Parteigänger verlorener Sachen – Nicolás Gómez Dávila

pdf der Druckfassung aus Sezession 3/ Oktober 2003

sez_nr_3von Till Kinzel

„Wer offenkundige Wahrheiten verwirft, empört uns so lange, bis wir entdecken, daß er erzdumm ist“. Um uns dem anzunähern, was der Reaktionär schlechthin, als Typus ist, wenden wir uns ohne viel Federlesen dem Kolumbianer Nicolás Gómez Dávila zu. Gómez Dávila war zwar nicht der einzige Reaktionär des 20. Jahrhunderts, vielleicht aber der konsequenteste, derjenige jedenfalls, der „den Reaktionär“ erst zu einem allgemeinen Typus geistiger Haltungen geformt hat. Denn anders als die Reaktionäre des 19. Jahrhunderts wie Donoso Cortés oder Joseph de Maistre war es für ihn von vornherein ausgeschlossen, daß die Reaktion die vordergründige politische Gestalt der Restauration würde annehmen können; jede denkbare Restauration erschien Gómez Dávila bloß als umgedrehter Jakobinismus.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Nicolás Gómez Dávi­la, der 1913 in Bogo­tá gebo­re­ne und 1994 dort gestor­be­ne Den­ker, muß­te ohne Hoff­nung auf eine wie auch immer gear­te­te Restau­ra­ti­on leben – sieht man von dem Hin­weis ab, daß der Reak­tio­när in Jahr­tau­sen­den rech­ne, was aber wohl prak­tisch kei­nen Unter­schied aus­ma­chen dürf­te. Gera­de die­se Posi­ti­on jen­seits der prak­tisch ori­en­tier­ten poli­ti­schen Lager aber ermög­lich­te ihm eine den­ke­ri­sche Distanz, eine kon­tem­pla­ti­ve Hal­tung zur Welt der Moder­ne, die mit einem beängs­ti­gend kla­ren und rea­lis­ti­schen Blick auf das Trei­ben der Men­schen ver­bun­den war. Ein gutes Bei­spiel fin­det sich in jenem bereits ein­gangs zitier­ten Satz – „Wer offen­kun­di­ge Wahr­hei­ten ver­wirft, empört uns so lan­ge, bis wir ent­de­cken, daß er erz­dumm ist“ – ein Satz, der in nuce das Welt- und Men­schen­bild Gómez Dávilas ent­hält. Denn er schließt ein Kon­trast­pro­gramm der Gegen-Auf­klä­rung in sich, und zwar im Namen der ewi­gen Wahr­hei­ten über den Men­schen, die in der libe­ral inter­pre­tier­ten Auf­klä­rung nicht ange­mes­sen zu Buche schlu­gen. Ent­ge­gen der so sehr zu wün­schen­den Auf­klä­rung eines jeden Bür­gers über die ent­schei­den­den Fra­gen der Poli­tik, gegen­über der Aus­blen­dung der Wirk­lich­keit unter dem Ein­fluß des­ori­en­tie­ren­der und schlicht­weg fal­scher Theo­rien, Dis­kur­se und Sophis­men beharrt Gómez Dávi­la stör­risch auf die unab­weis­ba­re Tat­sa­che, daß der Auf­klä­rung – und damit auch den von enthu­si­as­ti­schen Auf­klä­rern Vor­schub geleis­te­ten uto­pi­schen Erwar­tun­gen – Gren­zen gesetzt sind. Die Dumm­heit mag hier oder da auf­klä­rungs­tech­nisch und volks­päd­ago­gisch beheb­bar sein, gene­rell ist sie nicht zu til­gen – sie ist ein unaus­rott­ba­rer Fak­tor des mensch­li­chen Zusam­men­le­bens und der Geschich­te, es muß also auch und vor allem poli­tisch mit ihr gerech­net werden.
