Relativer Bellizismus

pdf der Druckfassung aus Sezession 1 / April 2003

Thema "Krieg" auf der 3. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik

von Cornelius Fischer

Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, Angehöriger der Frankfurter Schule, wurde in den 60er Jahren einmal gefragt, weswegen um alles in der Welt nach wie vor die kleinen Buben mit Zinnsoldaten spielten.

 Gastbeitrag

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Bet­tel­heim soll geant­wor­tet haben, daß es mit Zinn­pa­zi­fis­ten ein­fach nicht zu machen sei.

Die Fra­ge hät­te abs­trak­ter gestellt wer­den kön­nen: Wenn davon aus­zu­ge­hen ist, daß Krieg ein Kon­strukt oder eine aner­zo­ge­ne Dis­po­si­ti­on sei, war­um ist er dann noch nicht aberzo­gen? Oder knap­per: „Krieg – nur eine Erfin­dung?“ So frag­te der His­to­ri­ker Karl­heinz Weiß­mann in sei­nem Ein­füh­rungs­vor­trag zur 3. Win­ter­aka­de­mie des Insti­tuts für Staats­po­li­tik (IfS), die Ende Febru­ar zum The­ma „Krieg“ ver­an­stal­tet wurde.

Weiß­manns Ant­wort, daß Krieg kei­ne Erfin­dung, son­dern eine anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te sei, war zu erwar­ten: Zu Weiß­manns Schutz muß auch gesagt wer­den, daß er die Fra­ge nicht in der Hoff­nung stell­te, sie mit einem „Ja“ beant­wor­ten zu kön­nen. Zuviel stich­hal­ti­ge For­schung hat den eigent­lich evi­den­ten Sach­ver­halt erhär­tet und alles Fabu­lie­ren von künst­li­chen und päd­ago­gi­sier­ba­ren Sozi­al­kon­struk­ten wenigs­tens in die­sem Feld wider­legt. Und doch war Weiß­manns Fra­ge­stel­lung mit Blick auf die Unfä­hig­keit der deut­schen Poli­tik, poli­tisch zu den­ken, rich­tig gestellt und ver­riet etwas über den päd­ago­gi­schen Ansatz der für ein jun­ges Publi­kum kon­zi­pier­ten Akademie.

Um zu erklä­ren, wor­um es Weiß­mann – und damit dem Insti­tut für Staats­po­li­tik – ging, könn­te es hilf­reich sein, ihn selbst einer der Grund­ein­stel­lun­gen zuzu­ord­nen, die er in sei­nem Vor­trag beschrieb. Daß es ange­sichts der außer­ge­wöhn­li­chen Bedeu­tung des Krie­ges für die Geschich­te des Men­schen unab­ding­bar sei, sich zu die­sem Phä­no­men zu ver­hal­ten, führt zu vier ide­al­ty­pi­schen Posi­tio­nen: Der abso­lu­te Bel­li­zis­mus, das heißt die Auf­fas­sung, daß der Krieg „natür­lich“ und inso­fern gerecht­fer­tigt sei, und der rela­ti­ve Bel­li­zis­mus, der den Krieg für ein not­wen­di­ges Übel hält, das eben nicht nur nega­ti­ve Sei­ten hat, son­dern auch als „Stahl­bad“ der Völ­ker dient, ste­hen den bei­den pazi­fis­ti­schen Posi­tio­nen gegen­über: Hier ist der rela­ti­ve Pazi­fis­mus noch bereit, den Krieg als ulti­ma ratio zu begrei­fen, wobei mög­lichst alle mili­tä­ri­schen Aktio­nen ver­mie­den wer­den soll­ten. Kom­pro­miß­los gegen jed­we­de Gewalt­an­wen­dung – und damit auch gegen den Krieg – tritt hin­ge­gen der abso­lu­te Pazi­fis­mus an.

