Die Wirklichkeit des kleinen Krieges

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

von Cornelius Fischer

Am 20. März begann ein neuer Krieg am Persischen Golf. Monatelang konzentrierten vor allem die US-amerikanischen Streitkräfte Truppen und Kriegsmaterial in der Konfliktregion.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Nach lan­gen Que­re­len mit Bünd­nis­part­nern der NATO, den Ver­ein­ten Natio­nen und ara­bi­schen Staa­ten in Nah­ost began­nen die USA nahe­zu im Allein­gang ihre Offen­si­ve im Irak.

Ein schnel­les Ende des Krie­ges ist nach den ers­ten Kampf­ta­gen indes nicht abzu­se­hen. Dabei sind die Aus­gangs­vor­aus­set­zun­gen für die ame­ri­ka­ni­sche Kriegs­ma­schi­ne­rie schein­bar ide­al: Unge­stör­ter Kräf­te­auf­wuchs in Dritt­staa­ten, nahe­zu unein­ge­schränk­te Hoheit im ira­ki­schen Luft­raum, gang­ba­res Gelän­de auch für Groß­ge­rät wie Kampf- und Schüt­zen­pan­zer, gute Ein­satz­mög­lich­kei­ten für moderns­te tech­ni­sche Auf­klä­rungs­trä­ger wie bei­spiels­wei­se Satel­li­ten und fern­ge­steu­er­te Kleinst­flug­zeu­ge, die Auf­klä­rungs­er­geb­nis­se per Video­si­gnal in Echt­zeit übermitteln.

Und den­noch – ers­te Bewer­tun­gen der Kampf­hand­lun­gen im Irak deu­ten dar­auf hin, daß sich die west­li­che Alli­anz trotz vor­tei­li­ger Aus­gangs­la­ge schwe­rer tut, als dies von vie­len Mili­tär­ex­per­ten im Vor­feld des Krie­ges für mög­lich gehal­ten wurde.
War­um kommt es nicht zum schnel­len Kon­ter­sieg der mäch­tigs­ten Streit­kräf­te der Welt über die ira­ki­sche Armee, die den GIs sowohl in Kampf­kraft wie auch Gefechts­wert haus­hoch unter­le­gen sein muß? Könn­te sich die­ser erneu­te Schlag­ab­tausch am Golf zu einem lang­wie­ri­gen Waf­fen­gang ent­wi­ckeln, an des­sen Ende ein ‚erbärm­li­cher Gewin­ner‘ steht, der sei­ne Kriegs­zie­le weder tak­tisch-ope­ra­tiv noch stra­te­gisch errei­chen konnte?
Wird die­ser groß­an­ge­leg­te Krieg in meh­re­re ‚klei­ne Krie­ge‘ zer­fal­len, die kon­ven­tio­nel­le Streit­kräf­te nur schwer ein­däm­men und erfolg­reich been­den kön­nen? Ers­te lei­se Zwei­fel an der ange­nom­me­nen Unver­wund­bar­keit der Kriegs­ma­schi­ne­rie der west­li­chen Alli­anz klin­gen bereits an. Die Medi­en­be­richt­erstat­ter gebrau­chen Begrif­fe wie ‚ver­lust­rei­che Stra­ßen­kämp­fe‘, ‚Hin­ter­halt‘ und ‚Abnut­zungs­tak­tik‘, nach­dem die Alli­ier­ten die ers­ten eige­nen gefal­le­nen Sol­da­ten und deut­li­che Ver­zö­ge­run­gen beim pro­pa­gier­ten Marsch auf Bag­dad hin­neh­men müs­sen. In die­sen ers­ten Tagen des Kon­flikts schei­nen die ira­ki­schen Mili­tärs tat­säch­lich auf eher unkon­ven­tio­nel­le Stra­te­gien und Tak­ti­ken zurück­zu­grei­fen. Die ira­ki­schen Kämp­fer ver­mei­den die offe­ne Feld­schlacht, in der ihr um bis zu drei Tech­no­lo­gie­ge­ne­ra­tio­nen ver­al­te­tes Mate­ri­al den moder­nen ame­ri­ka­ni­schen Kampf­pan­zern ‚Abrams‘ und den wen­di­gen Kampf­hub­schrau­bern Typ ‚Apa­che‘ und ‚Cobra‘ hoff­nungs­los unter­le­gen wäre. Die mili­tä­ri­sche Füh­rung der ira­ki­schen Streit­kräf­te scheint Wil­lens, die gröbs­ten tak­ti­schen Feh­ler aus dem Golf­krieg von 