Die Dumm­hei­ten ster­ben nicht aus, weiß Gómez Dávi­la, sie wach­sen mit jeder Genera­ti­on erneut nach: es ist den­noch eine Pflicht des Den­ken­den, sie immer neu zu ent­lar­ven – des­halb ist Gegen-Auf­klä­rung stets ange­zeigt, auch wenn die­ses Bestre­ben in Gefahr steht, als plat­te Auf­klä­rungs­kri­tik miß­ver­stan­den zu wer­den. Doch: „Der Reak­tio­när bestrei­tet gegen­über der Auf­klä­rung nicht, daß es uni­ver­sa­le Prin­zi­pi­en gebe, son­dern daß die von der Auf­klä­rung ver­kün­de­ten Prin­zi­pi­en Teil der uni­ver­sa­len Prin­zi­pi­en sei­en“. Gómez Dávi­la reiht sich damit ein in die Tra­di­ti­on der­je­ni­gen, die mit der Dumm­heit als his­to­risch-poli­ti­schem Fak­tor rech­ne­ten und das Trei­ben der Men­schen mit, so scheint es, eis­kal­tem Blick ana­ly­sier­ten: „Von Thu­ky­d­i­des bis zu sei­nen Nach­fol­gern von heu­te betont eine impe­ria­le Rei­he sou­ve­rä­ner Geis­ter, kal­ter und unbe­weg­ter Beob­ach­ter der Geschich­te durch ihre blo­ße Gegen­wart die unheil­ba­re Dumm­heit unse­rer elen­den Ras­se.“ Die­se Dumm­heit, mit der sich der Reak­tio­när in sei­nem Kampf anlegt, ist indes, wie wir erschreckt fest­stel­len müs­sen – ein Gebot der Selbst­er­kennt­nis – immer auch die eige­ne: „Das Leben ist ein täg­li­cher Kampf gegen die eige­ne Dumm­heit“, eine Maxi­me, die stark an die ent­täu­schen­den Sät­ze eines Bal­ta­sar Gra­cián erin­nert, der Bil­dung als per­ma­nen­ten Pro­zeß der Des­il­lu­sio­nie­rung in einer Welt begriff, die von Schein und Trug beherrscht wird.

Die Empö­rung, die wir über die Unein­sich­tig­keit der Mit­men­schen emp­fin­den, wobei „wir“ doch, so könn­te man mei­nen, über die bes­se­ren Argu­men­te und Ein­sich­ten ver­fü­gen, speist sich aus der unzu­rei­chend rea­lis­ti­schen Sicht des­sen, was ist. Der Reak­tio­när aber ist, kurz gesagt, der­je­ni­ge, der unein­ge­schränkt und unge­kürzt sehen will, was ist – zwar ohne davor den Kotau zu machen, ohne aber auch ver­geb­lich dage­gen anzu­ren­nen. Der Reak­tio­när ist nicht der Illu­sio­när, der sich Hoff­nun­gen hin­gibt, auch wenn er des­halb nicht ohne Hoff­nung ist – und zwar auf Gott. Der Reak­tio­när erhofft nichts von einer Revo­lu­ti­on; wenn es aber ein­mal durch Lan­ge­wei­le und Ekel eine güns­ti­ge Zeit geben wird, so Gómez Dávi­la, wer­de die Reak­ti­on nicht auf tri­via­le Wei­se revo­lu­tio­när, son­dern auf radi­ka­le Wei­se met­a­noe­tisch sein, also eine geis­tig-see­li­sche Umkehr herbeiführen.
Der Reak­tio­när ist ein Ken­ner der Geschich­te, denn was der Mensch sei, das erfährt man in ers­ter Linie durch sie. Es ist daher auch kein Wun­der, daß das her­vor­ra­gends­te aller Bücher für Gómez Dávi­la die Geschich­te des pelo­pon­ne­si­schen Krie­ges von Thu­ky­d­i­des ist, ein bis heu­te vor allem auch in Din­gen der inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen uner­schöpf­li­cher Klas­si­ker des poli­ti­schen Rea­lis­mus. Wer die Natur des Men­schen so in Rech­nung stellt wie es Thu­ky­d­i­des tut, ist not­wen­di­ger­wei­se Reak­tio­när, denn sein Den­ken ist eine vor­weg­ge­nom­me­ne Reak­ti­on, die bereits vor dem Ver­bre­chen erfolgt, das er uner­bitt­lich kom­men sieht. Der Reak­tio­när ist des­halb kein nost­al­gi­scher Träu­mer, son­dern ein unbe­stech­li­cher Rich­ter, der das Schei­tern der Hoff­nun­gen und Träu­me des Men­schen auf Erden erwar­tet. Denn: „Alles Leben ist ein geschei­ter­tes Experiment.“
Wie bewer­tet der Reak­tio­när unter die­sen Maß­ga­ben die Welt der Poli­tik, wie bezieht er Stel­lung zur Lin­ken und Rech­ten, was ist sei­ner Auf­fas­sung nach das Basis­theo­rem der Reak­ti­on, falls es ein sol­ches gibt? Ich wer­de zunächst die Stel­lung des Reak­tio­närs zur Lin­ken, dann zur Rech­ten und abschlie­ßend zur Moder­ne ins­ge­samt skiz­zie­ren, um so eine ers­te Annä­he­rung an das merk­wür­di­ge Phä­no­men des Reak­tio­närs zu leisten.
