Konservatismus oder Die Aktualität Edmund Burkes

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

sez_nr_3von Roger Scruton

Ich wuchs zu einer Zeit auf, als die Hälfte aller Engländer bei nationalen Wahlen für die Konservativen stimmte und als fast alle englischen Intellektuellen den Begriff „konservativ“ als Schimpfwort ansahen.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Ein Kon­ser­va­ti­ver zu sein, so sag­te man mir, hei­ße auf der Sei­te des Alters gegen die Jugend zu ste­hen, der Ver­gan­gen­heit gegen die Zukunft, der Auto­ri­tät gegen die Erneue­rung, der „Struk­tu­ren“ gegen Spon­ta­nei­tät und Leben. Es genüg­te dies zu begrei­fen, um zu erken­nen, daß man als frei­den­ken­der Intel­lek­tu­el­ler kei­ne ande­re Wahl hat­te als den Kon­ser­va­tis­mus abzu­leh­nen. Die ein­zi­ge Wahl, die einem blieb, war die zwi­schen Reform und Revo­lu­ti­on. Ver­bes­sern wir die Gesell­schaft Stück für Stück, oder radie­ren wir alles aus und fan­gen von vor­ne an?

Ins­ge­samt gese­hen zogen mei­ne Zeit­ge­nos­sen die zwei­te Vari­an­te vor, und als ich im Mai 1968 in Paris als Zeit­zeu­ge mit­er­leb­te, was das bedeu­te­te, ent­deck­te ich mei­ne Beru­fung. In der engen Gas­se unter mei­nem Fens­ter schrien und wüte­ten die Stu­den­ten. Die Schau­fens­ter­schei­ben der Läden schie­nen einen Schritt zurück­zu­tre­ten, einen Augen­blick zu erschau­dern und dann den Geist auf­zu­ge­ben, als die Spie­ge­lun­gen sie auf ein­mal ver­lie­ßen und sie in klei­ne Scher­ben zerfielen.

Autos hoben sich in die Luft und lan­de­ten auf der Sei­te, ihre Säf­te flos­sen aus unsicht­ba­ren Wun­den. Die Luft war erfüllt von tri­um­phie­ren­den Rufen, als nach­ein­an­der Later­nen­pfäh­le und Pol­ler aus dem Boden geris­sen und auf dem Asphalt auf­ge­schich­tet wur­den, um eine Bar­ri­ka­de gegen die nächs­te Wagen­la­dung Poli­zis­ten zu bil­den. Der Wagen näher­te sich vor­sich­tig aus der Rue Des­car­tes, kam zum Ste­hen und spie zwan­zig ängst­li­che Poli­zis­ten aus.

Sie wur­den von flie­gen­den Pflas­ter­stei­nen begrüßt und eini­ge gin­gen zu Boden. Einer roll­te über den Boden und hielt sich das Gesicht, von dem das Blut durch die fest zusam­men­ge­preß­ten Fin­ger ström­te. Ein Tri­umph­schrei ertön­te, der ver­letz­te Poli­zist wur­de in den Poli­zei­wa­gen gebracht und die Stu­den­ten rann­ten durch eine Sei­ten­stra­ße davon, wäh­rend sie höh­nisch über die cochons – „die Schwei­ne“ – grins­ten und wie die Par­ther auf dem Rück­zug Pflas­ter­stei­ne warfen.

An die­sem Abend besuch­te mich eine Freun­din: Sie hat­te den gan­zen Tag zusam­men mit einer Grup­pe von Thea­ter­leu­ten auf den Bar­ri­ka­den ver­bracht, unter der Füh­rung von Armand Gat­ti. Sie war von den Ereig­nis­sen höchst erregt, die Gat­ti, ein Anhän­ger Anto­nin Artauds, ihr als Höhe­punkt des situa­tio­nis­ti­schen Thea­ters zu ver­ste­hen gelehrt hat­te – als künst­le­ri­sche Ver­klä­rung jener Absur­di­tät, die der all­täg­li­che Sinn des bür­ger­li­chen Lebens darstellt.

Gro­ße Sie­ge waren errun­gen wor­den: Poli­zis­ten waren ver­letzt, Autos in Brand gesetzt, Sprü­che geru­fen, Graf­fi­ti an die Wän­de geschmiert wor­den. Die Bour­geoi­sie befand sich auf der Flucht, und bald wür­den „der alte Faschist“ und sein Regime um Gna­de bit­ten. Der „alte Faschist“ war De Gaul­le. Ich war damals selbst­ver­ständ­lich naiv – so naiv wie mei­ne Freun­din. Aber der sich ent­wi­ckeln­de Streit ist einer, zu dem ich in Gedan­ken häu­fig zurück­ge­kehrt bin.

Was, so frag­te ich sie, willst du an die Stel­le der von dir so ver­ach­te­ten „Bour­geoi­sie“ set­zen, der du die Frei­heit und den Wohl­stand ver­dankst, die es dir gestat­tet, auf dei­nen Spiel­zeug­bar­ri­ka­den her­um­zu­spie­len? Wel­che Vor­stel­lung von Frank­reich und sei­ner Kul­tur hält dich in Bann? Und bist du bereit, für dei­ne Über­zeu­gun­gen zu ster­ben, oder nur dazu, ande­re zu gefähr­den, um die­se Über­zeu­gun­gen zu bewei­sen? Ich benahm mich auf unver­schäm­te Wei­se wich­tig­tue­risch, doch zum ers­ten Mal in mei­nem Leben hat­te ich das Auf­kom­men einer poli­ti­schen Wut in mir gespürt und fand mich nun auf der ande­ren Sei­te der Bar­ri­ka­de als alle jene, die ich kannte.

1971, als ich aus Cam­bridge auf eine Dau­er­stel­le als Dozent an das Birk­beck Col­le­ge in Lon­don wech­sel­te, war ich zu einem Kon­ser­va­ti­ven gewor­den. So weit ich sehen konn­te, gab es nur noch einen ande­ren Kon­ser­va­ti­ven am Birk­beck Col­le­ge, und das war Nun­zia – Maria Annun­zia­ta – die nea­po­li­ta­ni­sche Dame, die im Seni­or Com­mon Room das Essen ser­vier­te und die den Dozen­ten einen lan­ge Nase mach­te, indem sie ihren Tre­sen mit kit­schi­gen Pho­tos des Paps­tes pflasterte.

