Sezession
1. April 2003

The American Way of War

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

sez_nr_1von Markus Abt

Schon Winston Churchill mußte die Erfahrung machen, daß das eigene Sozialprestige schwer leidet, wenn man in postheroischen Gesellschaften für einen Militärschlag plädiert: Denn in solchen moralisch aufgeladenen Sozialsystemen sind es Bekundungen des guten Willens und der guten Absicht, nach denen die „Guten“ von den „Bösen“ getrennt werden, nicht die Faktenlage oder ungemütliche Bedrohungsszenarien. Und so bekam Churchill die Etiketten „Kriegstreiber“ und „Deutschenfeind“ angehängt, gerade weil er in den dreißiger Jahren zu den wenigen gehörte, die vor den Aggressionsabsichten Hitlers warnten.

Erstaunlicherweise scheint das sonst so ausgeprägte Vergangenheitsbewußtsein mit Blick auf den Irak, also im Falle einer neuerlichen Entscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“, keine historische Parallele zu kennen. Denn der gemeinsame Nenner aller linken und rechten Verschwörungstheoretiker ist der Glaube an eine aggressive amerikanische Weltherrschaft und an die besondere Neigung der USA, militärische Mittel zum Einsatz zu bringen.
Doch findet hier eine Verwechslung statt: Der auf moralischer Überheblichkeit beruhende Glaube vieler Amerikaner, amerikanische Werte seien universal gültig oder sollten es zumindest sein, führt keineswegs automatisch zu dem Ziel „Weltherrschaft“, und eine solche ideologische Zielvorgabe ist im tatsächlichen militärischen Handeln der USA auch kaum zu erkennen.
Warum führen die Amerikaner Krieg? In erster Linie zur Durchsetzung eigener nationaler Interessen oder derjenigen verbündeter Staaten. Dazu gehörten bis zum Ende des Kalten Krieges, der bipolaren Weltordnung also, auch strategische Ressourcen. Seither hat die Globalisierung der Märkte, also ihre Öffnung über alle politischen Grenzen hinweg, die Bedeutung dieses Aspekts jedoch stark relativiert. Wichtiger ist heute, globale Energiequellen und Kommunikationswege einfach offenzuhalten. Ölkonzerne sind meist multinational organisiert, und so hat die direkte Kontrolle von Ländern, und damit ein zentraler Aspekt geostrategischer Überlegungen, erheblich an Relevanz verloren. Die Ölvorkommen Kanadas sind größer als die des Irak, die Förderregion um das Kaspische Meer boomt. Moderne Technik bietet zudem neue Möglichkeiten und Alternativen. Weder die USA noch Europa hängen daher von irakischen Öllieferungen ab. Umgekehrt gibt es für den Irak keine Alternativen: Er muß sein Öl verkaufen. Worin sollte also der strategische Vorteil liegen, das Land mit erheblichen Kosten zu erobern? Man erhielte so das teuerste Öl der Welt.
Vielleicht ist es an dieser Stelle sinnvoll, einige Sätze über die Verbündeten der USA und ihre Interessen einzufügen. Saudi Arabien erbat in den achtziger Jahren die Stationierung von US-Truppen im Land, weil es die eigenen Öltanker vor iranischen Angriffen schützen wollte. Dasselbe Saudi-Arabien rief nach der irakischen Invasion in Kuwait die Vereinigten Staaten dazu auf, das kleine Land gegen irakische Truppen zu verteidigen. Auch in Europa, genauer gesagt in Bosnien, erwiesen sich die Verbündeten aus eigener Kraft als handlungsunfähig, bis schließlich Großbritannien und Frankreich auf eine Beistandsgarantie der USA verwiesen und eine massive amerikanische Truppenpräsenz auf dem Balkan erbaten. In diesem Zusammenhang ist auch die Behauptung leichtfertig, die Vereinigten Staaten setzten sich gezielt mit ihren Truppen fest, um ein Koordinatensystem aus Kontrollpunkten und Einflußsphären aufzubauen. Vielmehr würden selbst aus Deutschland die US-Truppen mittlerweile abziehen, wenn die Bundesregierung sie dazu aufforderte. Dies alles steht also im krassen Gegensatz zur Behauptung eines tatsächlichen US-Imperialismus.


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