Sezession
1. Oktober 2003

Konservatismus oder Die Aktualität Edmund Burkes

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

sez_nr_3von Roger Scruton

Ich wuchs zu einer Zeit auf, als die Hälfte aller Engländer bei nationalen Wahlen für die Konservativen stimmte und als fast alle englischen Intellektuellen den Begriff „konservativ“ als Schimpfwort ansahen. Ein Konservativer zu sein, so sagte man mir, heiße auf der Seite des Alters gegen die Jugend zu stehen, der Vergangenheit gegen die Zukunft, der Autorität gegen die Erneuerung, der „Strukturen“ gegen Spontaneität und Leben. Es genügte dies zu begreifen, um zu erkennen, daß man als freidenkender Intellektueller keine andere Wahl hatte als den Konservatismus abzulehnen. Die einzige Wahl, die einem blieb, war die zwischen Reform und Revolution. Verbessern wir die Gesellschaft Stück für Stück, oder radieren wir alles aus und fangen von vorne an?

Insgesamt gesehen zogen meine Zeitgenossen die zweite Variante vor, und als ich im Mai 1968 in Paris als Zeitzeuge miterlebte, was das bedeutete, entdeckte ich meine Berufung. In der engen Gasse unter meinem Fenster schrien und wüteten die Studenten. Die Schaufensterscheiben der Läden schienen einen Schritt zurückzutreten, einen Augenblick zu erschaudern und dann den Geist aufzugeben, als die Spiegelungen sie auf einmal verließen und sie in kleine Scherben zerfielen. Autos hoben sich in die Luft und landeten auf der Seite, ihre Säfte flossen aus unsichtbaren Wunden. Die Luft war erfüllt von triumphierenden Rufen, als nacheinander Laternenpfähle und Poller aus dem Boden gerissen und auf dem Asphalt aufgeschichtet wurden, um eine Barrikade gegen die nächste Wagenladung Polizisten zu bilden. Der Wagen näherte sich vorsichtig aus der Rue Descartes, kam zum Stehen und spie zwanzig ängstliche Polizisten aus. Sie wurden von fliegenden Pflastersteinen begrüßt und einige gingen zu Boden. Einer rollte über den Boden und hielt sich das Gesicht, von dem das Blut durch die fest zusammengepreßten Finger strömte. Ein Triumphschrei ertönte, der verletzte Polizist wurde in den Polizeiwagen gebracht und die Studenten rannten durch eine Seitenstraße davon, während sie höhnisch über die cochons – „die Schweine“ – grinsten und wie die Parther auf dem Rückzug Pflastersteine warfen.
An diesem Abend besuchte mich eine Freundin: Sie hatte den ganzen Tag zusammen mit einer Gruppe von Theaterleuten auf den Barrikaden verbracht, unter der Führung von Armand Gatti. Sie war von den Ereignissen höchst erregt, die Gatti, ein Anhänger Antonin Artauds, ihr als Höhepunkt des situationistischen Theaters zu verstehen gelehrt hatte – als künstlerische Verklärung jener Absurdität, die der alltägliche Sinn des bürgerlichen Lebens darstellt. Große Siege waren errungen worden: Polizisten waren verletzt, Autos in Brand gesetzt, Sprüche gerufen, Graffiti an die Wände geschmiert worden. Die Bourgeoisie befand sich auf der Flucht, und bald würden „der alte Faschist“ und sein Regime um Gnade bitten. Der „alte Faschist“ war De Gaulle.
Ich war damals selbstverständlich naiv – so naiv wie meine Freundin. Aber der sich entwickelnde Streit ist einer, zu dem ich in Gedanken häufig zurückgekehrt bin. Was, so fragte ich sie, willst du an die Stelle der von dir so verachteten „Bourgeoisie“ setzen, der du die Freiheit und den Wohlstand verdankst, die es dir gestattet, auf deinen Spielzeugbarrikaden herumzuspielen? Welche Vorstellung von Frankreich und seiner Kultur hält dich in Bann? Und bist du bereit, für deine Überzeugungen zu sterben, oder nur dazu, andere zu gefährden, um diese Überzeugungen zu beweisen? Ich benahm mich auf unverschämte Weise wichtigtuerisch, doch zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Aufkommen einer politischen Wut in mir gespürt und fand mich nun auf der anderen Seite der Barrikade als alle jene, die ich kannte.


 Gastbeitrag

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