1991 nicht zu wie­der­ho­len. Damals konn­ten ame­ri­ka­ni­sche Pan­zer- und Pan­zer­ab­wehr­ein­hei­ten die ira­ki­schen Kampf­ver­bän­de dezi­mie­ren, die ent­lang von Haupt­ver­sor­gungs­stra­ßen auf­mar­schier­ten und sich so der neu­es­ten Waf­fen­tech­no­lo­gie der US-Streit­kräf­te aus­lie­fer­ten. Dafür kral­len sich im jüngs­ten Kon­flikt klei­ne ira­ki­sche Ein­hei­ten und Ver­bän­de in Ort­schaf­ten fest, die ent­lang der Haupt­rou­ten in Rich­tung Zen­tra­li­rak lie­gen. So kön­nen die Ira­ker ihre man­geln­de Fähig­keit, kom­ple­xe Gefech­te im offe­nen Ter­rain zu füh­ren, durch den geschick­ten Ein­satz ein­fa­cher Infan­te­rie­waf­fen etwas ausgleichen.
Den Ame­ri­ka­nern mag das wie ein böser Traum erschei­nen: Bereits in den ers­ten Kriegs­ta­gen könn­te die ira­ki­sche Kriegs­füh­rung die Alli­anz so vor eine weit­rei­chen­de Ent­schei­dung stel­len. Ent­we­der ent­schlie­ßen sich die ame­ri­ka­ni­schen und bri­ti­schen Trup­pen­füh­rer dazu, auch in klei­ne­ren Ort­schaf­ten den ira­ki­schen Wider­stand Haus um Haus aus­zu­räu­chern, oder aber sie befeh­len den breit­an­ge­leg­ten Ein­satz von Artil­le­rie und Luft-Boden-Unter­stüt­zung. Jede Mög­lich­keit birgt unwäg­ba­re Risiken.

Im Orts- und Häu­ser­kampf könn­te die West­al­li­anz die tech­ni­sche Über­le­gen­heit ihres Mate­ri­als nicht in glei­chem Maße aus­spie­len wie im Kampf gegen feind­li­che Kräf­te in Feld­stel­lun­gen oder feind­li­che Pan­zer­ver­bän­de. Orts­kämp­fe könn­ten beson­ders für die angrei­fen­den Infan­te­rie­ein­hei­ten der West­al­li­anz ver­lust­reich sein und es ist frag­lich, wie die ohne­hin am The­ma ‚Kampf gegen den Irak‘ gespal­te­nen Bevöl­ke­run­gen der west­li­chen trup­pen­stel­len­den Natio­nen grö­ße­re eige­ne Ver­lus­te hin­näh­men. Wie selbst­ver­ständ­lich gehen wei­te Bevöl­ke­rungs­tei­le der Indus­trie­na­tio­nen davon aus, daß Krie­ge heu­te fast chir­ur­gisch geführt wer­den, daß ein mög­lichst hoher Tech­ni­sie­rungs­grad der eige­nen Streit­kräf­te dazu bei­trägt, Freund­ver­lus­te nahe­zu aus­zu­schlie­ßen. Doch gera­de die­se Annah­me trifft auf Kämp­fe in bebau­tem Gelän­de nicht zu. Nur zu gut erin­nern west­li­che Mili­tär­stra­te­gen an die Schock­wel­len, die das Deba­kel der US-ame­ri­ka­ni­schen ‚Task For­ce Ran­ger‘ in den Stra­ßen Moga­dis­hus in Mili­tär­krei­sen her­vor­rief. Dabei wur­de Mit­te der 90er Jah­re ein Eli­te­ver­band der US-Armee im Häu­ser­ge­wirr der soma­li­schen Haupt­stadt beim Ver­such, den Mili­zen­füh­rer Aidid zu ergrei­fen, von ein­hei­mi­schen Frei­schär­lern dezi­miert. Das US-ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär reagier­te, indem es die Aus­bil­dungs­an­tei­le ‚Kampf in bebau­tem Gelän­de‘ für alle Infan­te­rie­ein­hei­ten erhöh­te und tak­ti­sche Kon­zep­te ent­spre­chend anpaß­te. Aber auch noch so rea­lis­ti­sche Trai­nings­sze­na­ri­en redu­zie­ren die hohen Risi­ken des Häu­ser­kampfs kaum. An die Gefah­ren und poten­ti­el­len Ver­lustra­ten, die mit einer kampf­mä­ßi­gen Erobe­rung Bag­dads ver­bun­den wären, möch­te heu­te sicher noch kein alli­ier­ter Trup­pen­füh­rer denken.
