Gerhard Nebel

pdf der Druckfassung aus Sezession 2 / Juli 2003 wird nachgetragen

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Ein Autorenportrait zum 100. Geburtstag

Warum widmet die Deutsche Post in diesem Jahr Theodor W. Adorno, Hans Jonas und Reinhold Schneider Briefmarken? Weil sich ihre Geburtstage zum hundersten Mal jähren. Nun wird nicht jeder, der vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickte, auf solche Weise geehrt. Die Auswahl hat immer etwas mit Erinnerungspolitik zu tun, und Adorno, Jonas und Schneider spielen für das Selbstverständnis der Bundesrepublik eine Rolle. Adorno begründete die kritische Sozialphilosophie, die ein indirekter Anstoß für die bis heute wirkende Kulturrevolution der Generation von '68 war. Schneider wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit als gutes Gewissen des christlichen Deutschlands vereinnahmt und Jonas wies schon in den sechziger Jahren auf die anthropologisch-ökologischen Probleme hin, die bis heute aktuell sind.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Ger­hard Nebel wäre am 26. Sep­tem­ber die­ses Jah­res ein­hun­dert Jah­re alt gewor­den. Er hat – wie Jonas – öko­lo­gi­sche Fra­ge­stel­lun­gen auf­ge­wor­fen und dis­ku­tiert, als dies noch nicht zum gro­ßen The­ma gewor­den war. Und wie Schnei­der reprä­sen­tier­te er wäh­rend der Nach­kriegs­zeit ein „ande­res Deutsch­land“, besaß Bewe­gungs­frei­heit und spiel­te als Ver­mitt­ler von Kon­tak­ten und Kata­ly­sa­tor von Gedan­ken „… in dem kul­tu­rel­len Vaku­um zwi­schen dem deut­schen Zusam­men­bruch und der Kon­so­li­die­rung der Bun­des­re­pu­blik in West­deutsch­land eine nicht unbe­deu­ten­de Rol­le“, wie Armin Moh­ler schreibt. Obwohl Nebel also zeit­wei­se in der Öffent­lich­keit sehr prä­sent war, wird kei­ne Brief­mar­ke an ihn erin­nern. Unzäh­li­ge Arti­kel in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung und in Meri­an sowie drei­ßig Bücher, vor allem Rei­se­be­rich­te und Inter­pre­ta­tio­nen anti­ker Stof­fe, reich­ten nicht aus, um im kul­tu­rel­len Gedächt­nis der Deut­schen zu blei­ben. Dafür gibt es Grün­de: Die Arbeit Nebels bie­tet letzt­end­lich weni­ges von blei­ben­dem Wert, und sei­ne zeit­wei­li­ge Popu­la­ri­tät war den Zeit­um­stän­den geschul­det. Nebels Stär­ke lag in der Kom­pi­la­ti­on und der Ver­deut­li­chung von Gedan­ken ande­rer. Zudem hat er selbst die Rezep­ti­on sei­nes Wer­kes durch mensch­li­che Eigen­tüm­lich­kei­ten unnö­tig erschwert. Für die­se Ver­mu­tung gibt Nebels von Kon­flik­ten und Brü­chen bestimm­te Bio­gra­phie genü­gend Anhalts­punk­te. Der in Des­sau gebo­re­ne Sohn eines Volks­schul­leh­rers ver­lor schon früh bei­de Eltern und wuchs beim älte­ren Bru­der in Koblenz auf. Nach dem Abitur zwang ihn die Not zunächst zum Beruf des Jour­na­lis­ten, bevor er das Stu­di­um der Phi­lo­so­phie und klas­si­schen Phi­lo­lo­gie in Frei­burg auf­nahm. Die dor­ti­ge Begeg­nung mit Hei­deg­ger hat er als „Ereig­nis mei­ner Bio­gra­phie“ beschrie­ben, die ihn ent­schei­dend geprägt habe. In Hei­del­berg hör­te er bei Karl Jas­pers, der ihm Max Weber nahe­brach­te. Nach der Pro­mo­ti­on in Phi­lo­so­phie wur­de Nebel Leh­rer und begann sei­ne Tätig­keit mit dem Refe­ren­da­ri­at an einem Gym­na­si­um in Köln. Meh­re­re Anstel­lun­gen ver­lor er in der Fol­ge­zeit, – wegen sozia­lis­ti­scher Agi­ta­ti­on oder durch die mut­maß­li­che Ver­füh­rung einer Schü­le­rin. Anfang der drei­ßi­ger Jah­re trat Nebel aus einem dif­fu­sen Gefühl, sich gegen herr­schen­de sozia­le Unge­rech­tig­kei­ten enga­gie­ren zu müs­sen, der SPD bei, um wenig spä­ter zur radi­ka­le­ren Sozia­li-sti­schen Arbei­ter­par­tei überzutreten.