Es gibt zahl­rei­che Abstu­fun­gen des Lin­ken, und Gómez Dávi­la spricht ein­mal vom Pro­gres­sis­ten oder Fort­schritt­ler, ein­mal vom Revo­lu­tio­när, ein­mal vom Libe­ra­len, die durch­aus nicht iden­tisch sind. In unter­schied­li­chen Gra­den ver­kör­pern sie für den Reak­tio­när die Kon­se­quen­zen, die aus den moder­nen Prin­zi­pi­en flie­ßen. Dabei ver­ken­nen die Revo­lu­tio­nä­re, daß die Gesell­schaft nicht auf rein ratio­na­lem Wege kon­stru­iert und gestal­tet wer­den kann.
Eine Gesell­schaft aber sei nur inso­weit erträg­lich, wie sie soge­nannt irra­tio­na­le Ele­men­te ent­hal­te. Zu guter Letzt, moniert Gómez Dávi­la, zer­stör­ten die Revo­lu­tio­nä­re eben das, was die Gesell­schaf­ten erträg­lich mach­te, gegen die sie rebellieren.
So scharf der Reak­tio­när die Lin­ke auch kri­ti­siert, zeigt er doch ein gro­ßes Ver­ständ­nis für den Impuls, der hin­ter der Wahl für die Lin­ke oder den Kom­mu­nis­mus liegt – denn die Lin­ke spürt, daß die Welt nicht ist, wie sie sein soll. Ihre Vor­schlä­ge aber, die­sen Zustand zu ver­än­dern, die lin­ken Lösun­gen, füh­ren regel­mä­ßig zu Kata­stro­phen unge­kann­ten Aus­ma­ßes. Das Tra­gi­sche der Lin­ken besteht aus Sicht des Reak­tio­närs dar­in, daß ihre The­ra­pien das Übel immer nur ver­stär­ken. Und zwar des­halb, weil der Fort­schritt­ler zuletzt immer von der mensch­li­chen Natur über­rascht wird, die er in sei­nem Enthu­si­as­mus für Ver­än­de­rung ver­ges­sen hatte.

Die poli­ti­sche Wirk­lich­keit läßt sich des­halb auch im Sche­ma von chal­len­ge und respon­se, von Her­aus­for­de­rung und Ant­wort verstehen:

„Die Ideen der Lin­ken rufen Revo­lu­tio­nen her­vor, die Revo­lu­tio­nen erzeu­gen die Ideen der Rech­ten.“ Und weil die Revo­lu­tio­nen den bes­ten Anschau­ungs­un­ter­richt für das lie­fern, was die Kon­se­quen­zen der lin­ken Ideo­lo­gie sind, rekru­tier­ten sich Gómez Dávi­la zufol­ge die Reak­tio­nä­re aus den Zuschau­ern in der ers­ten Rei­he einer Revo­lu­ti­on. Denn nicht die Tat­sa­che, daß die Lin­ke ande­re Ergeb­nis­se als das von ihr Pro­kla­mier­te her­vor­bringt, ist das Pro­blem. Das Pro­blem bestehe gera­de dar­in, daß die Lin­ke durch­setzt, was sie pro­kla­miert. „Das wah­re Desas­ter der Lin­ken wird offen­bar“, so sagt er, „wenn sie hält, was sie ver­spricht.“ Der Lin­ke, der die Rea­li­tät so sieht, wie sie ist, wird daher leicht und kon­se­quen­ter­wei­se zum Reak­tio­när: „Den Lin­ken, der glei­cher­ma­ßen gegen die Ver­bre­chen der Rech­ten wie der Lin­ken pro­tes­tiert, nen­nen sei­ne Genos­sen mit Recht einen Reak­tio­när.“ Und in einem wei­te­ren Schritt folgt dar­aus: „Der über­zeug­tes­te Reak­tio­när ist der reui­ge Revo­lu­tio­när, das heißt: der­je­ni­ge, der die Rea­li­tät der Pro­ble­me ken­nen­ge­lernt und die Lügen­mär­chen der Lösun­gen erkannt hat“. Poli­ti­sche Rei­fe besteht denn auch für Gómez Dávi­la dar­in, gegen den uto­pi­schen Impuls der Lin­ken jedes Ziel zurück­zu­wei­sen, das sich nicht ope­ra­tio­na­li­sie­ren läßt, von dem also nicht ange­ge­ben wer­den kann, ob und wann und wie es zu errei­chen ist.