Es genü­ge zu sagen, daß ich mich bei mei­ner Ankunft im Birk­beck Col­le­ge im Her­zen des lin­ken Estab­lish­ments fand, das die bri­ti­sche Gelehr­sam­keit beherrsch­te. Mei­ne Unfä­hig­keit, mei­ne kon­ser­va­ti­ven Über­zeu­gun­gen zu ver­ber­gen, wur­de bemerkt und miß­bil­ligt, und ich fing an, eine kon­ser­va­ti­ve Phi­lo­so­phie zu suchen. In Ame­ri­ka hät­te eine sol­che Suche an einer Uni­ver­si­tät durch­ge­führt wer­den können.

Ame­ri­ka­ni­sche Insti­tu­te für Poli­tik­wis­sen­schaft emp­feh­len ihren Stu­den­ten die Lek­tü­re von Mon­tes­quieu, Bur­ke, Toc­que­vil­le und den Grün­der­vä­tern. Leo Strauss, Eric Voe­ge­lin und ande­re haben den meta­phy­si­schen Kon­ser­va­tis­mus Mit­tel­eu­ro­pas auf die ein­hei­mi­schen ame­ri­ka­ni­schen Wur­zeln auf­ge­pfropft und dadurch wir­kungs­vol­le und dau­er­haf­te Schu­len des poli­ti­schen Den­kens geschaf­fen. In den sieb­zi­ger Jah­ren war die kon­ser­va­ti­ve Phi­lo­so­phie in Groß­bri­tan­ni­en dage­gen eine Beschäf­ti­gung für eini­ge weni­ge halb­ver­rück­te Ein­sied­ler. Und doch: hier stand ich in den frü­hen sieb­zi­ger Jah­ren, noch unter dem Schock des Jah­res 1968, mit mei­nen kla­ren kon­ser­va­ti­ven Überzeugungen.

Wo konn­te ich nach Men­schen suchen, die die­se teil­ten, nach den Den­kern, die sie in ange­mes­se­ner Län­ge for­mu­liert hat­ten, nach der Gesellschafts‑, Wirt­schafts- und Poli­tik­theo­rie, die ihnen genü­gend Kraft und Auto­ri­tät geben wür­de, um sie vor einem aka­de­mi­schen Forum zu ver­tre­ten? Da ret­te­te mich Bur­ke. Obwohl er damals an unse­ren Uni­ver­si­tä­ten nicht sehr viel gele­sen wur­de, lehn­te man ihn nicht als dumm, reak­tio­när oder absurd ab. Er war ein­fach irrele­vant, und vor allem des­halb von Inter­es­se, weil er die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on in jeder Bezie­hung falsch inter­pre­tiert hat­te und daher als anschau­li­ches Bei­spiel für ein Kapi­tel intel­lek­tu­el­ler Patho­lo­gie stu­diert wer­den konnte.

Man erlaub­te den Stu­den­ten immer noch die Lek­tü­re sei­ner Wer­ke, meis­tens zusam­men mit dem unend­lich unin­ter­es­san­te­ren Tom Pai­ne, und von Zeit zu Zeit konn­te man etwas von einer „Bur­ke­schen“ Phi­lo­so­phie erzäh­len hören, die ein Strang des bri­ti­schen Kon­ser­va­tis­mus im 19. Jahr­hun­dert gewe­sen sei. Bur­ke war außer­dem inter­es­sant für mich auf­grund des intel­lek­tu­el­len Weges, den er zurück­ge­legt hat­te. Sei­ne ers­te Arbeit schrieb er wie ich im Bereich der Ästhe­tik. Und obwohl ich kaum etwas von phi­lo­so­phi­schem Belang in sei­ner Phi­lo­so­phi­schen Unter­su­chung über den Ursprung unse­rer Ideen vom Erha­be­nen und Schö­nen fand, konn­te ich doch ver­ste­hen, daß er im rich­ti­gen kul­tu­rel­len Kli­ma ein star­kes Gefühl für den Sinn des ästhe­ti­schen Urteils und sei­ner Rol­le in unse­rem Leben ver­mit­teln könnte.

Ich neh­me an, daß ich, so weit ich irgend­wel­che Ahnun­gen von mei­ner künf­ti­gen Lauf­bahn als Paria hat­te, die­se durch mei­ne frü­hen Reak­tio­nen auf die moder­ne Archi­tek­tur und auf die Ver­wüs­tung der Land­schaft mei­ner Kind­heit durch die gesichts­lo­sen Käs­ten der Vor­städ­te erhal­ten haben muß. Als Jugend­li­cher lern­te ich, daß ästhe­ti­sche Urtei­le wich­tig sind, daß es sich nicht nur um sub­jek­ti­ve Mei­nun­gen han­delt, über die man nicht dis­ku­tiert, weil man nicht über sie dis­ku­tie­ren kann, und die nur für einen selbst von Bedeu­tung sind. Ich erkann­te damals, obwohl ich nicht über eine Phi­lo­so­phie zur Recht­fer­ti­gung die­ser Auf­fas­sung ver­füg­te, daß das ästhe­ti­sche Urteil einen Anspruch an die Welt stellt, daß es aus einem tief ver­wur­zel­ten sozia­len Impe­ra­tiv her­vor­geht und daß es für uns in der glei­chen Wei­se von Bedeu­tung ist wie ande­re Men­schen für uns von Bedeu­tung sind, wenn wir ver­su­chen, mit ihnen zusam­men in einer Gemein­schaft zu leben.

Die Ästhe­tik der Moder­ne mit ihrer Ver­leug­nung der Ver­gan­gen­heit, ihrer Ver­wüs­tung der Land­schaft und der Städ­te und ihren Ver­su­chen, die Welt von der Geschich­te zu rei­ni­gen, erschien mir auch als eine Ver­leug­nung der Gemein­schaft, des Zuhau­ses und des Sich-Nie­der­las­sens. Der Moder­nis­mus in der Archi­tek­tur war ein Ver­such, die Welt neu zu erschaf­fen, als ob sie nichts als ein­zel­ne Indi­vi­du­en beher­berg­te, die von der Ver­gan­gen­heit nicht infi­ziert waren und wie Amei­sen in ihren metal­li­schen und funk­tio­na­len Pan­zern lebten.