Nach 1933 zog Nebel sich in einen „indi­vi­du­el­len Anar­chis­mus“ zurück und nutz­te bald dar­auf die Gele­gen­heit, Deutsch­land in Rich­tung Ägyp­ten zu ver­las­sen. Er trat eine Haus­leh­rer­stel­le bei Kai­ro an, über­warf sich aber auch dort mit sei­nem Arbeit­ge­ber und muß­te wenig spä­ter nach Deutsch­land zurück­keh­ren. Hier leg­te ihm die Schul­be­hör­de den Ein­tritt in die NSDAP nahe, Nebel folg­te der Auf­for­de­rung und erhielt dar­auf­hin wie­der eine Leh­rer­stel­le. Schon 1938 nahm er aber eine Ein­la­dung ins ehe­ma­li­ge Deutsch-Ost­afri­ka an, wo er sich ein hal­bes Jahr auf­hielt und vor allem das Kili­man­dscha­ro­ge­biet bereis­te. Er arbei­te­te als Leh­rer in einer deut­schen Schu­le, als Bar­kee­per und auf einer Sisal­farm. In Afri­ka begann Nebel sei­ne Ein­drü­cke zu notie­ren und schuf so die Grund­la­ge für sein ers­tes selb­stän­di­ges Buch, das 1939 unter dem Titel Feu­er und Was­ser in der Han­sea­ti­schen Ver­lags­an­stalt erschien.

Afri­ka hat Nebel, so kann man sei­nem Buch ent­neh­men, neu­en geis­ti­gen Hori­zon­ten ent­ge­gen­ge­führt. Das Erleb­nis der ost­afri­ka­ni­schen Land­schaft erschloß ihm das Ele­men­ta­re, das er meta­phy­sisch zu ergrün­den such­te. Feu­er und Was­ser erleb­te Nebel mit sol­cher Inten­si­tät, daß er dar­in das gött­li­che Sein zu spü­ren ver­mein­te. Die Fremd­heit Afri­kas zog ihn in ihren Bann, den unend­li­chen Raum und die Stil­le genoß er ohne die euro­päi­sche „Zeit­skla­ve­rei“. Nebel fühl­te sich von den kolo­nia­len Ver­hält­nis­sen posi­tiv ange­regt, weil sie ihn in ihrer Fremd­heit auf sich selbst zurück­war­fen und eine Über­prü­fung gewohn­ter Sicht­wei­sen pro­vo­zier­ten. Dabei lei­te­te ihn das Inter­es­se einer Kri­tik an den euro­päi­schen Ver­hält­nis­sen, denen er – in sei­ner typisch sche­ma­ti­sie­ren­den Art – die afri­ka­ni­schen ent­ge­gen­hielt, um Ent­wick­lun­gen zu ver­deut­li­chen. Doch las­sen bereits die­se Auf­sät­ze Nebels fei­ne Beob­ach­tungs­ga­be und die – mit heu­ti­ger Begriff­lich­keit – „öko­lo­gi­sche“ Refle­xi­on auf die Kon­se­quen­zen des mensch­li­chen Ver­hal­tens erken­nen. Aus­druck dafür ist sei­ne Über­zeu­gung, daß die Mecha­ni­sie­rung der Natur auf den Men­schen in glei­cher Wei­se zurück­wir­ke: „Man glaubt, das Sein zu beherr­schen, wäh­rend man doch nur mit einem wil­lig preis­ge­ge­be­nen Abfall und Unrat zu tun hat und nicht fühlt, daß das Sein sich in uner­reich­ba­re Fer­ne verliert.“
