1. April 2003

Der Brand – (k)ein Historikerstreit

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession  1 / April 2003

sez_nr_1von Christian Vollradt

„Über den Bombenkrieg ist viel geschrieben worden, seit langem aber nichts über seine Leideform“, konstatiert Jörg Friedrich einleitend in seinem im vergangenen November erschienenen Buch Der Brand. Detailliert schildert er darin, wie der anglo-amerikanische Feldzug zur Luft wissenschaftlich geplant, durchgeführt und am Boden erlitten wurde, wie die Waffe „Bombe“ funktionierte, die kein punktuelles Ziel fand, sondern Ziele schuf und so einen „Vernichtungsraum“ herstellte, wie die Strategie des moral bombing aussah, mit deren Hilfe der Durchhaltewille der Zivilbevölkerung gebrochen, Deutschland – laut Churchill – in eine Wüste verwandelt werden sollte, und wie wenig gerechtfertigt die Angriffe im Verhältnis zu ihrem militärischen Nutzen erscheinen. Drei Faktoren betont Friedrich im Gegensatz zur älteren Literatur über den Bombenkrieg: seine Dauer, seinen Zerstörungsradius und seinen Charakter als Brandkrieg. Immer wieder läßt er Augenzeugen zu Wort kommen, die das Geschehen erlebt haben, und er zitiert aus archivierten Aufzeichnungen, die unmittelbar nach den Bombenangriffen entstanden sind. Ein „Kolossalgemälde des Schreckens in den bombardierten Städten“ nennt der Militärhistoriker Horst Boog das Werk, das minutiös die Landkarte der Zerstörungen nachzeichnet.

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Dem Vorwurf historischer Einseitigkeit entzieht sich der Autor, indem er weder die vorausgegangenen deutschen Angriffe, noch die hohen Verluste auf alliierter Seite verschweigt. Dennoch mußte sein aus der Opferperspektive gezogenes Resümee - wonach „die erste Nation, an der die losgelassene Kriegsfurie der Lüfte gründlich, konsequent und bis zur Verwüstung erprobt wurde, die deutsche gewesen“ sei -, für Aufsehen sorgen.
In den meisten Beiträgen der Debatte zu Friedrichs Brand wird die Vorreiterrolle des Autors hervorgehoben, der ein lange tabuisiertes Thema wieder aufgegriffen hat. Es sei, so stellte Volker Ullrich in der Zeit fest, in der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik „gemieden“ worden. „Und dafür gab es gute Gründe: Denn wer vom deutschen Leid sprach, weckte den Verdacht, von deutschen Verbrechen ablenken und Schuld aufrechnen zu wollen“. Fast gleichlautend die Rechtfertigung von Hans-Ulrich Wehler in seiner Besprechung für die Süddeutsche Zeitung, der erklärt, warum sich seine Zunft mit diesem Thema noch nicht umfassender beschäftigt habe: Der alliierte Bombenkrieg gegen Deutschland „... war bisher in der Tat ein vernachlässigtes Thema der deutschen Zeitgeschichte“, weil „man den Vorwurf der Aufrechnung“ mit den Opfern des „Holocaust und des antislawischen Vernichtungskriegs“ scheute.
Hat Friedrich nun, indem er diese Scheu ablegte, einen „neuen Historikerstreit“ (Heimo Schwilk) ausgelöst? Folgt wieder eine Debatte, in der vor einem drohenden Revisionismus gewarnt und die Unvergleichbarkeit deutscher Verbrechen postuliert wird? Auf den ersten Blick gibt es tatsächlich Anzeichen dafür.
So wird moniert, daß Friedrich nicht permanent betone, daß: „Hitler und seine Deutschen ... den Krieg vorbereitet und entfesselt“ haben, oder daß der „englische Angriff auf deutsche Städte ... Reaktion, nicht Initiative“ (Wehler) war. Der Autor versäume „... weitgehend, den politisch-militärischen Kontext deutlich zu machen“ und halte sich, „... was die historisch-moralische Bewertung des Geschehens angeht, merkwürdig bedeckt“ (Ullrich). Dagegen pflichtet der Göttinger Gewaltforscher Wolfgang Sofsky ausdrücklich Friedrichs These bei, daß der verbrecherische Charakter des NS-Systems und die Tatsache, daß Deutschland den Krieg begonnen habe, nicht den Terror gegen die deutsche Zivilbevölkerung legitimierten: „Der Krieg ist kein Automat, bei dem die Gegenseite keine Verantwortung für ihre eigenen Mittel hätte“. Zwar, so Ullrichs Kritik, bezeichne Friedrich weder in seinem Buch noch in der Debatte die Verantwortlichen auf alliierter Seite als Kriegsverbrecher, impliziere dies jedoch durch den „emotionalisierenden Duktus der Darstellung“.
Ein weiterer Vorwurf gegen die Darstellung ist die „undisziplinierte Sprache“: Friedrich benutze für die Beschreibung des Bombenkriegs Begriffe, die „aus guten Gründen für den Vernichtungskrieg gegen Juden und Slawen reserviert“ waren (Wehler). Wenn er brennende Luftschutzkeller als Krematorien bezeichnet, von Vernichtungsangriffen oder Massakern schreibt und die Toten Ausgerottete nennt, „... hat man sprachlich die völlige Gleichsetzung mit dem Holocaust“. Mit Blick auf die von Wehler und anderen monierte Wortwahl Friedrichs – Massaker, Vernichtung, Krematorien, Bücherverbrennung – stellt Sofsky gegenüber der Zeitschrift Geo fest: „Sprachliche Vorbehalte werden manchmal aktiviert, wenn man in der Sache wenig einwenden kann, aber seine altgewohnte Reserve erhalten möchte. Man muß …ein Verbrechen ein Verbrechen nennen, wer immer es verübt hat“.
Vor solchen „moralisierenden Urteilen“ warnt Wehler in einem Spiegel-Interview, in welchem er seiner Sorge über die mögliche Entstehung eines „modischen Opferkults“ Ausdruck verleiht. Ein solcher Opferkult könnte eine „kostbare Errungenschaft der letzten Jahrzehnte“ zerstören: „die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen jüngeren Geschichte“.

