Sezession
1. Oktober 2003

Die Ursprünge des Faschismus

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

sez_nr_3von Eberhard Straub

Ortega y Gasset beobachtete nach dem Ersten Weltkrieg eine allgemeine desmoralización, einen Mangel an Selbstvertrauen, in Europa. Die Neuzeit oder die sogenannte Moderne, die Epoche der europäischen Hegemonie über den Rest der Welt, war im Ersten Weltkrieg an ihr Ende gelangt. Für den Spanier lag darin nichts Überraschendes. 1898 mußte Spanien nach einem kurzen Krieg die Philippinischen Inseln und Puerto Rico an die USA abtreten sowie Kuba in eine von den USA kontrollierte Unabhängigkeit entlassen. Spanien verlor die letzten Überbleibsel seines Reiches. Zum ersten Mal wurde eine europäische Macht gleichsam aus der Welt verdrängt. Bezeichnenderweise gerade die Macht, die das Tor zur Moderne aufgestoßen und als erste die gesamte Welt untereinander in Beziehung gesetzt, die vielen Welten zu einer verbunden hatte. Europa mußte sich zwanzig Jahre später an einen Bedeutungsverlust gewöhnen, der den Spaniern mittlerweile längst vertraut war, ohne daß sie dieser Umstand allerdings beruhigt hätte.

Die aufgeregten Europäer, die nach 1918 mit Spengler vom Untergang des Abendlandes raunten, erinnerte Ortega y Gasset 1930 daran, daß es genug nervöse Geister gegeben habe, die seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an der Zukunft Europas zweifelten oder gar verzweifelten, ungeachtet des besonderen spanischen Falles. Unter dem Eindruck des russischen Imperiums und der allmählich zu einer Weltmacht aufsteigenden USA, im Zusammenhang der beschleunigten wirtschaftlichen Mondialisierung gab es immer wieder traurige, bedenkliche Europäer. Sie fürchteten, daß die Europäer, eingeklemmt zwischen die beiden Giganten, alsbald nur noch eines gesichert besäßen: die Erinnerung an das, was sie einmal gewesen waren. Den Abstieg als Gefahr vor Augen gab gerade die Erinnerung Anlaß, sich die Gegenwart zu verbittern.
Den desillusionierten Spaniern wurde nach dem Verlust Amerikas um 1820 ihre gesamte Geschichte seit der Entdeckung Amerikas fragwürdig. Doch ebenso fragwürdig kamen ihnen die siegreichen Ideen und die für sie werbende Zivilisation des american way of life vor. In der Demokratie sahen diese Enttäuschten die Herrschaft der minderen Werte, im Parlamentarismus ein System zur Verfestigung allgemeiner Korruption. Das Königtum hatte sich, wie es hieß, als unfähig erwiesen, der Nation zu überzeugender Gestalt zu verhelfen. Die Botschaft demokratisch bestimmter Humanität der US-Amerikaner galt ihnen nur als Vorwand für irrationale Produktion und ausufernden Konsum, worin sich die amerikanisch-kapitalistische Zivilisation erschöpfe. Laßt uns also auf einen Führer warten, der die Gesellschaft erneuert, ihr mit sittlichem Ernst ein Rückgrat verschafft und sie zu einem anspruchsvollen Leben mitreißt, der die großen Leidenschaften erweckt und allen ein opferwürdiges Ziel weist!
Von solchen Vorstellung war der junge Ortega y Gasset geprägt. Ein tragisches Lebensgefühl sollte aus der lähmenden Mittelmäßigkeit herausführen, der heroische Geist des Don Quijote alle durchdringen. Eine Eneuerung, eine regeneración im Anschluß an Don Quijote schien der Aufforderung: Brechen wir auf, Barbarisches zu tun, nicht zu widersprechen. Wer das Leben verachtet, gewinnt es. Es lebe der Tod. Denn erst muß alles Verwesende, Verfaulende abgestorben sein oder beseitigt werden, damit sich endlich neues Leben über dem Schutt der Vergangenheiten entfalten könne. Nirgendwo in der alten Welt wurde um 1890 mit solcher Schärfe mit dem eigenen Untergang zugleich der des Abendlandes verkündigt, und es wurden Medikamente zur Genesung vorgeschlagen, mit denen das übrige Europa nach 1918 experimentierte.


 Gastbeitrag

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