Wie Bur­ke gelang­te ich von der Ästhe­tik zur kon­ser­va­ti­ven Poli­tik ohne ein Gefühl der intel­lek­tu­el­len Unan­ge­mes­sen­heit, da ich glaub­te, daß ich in jeder Hin­sicht auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Erfah­rung des Zuhaus­e­seins war. Und ich neh­me an, daß die­sem Gefühl des Ver­lus­tes die blei­ben­de Über­zeu­gung zu Grun­de liegt, daß das, was ver­lo­ren wur­de, auch wie­der­ge­won­nen wer­den kann – nicht unbe­dingt in der Wei­se, wie es war, als es das ers­te Mal aus unse­ren Hän­den glitt, doch so, wie es sein wird, wenn es auf bewuß­te Wei­se wie­der­ge­won­nen und neu geformt wird, um uns für das gan­ze Elend der Tren­nung zu ent­loh­nen, zu dem wir von unse­rem ursprüng­li­chen Ver­lust ver­dammt wurden.

Die­se Über­zeu­gung stellt den roman­ti­schen Kern des Kon­ser­va­tis­mus dar, wie man ihn in ganz unter­schied­li­cher Wei­se bei Bur­ke und Hegel aus­ge­drückt fin­det, aber auch bei T. S. Eli­ot, des­sen Lyrik wäh­rend mei­ner Jugend den größ­ten Ein­fluß auf mich ausübte.Als ich das ers­te Mal Bur­kes Dar­stel­lung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on las, neig­te ich dazu, die libe­ra­le, huma­nis­ti­sche Deu­tung der Revo­lu­ti­on als Sieg der Frei­heit über die Unter­drü­ckung, als Befrei­ung eines Vol­kes vom Joch der abso­lu­ten Macht zu akzep­tie­ren, da ich kei­ne ande­re Deu­tung kann­te. Obwohl es Exzes­se gab, die von kei­nem auf­rich­ti­gen His­to­ri­ker je geleug­net wur­den, ver­trat die offi­zi­el­le Sicht­wei­se die Auf­fas­sung, die­se soll­ten im Rück­blick als Geburts­we­hen einer neu­en Ord­nung ver­stan­den wer­den, die der Welt ein Vor­bild der Volks­sou­ve­rä­ni­tät bie­ten würde.

Ich nahm daher an, daß Bur­kes frü­he Zwei­fel, die er, wie man sich erin­nern soll­te, zum Aus­druck brach­te, als die Revo­lu­ti­on in ihrem Anfangs­sta­di­um und der König noch nicht hin­ge­rich­tet wor­den war und der Ter­ror noch nicht begon­nen hat­te, ledig­lich alar­mis­ti­sche Reak­tio­nen auf ein schlecht ver­stan­de­nes Ereig­nis dar­stell­ten. Was mich an den Betrach­tun­gen inter­es­sier­te, war ihre posi­ti­ve poli­ti­sche Phi­lo­so­phie, die sie von der gesam­ten lin­ken Lite­ra­tur, die damals Mode war, durch ihre abso­lu­te Kon­kret­heit unter­schied sowie durch ihre genaue Erfas­sung der mensch­li­chen See­le in ihren gewöhn­li­chen und gar nicht erha­be­nen Formen.

Bur­ke schrieb nicht über den Sozia­lis­mus, son­dern über die Revo­lu­ti­on. Gleich­wohl über­zeug­te er mich, daß die uto­pi­schen Ver­hei­ßun­gen des Sozia­lis­mus Hand in Hand gin­gen mit einer völ­lig abs­trak­ten Vor­stel­lung des mensch­li­chen Geis­tes – einer geo­me­tri­schen Ver­si­on unse­rer geis­ti­gen Pro­zes­se, die nur die flüch­tigs­te Bezie­hung zu den Gedan­ken und Gefüh­len hat, mit denen wirk­li­che Men­schen leben. Er über­zeug­te mich davon, daß Gesell­schaf­ten nicht gemäß einem Ziel oder Plan orga­ni­siert sind noch auch orga­ni­siert wer­den kön­nen, daß es kein Ziel der Geschich­te gibt und auch kei­nen mora­li­schen oder geis­ti­gen Fortschritt.

Vor allem aber beton­te er, daß die neu­en For­men ratio­na­ler Poli­tik, deren Trä­ger hoff­ten, die Gesell­schaft gemäß dem ratio­na­len Stre­ben nach Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit oder deren moder­nis­ti­scher Ent­spre­chung orga­ni­sie­ren zu kön­nen, in Wirk­lich­keit Aus­druck mili­tan­ter Irra­tio­na­li­tät sind. Es gibt kei­ne Mög­lich­keit, daß Men­schen auf kol­lek­ti­ve Wei­se Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit anstre­ben kön­nen, und zwar nicht nur, weil die­se Din­ge bedau­er­li­cher­wei­se nicht genau genug beschrie­ben und nur abs­trakt defi­niert wer­den, son­dern auch des­halb, weil die kol­lek­ti­ve Ver­nunft nicht auf die­se Wei­se funktioniert.

Die Men­schen den­ken nur dann als Kol­lek­tiv an ein gemein­sa­mes Ziel, wenn sie sich in einer Not­si­tua­ti­on befin­den – wenn es eine Bedro­hung gibt, die zu über­win­den ist, oder wenn eine Erobe­rung durch­ge­führt wer­den muß. Doch selbst dann benö­ti­gen sie Orga­ni­sa­ti­on, Hier­ar­chie und eine Befehls­struk­tur, wenn sie ihr Ziel auf effek­ti­ve Wei­se ver­fol­gen wol­len. Gleich­wohl ent­steht in die­sen Fäl­len eine Art kol­lek­ti­ver Ratio­na­li­tät, deren popu­lä­rer Name Krieg ist. Außer­dem – und dies ist die logi­sche Fol­ge, die sich mir mit einem Schock der Erkennt­nis auf­dräng­te – wür­de jeder Ver­such, die Gesell­schaft gemäß einer sol­chen Ratio­na­li­tät zu orga­ni­sie­ren, die genau glei­chen Bedin­gun­gen vor­aus­set­zen: die Kriegs­er­klä­rung gegen einen tat­säch­li­chen oder ein­ge­bil­de­ten Feind.

