Sezession
1. April 2003

Die Wirklichkeit des kleinen Krieges

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

sez_nr_1von Cornelius Fischer

Am 20. März begann ein neuer Krieg am Persischen Golf. Monatelang konzentrierten vor allem die US-amerikanischen Streitkräfte Truppen und Kriegsmaterial in der Konfliktregion. Nach langen Querelen mit Bündnispartnern der NATO, den Vereinten Nationen und arabischen Staaten in Nahost begannen die USA nahezu im Alleingang ihre Offensive im Irak.

Ein schnelles Ende des Krieges ist nach den ersten Kampftagen indes nicht abzusehen. Dabei sind die Ausgangsvoraussetzungen für die amerikanische Kriegsmaschinerie scheinbar ideal: Ungestörter Kräfteaufwuchs in Drittstaaten, nahezu uneingeschränkte Hoheit im irakischen Luftraum, gangbares Gelände auch für Großgerät wie Kampf- und Schützenpanzer, gute Einsatzmöglichkeiten für modernste technische Aufklärungsträger wie beispielsweise Satelliten und ferngesteuerte Kleinstflugzeuge, die Aufklärungsergebnisse per Videosignal in Echtzeit übermitteln. Und dennoch – erste Bewertungen der Kampfhandlungen im Irak deuten darauf hin, daß sich die westliche Allianz trotz vorteiliger Ausgangslage schwerer tut, als dies von vielen Militärexperten im Vorfeld des Krieges für möglich gehalten wurde.
Warum kommt es nicht zum schnellen Kontersieg der mächtigsten Streitkräfte der Welt über die irakische Armee, die den GIs sowohl in Kampfkraft wie auch Gefechtswert haushoch unterlegen sein muß? Könnte sich dieser erneute Schlagabtausch am Golf zu einem langwierigen Waffengang entwickeln, an dessen Ende ein ‚erbärmlicher Gewinner‘ steht, der seine Kriegsziele weder taktisch-operativ noch strategisch erreichen konnte?
Wird dieser großangelegte Krieg in mehrere ‚kleine Kriege‘ zerfallen, die konventionelle Streitkräfte nur schwer eindämmen und erfolgreich beenden können? Erste leise Zweifel an der angenommenen Unverwundbarkeit der Kriegsmaschinerie der westlichen Allianz klingen bereits an. Die Medienberichterstatter gebrauchen Begriffe wie ‚verlustreiche Straßenkämpfe‘, ‚Hinterhalt‘ und ‚Abnutzungstaktik‘, nachdem die Alliierten die ersten eigenen gefallenen Soldaten und deutliche Verzögerungen beim propagierten Marsch auf Bagdad hinnehmen müssen. In diesen ersten Tagen des Konflikts scheinen die irakischen Militärs tatsächlich auf eher unkonventionelle Strategien und Taktiken zurückzugreifen. Die irakischen Kämpfer vermeiden die offene Feldschlacht, in der ihr um bis zu drei Technologiegenerationen veraltetes Material den modernen amerikanischen Kampfpanzern ‚Abrams‘ und den wendigen Kampfhubschraubern Typ ‚Apache‘ und ‚Cobra‘ hoffnungslos unterlegen wäre. Die militärische Führung der irakischen Streitkräfte scheint Willens, die gröbsten taktischen Fehler aus dem Golfkrieg von 1991 nicht zu wiederholen. Damals konnten amerikanische Panzer- und Panzerabwehreinheiten die irakischen Kampfverbände dezimieren, die entlang von Hauptversorgungsstraßen aufmarschierten und sich so der neuesten Waffentechnologie der US-Streitkräfte auslieferten. Dafür krallen sich im jüngsten Konflikt kleine irakische Einheiten und Verbände in Ortschaften fest, die entlang der Hauptrouten in Richtung Zentralirak liegen. So können die Iraker ihre mangelnde Fähigkeit, komplexe Gefechte im offenen Terrain zu führen, durch den geschickten Einsatz einfacher Infanteriewaffen etwas ausgleichen.
Den Amerikanern mag das wie ein böser Traum erscheinen: Bereits in den ersten Kriegstagen könnte die irakische Kriegsführung die Allianz so vor eine weitreichende Entscheidung stellen. Entweder entschließen sich die amerikanischen und britischen Truppenführer dazu, auch in kleineren Ortschaften den irakischen Widerstand Haus um Haus auszuräuchern, oder aber sie befehlen den breitangelegten Einsatz von Artillerie und Luft-Boden-Unterstützung. Jede Möglichkeit birgt unwägbare Risiken.


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