Sezession
1. Oktober 2003

Der Populismus – Eine postmoderne Rechte?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

sez_nr_3von Martin Hoschützky

In der politischen Alltagssprache wird der Begriff Populismus fast durchgängig abwertend verwendet. Das mag verwundern, haben doch die ersten Populisten sehr erfolgreich Politik gestaltet, und ihre Reformvorstellungen prägen noch heute das Verfassungsgefüge. Die Rede ist vom politischen System der USA und der agrarischen Protestbewegung des Mittelwestens und des Südens der 1890er Jahre.

Durch die sich abzeichnende Dominanz der Industrie im Wirtschaftsleben und die Durchsetzung urban-industrieller Interessen im politischen System fühlten sich die Farmer zusehends politisch marginalisiert und ökonomisch bedroht. In dieser Situation reagierten die Farmer mit der Formierung einer dezentralen Protestbewegung, die das Land gegen das neue, nunmehr städtisch-industriell geprägte politische Establishment mobilisierte. Man forderte die Wiederherstellung einer politischen und wirtschaftlichen Ordnung, die der Übermacht von Industrie und Stadt Einhalt gebietet, und als Weg dorthin die verstärkte direktdemokratische Teilhabe des Volkes an den politischen Entscheidungsprozessen. Dieser Lösungsansatz resultierte aus dem Selbstverständnis der kleinen und mittleren Farmer. Sie empfanden sich als aktiver Teil der „schweigenden“ Mehrheit, als Vorhut der typischen, noch nicht von Partikularinteressen durchdrungenen Amerikaner und sahen daher in einem Mehr an plebiszitären Mitwirkungsrechten eine wirksame Möglichkeit zur Zurückdrängung des Einflusses von Big Business in Wirtschaft und Politik.
Die aus der ländlichen Bewegung hervorgegangene People’s Party zielte unter anderem auf die Verankerung direktdemokratischer Elemente im amerikanischen Verfassungs- und Regierungssystem. Die Einführung von Vorwahlen und des Frauenwahlrechts, die Direktwahl der Senatoren und die Möglichkeit der Volksgesetzgebung zählten ebenso zu ihren allgemeinpolitischen Forderungen wie das Recht zur vorzeitigen Abberufung der Amtsträger durch das Volk. Aus dem politischen Prozeß konnten Republikaner und Demokraten die regional und zeitweise zur ebenbürtigen Kraft aufgestiegene People’s Party wieder herausdrängen, indem sie deren Forderungskatalog schrittweise übernahmen und umsetzten.
Wird diese Farmerbewegung als Urform des Populismus angesehen, kann vom Populismus gesprochen werden, wenn während einer Modernisierungskrise bedrohte soziale Gruppen zur gegen die politische Elite gerichteten Selbstorganisation schreiten und von der Rückgabe der Volkssouveränität an das Volk eine Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse erwarten und folglich die Verankerung direktdemokratischer Elemente im politischen Entscheidungsprozeß anstreben. Doch der Populismus-Begriff machte eine Genese durch, in deren Verlauf die Charakteristika des Populismus immer undeutlicher, aber immer mehr Bewegungen unter ihn subsumiert wurden, weshalb der amerikanische Historiker Christopher Lasch die Farmer-Bewegung als Prototyp eines „authentischen“ Populismus betrachtet.
Weil eine Vielzahl von Regimen im Lateinamerika der 1920 bis 1960er Jahre als populistische Herrschaftssysteme bezeichnet wurden, erfolgte immer häufiger die Gleichsetzung des Populismus mit einer von „oben“ kontrollierten Massenbewegung, was in der politischen Publizistik nicht grundsätzlich negativ bewertet wurde; dieser „Populismus von oben“ galt als eine für die beschleunigte ökonomische und politische Entwicklung notwendige integrative Herrschaftstechnik, weshalb man den Peronismus auch als Beispiel für einen akzeptablen Linkspopulismus angesehen hat.


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