Den afri­ka­ni­schen Ein­drü­cken ging ein lite­ra­risch-phi­lo­so­phi­scher Anstoß vor­aus, der es Nebel erst mög­lich mach­te, Erleb­nis­se in der für ihn typi­schen Wei­se auf­zu­schrei­ben und der so sei­ne Autor­schaft begrün­de­te. Für die Begeg­nung mit Ost­afri­ka und die Ver­knüp­fung von Beob­ach­tung und Gedan­ke bil­de­ten die Meta­phy­sik und die Zeit­kri­tik Ernst Jün­gers den Rah­men. Die Lek­tü­re von des­sen Schrif­ten, erst­mals Anfang 1934, bezeich­ne­te Nebel als ein­schnei­den­des Erleb­nis, als Wen­de­punkt: „Von [nun] an beglei­te­te die Jün­ger-Lek­tü­re mein Leben, und zwar eine Lek­tü­re als Erwei­te­rung, Berei­che­rung, Grenz­nie­der­le­gung, ich kor­re­spon­dier­te mit ihm, lern­te ihn auch selbst kennen.“
Vier Jah­re spä­ter, noch vor sei­nem Auf­ent­halt in Ost­afri­ka, schrieb Nebel erst­mals an Jün­ger und bekann­te, sich mit ihm in der „Unzeit­ge­mäß­heit“ ver­bun­den zu füh­len. Die zwei­te Auf­la­ge von Feu­er und Was­ser wid­met er Jün­ger. Im besetz­ten Paris, wo Nebel als Dol­met­scher bei der Luft­waf­fe ein­ge­setzt war, lern­te er Jün­ger dann auch per­sön­lich ken­nen, der Nebels alt­sprach­li­che Bil­dung schätz­te und ihn bei der legen­dä­ren „Georgs­run­de“ von Oberst Spei­del traf, in der sich nach Jün­gers Wor­ten eine „geis­ti­ge Rit­ter­schaft“ ver­sam­mel­te, die das freie Wort pfleg­te. Die­se Zeit ende­te durch die Straf­ver­set­zung Nebels. Er hat­te in einem Auf­satz die Luft­waf­fe mit einem Schwarm dicker Käfer ver­gli­chen und damit die Bli­cke der Zen­sur und des Staats­po­li­zei auf sich gelenkt. Unbe­dach­te Äuße­run­gen im Kame­ra­den­kreis mach­ten das Maß über­voll und Nebel wur­de auf die Kanal­in­sel Ald­er­ney zu einer Bau­kom­pa­nie straf­ver­setzt. Jün­ger bedau­ert in sei­nem Tage­buch den „Abzug eines so glän­zen­den Geis­tes aus unse­rer Stadt“.
Nebels Publi­ka­ti­ons­tä­tig­keit war damit been­det, bevor sie rich­tig begon­nen hat­te. Er führ­te aber ein Tage­buch, das erst nach dem Krieg erschien, drei Bän­de füll­te und Nebel den Ruf eines ver­hal­te­nen, jedoch kon­se­quen­ten Kri­ti­kers der NS-Zeit ein­brach­te. 1950 bekam Nebel für die­se Auf­zeich­nun­gen den Kunst­preis der Stadt Wup­per­tal ver­lie­hen. Er hielt in die­sen Tage­bü­chern neben den All­täg­lich­kei­ten vor allem sei­ne Stim­mun­gen fest und gab sei­nem Res­sen­ti­ment gegen sei­ne Vor­ge­setz­ten Aus­druck, denen er sich als „intel­lek­tu­el­ler Gefrei­ter“ aus­ge­setzt sah.