Alter­na­tiv dazu stün­de der Ent­schluß, ira­ki­sche Wider­stands­nes­ter auch in zivi­len Wohn­ge­bie­ten mit dem kon­se­quen­ten Ein­satz von Artil­le­rie und Kampf­bom­bern zu besei­ti­gen. Damit müß­te sich die West­al­li­anz aber von der bis­he­ri­gen ope­ra­ti­ven Vor­ge­hens­wei­se lösen, soge­nann­te Kol­la­te­ral­schä­den auf ein Mini­mum zu redu­zie­ren. Die Wir­kung von Bil­dern im Zuge US-ame­ri­ka­ni­scher Luft­an­grif­fe getö­te­ter ira­ki­scher Kin­der und Grei­se auf die Welt­öf­fent­lich­keit könn­te die Oppo­si­ti­on gegen die ohne­hin scharf atta­ckier­te ame­ri­ka­ni­sche Offen­si­ve im Irak sowohl in der west­li­chen als auch in der ara­bi­schen Welt erheb­lich ver­stär­ken. Bil­der aus Viet­nam wür­den wach­ge­ru­fen, Erin­ne­run­gen an Zei­ten, als das ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär man­gels eines geeig­ne­ten Kon­zepts zur Füh­rung eines ‚Klei­nen Kriegs‘ zu Flä­chen­bom­bar­de­ments mit B‑52 Bom­bern griff – und damit jeden Kre­dit für ein Enga­ge­ment im ehe­ma­li­gen Indo­chi­na verspielte.
Soll­te es den ira­ki­schen Streit­kräf­ten gelin­gen, die Kam­pa­gne der West­al­li­anz im Irak unter Anwen­dung von Klein­kriegs­tech­ni­ken in meh­re­re regio­na­le Sub­kon­flik­te auf­zu­bre­chen, stün­den die haupt­säch­lich ame­ri­ka­ni­schen Ver­bän­de vor einem ernst­haf­ten Pro­blem. Der ‚Fisch im Reis­feld‘, und damit mein­te Mao Tse-Tung den hoch­mo­bi­len leicht­be­waff­ne­ten Gue­ril­la­kämp­fer, lie­ße sich von der West­al­li­anz die­ses Mal nicht so schnell stel­len wie die schwer­fäl­li­gen ira­ki­schen Pan­zer­ver­bän­de noch 1991. Was also macht ‚Klei­ne Krie­ge‘ aus, die von den west­li­chen Mili­tär­mäch­ten so gefürch­tet werden?
Klein­krie­ge sind sicher kei­ne Erfin­dung des 20. oder 21. Jahr­hun­derts. Irre­gu­lä­re Ban­den und regu­lä­re Ein­hei­ten wen­de­ten ähn­li­che Tak­ti­ken schon seit Jahr­hun­der­ten an, ohne aller­dings Bezeich­nun­gen wie ‚Gue­ril­la War­fa­re‘ oder ‚Unkon­ven­tio­nel­ler Kampf‘ zu ver­wen­den. Klein­kriegs­füh­rung basiert im Wesent­li­chen dar­auf, die Grö­ßen­vor­tei­le eines an sich über­le­ge­nen Geg­ners durch hohe Mobi­li­tät und Initia­ti­ve in der Kampf­füh­rung wett­zu­ma­chen und dem Geg­ner dabei die Gefechts­pa­ra­me­ter Ort, Zeit und Stär­ke der betei­lig­ten Trup­pen aufzuzwingen.