Dar­aus resul­tiert die schar­fe und mili­tan­te Spra­che der sozia­lis­ti­schen Lite­ra­tur – die von Haß und Ent­schlos­sen­heit erfüll­te, den Bür­ger ver­leum­den­de Pro­sa, von der mir 1968 ein Bei­spiel als end­gül­ti­ge Recht­fer­ti­gung der Gewalt unter mei­nem Fens­ter prä­sen­tiert wur­de, doch von der ande­re Bei­spie­le, ange­fan­gen beim Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest, das Grund­nah­rungs­mit­tel der poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en an mei­ner Uni­ver­si­tät dar­stell­ten. Drei ande­re Argu­men­te Bur­kes mach­ten einen ähn­lich star­ken Ein­druck auf mich. Das ers­te Argu­ment betraf die Ver­tei­di­gung der Auto­ri­tät und des Gehor­sams. Weit davon ent­fernt, jene böse und wider­wär­ti­ge Sache zu sein, für die sie mei­ne Zeit­ge­nos­sen hiel­ten, war die Auto­ri­tät für Bur­ke die Wur­zel der poli­ti­schen Ordnung.

Die Gesell­schaft wur­de sei­ner Auf­fas­sung nach nicht durch die abs­trak­ten Bür­ger­rech­te zusam­men­ge­hal­ten, wie die fran­zö­si­schen Revo­lu­tio­nä­re dach­ten. Sie wird durch Auto­ri­tät zusam­men­ge­hal­ten – wobei dar­un­ter eher das Recht zum Gehor­sam als die blo­ße Macht, Gehor­sam zu erzwin­gen, ver­stan­den wer­den muß. Gehor­sam wie­der­um ist die vor­züg­li­che Tugend poli­ti­scher Wesen, die­je­ni­ge Hal­tung, die es ermög­licht, sie zu regie­ren, und ohne wel­che Gesell­schaf­ten zum „Staub und Pul­ver der Indi­vi­dua­li­tät“ zerfallen.

Die­se Gedan­ken erschie­nen mir als eben­so offen­kun­dig wie mei­nen Zeit­ge­nos­sen als scho­ckie­rend. Bur­ke hielt letzt­lich an der alten Sicht des Men­schen in der Gesell­schaft fest, der einem Sou­ve­rän unter­tan war, im Gegen­satz zu der neu­en Sicht des Men­schen als eines Staats­bür­gers. Und was mir beson­ders ein­leuch­te­te war die Tat­sa­che, daß Bur­ke durch sei­ne Ver­tei­di­gung die­ser alten Sicht bewies, daß die­se eine weit wirk­sa­me­re Garan­tie für die Frei­hei­ten des Ein­zel­nen bot als die neue Idee, die auf der Ver­hei­ßung eben jener Frei­hei­ten grün­de­te, obschon nur abs­trakt, all­ge­mein und damit unwirk­lich definiert.

Wirk­li­che Frei­heit, kon­kre­te Frei­heit, die­je­ni­ge Frei­heit, die bestimmt, gefor­dert und gewährt wer­den kann, war nicht das Gegen­teil von Gehor­sam, son­dern nur ihre ande­re Sei­te. Die abs­trak­te, unwirk­li­che Frei­heit des libe­ra­len Intel­lek­tes stell­te nichts wei­ter dar als kin­di­schen Unge­hor­sam, der zur Anar­chie aus­schlug. Die­se Über­le­gun­gen Bur­kes begeis­ter­ten mich, da sie mir erklär­ten, was ich 1968 erlebt hat­te. Aber als ich sie in einem Buch for­mu­lier­te, das 1979 als The Mea­ning of Con­ser­va­tism ver­öf­fent­licht wur­de, ver­darb ich mir mei­ne wei­te­re aka­de­mi­sche Karriere.

Das zwei­te Argu­ment Bur­kes, das mich beein­druck­te, war sei­ne sub­ti­le Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on, des Vor­ur­teils und der Sit­ten gegen die auf­klä­re­ri­schen Plä­ne der Refor­mer. Die­se Ver­tei­di­gung griff wie­der­um mit mei­nem Stu­di­um der Ästhe­tik inein­an­der. Schon als Schulkna­be war ich der aus­ge­reif­ten Ver­tei­di­gung der künst­le­ri­schen und lite­ra­ri­schen Tra­di­ti­on begeg­net, die Eli­ot und F. R. Lea­vis unter­nom­men hat­ten. Ich war von Eli­ots Essay Tra­di­ti­on und indi­vi­du­el­le Bega­bung beein­druckt, in dem die Tra­di­ti­on als eine sich stän­dig ent­wi­ckeln­de, doch zugleich bestän­di­ge Sache dar­ge­stellt wird, die durch jede Ergän­zung erneu­ert wird und die Ver­gan­gen­heit an die Gegen­wart sowie die Gegen­wart an die Ver­gan­gen­heit anpaßt.

Die­se Kon­zep­ti­on, die einen den Eli­ot­schen Moder­nis­mus ver­ste­hen läßt (ein Moder­nis­mus, der das genaue Gegen­teil des­je­ni­gen Moder­nis­mus ist, der in der Archi­tek­tur herrsch­te), ret­te­te auch das Stu­di­um der Ver­gan­gen­heit und ver­wan­del­te mei­ne Lie­be zu den Klas­si­kern der Kunst, Lite­ra­tur und Musik in einen berech­tig­ten Teil mei­ner See­le als eines moder­nen Men­schen. Bur­kes Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on schien eben die­ses Kon­zept in die Welt der Poli­tik zu über­tra­gen und den Respekt für Sit­ten, das Estab­lish­ment und gere­gel­te For­men des gemein­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens zu einer poli­ti­schen Tugend zu machen, statt zu einem Zei­chen für Selbst­zu­frie­den­heit, wie mei­ne Zeit­ge­nos­sen meist glaubten.