Wie immer berüh­ren sich die Extre­me wie die Enden eines Huf­ei­sens. Bei­den abso­lu­ten Hal­tun­gen hängt etwas Reli­giö­ses an, etwas von der Poli­tik Gelös­tes: Wenn der abso­lu­te Bel­li­zist um des Töten wil­lens tötet und sei­nen Urtrieb fei­ert, ist er nicht weit ent­fernt vom abso­lu­ten Pazi­fis­ten, der die „Ethi­sche Irra­tio­na­li­tät“ (Max Weber) der Welt nicht erträgt und sich zur Taten­lo­sig­keit ver­dammt. Poli­tisch in dem Sin­ne, daß Krieg und Poli­tik auf­ein­an­der bezo­gen und in ihrem Ver­hält­nis nicht ent­frem­det begrif­fen wür­den, sind nur die bei­den mitt­le­ren Positionen.

Hier hat auch das Den­ken Weiß­manns sei­nen Platz: Es ist poli­tisch, kreist um das Mach­ba­re und kann dem Lager des rela­ti­ven Bel­li­zis­mus zuge­ord­net wer­den, weil es an ande­rer Stel­le – und im Ver­lauf der Aka­de­mie eben­falls immer wie­der – die Deka­denz als eines der Grund­übel deut­scher Staat­lich­keit aus­macht. Krieg, Aus­ein­an­der­set­zung an sich sind dann Antriebs­kräf­te einer Wie­der­be­le­bung altru­is­ti­scher Tugen­den wie Selbst­lo­sig­keit und Kameradschaft.

So zu den­ken, folgt dem Bei­spiel von Molt­kes, der den berühm­ten Satz sprach: „Der ewi­ge Frie­de ist ein Traum, und nicht ein­mal ein schö­ner“, miß­ver­stan­den und aus­ge­beu­tet ohne sei­ne Fort­set­zung: „Ohne Krieg wür­de die Welt dem Mate­ria­lis­mus ver­fal­len“. Molt­ke ver­rät sich mit sol­chen Wor­ten als Ver­tre­ter des rela­ti­ven Bel­li­zis­mus. Daß der Ver­fall kate­go­ri­scher Ord­nun­gen und die damit ein­her­ge­hen­de Deka­denz bereits ein­mal eine hal­be Genera­ti­on zu abso­lu­ten Bel­li­zis­ten gemacht hat­te, beschrieb der Ger­ma­nist Frank Lis­son in sei­nem Vor­trag über „Die schö­nen Gedan­ken, die töten“.

Es waren eben nicht nur ein paar Ein­zel­ne, die sich auf „blut­be­tau­ten Wie­sen“ (Ernst Jün­ger) eine Revi­ta­li­sie­rung ihrer eige­nen Sub­stanz und der ihrer Nati­on erhoff­ten. Weiß­manns Vor­trag ist – in stark gekürz­ter Fas­sung – in die­sem Heft doku­men­tiert (S. 14–19). Auch der sicher­heits­po­li­ti­sche Bera­ter der CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on, Erich Vad, hat sei­ne Gedan­ken über „Frie­dens­si­che­rung und Geo­po­li­tik im Den­ken Carl Schmitts“ (S. 20–25) auf der Aka­de­mie des IfS vor­ge­tra­gen, eben­so Oberst a. D. Klaus Ham­mel sein Autoren­por­trait über den israe­li­schen Mili­tär­theo­re­ti­ker Mar­tin van Creveld (S. 2–7).

Und gera­de Vad ver­wirr­te, weil er völ­lig unvor­ein­ge­nom­men den „jüngs­ten Klas­si­ker des poli­ti­schen Den­kens“ (Bern­hard Will­ms) auf die ganz aktu­el­le Außen­po­li­tik der Bun­des­re­pu­blik bezog: Vad zer­leg­te Josch­ka Fischer mit Carl Schmitt, ohne sich durch die zeit­wei­li­ge Nähe Schmitts zum NS des­sen Den­ken von vorn­her­ein zu ver­bie­ten. Gleich­zei­tig aber plä­dier­te Vad bei­na­he vehe­ment für einen fai­ren Blick auf die USA und für einen ana­ly­ti­schen, lern­be­gie­ri­gen Blick auf ein gera­de aus staats­po­li­ti­scher Sicht fas­zi­nie­ren­des Phä­no­men: daß es näm­lich den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gelun­gen sei, über einen natio­na­len Mythos im Ernst­fall eine homo­ge­ne Mobi­li­sie­rung ihrer völ­lig hete­ro­ge­nen Bevöl­ke­rung zu bewerkstelligen.