Heißt das nun, daß Gómez Dávi­la ein Rech­ter sei, wie er im Buche steht? Mit­nich­ten. Denn die Rech­te ist in den Augen des Reak­tio­närs eine höchst zwei­fel­haf­te Ange­le­gen­heit, wie wir sehen wer­den. Nun kann es kei­nem Zwei­fel unter­lie­gen, daß Gómez Dávi­la in sei­nen Pari­ser Jugend­jah­ren offen­bar stark unter dem Ein­fluß der Schrif­ten rech­ter Theo­re­ti­ker oder Ideo­lo­gen wie Charles Mau­rras stand. Indes hat Gómez Dávi­la kei­nes Den­kers oder Schrift­stel­lers Ideen ohne Abstri­che über­nom­men. Mau­rras etwa lehn­te die Roman­tik ent­schie­den ab, wäh­rend Gómez Dávi­la sie ent­schie­den bejah­te und in ihr eine der gro­ßen geis­tes­ge­schicht­li­chen Epo­chen reak­tio­nä­ren Gehal­tes sah. Aber auch der Rech­te ist Teil und Erbe jener spe­zi­fisch moder­nen Poli­tik, die man als ideo­lo­gi­sche Poli­tik bezeich­nen muß. Das Fak­tum von Ideo­lo­gien, die die Mas­sen ergrei­fen und zur mate­ri­el­len Gewalt wer­den, ist dem Reak­tio­när ein Greu­el, und zwar unab­hän­gig davon, ob die sol­cher­ma­ßen ver­brei­te­te ideo­lo­gi­sche Inter­pre­ta­ti­on des Men­schen und sei­ner Geschich­te als „rechts“ oder „links“ figu­riert. Gómez Dávi­la ver­sucht, die Posi­ti­on des Reak­tio­närs im Ver­hält­nis zur Lin­ken und Rech­ten anschau­lich zu machen: „Der Lin­ke nennt jene Leu­te Rechts­par­tei­ler, die bloß rechts von ihm sit­zen. Der Reak­tio­när befin­det sich nicht auf der rech­ten Sei­te von der Lin­ken, son­dern gegen­über“. Der Reak­tio­när nimmt dem­nach eine Posi­ti­on ein, die gleich­sam von außen auf die Pro­gram­me und ideo­lo­gi­schen Alter­na­ti­ven blickt und so deren Schwä­chen ans Licht bringt: „Die Alter­na­ti­ve, die der­je­ni­ge anpreist, der mit der Lin­ken nicht kon­form geht, ist eben­so unan­nehm­bar wie die, die er ver­wirft“. Er bedau­ert, daß den Reak­tio­nä­ren von den Lin­ken die Ideen und von den Rech­ten das Voka­bu­lar gestoh­len wer­de. Dies aber besagt nichts ande­res, als daß die Über­ein­stim­mung des Reak­tio­närs mit der Rech­ten auf der Erzeu­gung eines unzu­tref­fen­den Schei­nes beruht, nicht auf einer tie­fe­ren Gemein­sam­keit gedank­li­cher oder welt­an­schau­li­cher Art.

