Sezession
1. Oktober 2003

Leocons

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 3 /Oktober 2003

sez_nr_3von Till Kinzel

Wer die Auseinandersetzungen in den Feuilletons um die Verdienste beziehungsweise Missetaten der Bush-Regierung im Bereich der Außen- und Verteidigungspolitik seit dem 11. September 2001, vor allem aber seit der heißen Vorbereitungsphase des Irakkrieges verfolgte, mußte einigermaßen erstaunt zur Kenntnis nehmen, wer für diese Politik verantwortlich gemacht werden sollte – nämlich ein politischer Philosoph, dessen Hauptwerke der Interpretation antiker, mittelalterlicher und neuzeitlicher Philosophen und Schriftsteller gewidmet sind.

Von seiten zahlreicher Kommentatoren wurde in der Tat immer wieder die Behauptung aufgestellt, niemand anderes als der politische Philosoph Leo Strauss (1899-1973) sei die geistige Inspirationsquelle für eben jene Politik, die auch wie im Falle der angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen vor dem Einsatz „edler Lügen“ bei der Rechtfertigung der Kriegspolitik nicht zurückschrecke. Insbesondere gab dazu die Tatsache Anlaß, daß der Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz in den sechziger Jahren unter anderen auch bei Leo Strauss und dessen Schüler Allan Bloom (1930-1992) studierte, sowie daß ein hochrangiger Beamter des Pentagon, der Leiter des für Desinformationen verantwortlich gemachten Office of Special Plans, Abram Shulsky, ebenfalls ein Straussianer ist (Seymour Hersh: Annals of National Security. Selective Intelligence, New Yorker, 5. Mai 2003). Indem besonders auf die von Leo Strauss wieder ins Bewußtsein gebrachte Unterscheidung von Esoterik und Exoterik der Philosophie – das Problem der rhetorischen Darstellung philosophischer Gedanken in bezug auf bestimmte Adressaten sowie unter Bedingungen der Verfolgung in unfreien Gesellschaften – rekurriert wurde, meinte man, in Strauss’ angeblich machiavellistischer Konzeption die ideologische Grundlage für das verwerfliche Handeln der Bush-Regierung ausmachen zu können – so als bedürfte irgendeine Regierung derartiger Lektionen. Dabei wurde indes auch vor den abenteuerlichsten Behauptungen nicht Halt gemacht, die zusammen mit einer ganzen Reihe unrichtiger Fakten die zahllosen Artikel zum Thema der „Leo-Konservativen“ (so der Spiegel vom 4. August 2003) nur sehr eingeschränkt und jedenfalls nicht ohne nähere Überprüfung brauchbar erscheinen lassen (etwa, wenn behauptet wurde, Strauss sei 1999 im Alter von hundert Jahren oder Bloom erst 2000 gestorben, wodurch ein wesentlich zeitnäherer Einfluß suggeriert wurde als er überhaupt je stattgefunden haben kann). Die Verteidigung Strauss’ von Seiten seiner Anhänger konnte jedoch auch nicht immer überzeugen: Eine erste Antwort im neokonservativen Weekly Standard von Peter Berkowitz (What Hath Strauss Wrought?, 2. Juni 2003) widerlegte keine der vorgebrachten Anschuldigungen, sondern tat sie lediglich als offenkundigen Unsinn ab.


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