Bereits die Sky­then prak­ti­zier­ten ‚Hit and Run‘-Tech­ni­ken gegen gro­ße Feld­her­ren wie Dari­us und Alex­an­der den Gro­ßen, und spä­ter gegen die Römer. Gera­de die gro­ßen Arme­en der Römer, die auf wei­te Logis­tik­we­ge und stark aus­ge­bau­te Feld­la­ger ver­trau­ten, sahen sich über die Jahr­hun­der­te fast per­ma­nent Angrif­fen von Streit­kräf­ten aus­ge­setzt, die nadel­stich­ar­tig zustie­ßen und sich sofort zurück­zo­gen, sobald die gut­ge­öl­te, aber schwer­fäl­li­ge römi­sche Kriegs­ma­schi­ne­rie die Ent­schei­dung in einer Feld­schlacht such­te. Es dau­er­te lan­ge, bis die Römer erkann­ten, daß sie der­art kämp­fen­de Fein­de nur mit glei­chen Waf­fen besie­gen konn­ten und das Kon­zept der leicht­be­weg­li­chen Infan­te­rie ent­wi­ckel­ten, die sich im schwe­ren Gelän­de ähn­lich wen­dig und schnell bewe­gen konn­te wie bei­spiels­wei­se angrei­fen­de Germanenstämme.
Aus die­sen vor Jahr­hun­der­ten gemach­ten Erfah­run­gen las­sen sich Erkennt­nis­se ablei­ten, die Ange­hö­ri­ge west­li­cher Streit­kräf­te im Rah­men der Boden­ope­ra­tio­nen gegen die soge­nann­ten Ter­ror­netz­wer­ke in Afgha­ni­stan nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 mach­ten. Trotz Hub­schrau­ber­trans­port und nach Mög­lich­keit täg­li­cher Ver­sor­gungs­flü­ge erreich­ten die zu schwer bepack­ten und kon­di­tio­nell nicht immer gut vor­be­rei­te­ten Sol­da­ten der west­li­chen Streit­kräf­te kaum die hohe Mobi­li­tät der genüg­sa­men irre­gu­lä­ren Gebirgs­kämp­fer, die sich durch schnel­les Über­schrei­ten von Gebirgs­käm­men und Berg­päs­sen wie­der und wie­der Zugrif­fen ent­zie­hen konn­ten. Bis auf weni­ge Fäl­le gelang es den west­li­chen Ein­hei­ten des­halb nicht, die Ange­hö­ri­gen der ter­ro­ris­ti­schen Struk­tu­ren in Afgha­ni­stan zu stel­len und in Kampf­hand­lun­gen zu ver­wi­ckeln, in denen sie ihre über­le­ge­ne Feu­er­kraft hät­ten aus­spie­len können.
Die leid­vol­len Erfah­run­gen der deut­schen Wehr­macht mit den Par­ti­sa­nen wäh­rend des Ruß­land­feld­zugs ist ein wei­te­res Bei­spiel für die Qua­si­ni­e­der­la­ge einer kon­ven­tio­nel­len Streit­macht gegen einen Feind, der den offe­nen Kampf mied und in Form von Hand­strei­chen und Hin­ter­hal­ten genau dann zuschlug, wenn es die deut­schen Wacht­pos­ten oder anfäng­lich schwach geschütz­ten Ver­sor­gungs­kon­vois am wenigs­ten erwar­te­ten. Selbst wenn es deut­schen Jagd­kom­man­dos gelang, ein­zel­ne Grup­pen von Par­ti­sa­nen zu iso­lie­ren und zu zer­spren­gen, konn­ten sie der zel­len­ar­ti­gen Struk­tur grö­ße­rer Par­ti­sa­nen­ver­bän­de nicht wirk­lich scha­den. Am Bei­spiel der rus­si­schen Par­ti­sa­nen wird ein wei­te­rer wich­ti­ger Fak­tor der Klein­kriegs­füh­rung deut­lich: Die Moti­va­ti­on und der unbe­ding­te Wil­le zum Sieg. Auf Grund der Kriegs­g­re uel der deut­schen Inva­so­ren war ein Groß­teil der rus­si­schen länd­li­chen Bevöl­ke­run g bereit, die Par­ti­sa­nen aktiv oder zumin­dest pas­siv zu unter­stüt­zen und dabei das eige­ne Leben zu ris­kie­ren. Die Par­ti­sa­nen hiel­ten unter pri­mi­tivs­ten Bedin­gun­gen in Win­ter­ver­ste­cken aus, oft wochen­lang von der Ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln und ande­ren Ver­brauchs­gü­tern abge­schnit­ten. Exper­ten schät­zen die Zahl der durch Hun­ger und Krank­hei­ten umge­kom­me­nen Par­ti­sa­nen in den Anfän­gen des rus­si­schen Wider­stands wesent­lich höher als die Zahl der durch Kampf­hand­lun­gen Gefallenen.