Der Reak­tio­när sieht mit schar­fem Blick, daß die bür­ger­li­che Welt in ihrem Ver­hält­nis zu links und rechts unter­schied­lich reagiert. Wäh­rend sie sich ange­sichts ihrer Fein­de auf der Rech­ten erbre­che, absor­bie­re sie die auf der Lin­ken ohne grö­ße­re Bauch­schmer­zen – eine Wahr­heit, die sich immer wie­der neu bestä­tigt. Gómez Dávi­la ver­teilt sei­ne Abnei­gung im Gegen­satz zu die­ser bür­ger­li­chen Deli­ka­tes­se fast gleich­ge­wich­tig, wenn er sagt: „Was man in die­sem Jahr­hun­dert die Rech­te genannt hat, ist nichts als ein gegen die Heu­che­lei der Lin­ken auf­mar­schier­ter Zynis­mus“. Obzwar Gómez Dávi­la mit Kon­ser­va­ti­ven und Rech­ten an der bibli­schen und klas­sisch grie­chi­schen Ein­sicht fest­hält, daß der Mensch ein ris­kier­tes Wesen ist, ver­bie­tet sich für ihn als Chris­ten doch jede Form des Zynis­mus. Die­ser stellt für ihn viel­mehr die spe­zi­fi­sche Ver­su­chung der Kon­ser­va­ti­ven dar, weil er eine Ein­sicht in die rau­hen Wirk­lich­kei­ten des Daseins und der mensch­li­chen Natur ohne jede Chan­ce auf Gna­de oder Erlö­sung, aber auch ohne wirk­li­che Ver­söh­nung mit der Schwä­che des Men­schen sei, wodurch aber jene Ein­sich­ten selbst wie­der unwahr wür­den. Und gegen die Mei­nung, ein Christ müs­se logi­scher­wei­se Lin­ker und Sozia­list wer­den, weist Gómez Dávi­la auf die tie­fe Kluft hin, die das wah­re Chris­ten­tum von sei­nen sozia­len Fehl­deu­tun­gen trennt. Wäh­rend näm­lich die Demo­kra­tie (und auch der Sozia­lis­mus) die Sou­ve­rä­ni­tät des Men­schen pro­kla­mie­re, ver­kün­de das Chris­ten­tum die Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes. Ter­ti­um non datur.
Der Reak­tio­när sieht nur mit gro­ßer Skep­sis auf die Kon­ser­va­ti­ven, denn „wenn der Reak­tio­när nicht im Kon­ser­va­ti­ven erwacht, han­delt es sich ledig­lich um einen para­ly­sier­ten Pro­gres­sis­ten“. Die zeit­ge­nös­si­schen Kon­ser­va­ti­ven sei­en nichts als von der Demo­kra­tie miß­han­del­te Libe­ra­le. Selbst der rech­te Flü­gel einer gege­be­nen Rech­ten erscheint ihm immer noch zu weit links. So ist der Kon­ser­va­ti­ve die Kari­ka­tur des Reak­tio­närs, wie der Lin­ke die Kari­ka­tur des Mar­xis­ten ist. Doch auch vom Reak­tio­när gibt es Spiel­ar­ten; kei­nes­wegs alle Reak­tio­nä­re sind glei­cher­ma­ßen wahr­haft reak­tio­när, wie schon der Titel von Gómez Dávilas Essay „Der wah­re Reak­tio­när“ andeu­tet, der in die­sem Herbst zum ers­ten Mal in deut­scher Über­set­zung greif­bar wird. Gómez Dávi­la ver­sucht in die­sem Text, von dem sich Ver­satz­stü­cke auch in sei­nem weit­läu­fi­gen Glos­sen­werk fin­den, die­sen ech­ten Reak­tio­när genau­er zu kenn­zeich­nen, doch bedient er sich dazu einer zum Teil unscharf poe­ti­schen Spra­che, die eher Anmu­tungs­cha­rak­ter hat, als daß sie eine begriff­lich prä­zi­se Klä­rung bräch­te, die über das hin­aus­geht, was er in sei­nen zahl­rei­chen Glos­sen ausführt.
Es war Gómez Dávilas fes­te Über­zeu­gung, daß die Moder­ne an sich das Pro­blem ist, vor dem wir ste­hen – geis­tig, see­lisch, ästhe­tisch, sitt­lich. Doch wuß­te er sehr wohl, daß poli­ti­scher Wider­stand – die Umset­zung reak­tio­nä­rer Prin­zi­pi­en in eine poli­ti­sche Bewe­gung – nur zu fata­len Kon­se­quen­zen füh­ren könn­te. So resul­tiert aus der reak­tio­nä­ren Kri­tik der Moder­ne kei­ne poli­ti­sche Rebel­li­on, son­dern eine gedank­li­che Über­win­dung der Moder­ne. Die­se Über­win­dung der Moder­ne im Geis­te soll es dem Ein­zel­nen ermög­li­chen, ange­sichts der fak­ti­schen Unhin­ter­geh­bar­keit der Moder­ne doch ein Leben zu füh­ren, das der See­le einen ange­mes­se­nen Raum gibt, sich um sich selbst zu küm­mern, und zwar nicht im tri­via­len Sin­ne von Selbst­er­fah­rung, son­dern als Arbeit an der Schön­heit der See­le durch die Errich­tung einer Rang­ord­nung der Wer­te. Das aber heißt nichts ande­res, als sich von der Vul­ga­ri­tät und Deka­denz dadurch abzu­gren­zen, daß man so gut wie mög­lich eine intel­lek­tu­el­le und gefühls­mä­ßi­ge Distanz zur Kul­tur der Gegen­wart auf­baut, die sich tun­lichst auch im eige­nen, zum Bei­spiel päd­ago­gi­schen, Wir­ken erken­nen las­sen soll­te. Daß eine sol­che reak­tio­nä­re Posi­ti­on schließ­lich para­dox ist, wuß­te Gómez Dávi­la nur zu gut. Aber gera­de das ist auch reak­tio­när – die oft stil­le, immer jedoch ent­schie­de­ne Zurück­wei­sung der moder­nen Sucht, für alles und jedes eine „Lösung“ zu fin­den, alle Para­do­xien der mensch­li­chen Exis­tenz auf­lö­sen zu wollen.