Und Bur­kes pro­vo­zie­ren­de Ver­tei­di­gung des „Vor­ur­teils“ in die­sem Zusam­men­hang – wor­un­ter er die Über­zeu­gun­gen und Ideen ver­stand, die gleich­sam instink­tiv in sozia­len Wesen ent­ste­hen und die die Basis­er­fah­run­gen des Sozi­al­le­bens wider­spie­geln – war die Offen­ba­rung einer Tat­sa­che, die ich bis dahin voll­kom­men über­se­hen hat­te. Bur­ke mach­te mir klar, daß unse­re unab­ding­bars­ten Über­zeu­gun­gen aus unse­rer eige­nen Per­spek­ti­ve sowohl unge­recht­fer­tigt sind als auch nicht gerecht­fer­tigt wer­den kön­nen und daß der Ver­such, sie zu recht­fer­ti­gen, nur zu ihrem Ver­lust füh­ren kann. Indem wir sie durch die abs­trak­ten Sys­te­me der Phi­lo­so­phen erset­zen, mögen wir glau­ben, wir sei­en ver­nünf­ti­ger und bes­ser für das Leben in der moder­nen Welt gerüstet.

In Wirk­lich­keit aber sind wir schlech­ter gerüs­tet, und unse­re neu­en Über­zeu­gun­gen sind weit weni­ger gerecht­fer­tigt, und zwar gera­de des­halb, weil sie von uns selbst gerecht­fer­tigt wer­den. Die wah­re Recht­fer­ti­gung für ein Vor­ur­teil ist die­je­ni­ge, die es als Vor­ur­teil recht­fer­tigt statt als ratio­na­le Schluß­fol­ge­rung aus einem Argument.Mit ande­ren Wor­ten han­delt es sich um eine Recht­fer­ti­gung, die nicht aus unse­rer eige­nen Per­spek­ti­ve, son­dern nur von außer­halb durch­ge­führt wer­den kann, so wie zum Bei­spiel ein Anthro­po­lo­ge die Sit­ten und Ritua­le eines frem­den Stam­mes recht­fer­ti­gen könnte.

Ein Bei­spiel soll die­sen Punkt ver­an­schau­li­chen: die Vor­ur­tei­le, die sich um Sexu­al­be­zie­hun­gen dre­hen. Die­se Vor­ur­tei­le sind von Gesell­schaft zu Gesell­schaft ver­schie­den, doch bis vor kur­zem eig­ne­te ihnen ein gemein­sa­mer Zug, daß näm­lich die Men­schen ziem­li­ches von unziem­li­chem Ver­hal­ten unter­schei­den, daß sie aus­drück­li­che sexu­el­le Zur­schau­stel­lun­gen ver­ab­scheu­en und daß sie Sitt­sam­keit bei den Frau­en und Rit­ter­lich­keit bei den Män­nern ver­lan­gen, wenn es um die­je­ni­gen Ver­hand­lun­gen geht, die der sexu­el­len Ver­ei­ni­gung vorausgehen.

Es gibt sehr gute anthro­po­lo­gi­sche Grün­de dafür, und zwar was die Lang­zeit­sta­bi­li­tät von sexu­el­len Bezie­hun­gen sowie das Enga­ge­ment angeht, das für die Ein­füh­rung von Kin­dern in die Gesell­schaft nötig ist. Doch dies sind nicht die Grün­de, die ein tra­di­tio­nel­les Ver­hal­ten von Män­nern und Frau­en moti­vie­ren. Die­ses Ver­hal­ten wird von tie­fen und unver­än­der­li­chen Vor­ur­tei­len bewegt, in denen Empö­rung, Scham und Ehre die letz­ten Grün­de darstellen.

Für den sexu­el­len Befrei­er ist es ein leich­tes zu zei­gen, daß die­se Moti­ve irra­tio­nal sind, und zwar in dem Sin­ne, daß sie nicht auf einer durch­dach­ten Recht­fer­ti­gung beru­hen, die der­je­ni­gen Per­son zugäng­lich ist, um deren Moti­ve es sich han­delt. Er kann daher die sexu­el­le Befrei­ung als eine ver­nünf­ti­ge Alter­na­ti­ve vor­schla­gen, als Ver­hal­tens­ko­dex, der aus der Sicht der ers­ten Per­son ver­nünf­tig ist, da er einen voll­stän­di­gen Kodex für die Pra­xis aus einem offen­kun­dig ver­nünf­ti­gen Ziel ablei­tet, näm­lich dem sexu­el­len Vergnügen.

Die­se Erset­zung des Vor­ur­teils durch die Ver­nunft hat nun in der Tat statt­ge­fun­den. Und das Ergeb­nis ist genau das, was Bur­ke vor­her­ge­se­hen haben wür­de. Nicht nur ein Zusam­men­bruch des Ver­trau­ens zwi­schen den Geschlech­tern, son­dern ein Sto­cken im Repro­duk­ti­ons­pro­zeß – eine schei­tern­de und abge­schwäch­te Bin­dung zwi­schen den Eltern, und zwar nicht nur unter­ein­an­der, son­dern auch zu ihren Spröß­lin­gen. Zur glei­chen Zeit blei­ben die indi­vi­du­el­len Gefüh­le, die durch die tra­di­tio­nel­len Vor­ur­tei­le ein­ge­hegt und ver­wirk­licht wur­den, durch die ske­lett­ar­ti­gen Struk­tu­ren der Ratio­na­li­tät ohne Schutz und Bede­ckung zurück.