Am wenigs­ten authen­tisch, dafür aber ver­dich­te­ter als die ande­ren, ist das Tage­buch Unter Par­ti­sa­nen und Kreuz­fah­rern (1950) aus der Zeit in der ita­lie­ni­schen Etap­pe, von 1944 bis zu Nebels Gefan­gen­schaft und Ent­las­sung im Novem­ber 1945. Damit woll­te Nebel nicht nur ein Tage­buch und eine sub­jek­ti­ve Situa­ti­ons­be­schrei­bung, son­dern eine Phä­no­me­no­lo­gie des Nihi­lis­mus vor­le­gen. Die theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen zum Nihi­lis­mus, die sei­ne Meis­ter Jün­ger und Hei­deg­ger ange­stellt hat­ten, soll­ten empi­risch gestützt wer­den. Hat­te Jün­ger im Nihi­lis­mus eine „Reduk­ti­on“ gese­hen und Hei­deg­ger einen Aus­druck der „Seins­ver­ges­sen­heit“, so kon­zen­trier­te sich Nebel auf das „Par­ti­sa­nen­tum“ als eine Äuße­rungs­wei­se des Nihi­lis­mus. Der Sol­dat, so Nebel, sei eine der Gestal­ten des Lebens, „deren sich in unse­rem Jahr­hun­dert der Nihi­lis­mus“ bemäch­tigt habe. „Er wird zum Par­ti­sa­nen einer Welt­an­schau­ung und muß die fürch­ter­li­chen … Fol­gen die­ser Ver­wand­lung auf sich nehmen.“
Nebel deu­te­te sei­ne Auf­zeich­nun­gen als Erleb­nis­be­richt eines Beob­ach­ters, der Zeu­ge des Tri­umphs des Nihi­lis­mus in der Form des Welt­bür­ger­krie­ges gewor­den war. Par­ti­sa­nen sei­en Nihi­lis­ten, weil sie als Par­tei­gän­ger einen Welt­bür­ger­krieg führ­ten, der zwi­schen Ideo­lo­gien aus­ge­foch­ten wer­de und der kei­nen Unter­schied zwi­schen Zivi­lis­ten und Mili­tärs mache. Carl Schmitt erkann­te in sei­ner Theo­rie des Par­ti­sa­nen den Wert von Nebels Inter­pre­ta­ti­on durch­aus: „Ins­be­son­de­re trifft Nebels Schil­de­rung in aus­ge­zeich­ne­ter Wei­se den Moment, in dem eine gro­ße regu­lä­re Armee sich auf­löst und als Gesin­del ent­we­der von der Bevöl­ke­rung tot­ge­schla­gen wird, oder selbst tot­schlägt und plün­dert, wobei dann bei­de Tei­le Par­ti­sa­nen hei­ßen kön­nen.“ Nach Schmitt bestand die­ses Gesin­del aber gera­de nicht aus Nihi­lis­ten. Nihi­lis­mus sei die Dif­fe­renz zwi­schen Ortung und Ord­nung. Nebel habe ein­fach den zeit­ge­mä­ßen begriffs­ver­wir­ren­den Sprach­ge­brauch übernommen.