Wir soll­ten uns davor hüten, so Gómez Dávi­la, von die­sem Jahr­hun­dert zu sein, in dem alles, was ent­steht, auch wie­der ver­dirbt, wes­halb es eines über die Ver­gäng­lich­keit der Zeit hin­aus­ge­hen­den Ver­an­ke­rung im Gött­li­chen bedarf. Gómez Dávi­la führt die pro­ble­ma­ti­schen Sei­ten der Moder­ne in letz­ter Instanz auf eine theo­lo­gi­sche Pro­ble­ma­tik zurück; sei­ne Deu­tung der Moder­ne ist nur ver­ständ­lich im Lich­te sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit dem theo­lo­gisch-poli­ti­schen Pro­blem, das im Zen­trum sei­nes rei­chen Wer­kes steht.
Die Wur­zel des Übels ist für den Reak­tio­när denn auch nichts Gerin­ge­res als die Abwen­dung des Men­schen von Gott, die Selbst­er­mäch­ti­gung des Men­schen, sein Schick­sal in die – neu­er­dings auch gen­tech­ni­sche – Hand zu neh­men, der Glau­be, daß der Mensch sich selbst, ohne die Gna­de Got­tes, hei­len kön­ne; so daß die „schlecht­hin­ni­ge Unab­hän­gig­keit“ des Men­schen, wie Gómez Dávi­la Schlei­er­ma­chers berühm­te Defi­ni­ti­on der Reli­gi­on auf den Kopf stellt, das Grund­prin­zip der Moder­ne genannt wer­den kann. Wenn aber das Prin­zip der Abhän­gig­keit des Men­schen zum Wesen der Reli­gi­on gehört, dann ist auch die Kir­che als insti­tu­tio­nel­le Ent­spre­chung die­ser Tat­sa­che ein anti­mo­der­ner Fak­tor. Gegen die Auf­lö­sung der tra­di­tio­nel­len Reli­gi­on im Medi­um der libe­ra­len Belie­big­keit hält der moder­ni­täts­kri­ti­sche Katho­lik des­halb lako­nisch fest: „Die wah­re Reli­gi­on ist mön­chisch, aske­tisch, auto­ri­tär, hierarchisch.“
Aus den Tie­fen der abend­län­di­schen Über­lie­fe­rung her­aus prä­sen­tiert Gómez Dávi­la, was der lin­ke Reak­tio­när Ador­no tref­fend auf den Begriff gebracht hat – Mar­gi­na­li­en zum beschä­dig­ten Leben. Daß die­ses beschä­dig­te Leben sich aller­dings selbst nicht als sol­ches sieht, ist Teil des all­ge­mein gewor­de­nen Nihi­lis­mus. Die­ser fin­det in der Tat­sa­che sei­nen Aus­druck, daß weit­hin kei­ne sitt­lich hoch­ste­hen­den Idea­le mehr als Maß­stab für das Ver­hal­ten des Ein­zel­nen akzep­tiert, ja, daß sie als unge­hö­ri­ge Zumu­tung zurück­ge­wie­sen wer­den. „Die moder­ne Welt“, so hat Gómez Dávi­la erkannt, „kri­ti­siert nie­man­den außer den­je­ni­gen, der gegen die Ver­dum­mung rebel­liert.“ Und ähn­lich heißt es an ande­rer Stel­le: Das ein­zi­ge, wofür man sich heu­te nicht zu ent­schul­di­gen braucht sind vul­gä­re Zer­streu­un­gen und Beschäf­ti­gun­gen. Die moder­ne Welt kri­ti­sie­re somit schon nur noch den­je­ni­gen, der gegen die Ver­kom­men­heit rebel­lie­re. Die­se Rebel­li­on erscheint jedoch nur all­zu­oft zweck­los, denn die Ver­kom­men­heit ent­springt einem gut ver­an­ker­ten Bedürf­nis des moder­nen Men­schen: „Es hat kei­nen Sinn, dem Zeit­ge­nos­sen die Vul­ga­ri­tät der heu­ti­gen Welt vor Augen zu füh­ren: es ist gera­de die­se Vul­ga­ri­tät, die ihn ver­führt und begeis­tert“. Gómez Dávi­la schreckt ange­sichts die­ses Befun­des nicht davor zurück, das Kind beim rech­ten Namen zu nen­nen, und die­ser Name lau­tet „Deka­denz“. Das Fak­tum der Deka­denz ist für Gómez Dávi­la schlech­ter­dings unbe­streit­bar – die zahl­lo­sen Ver­su­che sei­ner Bestrei­tung legen nur Zeug­nis von einer Wirk­lich­keits­ver­leug­nung ab, die mit dem von Nietz­sches Zara­thus­tra dia­gnos­ti­zier­ten Unver­mö­gen des „letz­ten Men­schen“, Wer­tun­gen vor­zu­neh­men, einhergeht.