Doch gerade diese (nicht immer ganz freiwillige) Selbstkritik ist über Jahrzehnte hinweg hoch emotionalisiert worden, vor allem mit der permanent wiederholten Abbildung der grausam entstellten Opfer. In diesem Fall sind moralisierende Urteile keineswegs verpönt, im Gegenteil herrscht oft genug ein volkspädagogischer, gerade mit dem Erschrecken erziehen wollender Tonfall. Friedrich selbst weist ausdrücklich auf den Wiedererkennungseffekt hin, der sich bei seinen Schilderungen einstellt. Unterschiedlich sei nur die Herkunft, nicht die Art der Opfer. Hinter der dadurch ausgelösten Provokation steht, so gibt er zu bedenken, „... daß all diese Formen des totalen Krieges bei uns besetzt sind mit der Barbarei des deutschen Menschen“, was „wohl doch ein Irrtum“ sei.
Der Vorwurf des unzulässigen Moralisierens prallt an Friedrich gerade deshalb ab, weil er die Unterscheidung von guten und bösen Opfern für obsolet hält. Und gegen die These der kollektiven Schuld deutscher Opfer führt er schlicht aus: Die Frauen und Kinder in den Luftschutzkellern haben den Krieg nicht begonnen und sie waren nicht die Adressaten, wenn es darum ging, ihn zu beenden. Für eine entsprechende Äußerung in der ZDF-Sendung „Der Bombenkrieg“ erfährt Friedrich in der Frankfurter Allgemeinen Zuspruch, wohingegen seinem Gegenpart Ralph Giordano „umgekehrte Aufrechnung“ vorgeworfen wird: „Daß es auch unter Deutschen Opfer gab, denen sich keine Schuld zurechnen läßt, ist für manchen ein schwer erträglicher Gedanke.“
Was die Debatte über den Bombenkrieg trotz der in manchem Feuilleton gegen Friedrichs gerichteten Einwände von vorherigen Auseinandersetzungen um die Historisierung deutscher Vergangenheit – sei es der Historikerstreit, sei es die Auseinandersetzung um das Gedenken an den 8. Mai 1945 oder die Empörung über die Paulskirchen-Rede Martin Walsers – unterscheidet, ist das Fehlen eines Lagers, das die Diskussion per se für schädlich hält. Denn auch bei Wehler oder Ullrich wird der „Gezeitenwechsel der öffentlichen Wahrnehmung“ nicht verdammt, sondern von einer „belebenden Diskussion“, einer „reinigenden Debatte“ und der Notwendigkeit historischer Vergleiche gesprochen. Das Tabu deutscher Opfer in der offiziellen Erinnerungskultur hatte eine Funktion, pflichtet Friedrich bei, die „Versöhnung mit den Gegnern“. Heute dagegen sei die „kathartische Vergegenwärtigung“ des Bombeninfernos, das die deutschen Städte und mit ihrer Zerstörung auch die historische Seele der Nation so nachhaltig beschädigte, wichtig. Die Auflagen seines Buches, seine Präsenz auf dem Bildschirm und die Besucherzahlen bei seinen Lesungen geben ihm bei dieser Einschätzung offenbar Recht.