Ganz ähn­li­che Erfah­run­gen mit einem hoch­mo­bi­len und erfin­dungs­rei­chen Geg­ner mach­te die fran­zö­si­sche Kolo­ni­al­ar­mee in Indo­chi­na. Die fran­zö­si­schen Gene­ra­le ver­lie­ßen sich gegen die kom­mu­nis­tisch indok­tri­nier­ten Viet­cong bis zuletzt auf gut aus­ge­bau­te Forts und ver­säum­ten es, den viet­na­me­si­schen Gue­ril­las die Mög­lich­keit zu neh­men, sich abseits der gesi­cher­ten Fahrt­stra­ßen und der genann­ten Forts zu bewe­gen. So konn­ten die Viet­cong eine eige­ne Infra­struk­tur von Ver­sor­gungs­li­ni­en und Wald­la­gern errich­ten, die es ihnen erlaub­te, auch grö­ße­re Trup­pen­kon­tin­gen­te rasch zusam­men­zu­zie­hen und zu ver­pfle­gen, gegen vor­er­kun­de­te fran­zö­si­sche Zie­le ins Gefecht zu füh­ren und danach rasch zu zer­streu­en, ohne die Kämp­fer der Gefahr eines mas­si­ven Ver­gel­tungs­schlags der Fran­zo­sen auszusetzen.

Die Viet­cong per­fek­tio­nier­ten mit Hil­fe rot­chi­ne­si­scher Aus­bil­der die­se Form des ‚Klei­nen Kriegs‘ zu einer Kunst. Dabei pro­fi­tier­ten sie in gro­ßem Maße von der man­geln­den Initia­ti­ve und tak­ti­schen Sorg­lo­sig­keit der Mas­se der fran­zö­si­schen Ein­hei­ten, die sich auf den linea­ren Schutz von Kon­vois und Rou­ti­ne­pa­trouil­len ent­lang der Ver­sor­gungs­rou­ten sowie den sta­ti­schen Wach­dienst in befes­tig­ten aus­ge­bau­ten Stel­lun­gen ver­lie­ßen. Die Viet­cong konn­ten so bis 1953 die Kon­trol­le über wei­te Gelän­de­ab­schnit­te errin­gen und ihren Rück­halt in der ört­li­chen Bevöl­ke­rung zuneh­mend aus­bau­en. 1954 hol­ten die viet­na­me­si­schen Gue­ril­la zum Todes­stoß gegen die fran­zö­si­sche Kolo­ni­al­ar­mee aus – eine Akti­on, die als die Schlacht von ‚Dien-Bien-Phu‘ in die Anna­len der Klein­kriegs­füh­rung ein­ging. Den Viet­cong gelang es, eine Rei­he unter­ein­an­der ver­netz­ter fran­zö­si­scher Forts zu umzin­geln. Zuvor hat­ten sie über Mona­te unbe­merkt die umlie­gen­den Höhen­zü­ge besetzt und mit unend­li­cher Geduld und Lei­dens­fä­hig­keit schwe­re Artil­le­rie­stü­cke nebst zuge­hö­ri­ger Muni­ti­on in güns­ti­ge Schuß­po­si­tio­nen gebracht. Die Fran­zo­sen rea­li­sier­ten das Aus­maß der Kata­stro­phe erst, als es kei­nem Ver­sor­gungs­kon­voi mehr gelang, die fran­zö­si­sche Fes­tung auf dem Land­marsch­weg zu errei­chen. Auch die Ver­sor­gung aus der Luft gestal­te­te sich ange­sichts der mas­si­ven Luft­ab­wehr­fä­hig­keit der Viet­cong immer schwie­ri­ger. Meh­re­re Ent­satz­ver­su­che fran­zö­si­scher Eli­te­ver­bän­de schei­ter­ten eben­so wie Aus­bruchs­ver­su­che der bela­ger­ten Sol­da­ten. Im Mai 1954 kapi­tu­lier­te der letz­te Stütz­punkt der fran­zö­si­schen Armee bei Dien-Bien-Phu nach här­tes­ten Nahkämpfen.
