Sezession
1. Juli 2003

Gerhard Nebel

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 2 / Juli 2003 wird nachgetragen

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Ein Autorenportrait zum 100. Geburtstag

Warum widmet die Deutsche Post in diesem Jahr Theodor W. Adorno, Hans Jonas und Reinhold Schneider Briefmarken? Weil sich ihre Geburtstage zum hundersten Mal jähren. Nun wird nicht jeder, der vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte, auf solche Weise geehrt. Die Auswahl hat immer etwas mit Erinnerungspolitik zu tun, und Adorno, Jonas und Schneider spielen für das Selbstverständnis der Bundesrepublik eine Rolle. Adorno begründete die kritische Sozialphilosophie, die ein indirekter Anstoß für die bis heute wirkende Kulturrevolution der Generation von '68 war. Schneider wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit als gutes Gewissen des christlichen Deutschlands vereinnahmt und Jonas wies schon in den sechziger Jahren auf die anthropologisch-ökologischen Probleme hin, die bis heute aktuell sind.

Gerhard Nebel wäre am 26. September dieses Jahres einhundert Jahre alt geworden. Er hat – wie Jonas – ökologische Fragestellungen aufgeworfen und diskutiert, als dies noch nicht zum großen Thema geworden war. Und wie Schneider repräsentierte er während der Nachkriegszeit ein „anderes Deutschland“, besaß Bewegungsfreiheit und spielte als Vermittler von Kontakten und Katalysator von Gedanken „... in dem kulturellen Vakuum zwischen dem deutschen Zusammenbruch und der Konsolidierung der Bundesrepublik in Westdeutschland eine nicht unbedeutende Rolle“, wie Armin Mohler schreibt. Obwohl Nebel also zeitweise in der Öffentlichkeit sehr präsent war, wird keine Briefmarke an ihn erinnern. Unzählige Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in Merian sowie dreißig Bücher, vor allem Reiseberichte und Interpretationen antiker Stoffe, reichten nicht aus, um im kulturellen Gedächtnis der Deutschen zu bleiben. Dafür gibt es Gründe: Die Arbeit Nebels bietet letztendlich weniges von bleibendem Wert, und seine zeitweilige Popularität war den Zeitumständen geschuldet. Nebels Stärke lag in der Kompilation und der Verdeutlichung von Gedanken anderer. Zudem hat er selbst die Rezeption seines Werkes durch menschliche Eigentümlichkeiten unnötig erschwert. Für diese Vermutung gibt Nebels von Konflikten und Brüchen bestimmte Biographie genügend Anhaltspunkte. Der in Dessau geborene Sohn eines Volksschullehrers verlor schon früh beide Eltern und wuchs beim älteren Bruder in Koblenz auf. Nach dem Abitur zwang ihn die Not zunächst zum Beruf des Journalisten, bevor er das Studium der Philosophie und klassischen Philologie in Freiburg aufnahm. Die dortige Begegnung mit Heidegger hat er als „Ereignis meiner Biographie“ beschrieben, die ihn entscheidend geprägt habe. In Heidelberg hörte er bei Karl Jaspers, der ihm Max Weber nahebrachte. Nach der Promotion in Philosophie wurde Nebel Lehrer und begann seine Tätigkeit mit dem Referendariat an einem Gymnasium in Köln. Mehrere Anstellungen verlor er in der Folgezeit, - wegen sozialistischer Agitation oder durch die mutmaßliche Verführung einer Schülerin. Anfang der dreißiger Jahre trat Nebel aus einem diffusen Gefühl, sich gegen herrschende soziale Ungerechtigkeiten engagieren zu müssen, der SPD bei, um wenig später zur radikaleren Soziali-stischen Arbeiterpartei überzutreten.
Nach 1933 zog Nebel sich in einen „individuellen Anarchismus“ zurück und nutzte bald darauf die Gelegenheit, Deutschland in Richtung Ägypten zu verlassen. Er trat eine Hauslehrerstelle bei Kairo an, überwarf sich aber auch dort mit seinem Arbeitgeber und mußte wenig später nach Deutschland zurückkehren. Hier legte ihm die Schulbehörde den Eintritt in die NSDAP nahe, Nebel folgte der Aufforderung und erhielt daraufhin wieder eine Lehrerstelle. Schon 1938 nahm er aber eine Einladung ins ehemalige Deutsch-Ostafrika an, wo er sich ein halbes Jahr aufhielt und vor allem das Kilimandscharogebiet bereiste. Er arbeitete als Lehrer in einer deutschen Schule, als Barkeeper und auf einer Sisalfarm. In Afrika begann Nebel seine Eindrücke zu notieren und schuf so die Grundlage für sein erstes selbständiges Buch, das 1939 unter dem Titel Feuer und Wasser in der Hanseatischen Verlagsanstalt erschien.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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