1. Oktober 2003

Verfügungsräume – Antwort auf Lichtschlags Angebot

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 / Oktober 2003

Orte der freien Rede sind selten geworden. Ich spreche aus Erfahrung,...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

wenn ich behaupte, daß dieses seltsame kraftlose Grundrecht auf freie Meinungsäußerung ausgehöhlt ist durch subtile Mechanismen der Fremd- und Selbstkontrolle. In einer Atmosphäre des Unstatthaften scheint jeder die Themen und Positionen zu kennen, die erst dann – wenn überhaupt! – vorgetragen oder eingenommen werden können, wenn Sprach-, genauer: Entschuldigungsschleifen diese Meinungsentgleisung als Ausnahme oder intellektuelles Provokationsspiel deutlich gekennzeichnet haben. Wenn das Weitertragen von Äußerungen zu indizierten Themen nicht mehr als Denunziation, sondern als Zivilcourage bezeichnet wird, steht vor dem Sprechen die schwierige Aufgabe, den Kreis der Zuhörer auf das Potential an jener Zivilcourage hin zu taxieren.

Orte der freien Rede sind gekennzeichnet durch schlankes und reiches Sprechen: schlank, weil der Meinungsausbruch nicht zurückgenommen oder aufwendig eingeleitet werden muß; reich, weil der Sprach- und Meinungsschatz die Vorgaben des korrekten Redens mißachten darf und die volle Breitseite bewaffneter Worte zur Anwendung bringt.
Der Libertäre Andre F. Lichtschlag hat die beiden ersten Schritte getan, um mir – als Rechtem – einen Ort der freien Rede zu zeigen und zur Verfügung zu stellen. Lichtschlag bot zunächst – und als erster – der von mir verantworteten Zeitschrift Sezession ein Austauschabonnement mit der von ihm verantworteten Zeitschrift eigentümlich frei an. Seither lese ich mir völlig Fremdes, das mich in seiner Radikalität per se anspricht und als seltene Blüte erstaunt. Lichtschlags zweiter Schritt war sein Text „Rudi Möllemann“, in dem er eine Zusammenarbeit zwischen Libertären und Konservativen aus präzisen Beobachtungen und Schlußfolgerungen ableitet und vorschlägt. Ich habe ihm darauf hin in diesem Heft der Sezession Platz für einen Großbeitrag zur Verfügung gestellt, damit er seine Überlegungen und Vorschläge nochmals vortragen kann. Im Gegenzug habe ich die Gelegenheit, in eigentümlich frei auf Lichtschlags Gedanken zu antworten, und dies ist der erste Anknüpfungspunkt und die Verwirklichung erster Zusammenarbeit: Die Orte der freien Rede werden genutzt.
Mein Text ist eine Antwort, weil ich das Angebot einer Zusammenarbeit auf mich beziehe. Ich bin ein Rechter und führe politisch alleine deshalb schon ein provozierendes Leben. Rechts zu sein heißt, auf drei kurze Formeln gebracht: den Menschen von der Anthropologie her als problematisch zu verstehen, Erziehung zur Mündigkeit als über weite Strecken stets wieder scheiternden Versuch zu begreifen, die Welt in ihrer Komplexität für nicht konstruierbar zu halten. Daraus leitet sich alles andere ab: Die freie Entfaltung des Menschen zum Guten ist ein Hirngespinst, der edle Wilde ein Mythos; Ordnung, ethische Verbindlichkeit, institutionelle Sicherheit sind das Ergebnis eines aufwendigen Prozesses kultureller Erziehung; Mündigkeit, das heißt: verantwortungsbewußte Selbständigkeit, erreicht längst nicht jeder Mensch; Elitenbildung ist statthaft, Hierarchie eine Tatsache, Gleichheit und Freiheit sind je konkret zu bestimmen, und für jede Entwicklung sind Rahmen eine Notwendigkeit: Staat, Familie, Schule. Konstruktionen haben wenig Raum, Utopien keinen, daher kommt der Hang der Rechten zur Nüchternheit, zum Realismus, zum Erreichbaren. Den „neuen Menschen“ gibt es nicht, der Mensch ist nie neu, seine Substanz ist stets dieselbe, Lehm, Rippe und Fleisch, es kommt nichts hinzu, alles bleibt geschichtlich bedingte Ausformung; jede Gegenwart ist ein Ergebnis und zugleich eine Bedingung für den nächsten Wurf oder Schritt; die Zusammenballung der geschichtlichen Erinnerung: das ist der Mythos, das große Bild, wie überhaupt Bild und Gestalt rechter Auffassung entsprechen und der Labormethode und dem Reißbrett gegenüberstehen.

