Sezession
1. Oktober 2009

Das Oktober-Gedicht: Keine Glocken

Götz Kubitschek

rußlands heiliger adlerIn der Tat, wir haben an beiden Akademie-Abenden in Schnellroda geklampft, und weil der fürsorgliche ChR, unterstützt vom sangeskundigen NW, Liederblätter vorbereitet hatte, konnte jeder, der wollte, auch mitsingen. Am besten gehen die Lieder, die einen auf Männerstimmen zugeschnittenen Refrain und einen Rhythmus haben, der den zusammengewürfelten Chor in der Spur hält.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Eine kleine Auswahl:

+ Roter Wein im Becher
+ Die Eisenfaust am Lanzenschaft
+ Hier wächst kein Ahorn
+ Was helfen mir tausend Dukaten
+ Wir sind des Geyers schwarzer Haufen
+ Wildgänse
und dann
+ Nachts steht Hunger starr in unserm Traum

Dieses sehr russische Lied hatte es vor allem einem unter uns angetan, er hörte es zum ersten Mal und wünschte es sich dann zur Nacht noch einmal, ich glaube, weil es seiner melancholisch-stolzen Stimmung in jenem Moment genau entsprach. "Keine Glocken klingen durch die rote Nacht", das ist eine ganz erschütternde Zeile -- natürlich immer nur für den, der dafür ein Sensorium hat: Er hat es als gläubiger Christ zweifelsohne. Hier der Text:

Nachts steht Hunger starr in unserm Traum,
tags die Schüsse knallen her vom Waldessaum.
Elend hält mit den Kolonnen Schritt,
und in Frost und Nebel ziehn die Wölfe mit.
Noch fliegt Rußlands heiliger Adler!
Mütterchen unser Blut gehört nur dir,
mag das rote Heer uns auch jagen,
leuchtend steht noch immer das Panier.

Ach! Dahin ist stolze Macht,
keine Glocken klingen durch die rote Nacht.
Postenschritte, keine Freiheit mehr,
hinter Stacheldraht steht stumm ein müdes Heer.
Einer singt die alten Lieder,
lockt uns Schwermut und Sehnsucht aus der Brust,
wild und trotzig klingen sie wieder,
im Vergessen liegt die alte Lust.
Noch fliegt Rußlands heiliger Adler!
Mütterchen unser Blut gehört nur dir,
mag das rote Heer uns auch jagen,
leuchtend steht noch immer das Panier.

Und als Heer, das keine Heimat hat,
ziehn wir ausgewiesen nun von Stadt zu Stadt.
Menschen kommen, hören unser Lied,
weiter geht die Fahrt, der Ruhm uns sinnlos blüht.
Heimat, Heimat! summen die Chöre,
tausendfältig ersteht uns neu dein Bild,
Glockenläuten; unsrer Tenöre
Orgelbässe klingen laut und wild.
Noch fliegt Rußlands heiliger Adler!
Mütterchen unser Blut gehört nur dir,
mag das rote Heer uns auch jagen,
leuchtend steht noch immer das Panier.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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