Daß das Impe­ri­um dabei sei, die ohne­hin schon brü­chi­ge inter­na­tio­na­le Rechts­ord­nung zu pul­ve­ri­sie­ren, war neben dem real­po­li­ti­schen Ansatz der zwei­te rote Faden der Win­ter­aka­de­mie. Der His­to­ri­ker Dag Krie­nen von der „Depri­va­ti­sie­rung zur Repri­va­ti­sie­rung des Kriegs“. Wie kann die Errun­gen­schaft einer „Hegung des Kriegs“ erhal­ten blei­ben, wenn der Krieg abso­lut wird und das Zivil­le­ben in einer tota­len Mobil­ma­chung den sel­ben Arbeits­cha­rak­ter annimmt wie die Streit­kräf­te? Eine Dis­kus­si­on der The­sen des Buchs Der Brand von Jörg Fried­rich zeig­te, daß genau die­se Ana­ly­se einer tota­len Mobil­ma­chung zur Kon­zep­ti­on einer flä­chen­haf­ten Stö­rung und Zer­stö­rung des Räder­werks „Stadt“ geführt habe.

Mitt­ler­wei­le sind die Metho­den fei­ner gewor­den: Ein Vor­trag über den „Offen­si­ven Infor­ma­ti­ons­krieg“, ent­lang der Ana­ly­sen von Geb­hard Gei­ger (sie­he in die­sem Heft S. 26–31), zeig­te, daß im Zeit­al­ter des Angriffs ohne Vor­warn­zeit die ein­zi­ge Ver­tei­di­gung in der Prä­ven­ti­on lie­ge: Neue Mili­tär­dok­tri­nen der USA spre­chen die Not­wen­dig­keit des Prä­ven­tiv­kriegs in den Berei­chen Pro­li­fe­ra­ti­on, Ter­ro­ris­mus und vor allem des com­pu­ter­ge­stütz­ten Infor­ma­ti­ons­kriegs offen aus. In der Tat ist der nicht­er­klär­te Krieg auf der Ebe­ne des Kom­man­do­un­ter­neh­mens längst Rea­li­tät. Das Kriegs­völ­ker­recht erfährt dabei eine wei­te­re Aus­höh­lung, weil am Com­pu­ter zwi­schen Kom­bat­tant und Nicht­kom­bat­tant kein Unter­schied mehr besteht.

Das Recht zur Prä­ven­ti­on lei­tet sich dabei nicht zuletzt aus einem wich­ti­gen Bestim­mungs­stück der post­mo­der­nen Kriegs­füh­rung her: der Asym­me­trie. Der Auf­wand, in einem Com­pu­ter­la­den Hard- und Soft­ware zu kau­fen und zu hacken steht in kei­nem Ver­hält­nis zu den Schä­den in den Infra­struk­tur­be­rei­chen eines Staa­tes, die Ziel des Hacker­an­griffs waren. Mit einem Tep­pich­mes­ser, einem Groß­raum­flug­zeug und einem Hoch­haus ver­hält es sich ebenso.

So kreis­te die Aka­de­mie um drei The­men: um das Ver­hält­nis zwi­schen Poli­tik und Krieg, um die Hegung und um die Asym­me­trie des neu­en Krie­ges. Daß zumin­dest die ers­ten bei­den Pro­blem­be­rei­che mit der Schwä­che der Staat­lich­keit und dem Auf­ge­ben des Macht­mo­no­pols durch den Staat zu tun hät­ten, wur­de in der Abschluß­be­spre­chung herausgehoben.

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