Sezession
1. April 2003

Offensiver Informationskrieg

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 /April 2003

sez_nr_1von Gebhard Geiger

Die elektronische Vernetzung von politisch-gesellschaftlichen Infrastrukturen hat die Hochtechnologieländer binnen weniger Jahre auf eine bislang unbekannte Weise verwundbar gemacht und weitreichenden Gefährdungen ausgesetzt. Elektronische Rechner, Datenspeicher, Netze und Software bieten aufgrund vielfältiger Schwachstellen zahlreiche Angriffspunkte für das unbefugte Mitlesen (Spionage) und die absichtliche, verdeckte Veränderung, Fälschung, Unterbrechung und Vernichtung elektronisch verbreiteter, gespeicherter und verarbeiteter Information. Die neuen Informations- und Kommunikations- (IuK-) Systeme haben auch neuartige Möglichkeiten der globalen, gesellschaftlichen Konfliktaustragung geschaffen („Informationskrieg“). So ist die neue sicherheitspolitische Lage dadurch gekennzeichnet, daß Handlungsfähigkeit und Überleben eines Staates oder Bündnisses in internationalen Krisen und Konflikten nicht mehr nur durch militärische Gewalt gefährdet sind, sondern zunehmend auch vom störungsfreien Betrieb staatlicher und internationaler IuK-Systeme abhängen.
Obwohl die sicherheitspolitischen Herausforderungen der geheimdienstlichen und militärischen Computerspionage und -sabotage bereits lange bekannt sind, hat sich die Gefährdungslage politisch-gesellschaftlicher Systeme mit dem Auf- und Ausbau internationaler digitaler Datenübertragungsnetze, Telekommunikationssysteme, Multimedia-Anwendungen und Online-Dienste weiter verändert und verschärft: Elektronische IuK-Netze sind in der Regel öffentlich und anonym zugänglich, weltweit verknüpft und gegen politisch oder kriminell motivierten Mißbrauch kaum ausreichend zu schützen. Hinzu kommt die rasante Fortentwicklung der Informationstechnologie, mit der sicherheitspolitische Maßnahmen meist vergeblich Schritt zu halten versuchen. Zudem ist die Ausrüstung, die für einen Angriff auf elektronische Netzwerke benötigt wird, in jedem gut sortierten Computerladen erhältlich, beziehungsweise als offen verfügbare Software aus dem Internet herunterzuladen.
Die internationalen Beziehungen und die politische Handlungsfähigkeit von Staaten und Bündnissystemen hängen zunehmend von technischen Fähigkeiten zur Informationsvermittlung und Systemsteuerung ab. Umgekehrt eröffnen die elektronischen Medien Möglichkeiten des kollektiven Handelns und der internationalen Organisation, die sich der politischen Kontrolle durch den Staat und seine Organe entziehen. Neue, nichtstaatliche Organisationen treten auf, die bestehende politische und militärische Machtstrukturen verändern können. Das Spektrum herkömmlicher internationaler Konflikte wird sich erweitern, voraussichtlich sogar völlig verändern. Aufgrund der weltweiten elektronischen Vernetzung aller Lebensbereiche wird es immer schwieriger, zwischen kriminellen und militärischen Bedrohungspotentialen, politischen und geographischen Grenzen, innerer und äußerer Sicherheit von Staat und Gesellschaft zu unterscheiden.
Der Informationskrieg muß sich dabei nicht notwendig nur zwischen Staaten abspielen – er kann auch zwischen den »grenzenlosen«, weltweit operierenden Wirtschaftsunternehmen, Interessengruppen und nichtstaatlichen internationalen Organisationen einschließlich solchen des politischen Terrorismus unter Mitwirkung von Massenmedien und Nachrichtendiensten geführt werden. Zudem können Angriffe gegen die Informationsinfrastruktur eines Staates militärische Gewaltanwendung sowohl unterstützen und ergänzen als auch um völlig neue Elemente erweitern, wenn nicht gar als Konfliktmittel ersetzen oder ganz erübrigen.


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