Sezession
1. Juli 2003

Kontinentalblock Eurasien

Gastbeitrag

Rußland ist der natürliche Verbündete. Übrigens vermag der russische Einfluß unter Umständen etwaige Unausgewogenheiten zwischen Frankreich und Deutschland auszubalancieren. Denn Frankreich sieht selbstverständlich in solchen Wechselbeziehungen die Chance, französische Eigenwilligkeiten zur Geltung zu bringen, nicht zuletzt um deutsche Gemütsergötzlichkeiten wirkungslos zu machen. Den unpraktischen Deutschen könnten wiederum Franzosen und Russen den Zugang zur Realität ebnen. Alle drei zusammen können Europa aus seiner Bequemlichkeit befreien, zu räsonnieren, die Moraltrompeten zu blasen und ansonsten Geschäfte zu machen.
Berlin, Paris, Moskau weist hinüber in die Zukunft und gibt Europa in ihr ein besonderes Gewicht. Die künftigen Entscheidungen fallen in Eurasien. Kluge amerikanische Imperialisten wie Zbigniew Brzezinski sehen die Schwierigkeiten für die USA, eine raumfremde Macht in Eurasien. Nur wenn es ihnen gelingt, in Eurasien Brückenköpfe oder Protektorate zu behalten oder neue zu bilden, können die USA die einzige Weltmacht bleiben. Seine äußerste Sorge ist, daß die USA auf ihre „glückliche Insel“ zurückgeworfen und aus der Ferne zum Beobachter des Geschehens am Rande von ROW werden. Der „Kampf gegen den Terror“ ist der dramatische Vorwand, um die USA in Eurasien in Stellung zu bringen. Brzezinski vermag sich alle möglichen Konstellationen in der Zukunft vorzustellen, eine Annäherung, ja dauerhafte Verbindung von Franzosen, Deutschen und Russen gehört nicht dazu. Ein Kontinentalblock in Eurasien versetzt als bloße Idee US-Amerikaner in Schrecken wie früher die Briten. Verständlicherweise. Verbündet sich Europa mit Rußland, geht nicht nur das Protektorat Europa verloren. Dann werden auch die Japaner sich endlich aus der Vormundschaft der USA lösen. Dann wird die Welt, was Kennan ehedem hoffte, ein Pluriversum stets neu auszugleichender Rivalitäten.
In diesem Pluriversum werden die USA nur eine Stimme neben anderen führen. In dieser neuen, in der Entstehung begriffenen Welt wird sich heraustellen, daß auch die USA den Kalten Krieg nicht gewonnen haben. Nicht nur die inneren Spannungen und Überspannungen, die hypertrophe Rüstung und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten weisen auf ein Amerika jenseits von Hegemonie oder Vorherrschaft. Die eine Welt, zu der sich die gesamte Welt als vergrößerte USA zusammenschließen sollten, bleibt eine Fiktion wie die Hoffnung auf die sowjetische Weltgemeinschaft. Die Europäer zögern noch. Aber eines ist gewiß: in der Abhängigkeit von den USA wollen die Europäer nicht mehr bleiben. Ihr Verhältnis zu den USA bedarf anderer Deutungen und Anknüfungspunkte als der gewohnten. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, vor allem um Kerneuropa als Handlungsgruppe zu schaffen. Aber zwischen den USA und Europa hat der Irakkrieg eine Wende eingeleitet. Die Beziehungen werden sich auf jeden Fall verändern. Es ist Aufgabe der Europäer, den Wandel zum Vorteil ihrer Handlungsfreiheit und Souveränität zu nutzen.


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