau­er zu schaf­fen. Die Rech­te hat im Lau­fe ihrer Ent­wick­lung ganz ver­schie­de­ne Grö­ßen – die Kir­che, die Kro­ne, die Stän­de, das Volk – als Garan­ten der Dau­er ange­se­hen und ihnen Ewig­keit zuge­spro­chen, aber im Grun­de nie ver­ges­sen, daß die­se äuße­ren Gestal­ten end­lich sind und unter Umstän­den eine „kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on“ nötig sein kann.
Aufs Gan­ze gese­hen ist die Zahl der denk­ba­ren poli­ti­schen Posi­tio­nen klein, jeden­falls, wenn man sich auf Ide­al­ty­pen beschränkt und die zahl­lo­sen Vari­an­ten, die Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten und Extrem­for­men außer acht läßt, die auf der Lin­ken wie auf der Rech­ten dazu ten­die­ren, den Kern­ge­halt der Posi­ti­on, der man sie zurech­net, auf­zu­lö­sen. Man kann das an den natio­na­lis­ti­schen und mili­ta­ris­ti­schen Ele­men­ten des Sta­li­nis­mus eben­so able­sen wie umge­kehrt an den ega­li­tä­ren und pro­gres­si­ven Ele­men­ten des Faschis­mus oder des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Soweit es aber nur um den erwähn­ten Kern­ge­halt geht, blei­ben die Umris­se rela­tiv klar erkenn­bar. Für die Rech­te wird die­ser Kern­ge­halt am deut­lichs­ten durch die Kon­ser­va­ti­ven ver­tre­ten, inso­fern man das Kon­ser­va­ti­ve in dem oben abge­steck­ten Rah­men versteht.
Die­ser Vor­be­halt ist nötig, weil es das Kon­ser­va­ti­ve nicht nur als poli­ti­sche und welt­an­schau­li­che Posi­ti­on, son­dern auch als „Ein­stel­lung zu den Din­gen“ (Georg Quab­be) gibt. In die­sem Sinn hat das Kon­ser­va­ti­ve in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten eine Kon­junk­tur erlebt, die auch zu den Ursa­chen für die Kraft­lo­sig­keit der Rech­ten gehört. Eine Rol­le spiel­te dabei spon­ta­ne Rege­ne­ra­ti­on, wich­ti­ger ist aber, daß die­je­ni­gen, die vor­ges­tern auf den Bar­ri­ka­den stan­den und die Aus­lö­schung des Bestehen­den for­der­ten, heu­te wohl­ge­klei­det umher­ge­hen und den Genuß schät­zen. Die Lin­ke als Estab­lish­ment nutzt selbst­ver­ständ­lich die Mög­lich­kei­ten, die Macht­be­sitz bie­tet und bil­det Ver­hal­tens­wei­sen aus, die vor allem den bür­ger­li­chen Men­schen beru­hi­gen. Die Vor­stel­lung von einem selbst­ver­ständ­li­chen Kon­ser­va­tis­mus als Fol­ge mensch­li­cher Rei­fe hat etwas für sich, aber in die­sem Fall geht es nicht um gewon­ne­ne Ein­sicht, son­dern um eine Pseu­do­mor­pho­se. Das Kon­ser­va­ti­ve wird als Dekor miß­braucht, von der Aner­ken­nung sei­ner Leit­ge­dan­ken ist man weit ent­fernt. Das wird beson­ders deut­lich, wenn es um die Beur­tei­lung von Kri­sen­er­schei­nun­gen geht und um die Vor­schlä­ge zur Abhilfe.
In einer Rede des Dich­ters Rudolf Bor­chardt vom Anfang der drei­ßi­ger Jah­re hieß es: „Die gan­ze Welt wird rei­ßend kon­ser­va­tiv, aus Selbst­schutz, aus Erb­schutz, aus der Pflicht her­aus, … die durch­ein­an­der­ge­rüt­tel­ten Ele­men­te … unter die Hand des natio­na­len Kon­ti­nu­ums wie­der ein­zu­fan­gen, jeder auf einem ande­ren Wege, wir auf dem schwers­ten, der Wie­der­um­stür­zung des Umstur­zes, der negier­ten und negie­ren­den Nega­ti­on …“. Die Ver­hei­ßung ist nicht in Erfül­lung gegan­gen, der Pro­zeß des kul­tu­rel­len Abbruchs, den Bor­chardt ganz beson­ders schmerz­lich emp­fand, war noch lan­ge nicht been­det. Erst heu­te kommt die Ent­wick­lung zu einem Abschluß. Das zeigt das Aus­maß der Gefähr­dung, eröff­net aber auch Mög­lich­kei­ten. Zur Vor­be­rei­tung mag der „Selbst­schutz“ aus Ein­sicht in die Lage und ihre Gefähr­dun­gen gewis­se Diens­te leis­ten, aber wich­ti­ger ist die Bereit­schaft, den schwers­ten Weg ein­zu­schla­gen: die „Wie­der­um­stür­zung des Umsturzes“.

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