Mit diesen Grundkoordinaten hat zu rechnen, wer Zusammenarbeit vorschlägt. Ich begrüße Lichtschlags Überlegungen nicht nur deshalb, weil Orte der freien Rede sich nunmehr bewähren müssen und weil das Errichten und Halten solcher Orte – derzeit wenigstens – eine wichtige politische Aufgabe ist. Es gibt darüber hinaus weitere, sehr wesentliche Punkte grundsätzlicher Übereinstimmung, und so fällt es nicht schwer, das Angebot einer Zusammenarbeit an- und ernstzunehmen.
Übereinstimmung herrscht zunächst darin, daß die notwendige Arbeit auf dem Feld der Politik geleistet werden muß. Das klingt banal, ist aber nicht von vornherein klar. Für Libertäre vom Schlage Lichtschlags gäbe es auch ganz unpolitische Lösungen: die des bloßen Geldverdienens nämlich, die der Selbstverwirklichung im ganz und gar kapitalistischen Sinn, mit Bewegung der eigenen Person dorthin, wo der Einsatz reiche Ernte bringen wird: Ausland, Börse, anderes. Für Rechte gibt es seit Ernst Jünger immer einen feinen Lebensentwurf, der Anarch kommt als derjenige, der keinen Dreck mehr schaufeln will, dem Abgrund der Verbrämung eines Rückzugs von jeder Kärrnerarbeit sehr nahe (ich kenne „Anarchen“, die das Zeug zum „Anarchen“ nicht haben, die noch nie Dreck geschaufelt haben, also: Anarch aus Attitüde sind). Derzeit schickt sich die reaktionäre Position Nicolás Gómez Dávilas an, zur zweiten Rückzugsposition zu werden, von der aus sich beobachten läßt, wie „die Kakerlaken sich gegenseitig auffressen“.

Lichtschlags und meine Arbeit sind dagegen politisch im umfassenden Sinn, beide zielen wir nicht auf die eben geschilderten Außenpositionen, die sich zwar auch deutlich von der „Staatsökosozifemiantifaschodoktrin“ (Lichtschlag) absetzen, jedoch kein altruistisches Motiv kennen.
Politisches Handeln muß – es ist eines seiner Kennzeichen – die Frage stellen, wo sich Einfluß gewinnen ließe. Es ist dies die Frage nach den Wirkungsmöglichkeiten, die konkret und in diesem Moment gegeben sind, aber auch nach denen, die sich aufbauen und mittelfristig nutzbar machen lassen. Mit Lichtschlag stimme ich darin überein, daß parteipolitische Ansätze „von unten“ chancenlos, mehr noch: Energieverschwendung, sind. In diesem Zusammenhang sind deutliche Worte notwendig: Erfolgreiches politisches Handeln erfordert oft, auf die Befriedigung bestimmter charakterlich vorgegebener Handlungswünsche zu verzichten. Das Gebotene zu tun, kann dem eigenen Charakter sehr zuwider laufen. Der Blick auf die politisch erfolglosen Gruppierungsversuche von rechts offenbart jedoch in der Regel eine Versammlung von Charakteren, die auf Erfolglosigkeit, Ressentiment und Angst vor Infragestellung abonniert sind.
In diesen Zusammenhang gehören weitere Anstöße, die Lichtschlag mit seinem Beitrag und seinen Hinweisen auf libertäre Ansätze gibt: Wer so wettbewerbsorientiert denkt und lebt wie ein Libertärer, der wünscht sich tägliche Infragestellung, ständigen Leistungsvergleich und fortlaufende Optimierung seiner Methoden. Die Rechten – und die Konservativen – haben aufgrund des Ausgeschlossenseins vom politischen Diskurs und von der Leistungsschau der Positionen eine oft trostlose, oft beschauliche, oft besserwisserische Stellung bezogen, in der stetes Abnicken jedes Arguments durch alle Anwesenden die Beweglichkeit nicht erhöht hat. Luzidität, Spritzigkeit des Ansatzes, Spontanität, Angriffsgeist überhaupt, Einfallsreichtum, Volten: Dem konservativen Lager fehlt die Übung der Auseinandersetzung. Und ein Bewußtsein von historischem oder anthropologischem Recht wird verlängert in einen zukünftigen Erfolg hinein, der sich von selber einstellen werde, weil Recht eben Recht sei. Fataler – und lähmender – kann kein Irrtum sein.