Die Begeg­nung mit Schmitt ist neben der­je­ni­gen mit Jün­ger und Hei­deg­ger ein wei­te­res grund­le­gen­des Ereig­nis in Nebels Bio­gra­phie gewe­sen. Bereits kurz nach der Macht­er­grei­fung hat­te er in Köln eine Vor­le­sung Schmitts gehört, die für ihn den Aus­schlag gab, sich von mar­xis­ti­schen Anschau­un­gen zu eman­zi­pie­ren, ohne auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus umzu­schwen­ken. Im Früh­jahr 1943 lern­ten sich Schmitt und Nebel per­sön­lich ken­nen. Der Kon­takt war fünf Jah­re spä­ter so eng, daß sich bei­de gegen­sei­tig häu­fig besuch­ten und in regem Brief­wech­sel stan­den. In sei­nem Glos­sa­ri­um lobt Schmitt Nebel fast durch­ge­hend. Eine ers­te Ver­stim­mung trat ein, als Nebel Schmitt in sei­nem 1949 erschie­ne­nen Ita­li­en­ta­ge­buch Auf aus­o­ni­scher Erde durch die „Weich­heit“ sei­ner Mei­nun­gen cha­rak­te­ri­sier­te. Im Novem­ber des­sel­ben Jah­res folg­te das Zer­würf­nis, ohne daß es jemals zur Ver­söh­nung gekom­men wäre. Der Bruch war so tief, daß Nebel in sei­nem letz­ten post­hum ver­öf­fent­lich­ten Auf­satz Schmitt des „Anti­se­mi­tis­mus der Wie­ner Gos­se“ verdächtigte.
Nicht nur hier zeigt sich ein merk­wür­di­ger Cha­rak­ter­zug Nebels: sei­ne Into­le­ranz ande­ren Men­schen gegen­über, sei­ne Streit­sucht, die dazu führt, daß er sich mit allen engen Freun­den über kurz oder lang über­warf. Selbst ein so ver­ständ­nis­vol­ler Geist wie Erhart Käs­t­ner konn­te dem nicht mehr ent­ge­gen­set­zen als die Bit­te: „Aber laß uns doch alles ver­mei­den, was Zank und Zorn in die Welt trägt, in unse­re Welt unter uns Weni­gen, die sich nur lie­ben soll­ten.“ Der Bruch folg­te auch hier unwei­ger­lich und konn­te bis zum Lebens­en­de nicht mehr beho­ben wer­den, wenn Nebel es auch in die­sem Fall kurz vor sei­nem Tode versuchte.

Sogar mit Jün­ger erging es ihm trotz der engen Bezie­hung ähn­lich. Nach dem Krieg hat­te Jün­ger bis 1949 Publi­ka­ti­ons­ver­bot, und Nebel bemüh­te sich, den Wider­sinn die­ser Wei­sung deut­lich zu machen, indem er in einer Mono­gra­phie Jün­gers geis­ti­ge Bedeu­tung her­aus­stell­te. Bereits in sei­nem ers­ten Buch hat­te Nebel Jün­ger in einem Essay behan­delt und ihn nicht als phi­lo­so­phie­ren­den Kriegs­hel­den cha­rak­te­ri­siert, wie es dem Zeit­geist ent­spro­chen hät­te, son­dern eben als Meta­phy­si­ker und Zeit­kri­ti­ker. Dabei ging Nebel recht weit, wenn er 1939 mit Bezug auf Jün­ger for­der­te, erst müs­se die opti­sche Täu­schung, die das Nichts für das höchs­te Sein hält, besei­tigt und die Lage des Men­schen erkannt wer­den, der „von allen Göt­tern ver­las­sen, der Mate­rie, dem blin­den Zufall, der Tier­heit ver­trau­ens­los und ver­zwei­felt aus­ge­lie­fert ist“.
1951 trenn­ten sich ihre Wege für ein Jahr­zehnt. Über die Grün­de kann man nur mut­ma­ßen. Neben der Streit­sucht Nebels, die ihm kei­ne dau­er­haf­te Bezie­hung zu gro­ßen Geis­tern erlaub­te, kom­men sei­ne Kri­tik an Jün­gers indif­fe­ren­ter Hal­tung zum Chris­ten­tum und sei­ne Geschwät­zig­keit (gestei­gert durch über­mä­ßi­gen Alko­hol­kon­sum) in Fra­ge. Die­ses Zer­würf­nis ist beson­ders tra­gisch, weil Nebel – wie erwähnt – über Jün­ger erst zum Schrei­ben gelang­te. Sein Selbst­bild vom Autor ori­en­tier­te sich aller­dings stär­ker an einer Tra­di­ti­ons­li­nie, die von Meis­ter Eck­art über Höl­der­lin zu Hei­deg­ger reicht: Nebel war davon über­zeugt, daß man ein Werk nach­er­le­ben müs­se, um es ver­ste­hen zu kön­nen. Das Werk eines Den­kers oder Dich­ters sei ein „Ereig­nis“, in dem inner­halb der Welt des All­tags, bei Nebel Rea­li­tät, das Wir­ken Got­tes, die Wirk­lich­keit, nach­voll­zo­gen werde.