Dar­aus resul­tiert die außer­or­dent­li­che Situa­ti­on in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, wo Gerichts­pro­zes­se die gewöhn­li­che Höf­lich­keit ersetzt haben, wo post-koita­le Ankla­gen wegen date-rape die Stel­le prä-koita­ler Sitt­sam­keit ein­neh­men und wo Annä­he­rungs­ver­su­che von sei­ten der Unat­trak­ti­ven regel­mä­ßig als „sexu­el­le Beläs­ti­gung“ bestraft wer­den. Dies ist ein Bei­spiel dafür, was geschieht, wenn das Vor­ur­teil im Namen der Ver­nunft weg­ge­wischt wird, ohne auf die wirk­li­che sozia­le Funk­ti­on zu ach­ten, die nur das Vor­ur­teil erfül­len kann. Und es war in der Tat unter ande­rem das Nach­den­ken über das Desas­ter der sexu­el­len Befrei­ung und der freud­lo­sen Welt, die sie um uns her­um geschaf­fen hat, das mich dazu brach­te, die Wahr­heit der ansons­ten etwas para­do­xen Ver­tei­di­gung des Vor­ur­teils durch Bur­ke zu erkennen.

Das letz­te Argu­ment, das mich beein­druck­te, war Bur­kes Ant­wort auf die Theo­rie des Gesell­schafts­ver­trags. Obwohl die Gesell­schaft als ein Ver­trag ange­se­hen wer­den kann, so mein­te er, müs­sen wir doch ein­se­hen, daß die meis­ten Teil­ha­ber an die­sem Ver­trag ent­we­der tot oder noch nicht gebo­ren sind. Die Wir­kung der zeit­ge­nös­si­schen rous­se­auis­ti­schen Ideen vom Gesell­schafts­ver­trag bestand dar­in, die gegen­wär­ti­gen Mit­glie­der der Gesell­schaft in eine Stel­lung der dik­ta­to­ri­schen Herr­schaft über die­je­ni­gen ein­zu­set­zen, die vor ihnen leb­ten und nach ihnen kamen. Die­se Ideen lie­fen daher direkt auf die mas­si­ve Ver­schwen­dung ererb­ter Reich­tü­mer in der Revo­lu­ti­on hin­aus sowie auf den kul­tu­rel­len und öko­lo­gi­schen Van­da­lis­mus, den Bur­ke viel­leicht als ers­ter als Haupt­ge­fahr der moder­nen Poli­tik erkannte.

In Bur­kes Augen stell­te die selbst­ge­rech­te Ver­ach­tung für die Vor­fah­ren, die die Revo­lu­tio­nä­re kenn­zeich­ne­te, auch eine Ent­er­bung der Unge­bo­re­nen dar. Die Gesell­schaft ist, recht ver­stan­den, wie Bur­ke mein­te, eine Part­ner­schaft der Toten, der Leben­den und der Unge­bo­re­nen, und ohne das, was er das „Erb­lich­keits­prin­zip“ nann­te, gemäß dem Rech­te sowohl ererbt wie erwor­ben wer­den konn­ten, wür­den sowohl die Toten als auch die Unge­bo­re­nen ihrer Rech­te beraubt.

Respekt für die Toten war Bur­ke zufol­ge sogar der ein­zi­ge wirk­li­che Schutz, den die Unge­bo­re­nen in einer Welt erlan­gen konn­ten, die alle Pri­vi­le­gi­en den Leben­den ver­lieh. Sei­ne bevor­zug­te Visi­on der Gesell­schaft war nicht ein Ver­trag, son­dern eine Treu­hand­schaft, bei der die leben­den Mit­glie­der die Treu­hän­der einer Erb­schaft sind, die sie zu ver­grö­ßern und zu ver­er­ben suchen müs­sen. Ich war von die­sen Ideen mehr als von allem ande­ren bei Bur­ke begeis­tert. In jenen gewand­ten, beson­ne­nen Gedan­ken hat­te Bur­ke all mei­ne instink­ti­ven Zwei­fel am Schrei nach Befrei­ung zusam­men­ge­faßt, all mei­ne Zöger­lich­kei­ten im Hin­blick auf den Fort­schritt und den skru­pel­lo­sen Glau­ben an die Zukunft, der die moder­ne Poli­tik beherrsch­te und pervertierte.

Bur­ke stimm­te im Grun­de dem alten pla­to­ni­schen Ruf nach einer Poli­tik bei, die auch eine Form der Sor­ge wäre – „Sor­ge um die See­le“, wie Pla­ton es for­mu­lier­te, die auch die Sor­ge um die abwe­sen­den Genera­tio­nen umfas­sen wür­de. Die Gra­fit­ti-Para­do­xa der Acht­und­sech­zi­ger waren das genaue Gegen­teil davon: eine Art jugend­li­cher Sorg­lo­sig­keit, ein Weg­wer­fen aller Sit­ten, Insti­tu­tio­nen und Errun­gen­schaf­ten zuguns­ten eines vor­über­ge­hen­den Froh­lo­ckens, das kei­nen ande­ren dau­er­haf­ten Sinn als die Anar­chie haben konnte.

Erst viel spä­ter, nach mei­nem ers­ten Besuch des kom­mu­nis­ti­schen Euro­pa, gelang­te ich zu einem Ver­ständ­nis und zu einer Sym­pa­thie für die nega­ti­ve Ener­gie Bur­kes. Ich hat­te sei­ne posi­ti­ve The­se ver­stan­den – die Ver­tei­di­gung des Vor­ur­teils, der Tra­di­ti­on und der Erb­lich­keit sowie einer Poli­tik der Treu­hän­der­schaft, in der die Ver­gan­gen­heit und die Zukunft das glei­che Gewicht für die Gegen­wart hat­ten –, doch ich hat­te die tief­sin­ni­ge nega­ti­ve The­se nicht ver­stan­den, den Blick in die Höl­le, der in sei­ner Sicht der Revo­lu­ti­on ent­hal­ten war.

Wie schon gesagt, teil­te ich die libe­ra­le huma­nis­ti­sche Deu­tung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und wuß­te nichts über die Tat­sa­chen, die die­se Deu­tung gründ­lich wider­leg­ten und die Argu­men­ta­ti­on von Bur­kes erstaun­lich hell­sich­ti­gem Essay recht­fer­tig­ten. Mei­ne Begeg­nung mit dem Kom­mu­nis­mus brach­te dies ins Lot. Der viel­leicht fas­zi­nie­rends­te und erschre­ckends­te Aspekt des Kom­mu­nis­mus war sei­ne Fähig­keit, die Wahr­heit aus den mensch­li­chen Bezie­hun­gen zu ver­ban­nen und gan­ze Bevöl­ke­run­gen dazu zu zwin­gen, „in der Lüge zu leben“, wie Prä­si­dent Havel gesagt hat.

