Sezession
1. April 2003

Interview: Martin van Creveld

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

geführt von Moritz Schwarz

Sezession: Herr Professor van Creveld, ... pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

sez_nr_1geführt von Moritz Schwarz

Sezession: Herr Professor van Creveld, am Persischen Golf droht derzeit ein neuer Krieg auszubrechen. Die Deutung reichen vom „Krieg ums Öl“ bis zum „Kampf der Kulturen“. Wie deuten Sie diesen Konflikt?
Creveld: Um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß es nicht. Der Irak ist militärisch sehr schwach, er verfügt nur noch etwa über ein Drittel der militärischen Macht, die er noch vor zehn Jahren besessen hat, als ihn die USA in nur hundert Stunden Landkrieg geschlagen haben. Somit ist der Irak im Moment militärisch keine Bedrohung. Vergleichen Sie den bevorstehenden Krieg nur einmal mit dem Krieg von 1991: Die USA setzen heute weniger als halb so viel Flugzeuge und weniger als die Hälfte der Heeresstärke von damals an. Zwar dürfte Bagdad noch chemische und biologische Waffen versteckt halten, aber man verfügt nicht einmal mehr über ein Kernwaffenprogramm. Nach zehn Jahren Sanktionen, nach beinah täglichen Bombardements irakischer Militäranlagen ist jede Schlagkraft verlorengegangen. Und so entstehen die kühnsten Theorien: Mal muß der Familienstolz der Familie Bush als Erklärung herhalten, mal die Gier nach Öl, mal der christliche Fundamentalismus. Und natürlich fehlt auch nicht die Behauptung, Israel verleite die USA dazu, diesen Krieg zu führen. Weil niemand etwas weiß, scheint alles möglich.

Sezession: Kommt nach Ihrer Einschätzung dem Konflikt historische Bedeutung zu oder handelt es sich nur um einen taktischen Krieg zur Erlangung eines Vorteils für die USA?
Creveld: Ich bezweifle die epochemachende Bedeutung, die diesem Krieg von einigen Interpreten zugesprochen wird. Eine Supermacht „bestraft“ einen winzigen Übeltäter vorauseilend, damit er in Zukunft nicht erneut „straffällig“ wird. Im Grunde handelt sich um eine Art „Polizeiaktion“.
Sezession: Also nur die Vollendung des 1991 geführten Krieges?
Creveld: Ich weiß es nicht, ich gehöre zu den Millionen von Menschen auf der Welt, die nicht verstehen, was die Amerikaner überhaupt wollen, und ich möchte mich unprofessioneller Spekulationen enthalten. Ich befürchte nur, die USA werden den Krieg zwar gewinnen, aber den Frieden verlieren. Denn was passiert nach dem Sieg? Ich bin kein Irak-Experte, aber wie wollen die Amerikaner mit einem möglicherweise gar kollabierenden Irak fertig werden?
Sezession: Außer dem Angriff auf den Irak drohen noch weitere Kriege. Auf der Feindstaaten-Liste der Amerikaner stehen angeblich 60 Staaten. Sie haben dagegen schon 1991 in Ihrem Buch Die Zukunft des Krieges das Ende des Krieges prophezeit.
Creveld: Nicht des Krieges an sich, nur der großen Kriege zwischen Staaten.
Sezession: Sie nennen das den „trinitarischen Krieg“, also die Form von Kriegsführung, die auf der Dreiteilung in Staat, Armee und Zivilbevölkerung beruht. Augenscheinlich handelt es sich beim Feldzug gegen den Irak noch um einen solchen Krieg althergebrachten Typs.
Creveld: Sie haben natürlich Recht, daß dieser Krieg nach seiner Struktur noch trinitarisch ist, daß heißt, er wird zwischen Staaten mit regulären Streitkräften mehr oder weniger nach dem Kriegsrecht geführt werden. Was ich dagegen 1991 in Die Zukunft des Krieges prognostiziert habe, ist nicht das Ende des Krieges, sondern dessen Verwandlung.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.