Sezession
1. Juli 2003

Zweierlei Pflicht. Das Schicksal der Brüder Hößlin

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 2 / Juli 2003 wird nachgetragen

sez_nr_2von Klaus Hammel

Claus von Stauffenberg wird eine Aussage zugeschrieben, die er wohl im Zusammenhang mit den Erfolgsaussichten des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 gemacht hat: „.... als Mensch glaube ich, daß der Himmel denen gnädig ist, die in der Erfüllung ihrer Aufgabe alles opfern“. Trotz der vordergründigen Bekenntnisse zum Widerstand als Pfeiler des staatlichen Selbstverständnisses der Bundesrepublik gibt es Anlaß zu der Vermutung, daß die deutsche Öffentlichkeit kritischer in der Würdigung der Erhebung gegen das Regime ist, als die göttliche Instanz, von der Stauffenberg sprach.

Der Widerstandsbewegung werden in der (west)deutschen Gesellschaft heute vor allem drei Vorwürfe gemacht:

(1) Ihre Beweggründe für den Umsturz und ihre Pläne für die Zeit danach seien an nationalkonservativen Idealen ausgerichtet gewesen, die sich kaum von nationalsozialistischen Vorstellungen unterschieden. Bei den Widerständlern habe es sich also nicht um Demokraten gehandelt.
(2) Der militärische Anteil der Opposition gegen Hitler stellte nur eine kleine und unbedeutende Gruppierung im Vergleich zur überwiegend nationalsozialistisch orientierten Wehrmacht dar.
(3) Die Kriegskoalition gegen das nationalsozialistische Deutschland beruhte auf einem „antifaschistischen Konsens”. Hauptträger des „antifaschistischen” Kampfes sei die Sowjetunion gewesen. Infolgedessen kann ein Grundgedanke des Widerstandes, nämlich den Kampf gegen die Rote Armee nach der erfolgreichen Erhebung fortzusetzen, um eine Bolschewisierung Deutschlands und damit Mitteleuropas zu verhindern, und gegebenenfalls die Front gegenüber den westlichen Alliierten zu öffnen, nur als problematisch, schlimmstenfalls selbst als „faschistisch” eingestuft werden.

Wenn schon die Würdigung der Verschwörung gegen Hitler so negativ ausfällt, dann kann die Beurteilung der Wehrmacht, die angeblich willfährig den Krieg des Regimes bis zum bitteren Ende fortsetzte, nur noch kritischer sein. Dabei werden Gründe für das Durchhalten und den Einsatz an der Front, die beispielsweise auch auf das Verhalten und die Zielsetzungen der Kriegsgegner zurückzuführen sind, nicht mehr anerkannt. Norbert Blüm meinte vor einigen Jahren, man müsse die ungeheuerlichen Verbrechen in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß sie weitergehen konnten, so lange die deutschen Fronten hielten – was unterstellt, daß die Wehrmachtsverbände von diesen Verbrechen wußten, sie in Kauf nahmen oder sich gar mit ihnen identifizierten. Ausgelöst von der Diskussion über tatsächliche Kriegsverbrechen der Wehrmacht hat der Publizist Ralph Giordano zuletzt die Auffassung vertreten, die Wehrmacht sei insgesamt als „verbrecherische“ Organisation zu beurteilen, weil sie einem von Anfang an verbrecherischen Krieg diente. Das Urteil gelte auch für die Soldaten, die im guten Glauben und anständig kämpften.
Am Beispiel zweier Offiziere, Roland und Hartmut von Hößlin, einem ungewöhnlichen Brüderpaar, sei hier der Berechtigung solcher Vorwürfe – gegen den Widerstand einerseits, gegen die Wehrmacht andererseits – nachgegangen. Beide verband ihre Herkunft und die Tradition ihres Standes, beide waren Berufssoldaten, beide wurden wegen Tapferkeit vor dem Feinde hoch dekoriert. Trotzdem fällten sie in derselben Situation sehr unterschiedliche Entscheidungen. Der eine sah sich veranlaßt, aktiv an der Ausschaltung des Diktators teilzunehmen, der andere kämpfte – trotz seines Wissens um das Schicksal des Bruders – weiter für eine hoffnungslose Sache.


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