Sezession
1. April 2003

Martin van Creveld

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

sez_nr_1von Klaus Hammel

Hervorragende Militärwissenschaftler oder Militärtheoretiker sind selten. Von vielen Gründen, die dafür ausschlaggebend sein könnten, sollen hier nur einige genannt werden. Ein Faktor dürfte sicherlich sein, daß die wissenschaftliche Erforschung des Militärs und der Kriegsführung zu einer relativ jungen „Fakultät“ gehört, deren Ursprünge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegen, die ihre volle Entfaltung aber eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren hat. Der Sachgegenstand, mit dem man sich hier befaßt, übt auf Grund seines Wesens, seiner Eigenschaften und der Art der praktischen Umsetzung im Vergleich zu anderen Wissenschaftsobjekten keine besondere Attraktion aus. Innerhalb des Militärs selbst war man außerdem lange Zeit der Auffassung, die militärische Berufsausübung bedürfe keiner Wissenschaft. Noch in den 1960er Jahren vertrat eine so einflußreiche militärische Denkschule wie die McNamara-Administration im Verteidigungsministerium der USA die Ansicht, daß es zwischen den Grundsätzen der Kriegsführung oder der militärischen Führung und den Führungsprinzipien in einem zivilen Unternehmen keine Differenz gebe; folglich seien auch in der Armee die Regeln der Betriebs- oder Organisationslehre anzuwenden.

In Deutschland kommen außerdem besondere Faktoren hinzu: Im Vergleich zu anderen westlichen Staaten standen und stehen die Streitkräfte seit der Wiederbewaffnung 1955 im Abseits. Trotz gegenteiliger beschönigender Behauptungen hat es eine wirkliche Identifikation der Bevölkerung mit den Belangen der Landesverteidigung und den Streitkräften nie gegeben. Eine Beschäftigung mit dem geistigen Überbau von Streitkräften fand innerhalb der intellektuellen Eliten nicht statt, Spitzenmilitärs der Bundeswehr führten in der Publizistik normalerweise ein Schattendasein. Lehrstühle an Hochschulen, die sich mit Sicherheits- oder Militärpolitik, mit Strategie oder Geopolitik beschäftigen, findet man in Deutschland nur vereinzelt. Wissenschaftliche Institute wie in anderen Ländern des Westens, die auf diesen Gebieten arbeiten, gibt es in Deutschland nicht.
So stehen Militärtheoretikern oder Militärwissenschaftlern wie Raymond Aron, Ferdinand Otto Miksche, Liddell Hart, John Keegan oder Edward N. Luttwak im französischen beziehungsweise englischen Sprachraum in Deutschland, das einmal einen der größten Militärtheoretiker, Carl von Clausewitz, aufweisen konnte, allenfalls Militärpublizisten wie Winfried Martini, Adelbert Weinstein oder Karl Feldmeyer gegenüber. Heinz Karst, nicht nur Spitzenmilitär, sondern auch Militärtheoretiker, mochte als die Ausnahme gelten, die wir in den Kreis der vorgenannten Experten einbeziehen können.
In jedem Fall nimmt Martin van Creveld unter den zeitgenössischen Militärtheoretikern auf Grund seines umfangreichen Werkes und seiner provokativen, aber überzeugenden Theorien einen besonderen Rang ein. Creveld wurde 1946 als Sohn jüdischer Eltern in Rotterdam geboren, wenige Jahre später wanderte seine Familie nach Israel aus. Creveld studierte an der Hebräischen Universität Jerusalem, vom Militärdienst war er auf Grund einer körperlichen Behinderung befreit. 1971 schloß er sein Studium an der London School of Economics mit der Promotion ab, in demselben Jahr übernahm er einen Lehrauftrag für das Fach Geschichte an der Universität Jerusalem. Creveld hat seitdem an verschiedenen Universitäten Gastprofessuren innegehabt, unter anderem 1986/87 an der National Defense University in Washington, D.C. und an der Marine Corps University in Quantico. Er war außerdem als sicherheitspolitischer Berater der amerikanischen Regierung und des israelischen Generalstabs tätig.


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