Sezession
1. Oktober 2003

Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 3/ Oktober 2003

sez_nr_3von Till Kinzel

„Wer offenkundige Wahrheiten verwirft, empört uns so lange, bis wir entdecken, daß er erzdumm ist“. Um uns dem anzunähern, was der Reaktionär schlechthin, als Typus ist, wenden wir uns ohne viel Federlesen dem Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila zu. Gómez Dávila war zwar nicht der einzige Reaktionär des 20. Jahrhunderts, vielleicht aber der konsequenteste, derjenige jedenfalls, der „den Reaktionär“ erst zu einem allgemeinen Typus geistiger Haltungen geformt hat. Denn anders als die Reaktionäre des 19. Jahrhunderts wie Donoso Cortés oder Joseph de Maistre war es für ihn von vornherein ausgeschlossen, daß die Reaktion die vordergründige politische Gestalt der Restauration würde annehmen können; jede denkbare Restauration erschien Gómez Dávila bloß als umgedrehter Jakobinismus.

Nicolás Gómez Dávila, der 1913 in Bogotá geborene und 1994 dort gestorbene Denker, mußte ohne Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Restauration leben – sieht man von dem Hinweis ab, daß der Reaktionär in Jahrtausenden rechne, was aber wohl praktisch keinen Unterschied ausmachen dürfte. Gerade diese Position jenseits der praktisch orientierten politischen Lager aber ermöglichte ihm eine denkerische Distanz, eine kontemplative Haltung zur Welt der Moderne, die mit einem beängstigend klaren und realistischen Blick auf das Treiben der Menschen verbunden war. Ein gutes Beispiel findet sich in jenem bereits eingangs zitierten Satz – „Wer offenkundige Wahrheiten verwirft, empört uns so lange, bis wir entdecken, daß er erzdumm ist“ – ein Satz, der in nuce das Welt- und Menschenbild Gómez Dávilas enthält. Denn er schließt ein Kontrastprogramm der Gegen-Aufklärung in sich, und zwar im Namen der ewigen Wahrheiten über den Menschen, die in der liberal interpretierten Aufklärung nicht angemessen zu Buche schlugen. Entgegen der so sehr zu wünschenden Aufklärung eines jeden Bürgers über die entscheidenden Fragen der Politik, gegenüber der Ausblendung der Wirklichkeit unter dem Einfluß desorientierender und schlichtweg falscher Theorien, Diskurse und Sophismen beharrt Gómez Dávila störrisch auf die unabweisbare Tatsache, daß der Aufklärung – und damit auch den von enthusiastischen Aufklärern Vorschub geleisteten utopischen Erwartungen – Grenzen gesetzt sind. Die Dummheit mag hier oder da aufklärungstechnisch und volkspädagogisch behebbar sein, generell ist sie nicht zu tilgen – sie ist ein unausrottbarer Faktor des menschlichen Zusammenlebens und der Geschichte, es muß also auch und vor allem politisch mit ihr gerechnet werden.
Die Dummheiten sterben nicht aus, weiß Gómez Dávila, sie wachsen mit jeder Generation erneut nach: es ist dennoch eine Pflicht des Denkenden, sie immer neu zu entlarven – deshalb ist Gegen-Aufklärung stets angezeigt, auch wenn dieses Bestreben in Gefahr steht, als platte Aufklärungskritik mißverstanden zu werden. Doch: „Der Reaktionär bestreitet gegenüber der Aufklärung nicht, daß es universale Prinzipien gebe, sondern daß die von der Aufklärung verkündeten Prinzipien Teil der universalen Prinzipien seien“. Gómez Dávila reiht sich damit ein in die Tradition derjenigen, die mit der Dummheit als historisch-politischem Faktor rechneten und das Treiben der Menschen mit, so scheint es, eiskaltem Blick analysierten: „Von Thukydides bis zu seinen Nachfolgern von heute betont eine imperiale Reihe souveräner Geister, kalter und unbewegter Beobachter der Geschichte durch ihre bloße Gegenwart die unheilbare Dummheit unserer elenden Rasse.“ Diese Dummheit, mit der sich der Reaktionär in seinem Kampf anlegt, ist indes, wie wir erschreckt feststellen müssen – ein Gebot der Selbsterkenntnis – immer auch die eigene: „Das Leben ist ein täglicher Kampf gegen die eigene Dummheit“, eine Maxime, die stark an die enttäuschenden Sätze eines Baltasar Gracián erinnert, der Bildung als permanenten Prozeß der Desillusionierung in einer Welt begriff, die von Schein und Trug beherrscht wird.


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