Die Persönlichkeit – und nicht das Milieu! – als ausschlaggebenden Träger geschichtlicher Bewegung zu sehen: Das verbindet Rechte und Libertäre. Auch: der Welt mit eigener Gestaltungskraft begegnen zu können, danach zu fragen, was zu tun sei und nicht: was einem wohl als nächstes zustoße. Daß diese Hochschätzung von Willen, Selbständigkeit, Leistung auch den Mut und die Arroganz begründet, mit der jener verheerenden Umgründung der BRD durch das linksliberale Meinungskartell entgegengetreten werden kann, ist sicher einer der wichtigsten Anknüpfungspunkte zwischen Lichtschlag und mir. Die fette und verfettete 68er-Kaste zu ärgern und so zu ärgern, daß klar ist, es wird beim Ärgern nicht bleiben: Zumindest für mich kann ich sagen, daß diese sprachliche und tätige Tabuzertrümmerung einen initiatischen Charakter stets besaß und noch besitzt.
So sind die gemeinsame Gegnerschaft und die dynamische Angriffstaktik ein kräftiges Bindemittel, und die von Unterstützung und Zusammenarbeit geprägte Wegstrecke kann lange sein, zumal ich mit Genugtuung feststelle, daß die Interessenten an meinen Projekten immer jünger werden und daß sie beginnen, ihre Eltern und Lehrer tabuzertrümmernd mit Fragen und Meinungen zu – ärgern (Und ich denke, daß eine Gedächtnisleistung erbracht werden sollte, mit Hilfe derer den Verantwortlichen für all das beschädigte Leben ein ungemütlicher Mangel an Versöhnung entgegengebracht werden kann – irgendwann einmal).
Vielleicht sind sich all diese Gesellschaftsexperimentierer, deren Unvermögen uns beschädigt, nicht klar darüber, wie schlimm ihre Hinterlassenschaft ist; und dieser Vorgang des Vernutzens und Hinterlassens hält ja an, dieses Hineinfressen, Verdauen und Ausscheiden im Diskurs. Der ewige Durchmarsch der Gedanken und Aspekte ist unerträglich, weil er nie zur Entscheidung kommt, nie zum Spruch, zum Schwure, sonders nur zur spärlichen Ausleuchtung eines Problems und zur Vertagung. Auch in diesem Punkt: Übereinstimmung zwischen Libertären und Rechten. Die Diskurse müssen aufhören, an ihre Stelle tritt die Entscheidungsfreude.
Ich möchte nach aller Betonung gemeinsamer Ansätze noch auf einige gravierende Unterschiede hinweisen, die meine Position von der Lichtschlags scheidet. Nicht umsonst hat das Institut für Staatspolitik, in dem ich mitarbeite, in seiner kürzlich erschienenen Studie über Die „Neue Rechte“. Sinn und Grenze eines Begriffs den Binnenpluralismus der Rechten herausgearbeitet und dabei auf eine Position verwiesen, der ich mich selbst zuordne: volkskonservativ. Es ist dies die wenig bekannte Bezeichnung für einen Ansatz, der in der Weimarer Republik zwar die Umwälzung der Ordnung (durch die rote Revolution) ablehnte, sie jedoch nicht bloß ersetzen wollte durch einen Rückgriff auf eine wie auch immer geartete wilhelminische Konzeption. Vielmehr nahmen die Volkskonservativen das Volk in seiner Gesamtheit als politische Größe ernst und konzipierten eine Umwälzung der Umwälzung, also eine neue Ordnung, deren Koordinaten den Weltkrieg, die Revolution, die Republik in sich tragen sollten.

Um eine Umwälzung der Umwälzung muß es auch heute gehen, darin sind sich Lichtschlag und ich einig. Nur ist aus meiner Sicht klar, daß der radikal-libertäre Ansatz einer völligen Entfesselung dynamischen Wirtschaftens sich ebenso verheerend auf die menschliche Substanz auswirken muß wie zuviel Staat und Sozialismus. Lichtschlags Konzeption ist eine für starke, mündige Menschen, die die Prinzipien des Egoismus, der Gesetzeslücke, der Schläue, des Übervorteilens, des Ausnutzens verstanden haben und aus allem ihr Kapital zu schlagen wissen. Das Volk besteht aber nicht nur aus solchen parkettfähigen Self-made-Menschen, sondern aus einem riesigen Rest, der – und das ist noch längst kein Sozialismus – nicht allein gelassen werden darf. Hierin liegt die große rechte – oder: konservative – Konstante: daß der Mensch problematisch sei und sich in Veranlagung, Befähigung, Charakter stets und von vornherein unterscheide vom anderen Menschen. Und gerade aus dieser Einsicht entsteht dieser seltsame pessimistische Optimismus der Rechten, der erkennt, wozu der Mensch in der Lage ist, wenn er Rahmen, Ordnung, Erziehung, Verbindlichkeit vorfindet.
Lichtschlags Argument, der freie Markt werde immer auch reiche Menschen hervorbringen, die sich sozial engagierten, ist zu theoretisch: Wenn es im Deutschland von 1880 soziales Engagement verantwortungsbewußter Unternehmer gab, dann kam die Ethik dafür nicht aus dem liberalen Markt selbst, sondern aus den alten, starken Bindungen an christliche Ethik und Wir-Denken im Volksrahmen. Zuwenig oder zuviel Geld: Beides versaut über kurz oder lang dem Durchschnitt (nie dem besonderen, untypischen Einzelnen) den Charakter, weil menschliches Maß fehlt.
Ich halte Laissez-faire-Kapitalismus ebenso für eine Mißachtung anthropologischer Grundbedingungen wie das linke Experimentieren mit dem „neuen Menschen“. Konkret krabbeln immer nur ganz wenige zu solchen Höhen. Lichtschlag sollte die Frage beantworten, woher die Ethik kommt, die im System egoistischer Gewinnmaximierung dann für das Ganze etwas abfallen lassen wird. Vermutlich haben ein paar konservative Jahrhunderte die Ethikdepots so gefüllt, daß wir immer noch davon zehren oder – zehrten?
Sezession vom Mainstream macht eigentümlich frei. Ich freue mich an solchen Stellen auf die Debatte. Es wird ein – wie es sich in Orten der freien Rede (unseren Verfügungsräumen) gehört – schlankes und reiches Sprechen sein.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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