Sezession
1. Oktober 2003

Das rechte Prinzip

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

sez_nr_3Im Jahr 1988, kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks, erschien in der Büchergilde Gutenberg das Lexikon linker Leitfiguren. Neben den Personen, deren Erwähnung man mit Sicherheit erwarten durfte – von Bebel bis Schumacher – wurde vor allem das intellektuelle Umfeld – von Brecht bis Arnold Zweig – einbezogen, großzügig war man im Hinblick auf die Märtyrer – zum Beispiel Jesus von Nazareth oder Che Guevara –, während der Vorstoß zu den Klassikern – Engels und Marx – zaghaft blieb. Selbstverständlich fehlten Ceaucescu, Enver Hodscha oder Stalin, aber auf Lenin, Castro und Mao wollte man nicht verzichten. Die Auswahl erklärte sich hinreichend durch den Publikationsort, einen gewerkschaftseigenen Verlag, und die eher pädagogische als wissenschaftliche Absicht des Herausgebers.

Könnte man sich ein vergleichbares Projekt für die Gegenseite vorstellen? Ein „Lexikon rechter Leitfiguren“, das von Antigone über Bismarck und de Gaulle bis zu Kardinal Ratzinger reicht, den lunatic fringe von Benn über Eliot, die Brüder Jünger bis zu Botho Strauß verzeichnet, Edgar Jung und Stauffenberg als Blutzeugen erwähnt und Vorstöße zu Barrès, Niekisch, Sorel und Spengler unternimmt, vielleicht noch Joris van Severen einbezieht, aber konsequent die Behandlung von Franco, Mussolini und Hitler meidet? Wohl kaum. Dabei erklärt nicht fehlende moralische oder intellektuelle Dignität die Lücke. Entscheidend ist vielmehr ein Prozeß des Verschwindens der rechten als einer denkbaren geistigen und politischen Position.
Dieses Verschwinden ist zunächst die Folge einer „Linksmystik“ (Peter Richard Rohden), die in Frankreich schon vor dem Ersten Weltkrieg zum Kollaps aller Parteien führte, die sich bis dahin offen der Rechten zugeordnet hatten und nun bestenfalls als „Mitte“, als „Radikale“ oder als „Sozialisten“ aufzutreten wagten. Aber ist dieses Unsichtbarwerden der Rechten als Auslöschung zu verstehen, als Endsieg der „ewigen Linken“? Die Formel „ewige Linke“ hat Ernst Nolte gewählt, um die eigenartige Stabilität linker Zielvorstellungen zu charakterisieren, die seit den Streiks der Arbeiter an den Pyramiden und der Gesellschaftskritik der Propheten des Alten Testaments unverändert blieben. Immer ging und geht es darum, soziale Gleichheit herzustellen, verknüpft mit der Annahme, daß sich die Welt – die natürliche wie die vom Menschen geschaffene – zu dem Zweck unbegrenzt vervollkommnen lasse.
Nolte hat es vermieden, der „ewigen Linken“ eine „ewige Rechte“ gegenüber zu stellen, etwa als Repräsentanten der herrschenden Klassen. Die Zusammensetzung der Rechten habe sich im Lauf der Zeit sehr stark verändert, und mit ihr die der rechten Weltanschauungen und Programme. Diese Heterogenität hat der Rechten den Ruf eingetragen, die Partei der Ungleichheit und des wahllosen Konservatismus zu sein. Aber schon oberflächliche Betrachtung zeigt, daß die Rechte nicht die Ungleichheit als solche verteidigt und daß sie nicht jede Ordnung bejaht.
Die Ablehnung des zentralen Inhalts linker Ideologie ist für die Rechte vielleicht zuerst eine Stilfrage. Man empfindet Gleichheit als Gleichförmigkeit, als Uniformität und die als ästhetisch störend. Die Wertschätzung der Höflichkeit, der nuancierten Signale von Über- und Unterordnung ist insofern typisch rechts. Die Bevorzugung des Geschlossenen gegenüber dem Diffusen steht dazu nur scheinbar im Widerspruch, weil Geschlossenheit eine Gestalt verbürgt, die das Einzelne eingliedert und zum Teil eines Ganzen macht, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Für die Rechte ist die Hierarchie schön und mit ihr der liturgische Ausdruck. Es rührt aus dieser Wahrnehmung auch die Sympathie für authentische Volkskulturen einerseits und die Ablehnung des Multikulturalismus andererseits. Die Rechte sieht in der Kultur immer ein Gesamt von Herkunft, Heimat und spezifischen Ausdrucksweisen, für die Linke ist die Kultur patchwork, dessen Elemente man um der Buntheit willen beliebig vertauschen kann.


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