Wo aber fin­den sich Arz­nei­en, so fragt sich der Leser die­ses „reak­tio­nä­ren Fli­cken­tep­pichs“, den Gómez Dávi­la unbarm­her­zig vor uns aus­brei­tet, wo fin­den sich Heil­mit­tel, die das Leben unter die­sen Bedin­gun­gen erträg­lich machen? Gómez Dávi­la fin­det sie vor allem in der gro­ßen Lite­ra­tur, in der Kunst und Phi­lo­so­phie der Ver­gan­gen­heit von der Anti­ke bis zur klas­si­schen Moder­ne. Denn die Kunst sei nichts Gerin­ge­res als „das gefähr­lichs­te reak­tio­nä­re Fer­ment in einer demo­kra­ti­schen und fort­schritt­li­chen Indus­trie­ge­sell­schaft“. Botho Strauß knüpft an die­sen poten­ti­ell sub­ver­si­ven Gedan­ken an, wenn er dem Kunst­werk die Eigen­schaft zuspricht, „gegen Ver­geß­lich­keit in jeder Epo­che“ zu kämp­fen, wes­halb jedes gro­ße Kunst­werk auf eine zeit­lo­se Wei­se „reak­tio­när“ im Sin­ne Gómez Dávilas sei. Es kon­spi­rie­ren daher aus Sicht des Reak­tio­närs nur jene erfolg­reich gegen die gegen­wär­ti­ge Welt, die im Gehei­men die Bewun­de­rung der Schön­heit propagieren.

Ein nicht zu unter­schät­zen­der Ansatz­punkt für jene Ver­schwö­rung ist für Gómez Dávi­la die lie­be­vol­le Pfle­ge der alten Spra­chen, des Grie­chi­schen und Latei­ni­schen, die hier­zu­lan­de in den letz­ten Jahr­zehn­ten gezielt zurück­ge­drängt wor­den sind (Gómez Dávi­la hät­te wohl sein hel­le Freu­de an Kojè­ves – bekann­ter­ma­ßen wir­kungs­los ver­hall­ter – Mah­nung an die revol­tie­ren­den Stu­den­ten von 1968 gehabt, das eine, was not tue, sei … Grie­chisch zu lernen).
Die gro­ßen grie­chi­schen und römi­schen Autoren erzie­hen, dies war Gómez Dávilas Über­zeu­gung, weil sie ein Den­ken und eine Welt­sicht ver­kör­pern, die sich in wesent­li­chen Punk­ten von der uns­ri­gen unter­schei­det. Die­se Lite­ra­tur bie­te damit ein Gegen­ge­wicht zu den Gemein­plät­zen des Tages, durch wel­che der Ver­stand des Men­schen geschwächt wer­de. Durch die ewi­gen Gemein­plät­ze mit ihren Wahr­hei­ten über das Leben des Men­schen wer­de er dage­gen gestärkt. Daher ist es für den Reak­tio­när von ele­men­ta­rer Bedeu­tung, sich der in den Gemein­plät­zen ent­hal­te­nen Wirk­lich­keits­er­kennt­nis zu bedie­nen, auch wenn sie nicht umstands­los für unse­re Zeit über­nom­men wer­den kön­nen. Eine Ver­nach­läs­si­gung die­ser Über­lie­fe­rung setzt den Men­schen indes schutz­los der aktu­el­len Mode des Den­kens und Füh­lens aus.