Der ange­deu­te­te phi­lo­so­phi­sche Rah­men Nebels war dabei denk­bar ein­fach und pro­vo­zier­te bei einem Rezen­sen­ten das böse Wort von der „Ban­tu­phi­lo­so­phie“. Nebel genüg­te die Unter­schei­dung zwi­schen Rea­li­tät und Wirk­lich­keit, um den Men­schen in sei­nem Ver­hält­nis zur Welt und zu Gott zu beschrei­ben. Gott sei die „wir­ken­de Wirk­lich­keit“, die Fül­le tran­szen­den­ten Seins. Dem­ge­gen­über ste­he die Rea­li­tät, die Welt der all­täg­li­chen Ver­rich­tun­gen. Nebels Chris­ten­tum wur­de geprägt durch die Vor­stel­lung vom plötz­li­chen Auf­tre­ten Got­tes, die er von Karl Barth über­nahm. Die Wirk­lich­keit bre­che im Ereig­nis in die Rea­li­tät ein. Das Ereig­nis schlecht­hin sei die Offen­ba­rung Got­tes in Chris­tus. Damit wies Nebel auf die Macht des Ereig­nis­ses hin, das das mensch­li­che Gebun­den­sein an die mate­ri­el­len Fes­seln der Rea­li­tät und die damit ver­bun­de­ne Sicher­heit zer­stö­ren kön­ne. Der Mensch gelan­ge im Ereig­nis zur Exis­tenz, zum eigent­li­chen Mensch­sein in Gott. In sei­nem Buch Das Ereig­nis des Schö­nen (1953) hat Nebel die­sen Zusam­men­hang erläu­tert und ver­sucht, das Schö­ne vom Chris­tus­er­eig­nis her zu interpretieren.
Auf­schluß­reich ist, daß Nebel erst nach 1945 den christ­li­chen Glau­ben annahm und sich von da ab in der für ihn typi­schen unver­söhn­li­chen und kate­go­ri­schen Art dar­um bemüh­te, sei­nen bis­he­ri­gen Denk­weg vom Chris­ten­tum her zu inter­pre­tie­ren. Seit sei­nem Buch Welt­angst und Göt­ter­zorn, das 1951 erschien, wid­me­te er sich einer Deu­tung der grie­chi­schen Tra­gik vom christ­li­chen Glau­ben her. In der christ­li­chen Offen­ba­rung zei­ge sich der Gott, der schon zuvor unsicht­bar anwe­send war: „In Hel­las wie in ande­ren archai­schen Sys­te­men spricht und han­delt der Vater Jesu Chris­ti – anders kann ich das Ethos die­ser Men­schen nicht begrei­fen.“ Indem Nebel das Chris­ten­tum als Inter­pre­ta­ti­ons­grund­la­ge für die anti­ken Tra­gö­di­en her­an­zog, gelang­te er zu eigen­wil­li­gen und bemer­kens­wer­ten Ein­sich­ten. Die Fach­welt konn­te sie aller­dings nicht nach­voll­zie­hen, da Nebel kei­ne aner­kann­te Metho­de verwandte.