Bemer­kens­wert ist, daß die fran­zö­si­sche Armee aus die­ser Nie­der­la­ge lern­te. Wäh­rend der Gefan­gen­schaft bei den Viet­cong kamen vie­le der jun­gen fran­zö­si­schen Offi­zie­re mit dem Gedan­ken­gut Mao Tse-Tungs in Berüh­rung und lern­ten sei­ne Theo­rie vom ‚Fisch im Reis­feld‘ ken­nen. Sie ver­in­ner­lich­ten die Tak­ti­ken und Prin­zi­pi­en der sieg­rei­chen Viet­cong und trans­for­mier­ten gro­ße Tei­le die­ser ope­ra­ti­ven Leit­li­ni­en so, daß dar­aus in Kom­bi­na­ti­on mit den auf­kom­men­den mobi­len Funk­ge­rä­ten und einem revo­lu­tio­nä­ren Trans­port­mit­tel mit viel­sei­ti­gen Ein­satz­mög­lich­kei­ten, dem Hub­schrau­ber, eine moder­ne Dok­trin zur Bekämp­fung irre­gu­lä­rer Kräf­te wurde.
Bereits Ende der 50er Jah­re konn­te die fran­zö­si­sche Armee die­se Dok­trin erfolg­reich gegen die alge­ri­schen Rebel­len ein­set­zen, die für die alge­ri­sche Auto­no­mie kämpf­ten. In star­kem Kon­trast zur eher pas­si­ven Kamp­fes­wei­se in Indo­chi­na, spür­ten klei­ne beweg­li­che Ein­hei­ten eli­tä­rer fran­zö­si­scher Ver­bän­de aktiv die alge­ri­schen Ter­ro­ris­ten in deren Berg­ver­ste­cken auf und führ­ten über Funk Ver­stär­kun­gen her­an, die mit­tels Hub­schrau­bern auch in schwie­ri­gem Gelän­de ange­lan­det wer­den konn­ten, um bei­spiels­wei­se aus­wei­chen­den Rebel­len den Rück­zug abzu­schnei­den. So gewann die fran­zö­si­sche Armee die Kon­trol­le über die länd­li­chen Rück­zugs­ge­bie­te der Rebel­len­grup­pen und schnitt ihnen den Zugang zu Aus­bil­dungs­la­gern und zur Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung ab. Lan­ge bevor die Ame­ri­ka­ner ihre ‚Win­ning the Hearts and Minds‘ – Stra­te­gie im Umgang mit der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung in Viet­nam pro­pa­gier­ten, ver­ban­den fran­zö­si­sche Mili­tär­ärz­te in Alge­ri­en Abszes­se von Klein­kin­dern, unter­stütz­ten bei der Orga­ni­sa­ti­on von dörf­li­chen Hygie­ne­ein­rich­tun­gen und ver­teil­ten Impf­stoff, um der fran­zö­si­schen Admi­nis­tra­ti­on die Sym­pa­thie der Bevöl­ke­rung zu versichern.