Reak­tio­nä­res Den­ken setzt den Ver­hee­run­gen des moder­nen Lebens den – so scheint es – ohn­mäch­ti­gen Pro­test des Ein­zel­nen ent­ge­gen, der als Gue­ril­le­ro des Geis­tes den Krieg nie­mals gewin­nen kann. Gómez Dávi­la bekennt sich ohne wei­te­res zur Pole­mik als lite­ra­ri­scher Tak­tik, die sich der „Stra­te­ge­me des Gue­ril­le­ros“ bedient. Weil die Tak­tik der übli­chen Pole­mik am uner­schro­cke­nen Dog­ma­tis­mus des zeit­ge­nös­si­schen Men­schen schei­te­re, dür­fe man die­sem nicht mit sys­te­ma­ti­schen Grün­den oder gar metho­disch, das heißt in wohl­ge­mes­se­nen Schrit­ten kom­men. Es gehe viel­mehr dar­um, die Gele­gen­heit beim Schop­fe zu packen und dort anzu­grei­fen, wo es gera­de mög­lich und halb­wegs erfolg­ver­spre­chend ist. Der reak­tio­nä­re Den­ker wird zum Gue­ril­le­ro der Gegen-Auf­klä­rung, gleich­sam zum intel­lek­tu­el­len Frei­schär­ler ohne die Hil­fe regu­lä­rer Trup­pen. Die Ent­schei­dung für den kur­zen und ellip­ti­schen Stil, den Gómez Dávi­la in sei­nen Glos­sen zu einer glanz­vol­len Höhe der Kunst ent­wi­ckelt hat, ist so nie bloß ästhe­tisch oder gar ästhe­ti­zis­tisch begrün­det – es han­delt sich um nichts Gerin­ge­res als um ein Kriegs­mit­tel, das ein­ge­setzt wer­den soll, um an mög­lichst vie­len ein­zel­nen Stel­len der „Wahr­heit, die nicht unter­geht“, wenn nicht zum Sieg, so doch zu einer ehren­vol­len Nie­der­la­ge zu ver­hel­fen. Gómez Dávi­la bie­tet mit sei­ner Ent­schei­dung für den apho­ris­ti­schen Glos­sen­stil nichts weni­ger als eine veri­ta­ble Ästhe­tik des intel­lek­tu­el­len Wider­stands gegen die moder­ne Welt der Mas­sen­ge­sell­schaft, die in ihrer Häß­lich­keit und mit ihrer Ver­su­chung zur Denk­faul­heit ein Affront gegen die Bedürf­nis­se von Geist und See­le ist. Weil aber im geis­ti­gen Gue­ril­la­krieg auch klei­ne Erfol­ge zäh­len, ist jeder tak­ti­sche Gewinn schon von Wert – die Gue­ril­la hat bekannt­lich schon gewonn­nen, wenn sie nicht ver­lo­ren hat. Und viel­leicht ist das reak­tio­nä­re Den­ken dann gar so ohn­mäch­tig nicht, denn: „Der Reak­tio­när argu­men­tiert nicht gegen die moder­ne Welt in der Hoff­nung, sie zu besie­gen, son­dern damit die Rech­te der See­le nicht ver­jäh­ren.“ Gómez Dávi­la macht damit den für ihn ent­schei­den­den Punkt deut­lich: Der Reak­tio­när ist ein Anwalt des Anspruchs der See­le auf Schön­heit und Intel­li­genz, wo die­se nicht gebüh­rend geschätzt wer­den. Der Wider­stand des reak­tio­nä­ren Den­kens gegen eine Welt ohne Schön­heit und Wür­de ist ein mühe­vol­ler und gleich­wohl erhe­ben­der Unter­grund­kampf, des­sen blo­ße Exis­tenz einen Wider­schein jener inzwi­schen ver­blaß­ten Schön­heit in Erin­ne­rung ruft. Die Reak­ti­on ist eine Not­wen­dig­keit geis­ti­ger Selbst­ach­tung im Zeit­al­ter des Nihi­lis­mus: „Das reak­tio­nä­re Den­ken sichert sei­nen Adep­ten kei­ner­lei Erfolg, es bewahrt sie ledig­lich davor, Dumm­hei­ten von sich zu geben.“

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