So ist Welt­angst und Göt­ter­zorn das letz­te Buch Nebels, das in der brei­te­ren Öffent­lich­keit für Dis­kus­sio­nen sorg­te. Es wur­de in sei­ner Radi­ka­li­tät zurück­ge­wie­sen, Nebel nicht mehr ernst­ge­nom­men und vom wis­sen­schaft­li­chen Gespräch aus­ge­schlos­sen. Dabei stand er mit sei­ner Pos­tu­lie­rung eines „ande­ren“ Alten Tes­ta­ments, einer Vor­of­fen­ba­rung des Evan­ge­li­ums in Grie­chen­land nicht völ­lig allein, wie ein Blick auf die Arbei­ten des Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lers Ulrich Mann zeigt. Nebel erschloß die­sen Zusam­men­hang im Unter­schied zu Mann jedoch nicht als Wis­sen­schaft­ler, son­dern als Glau­ben­der, der nicht nur fest­stellt, son­dern exis­ten­ti­ell nach­voll­zieht und die­sen Nach­voll­zug als Beleg sei­ner The­sen ver­wen­det. Der Leser hat sol­chen Kau­sal­ket­ten zu fol­gen und sie – bes­ten­falls – durch eige­nes Erle­ben zu unter­mau­ern. Dar­in lie­gen zugleich die Anzie­hungs­kraft und die Begren­zung der Über­le­gun­gen Nebels.
Letzt­end­lich sah Nebel im his­to­ri­schen Pro­zeß „einen Kampf zwi­schen Rea­li­tät und Wirk­lich­keit“ und nahm „in dem Kampf die mäch­ti­ge Hand Got­tes wahr, der immer wie­der Auf­hal­ter erzeugt“. Die Ursa­che dafür lie­ge im Men­schen, der sich dem Ereig­nis und damit der Wirk­lich­keit öff­nen kön­ne. Die Bereit­schaft dazu, habe aber seit der Auf­klä­rung abge­nom­men. Und so hat sich Nebel über das Wesen des Men­schen kei­ne Illu­sio­nen gemacht und sei­ne Meis­ter Hei­deg­ger und Jün­ger dafür kri­ti­siert, daß sie noch an eine inner­welt­li­che Erlö­sung glaub­ten. Der Mensch sei nicht gut und ver­nünf­tig. Viel­mehr sei er „ein ver­rück­tes und bös­ar­ti­ges Wesen, das gelenkt, ver­führt, betro­gen wer­den muß, zu sei­nem Besten“.
Mit die­ser nega­ti­ven Anthro­po­lo­gie griff Nebel eine Grund­über­zeu­gung der Auf­klä­rung an. Die Schein­frei­heit der Demo­kra­tie sei gefähr­li­cher als die Gefan­gen­schaft, weil sie sich ihres Daseins nicht mehr bewußt sei, so daß die See­le Scha­den neh­me, weil sie ver­ges­se, daß es nicht in der Macht des Men­schen lie­ge, das Gute zu wol­len. „Die Demo­kra­tie muß sich bewußt sein, daß ihr anthro­po­lo­gi­sches Fun­da­ment, die Über­zeu­gung von der Güte und Beson­nen­heit des Men­schen, brü­chig ist, gera­de­zu ein Unsinn, wenn man auf die Weis­heit der Tra­gö­die und der Bibel schaut – erst in die­ser Unsi­cher­heit wird sie human, läßt sie inner­halb ihrer den Libe­ra­lis­mus gedei­hen …“. Der Rechts­raum des Indi­vi­du­ums sei der ein­zi­ge begrü­ßens­wer­te Fortschritt.
