Sezession
1. Juli 2003

Delikatesse gegenüber dem Hegemon

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession  2 / Juli 2003 wird nachgetragen

sez_nr_2von Karlheinz Weißmann

Seit einiger Zeit strahlt das ZDF an späteren Abenden das „Philosophische Quartett“ aus. Die Sendung vom 30. März widmete sich dem Thema „Weltherrschaft“. Man kann von dem „Format“ halten, was man will – weder Rüdiger Safranski noch Peter Sloterdijk sind als Moderatoren geeignet, letzterer trägt seinen Ruf als Meisterdenker sicher zu Unrecht –, dieser Ausgabe war eine gewisse symptomatische Bedeutung unbestreitbar. Den geladenen Gästen, Egon Bahr und Horst Teltschik, wurden insgesamt drei Thesen vorgestellt, die mit der aktuellen Diskussion über einen Perspektivwechsel deutscher Außenpolitik eng zusammenhingen:

(1) „Das Verhältnis Westeuropas, insbesondere Westdeutschlands, zur USA war das eines Protektorats zu seiner Schutzmacht, und das war gut so.
(2) Das ändert sich ... Europa muß sich darauf vorbereiten, sicherheitspolitisch, vielleicht auch geopolitisch, eigene Wege zu gehen.
(3) Die Supermacht USA ist weniger stark als es den Anschein hat. Der riesige eurasische Komplex läßt sich auf Dauer von der amerikanischen Strategie nicht kontrollieren.“

Ohne Zweifel wären fundierte Stellungnahmen zu diesen Thesen wichtig gewesen, aber dazu hätte es in der Runde eines höheren Maßes an Kompetenz und an Bereitschaft zur Kontroverse bedurft. Die Beteiligten stimmten aber in allen Grundpositionen überein: Die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber dem Irak sei verfehlt und von politischem Egoismus bestimmt; die UNO müsse gestärkt werden, um vergleichbare militärische Alleingänge zu verhindern; Europa sollte unter der Führung von Frankreich und Deutschland ein Gegengewicht zu den USA bilden.
Obwohl man den Epochenwechsel beschwor, prägte die ganze Diskussion bundesrepublikanischer Unernst: altes Denken, kaum geeignet, Fragen der staatlichen Souveränität und der Entscheidung über Krieg und Frieden zu klären, gipfelnd in Safranskis kokettem Hinweis, daß man dem Machtstandpunkt Washingtons den Rechtsstandpunkt vorziehe, weil man etwas „dekadent“ sei. Auch die Sympathie der Beteiligten für den Ausbau der „Achse“ Paris – Berlin – Moskau blieb ganz ungefähr. Immerhin bezog man sich auf – gleichwohl als heikel betrachtete – Konstanten der „Geopolitik“.
Die Geopolitik hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt wie kein anderes der in der Nachkriegszeit tabuierten Deutungsmuster von Geschichte und Politik. Die Annahme, daß die Lage eines Staates im Raum dessen Schicksal ganz wesentlich bestimme, gehörte in Deutschland nach 1945 zu den sukzessive verdrängten Postulaten. Die Ursache dafür lag nur zum Teil im Mißbrauch geopolitischer Theorien durch das NS-Regime, eine wichtigere Rolle spielte, daß jede geopolitisch orientierte Betrachtung der deutschen Vergangenheit und der deutschen Gegenwart zu heterodoxen Ansichten führen mußte: die Mittellage ließ bestimmte Tendenzen der deutschen Außenpolitik seit der Reichsgründung als fast naturgegeben erscheinen und reduzierte die Plausibilität der Sonderwegtheorie, die Stellung des geteilten Restgebietes zwischen den Lagern des Kalten Krieges machte unwahrscheinlich, daß die Lösung der nationalen Kernfrage in Richtung auf eine Blockbindung zu finden sein würde.
Trotz einer gewissen Rehabilitierung der Geopolitik in den frühen achtziger Jahren – angestoßen durch die linke Hérodote-Schule in Frankreich –, blieb die Zurückweisung in der Bundesrepublik bestehen. Das war besonders deutlich erkennbar an der heftigen und erfolgreichen Polemik gegen das „geopolitische Tamtam“ (Jürgen Habermas) im sogenannten Historikerstreit.


 Gastbeitrag

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