Mili­tä­risch ähn­lich erfolg­reich gelang es den Bri­ten, die post­ko­lo­nia­len Kon­flik­te in ihrem ehe­ma­li­gen Ver­ant­wor­tungs­be­reich abzu­wet­tern. Auch der bri­ti­sche Ansatz zur Bekämp­fung irre­gu­lä­rer Kräf­te, die sich Klein­kriegs­tak­ti­ken bedien­ten, basier­te auf dem erfolg­rei­chen Ver­such, den ‚Klei­nen Krieg‘ direkt in die Ver­fü­gungs­räu­me des Fein­des zu tra­gen, um ihn nie in dem Maß zur räum­li­chen Ent­fal­tung kom­men zu las­sen, wie es den Viet­cong im Kon­flikt mit den Fran­zo­sen mög­lich war.

In Malay­sia und auf Bor­neo ent­wi­ckel­ten die Bri­ten das Modell soge­nann­ter Wehr­dör­fer. Dabei über­zeug­ten sie die Dorf­äl­tes­ten abge­le­ge­ner Sied­lun­gen davon, bri­ti­sche Sol­da­ten bei mili­tä­ri­schen Akti­vi­tä­ten im Umfeld des Dorfs vor allem durch Infor­ma­ti­ons­wei­ter­ga­be zu unter­stüt­zen. Im Gegen­zug stell­ten die Bri­ten den Schutz der Sied­lung sicher und ver­hin­der­ten so, daß männ­li­che Jugend­li­che von Ter­ro­ris­ten zwangs­re­kru­tiert oder von die­sen in gro­ßem Stil Nah­rungs­mit­tel requi­riert wur­den. Die­ses Kon­zept wur­de spä­ter von den Ame­ri­ka­nern im Viet­nam­krieg ver­fei­nert und vor allem in der Koope­ra­ti­on mit chi­ne­si­schen, lao­ti­schen und kam­bo­dscha­ni­schen Stäm­men gegen die nord­viet­na­me­si­schen Klein­kriegs­ver­bän­de wei­ter­ge­führt. Inwie­weit ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär­be­ra­ter und Ange­hö­ri­ge west­li­che Nach­rich­ten­diens­te im jüngs­ten Irak-Krieg Kon­takt mit Min­der­hei­ten im Irak auf­nah­men, um die­se zur Koope­ra­ti­on gegen die ira­ki­schen Streit­kräf­te zu bewe­gen, ist rein spekulativ.
Seit Jahr­hun­der­ten hat sich die Tak­tik von Klein­kriegs­kräf­ten nur wenig geän­dert. Der viel­leicht wich­tigs­te Fak­tor der Neu­zeit ist die gute Ver­füg­bar­keit von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln wie Mobil­funk oder Sat­com. Dies ermög­licht auch irre­gu­lä­ren Kräf­ten, Aktio­nen über wei­te Ent­fer­nun­gen hin zu koor­di­nie­ren und ein weit­ver­zweig­tes Logis­tik­netz zu errichten.
Kon­trär dazu ver­lief die Ent­wick­lung, Aus­rüs­tung und Aus­bil­dung regu­lä­rer west­li­cher Streit­kräf­te, die nun in zuneh­men­dem Maß von Groß­ge­rät und auf­wen­di­gen logis­ti­schen Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen abhän­gig sind, seit Been­di­gung des Kal­ten Kriegs aber wahr­schein­lich nicht mehr gegen einen kon­ven­tio­nell kämp­fen­den Geg­ner antre­ten müs­sen, der die Ent­schei­dungs­schlacht in pan­zer­güns­ti­gem Gelän­de sucht. Es ist erstaun­lich, daß die von Ame­ri­ka­nern geführ­te neu­es­te Ope­ra­ti­on gegen Sad­dam Hus­sein den­noch auf eine sym­me­tri­sche Ver­tei­di­gungs­hal­tung der ira­ki­schen Armee ver­traut. Gera­de die völ­li­ge kon­ven­tio­nel­le Unter­le­gen­heit der Ira­ker läßt die Annah­me zu, sich die ira­ki­schen Streit­kräf­te in ihren Ver­tei­di­gungs­ope­ra­tio­nen an Klein­kriegs­tak­ti­ken anleh­nen. Bleibt abzu­war­ten, wie sich die west­li­che Alli­anz auf die­se etwai­ge Her­aus­for­de­rung, gera­de bei Kampf­hand­lun­gen in bebau­tem Gelän­de, ein­ge­stellt hat.

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