Sezession
1. Juli 2003

Die europäische Philosophie und die Zukunft Europas

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 2 / Juli 2003 wird nachgetragen

sez_nr_2von Ernst Nolte

Den folgenden Vortrag hielt Ernst Nolte am 6. Mai 2003 auf Einladung des Senatspräsidenten Prof. Marcello Pera in der Reihe der Lezioni magistrali im Palazzo Giustiniani, zwar nicht „vor dem Senat“ der italienischen Republik, aber in Anwesenheit zahlreicher Senatoren und Abgeordneter. Damit soll der deutschen Öffentlichkeit Gelegenheit gegeben werden, sich über einen Text ein Urteil zu bilden, von dem immer nur der Schlußteil zitiert wurde, welcher Aussagen über die Bedeutung des Staates Israel für die Zukunft Europas enthält. Schon der erste Zuhörer, der sich zu Wort meldete, der Abgeordnete Giorgio La Malfa, sprach sehr empört von „Provokation“ und „Skandal“, und in den nächsten Tagen waren die Feuilletons und Leserbriefspalten eines großen Teils der Presse von dem „scandalo in Senato“ erfüllt. Die schärfte Kritik stammte von dem israelischen Botschafter in Rom, Ehud Gol, der Nolte der Ignoranz und des Antisemitismus bezichtigte, denn jede Person, die dem israelischen Volk das Recht bestreite, einen eigenen unabhängigen Staat zu besitzen, sei von haßerfülltem Antisemitismus geleitet. Zu diesen Angriffen drängen sich eine Reihe von Fragen auf, die aber an dieser Stelle nicht vorformuliert werden sollen.Der Name „Europa“ stammt, wie allgemein bekannt ist, aus der griechischen Mythologie, aber in der Weltliteratur ist von „Europa“ betontermaßen erst seit der Zeit die Rede, als der ältere Begriff der „Christenheit“ zurücktrat oder sogar verschwand. Um die gleiche Zeit, in der Epoche der „Aufklärung“ und ansatzweise in deren Vorstadien, erhält der Begriff der „Zukunft“ ein eigenständiges Gewicht, denn in der christlichen Geschichtstheologie war die eigentliche Zukunft „das jüngste Gericht“ und damit das Ende der Geschichte; einzelne und konkrete Phasen der Zukunft waren ohne Interesse.
Gleichwohl läßt sich von der „europäischen Philosophie“ nur reden, wenn in knappem Umriß auch vom Denken und von der Religion der „Antike“ gesprochen wird, also von jenen „Wurzeln“, ohne welche Europa nicht „Europa“ wäre. Dabei wird im folgenden unter „Philosophie“ nicht Ontologie, Metaphysik oder Erkenntnistheorie verstanden, sondern Geschichtsdenken und Geschichtsphilosophie.
In dem ganzen ungeheuren Werk des Aristoteles fehlt jeder Hinweis, daß zukünftige Schritte hin zu größeren Einheiten unter den Menschen möglich, wünschenswert oder gar notwendig seien. Unter politischen Gesichtspunkten bleibt Aristoteles ein Denker der „Polis“, und die Polis, der unabhängige griechische Stadtstaat, ist für ihn nicht ein bloßes Zwischenspiel, obwohl er die Zeit Alexanders des Großen noch erlebte, der sein Schüler war. Ähnliches läßt sich unter leichter Abwandlung von Platon sagen. Für Empedokles gab es zwar Epochen, von denen ihm eine als die Epoche der großen Harmonie galt, aber es handelte sich um kosmische Perioden und nicht um Abschnitte der menschlichen Geschichte. Nicht in der griechischen Philosophie, sondern in der griechischen Dichtung lassen sich jene Fundamentalbestimmungen der Geschichte finden, die bis heute gebräuchlich sind: die Konzeptionen der Geschichte als Aufstieg und als Niedergang. Die Geschichte als Prozeß der Formierung und der Lichtung, wie sie in der Theogonie verstanden wird, ist indessen ebenfalls ein kosmischer Vorgang, und nur die absteigende Folge der Zeitalter, vom „goldenen“ der ersten Menschen über das „silberne“ und das „erzene“ hin zum „eisernen“ der Gegenwart, handelt von der menschlichen Geschichte, von deren harmonischen Anfängen, von der traurigen, hoffnungslosen Gegenwart und von der noch schlimmeren Zukunft, in der die letzten Götter die Erde verlassen haben werden und nirgends eine „Abwehr des Unheils“ zu finden sein wird. Aber die Lehre von der konfliktlosen, harmonischen Urzeit und von der Geschichte als fortschreitendem Niedergang ist nicht eigentlich „europäisch“ oder auch nur „griechisch“; sie ist ebenfalls in Aussagen Buddhas zu entdecken, und sie findet ihre folgenreichste Abwandlung in der Lehre des Polybios vom Kreislauf der Verfassungen, einem ewigen „Auf und ab“.


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