In Johann Georg Hamann fand Nebel am Ende sei­nes Lebens einen Den­ker und Poe­ten, den er enthu­si­as­tisch begrüß­te und des­sen Leben und Werk ihm mehr als nur wesens­ver­wandt erschien. Nebel beschrieb sei­ne Metho­de des Nach­voll­zugs über den eige­nen Ver­such, „mei­nen Geist in den Hamanns“ zu ver­wan­deln und den gemein­sa­men Blick auf die Epo­che der Auf­klä­rung zu wer­fen, die als Nie­der­gangs­zeit zu ent­lar­ven sei. Bei Hamann erschöpf­te sich die­se Vor­bild­wir­kung denn auch nicht im christ­li­chen Glau­ben oder in der geis­ti­gen Unab­hän­gig­keit. Nebel sah in Hamanns Spra­che ein Vor­bild für die eige­nen For­mu­lie­run­gen. Er bezeich­net die­se als rau­he Fügung, „die in der Getürmt­heit küh­ner Ver­glei­che, in der Fremd­heit der Wen­dun­gen, im stach­li­gen Für­sich­sein der Wor­te, in der Müh­sal und Ener­gie, die das Ver­ständ­nis for­dert, imstan­de ist, die hei­li­ge Wirk­lich­keit in die pro­fa­ne Rea­li­tät her­ein­zu­ru­fen und die Men­schen mit den Göt­tern zusam­men­zu­brin­gen.“ Hamanns „Sprach­ma­gie“ lie­ge in sei­nem Glau­ben an die Logos-Struk­tur der Schöp­fung begrün­det, den er in sei­nen Wer­ken voll­zieht. Spä­tes­tens hier wird klar, daß Nebel einen poe­ti­schen und kei­nen wis­sen­schaft­li­chen Ansatz des Erkennt­nis­ge­winns verfolgte.
Eini­ge Weg­ge­fähr­ten erör­ter­ten die Fra­ge, war­um Nebel ver­ges­sen wur­de, bereits kurz nach sei­nem Tod am 23. Sep­tem­ber 1974. Die Jour­na­lis­tin Vil­ma Sturm schrieb: „Sein Zwang, alles zu radi­ka­li­sie­ren, es durch Über­trei­bung ins Gro­tes­ke zu stei­gern, kos­te­te ihn schließ­lich zahl­rei­che Leser, auch den Nach­ruhm, den sein fast drei­ßig­bän­di­ges Werk ver­dient hät­te; denn an Kraft und Unmit­tel­bar­keit des Aus­drucks über­ragt es die meis­ten der Heu­ti­gen weit.“ Ähn­lich sah es Käs­t­ner, der fest­stell­te, daß weder die jün­ge­re Genera­ti­on noch die Kri­tik das Werk Nebels wahr­neh­men könn­ten, und daß dies auch die Schuld von Nebel selbst sei. Käs­t­ner führ­te Tal­ley­rand an, nach dem eine Über­trei­bung nicht „eine Wahr­heit plus dem Über­trie­be­nen sei, son­dern in sich null und nich­tig“. Wenn der Satz stim­me, so Käs­t­ner, „so wäre er für Nebel lebens­ge­fähr­lich“. Nebel woll­te den Men­schen an sich selbst erin­nern – an sei­ne Wirk­lich­keit und sei­ne End­lich­keit. Nebel über­trieb, indem er die Mög­lich­kei­ten des Men­schen ein­sei­tig beschnitt und herausstellte.
Viel­leicht läßt sich die Radi­ka­li­tät und Uner­bitt­lich­keit Nebels dadurch erklä­ren, daß er ange­sichts der Geschich­te resi­gniert hat­te. Er sah kei­ne Mög­lich­keit, den Men­schen ethisch zu ver­wan­deln und war nicht in der Lage, die­se Erkennt­nis kühl und ohne Mis­si­ons­ei­fer zu dis­ku­tie­ren. Nebel hielt viel­mehr an der Hoff­nung auf eine mög­li­che Ret­tung durch Wie­der­her­stel­lung des nor­ma­ti­ven Chris­ten­tums fest. Damit lös­te sich jedoch nicht der Grund­wi­der­spruch zwi­schen radi­ka­lem Kul­tur­pes­si­mis­mus und christ­li­chem Glau­ben, der sein Werk durch­zieht: Letzt­end­lich näm­lich blieb eine Anti­no­mie, die kei­nen auf­lös­ba­ren Wider­spruch son­dern eine wirk­li­che Unver­ein­bar­keit dar­stell­te. Die blei­ben­de Bedeu­tung Nebels liegt in der Klar­heit, mit der er die­ser Erfah­rung Aus­druck verlieh.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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