Geor­ge Orwell schrieb einen pro­phe­ti­schen und ein­dring­li­chen Roman dar­über; doch kaum ein west­li­cher Leser die­ses Romans wuß­te, in wel­chem Aus­maß sei­ne Pro­phe­zei­un­gen in Mit­tel­eu­ro­pa wahr gewor­den waren. Es war für mich die größ­te Offen­ba­rung, als ich 1979 das ers­te Mal in die Tsche­cho­slo­wa­kei fuhr, mit einer Situa­ti­on kon­fron­tiert zu sein, in der Men­schen jeder­zeit aus dem Buch der Geschich­te getilgt wer­den konn­ten, in der die Wahr­heit nicht aus­ge­spro­chen wer­den konn­te und in der die Par­tei von Tag zu Tag nicht nur ent­schei­den konn­te, was am nächs­ten Tag gesche­hen wür­de, son­dern auch was heu­te geschah, was ges­tern gesche­hen war und was gesche­hen war, bevor ihre Füh­rer gebo­ren wor­den waren.

Dies war, so erkann­te ich, die Situa­ti­on, die Bur­ke einer weit­ge­hend skep­ti­schen Leser­schaft im Jah­re 1790 beschrieb. Und zwei­hun­dert Jah­re spä­ter gab es die­se Situa­ti­on immer noch, eben­so wie die ungläu­bi­ge Skep­sis. Bis 1979 war mei­ne Kennt­nis des Kom­mu­nis­mus voll­kom­men theo­re­tisch gewe­sen. Ich moch­te natür­lich nicht, was ich gele­sen hat­te und war den sozia­lis­ti­schen Ideen der Gleich­heit und der Staats­kon­trol­le, von denen ich schon genug in Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en gese­hen hat­te, gegen­über feind­se­lig ein­ge­stellt. Aber ich hat­te kei­ner­lei Ahnung was es heißt, im Kom­mu­nis­mus zu leben – ich wuß­te nichts von der tag­täg­li­chen Demü­ti­gung, eine Unper­son zu sein, der alle Wege des Selbst­dar­stel­lung ver­schlos­sen blieben.

Was die dama­li­ge Tsche­cho­slo­wa­kei angeht, so kann­te ich nur das, was ich aus ihrer Musik ent­nom­men hat­te. Selbst­ver­ständ­lich hat­te ich Kaf­ka und Hasek gele­sen – doch sie gehör­ten zu einer ande­ren Welt, der Welt eines ster­ben­den Rei­ches, und erst spä­ter konn­te ich erken­nen, daß auch sie Pro­phe­ten waren und daß sie nicht die Gegen­wart, son­dern die Zukunft ihrer Stadt beschrie­ben. Ich wur­de gebe­ten, in einem pri­va­ten Semi­nar in Prag einen Vor­trag zu halten.

Die­ses Semi­nar wur­de von Juli­us Tomin orga­ni­siert, einem Pra­ger Phi­lo­so­phen, der die Hel­sin­ki-Schluß­ak­te von 1975 aus­nutz­te, wel­che die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Regie­rung angeb­lich dazu ver­pflich­te­te, die Frei­heit der Infor­ma­ti­on und die in der UN-Char­ta defi­nier­ten Grund­rech­te zu gewähr­leis­ten. Die Hel­sin­ki-Schluß­ak­te war eine Far­ce, die von den Kom­mu­nis­ten dazu benutzt wur­de, poten­ti­el­le Unru­he­stif­ter aus­zu­ma­chen, wäh­rend sie gleich­zei­tig den leicht­gläu­bi­gen Intel­lek­tu­el­len des Wes­tens das Ant­litz einer zivi­li­sier­ten Regie­rung präsentierten.

Den­noch sag­te man mir, daß sich Dr. Tomins Semi­nar regel­mä­ßig tref­fe, daß ich ein­ge­la­den sei, dar­an teil­zu­neh­men und daß man mich sogar erwar­te­te. Ich kam bei dem Haus an, nach­dem ich durch jene stil­len und ver­las­se­nen Stra­ßen gelau­fen war, auf denen die weni­gen, die dort stan­den, mit irgend­ei­nem dunk­len offi­zi­el­len Geschäft befaßt waren, und in denen die Sprü­che und Sym­bo­le der Par­tei jedes Gebäu­de ver­un­zier­ten. Das Trep­pen­haus des Wohn­hau­ses war eben­falls ver­las­sen. Über­all hing das glei­che erwar­tungs­vol­le Schwei­gen in der Luft, wie als wenn ein Luft­an­griff ange­kün­digt wor­den wäre und die Stadt sich nun vor ihrer dro­hen­den Ver­nich­tung versteckte.

Vor der Woh­nung traf ich jedoch auf zwei Poli­zis­ten, die mich pack­ten und mei­ne Papie­re ver­lang­ten, als ich läu­te­te. Dr. Tomin kam her­aus und es folg­te eine Aus­ein­an­der­set­zung, wäh­rend derer ich die Trep­pe hin­un­ter­ge­wor­fen wur­de. Doch der Streit ging wei­ter und es gelang mir, mich an der Wache vor­bei­zu­drü­cken und die Woh­nung zu betre­ten. Ich fand ein Zim­mer vol­ler Leu­te und das glei­che erwar­tungs­vol­le Schwei­gen vor. Ich erkann­te, daß es tat­säch­lich einen Luft­an­griff geben wür­de und daß ich die­ser Luft­an­griff war.

In die­sem Zim­mer fand sich ein übel zuge­rich­te­ter Rest der Pra­ger Intel­li­gen­zi­ja – alte Pro­fes­so­ren in ihren schä­bi­gen Wes­ten; lang­haa­ri­ge Dich­ter; Stu­den­ten mit jun­gen Gesich­tern, denen der Zugang zur Uni­ver­si­tät wegen der poli­ti­schen „Ver­bre­chen“ ihrer Eltern unter­sagt war; Pries­ter und Ordens­leu­te in Zivil­klei­dung; Roman­au­toren und Theo­lo­gen; ein Möch­te­gern-Rab­bi und sogar ein Psy­cho­ana­ly­ti­ker. Und bei allen sah ich die Zei­chen des Lei­dens, die durch Hoff­nung gemil­dert wur­den; auch sah ich den glei­chen eif­ri­gen Wunsch nach einem Zei­chen, daß irgend jemand sich dafür inter­es­sier­te, ihnen zu helfen.

