1. Juli 2003

Fünf Lehren – Nachruf auf Armin Mohler

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 2 / Juli 2003 wird nachgetragen

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_2Armin Mohler ist tot. Er starb nach schwerer Krankheit am späten Abend des 4. Juli friedlich in einem Pflegeheim bei München. Dreiundachtzig Lebensjahre waren ihm vergönnt, und mit Friedrich Hölderlin läßt sich sagen: „Geh, fürchte nichts! Es kehret alles wieder, und was geschehen soll, ist schon vollendet.“ Diese Verse hatte Mohler seiner Dissertation vorangestellt, und sie eignen sich wie nichts sonst als Motto für sein erfülltes und streitbares Leben.

Mit Armin Mohler verliert Deutschland einen seiner großen rechten Publizisten. Was er uns gelehrt hat – und dieses Uns meint seine Schüler, für seine Freunde kann ich nicht sprechen, dazu reichen Alter und Kenntnisse nicht aus; was Armin Mohler uns also gelehrt hat, läßt sich in einigen Begriffen ausdrücken: die Unbekümmertheit des raschen Vorstoßes, die Befreiung der Gestalt, die Bewaffnung der Sprache, die Hochschätzung der Form, die Taktik der Nonkonformität.

Die Unbekümmertheit des raschen Vorstoßes
Ich war zwanzig, als ich den Namen Armin Mohler zum ersten Mal hörte und Texte von ihm las. Es war über Weihnachten, ich hatte Dienst in meiner Kompanie und teilte mir mit einem Unteroffizier die Rundgänge durch die hohen Korridore des Gebäudes.
Der Unteroffizier hatte neben Büchern von Celine und D’Annunzio auch einen schmalen Band Mohler mitgebracht und im Wachzimmer bereitgelegt. Ich las den Essay Der faschistische Stil und verfolgte mit, wie in meinem Kopf das ganze ungefügte Gebäude aus Geschichtsstunden und Reflexen zusammenbrach unter der ersten Salve, die Mohler abgefeuert hatte.
Es lag dies an der Argumentationsweise des Textes: Viele Essays von Mohler, viele seiner kurzen Notizen zu Büchern, Autoren oder Entwicklungen lassen einen deutlichen Unwillen darüber erkennen, sich in wissenschaftlicher Manier zunächst durch einen Bücherstapel zu lesen, bevor ein sanftes Urteil oder ein neuer Aspekt dialektisch ausbalanciert beigetragen werden könnten. Mohler fiel es nie ein, seine Gegner durch Widerlegung zu würdigen: Im fertigen Text kamen sie einfach nicht vor.
Der unbekümmerte Vorstoß, den Mohler uns lehrte, wischt neben den Bücherstapeln auch die Unsicherheit vom Tisch: Der Zugriff auf die Sache ist rasch und präzise und erfordert Talent und Spürsinn und eine einzige, die Spannung haltende Bewegung und an die Stelle des vorsichtigen Beitrags tritt der stimmgewaltige Auftritt, das Hineinplatzen in gedämpfte Räume.
So gab Mohler seinem Hunger nach Monumentalem, nach Persönlichkeiten, Haltungen, Nahrung. und was für eine! Erst später las ich in einem Autorenportrait, daß Mohler – 1923 in Basel geboren – aus eben diesem Hunger 1941 die Grenze illegal überschritten hatte, um sich für den Kampf gegen den Bolschewismus der Waffen-SS anzuschließen.
Von der Schweiz nach Deutschland: Das war auch der Übergang vom Mehr oder Weniger ins Alles oder Nichts – so jedenfalls charakterisierte Mohler den Unterschied der Atmosphäre der beiden Länder, und aussagekräftig ist, daß er ab 1949 (als Sekretär bei Ernst Jünger) bis zu seinem Tod in Deutschland blieb und nicht in die in jeder Hinsicht beschaulichere Schweiz zurückkehrte.

Die Befreiung der Gestalt
Nach seiner Arbeitsmethode befragt, antwortete Mohler einmal, er sei mit Spengler Anhänger des „Physiognomischen Zugriffs“. Es gehe immer darum, die „Gestalt“ zu erkennen, die hinter der Fülle von Einzelphänomenen zu verschwinden drohe, diese „Gestalt“ zu retten, herauszumodelieren und einprägsam darzustellen. Die Legitimität dieser Methode steht und fällt mit dem Vermögen, die „Gestalt“ zu reduzieren, ohne sie in Schablonen zu pressen. Mohler war ein Meister darin, den wesentlichen Kern zu fokussieren und zu den Rändern hin verblassen zu lassen. Voraussetzung dafür war seine Fähigkeit, diesen Kern einer „Gestalt“ wirklich zu fassen und in eigene Worte zu verwandeln.
So genügen im Faschistischen Stil Ernst Jünger und Gottfried Benn als Kern einer „Gestalt“, die sich gleichermaßen vom Nationalsozialismus und vom Etatismus absetzen konnte. Die Argumentation wirkt dabei nie reduziert oder schwach, sie ist plastisch und sicher.

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