Sezession
1. Juli 2003

Kontinentalblock Eurasien

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 2 / Juli 2003 wird nachgetragen

sez_nr_2von Eberhard Straub

Wer heute eine Emanzipation Europas von den USA wünscht, unterstützt nicht sogenannte anti-amerikanische Stimmungen. Er befindet sich in völliger Übereinstimmung mit Überlegungen führender US-Amerikaner aus der Zeit, als die NATO gegründet wurde. George F. Kennan, Robert Taft oder George Marshall erwarteten, daß der wirtschaftliche Aufschwung es den Europäern bald erlauben werde, ihre Verteidigung selbst zu organisieren. Sie dachten nicht daran, die USA dauernd in Europa zu verpflichten. Ihnen genügte ein möglichst informelles Bündnis, im Grunde ein ausdrückliches Versprechen, im Falle eines Angriffes durch die Sowjetunion den Europäern zu Hilfe zu kommen. Das sollte die Europäer nicht zuletzt dazu nötigen, von nun an in europäischen Kategorien und nicht weiter in denen nationaler Konkurrenz zu denken. Eine lockere Allianz war in solcher Absicht durchaus mit einem Erziehungsprogramm verbunden. Jede Erziehung führt zu Selbständigkeit und Emanzipation vom Erzieher, zumindest ist das ihr Ziel.

In der Scheu vor allzu festen Strukturen äußerte sich eine weitere pädagogische Überlegung: Gewöhnen sich die hoffentlich bald wieder prosperierenden westeuropäischen Staaten daran, daß die USA ihren militärischen Schutz übernehmen, dann werden sie ihre eigenen Anstrengungen vernachlässigen, die ihre Sicherheit erfordert. Außerdem fürchtete gerade Kennan, vertraut mit der Sowjetunion, daß eine enge transatlantische Gemeinschaft, statt die Gefahren abzuschwächen, diese vermehren würde. Die Russen müßten erst recht mißtrauisch, gereizt und ungeduldig reagieren, was die Spannungen in Europa nur erhöhen und einen schwer zu beruhigenden Rüstungswettbewerb verursachen würde. Beides zöge unvermeidlich die US-Amerikaner immer tiefer in europäisch-russische Auseinandersetzungen hinein, aus denenen sie sich möglichst heraushalten sollten. Gerade um als sorgfältiger Hegemon, als „ehrlicher Makler“ bei Gegensätzen zu vermitteln und die Abwesenheit des Krieges geduldig einer tatsächlich freundschaftlichen Verständigung unter den Mächten anzunähern, also einem friedlichen Zustand.
Kennan, der Historiker und praktische Diplomat, hatte stets einen großen Respekt vor Bismarck. Die Politik des Reichskanzlers galt ihm als Beispiel vernünftiger Selbstbeschränkung einer Großmacht, die ihre Hegemonie in einem kunstvollen System direkter und indirekter Bündnisbeziehungen verbarg, um Europa und die Welt an das neue Reich zu gewöhnen. Aber auch um die Hegemonie, die stets als lästiger Druck empfunden wird, abzumildern, sie als eine der Sicherheit aller dienenden Kraft auch dem Widerstrebenden verständlich zu machen. Bismarck hütete sich, das Reich in Affairen zu verwickeln, die jenseits deutscher Interessen lagen. „Jede Großmacht, die außerhalb ihrer Interessensphäre auf die Politik der anderen Länder zu drücken und einzuwirken sucht und die Dinge zu leiten sucht, die periklitiert außerhalb des Gebietes, welches Gott ihr angewiesen hat, die treibt Machtpolitik und nicht Interessenpolitik, die wirtschaftet auf Prestige hin.“
Als praktischer Staatsmann ließ er sich nicht von den großen Worten einschüchtern: die Menschheit, Europa, der Weltfrieden, die Zivilisation. Er kümmerte sich um das nächstliegende: die großen Mächte davor zu bewahren, den leidlich gesicherten Frieden aufzugeben, um im Krieg die letzte Auskunft zu suchen und rechtzubehalten, irgendeinen Eigensinn durchzusetzen. Der Eigensinn muß seine Grenzen im Privatleben kennen, nicht minder im Zusammenleben der Staaten. Das wußte Bismarck in der Tradition Metternichs oder Talleyrands. Sie alle jonglierten mit vielen Bällen, um ein System kollektiver Sicherheit, je nach den Umständen, zu schaffen oder zu erhalten. In solchen Bündnissystemen, die möglichst ganz Europa umfassen und von dieser Mitte der Welt alle Kontinente einer „europäischen Ordnung“ einfügen sollten, gab es immer Hegemone. Aber keiner wollte sich im 19. Jahrhundert als solcher zu erkennen geben. Das imponierte Kennan, der eine Hegemonie der USA nach 1945 für alle übrigen „praktikabel“ machen wollte.


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