Daß Friedrich das Wagnis des Tabubruchs augenscheinlich erleichtert wurde, liegt zu einem kleinen Teil auch an seiner eigenen politischen Vergangenheit als „Linksradikaler“ oder „Trotzkist“. Geprägt wurde er durch das Milieu der Achtundsechziger, wo man „... zum Verhalten der Nazi-Väter eine staatsanwaltschaftliche Attitüde einzunehmen“ pflegte, wie er selbst zugab. Seine bisherigen Veröffentlichungen über die Nachkriegskarrieren von NSFunktionären, über deutsche Kriegsverbrechen im Ostfeldzug und seine Mitwirkung an der Enzyklopädie des Holocaust lassen den Vorwurf der relativierenden Absicht seines aktuellen Werks ins Leere laufen. Auch er habe die Verheerungen deutscher Städte lange Zeit als eine gerechte Strafe verstanden und sei von dieser Einstellung erst durch die Lektüre der Akten des britischen bomber command abgekommen.
Für die große Resonanz, die Der Brand fand, mag auch verantwortlich gewesen sein, daß der Boden bereits vorbereitet war: durch die im Frühjahr 2002 erschienene Erzählung Im Krebsgang von Günter Grass, die die Katastrophe des 1945 versenkten Flüchtlingsschiffs „Wilhelm Gustloff“ wieder in Erinnerung rief – verfaßt von jemandem, dem nicht gerade der Ruf anhaftet, konservativ zu sein. Auch durch das Aufgreifen des Themas Vertreibung in Serien des Spiegel und des Fernsehens sei in diesem Jahr eine „neue Unbefangenheit“ entstanden, werde es wieder möglich, „um Deutschland zu trauern“ und „... jenseits aller Ressentiments Mitleid mit Flüchtlingen, Vertriebenen und Ausgebombten zu haben“, so Berthold Seewald in der Welt. Das Interesse am Bombenkrieg entspringe nicht einem „Wunsch nach revanchistischer, verharmlosender oder gar exculpierender Deutung“. Stattdessen habe die „Geschichte die Deutschen wieder eingeholt“ und sei an die Stelle von „allgegenwärtiger Schuld“ getreten.
So überwiegt der Tenor, Der Brand sei „zur rechten Zeit“ erschienen: „Die unbestreitbare Schuld der Deutschen“, so Cora Stephan, „... hat es ihren Nachbarn lange Zeit ermöglicht, über die eigene Verstrickung hinwegzusehen“. Es sei Zeit, auch das als Kriegsverbrechen zu bezeichnen, „... was man gewohnt war, als mehr oder weniger gerechtfertigte Rache hinzunehmen“. Und Heimo Schwilk konstatiert, Wahrheiten hätten Konjunkturen, es herrsche das „... Phänomen eines Opportunitätskalküls, mit dem Tabus gebrochen werden, wenn sie reif sind“.
Im sogenannten Historikerstreit von 1986 über die Frage der Vergleichbarkeit von Hitlers und Stalins Terror meinte Jürgen Habermas noch vor einer Rückkehr der Deutschen „... zu einer konventionellen Form ihrer nationalen Identität“ warnen zu müssen, die „die einzig verläßliche Basis unserer Bindung an den Westen zerstört“. Dieser Ruf ist in der Debatte um Der Brand nicht zu vernehmen; wahrscheinlich hat das „moralische Grundgesetz der Bundesrepublik“ (Seewald) seinen Bezug zur politischen Realität eingebüßt.


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