Wie ich fest­stell­te, gehör­ten alle zur glei­chen Berufs­grup­pe, der des Hei­zers. Eini­ge heiz­ten Kes­sel in Kran­ken­häu­sern, ande­re in Wohn­blocks, der eine arbei­te­te als Hei­zer auf einem Bahn­hof, ein ande­rer in einer Schu­le. Eini­ge arbei­te­ten als Hei­zer, wo es kei­ne Heiz­kes­sel gab, und es waren die­se ima­gi­nä­ren Heiz­kes­sel, die für mich zu einem pas­sen­den Sym­bol der kom­mu­nis­ti­schen Wirt­schaft wur­den. Dies war mei­ne ers­te Begeg­nung mit „Dis­si­den­ten“, den­je­ni­gen Leu­ten, die zu mei­nem Erstau­nen die ers­ten demo­kra­tisch gewähl­ten Füh­rer der Nach­kriegs­tsche­cho­slo­wa­kei wer­den soll­ten. Und ich fühl­te die­sen Leu­ten gegen­über eine unmit­tel­bar Verbundenheit.

Nichts war für sie von so gro­ßer Bedeu­tung wie das Über­le­ben ihrer natio­na­len Kul­tur. Da ihnen sowohl mate­ri­el­les als auch beruf­li­ches Vor­an­kom­men ver­wehrt wur­de, waren ihre Tage mit dem erzwun­ge­nen Nach­den­ken über ihr Land und sei­ne Ver­gan­gen­heit sowie über die gro­ße Fra­ge der tsche­chi­schen Geschich­te ange­füllt, die die Tsche­chen seit den Tagen Pala­ckys antreibt. Es war ihnen ver­bo­ten, etwas zu ver­öf­fent­li­chen; die Behör­den hat­ten ihre Exis­tenz vor der Welt ver­bor­gen und sich ent­schlos­sen, ihre Spu­ren aus dem Buch der Geschich­te zu ent­fer­nen. Die Dis­si­den­ten waren sich daher in hohem Maße des Wer­tes der Erin­ne­rung bewußt. Ihr Leben war ein Bei­spiel für das, was Pla­ton Ana­mne­sis nennt: das Zu-Bewußt­sein-Brin­gen ver­ges­se­ner Dinge.

Etwas in mir reagier­te auf die­ses ergrei­fen­de Stre­ben, und ich war sofort bereit, mich ihnen anzu­schlie­ßen und ihre Lage der Welt bekannt zu machen. Kurz gesagt, ver­brach­te ich die fol­gen­den zehn Jah­re damit, täg­lich über den Kom­mu­nis­mus nach­zu­den­ken, über die Mythen der Gleich­heit und Brü­der­lich­keit, die sei­nen unter­drü­cke­ri­schen Rou­ti­nen zu Grun­de lie­gen, so wie sie auch den Rou­ti­nen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zu Grun­de lagen.

Und ich begann zu ver­ste­hen, daß Bur­kes Dar­stel­lung der Revo­lu­ti­on nicht allein ein Stück Zeit­ge­schich­te war. Es war ähn­lich wie bei Mil­tons „Ver­lo­re­nem Para­dies“ – es han­del­te sich um die Erkun­dung einer Regi­on der mensch­li­chen See­le, einer Regi­on, die man zu jeder Zeit besu­chen, aus der man aber nur durch ein Wun­der zurück­keh­ren kann, und zwar in eine Welt, deren Schön­heit danach mit den Erin­ne­run­gen an die Höl­le behaf­tet bleibt. Ein­fach gesagt: Mir war eine Visi­on von Satan und sei­nen Wer­ken gewährt wor­den – die glei­che Visi­on, die Bur­ke bis in die Tie­fen sei­nes Wesens erschüt­tert hatte.

Und so erkann­te ich end­lich die posi­ti­ven Aspek­te der Phi­lo­so­phie Bur­kes als eine Ant­wort auf jene Visi­on, als eine Beschrei­bung des Bes­ten, auf das Men­schen hof­fen kön­nen, und als die ein­zi­ge hin­rei­chen­de Ver­tei­di­gung unse­res Lebens auf Erden. Von da an ver­stand ich den Kon­ser­va­tis­mus nicht als ein poli­ti­sches Cre­do, son­dern als eine blei­ben­de Leh­re von der mensch­li­chen Gesell­schaft, deren Wahr­heit stets schwer zu erken­nen, noch schwe­rer zu ver­mit­teln und am schwers­ten in die Tat umzu­set­zen sein würde.

Beson­ders schwer ist dies heut­zu­ta­ge, da die reli­giö­sen Gefüh­le den Lau­nen der Mode fol­gen, da die glo­ba­le Wirt­schaft unse­re hei­mat­li­chen Loya­li­tä­ten durch­ein­an­der­bringt und da der Mate­ria­lis­mus und der Luxus den Geist von sei­ner eigent­li­chen Auf­ga­be, dem Leben, ablen­ken. Ich erge­be mich jedoch nicht der Ver­zweif­lung, da die Erfah­rung mich gelehrt hat, daß Män­ner und Frau­en der Wahr­heit nur für eine gewis­se Zeit ent­flie­hen kön­nen, daß sie schließ­lich immer an die blei­ben­den Wer­te erin­nert wer­den und daß die Träu­me von Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit sie nur für kur­ze Zeit begeistern.

Was die Auf­ga­be angeht, die­je­ni­ge Phi­lo­so­phie, die Bur­ke der Welt klar dar­ge­legt hat, in die Prak­ti­ken und Pro­zes­se der moder­nen Poli­tik zu über­füh­ren, so ist dies viel­leicht die größ­te Auf­ga­be, vor der wir nun stehen.

 Gastbeitrag

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