Sezession
6. Februar 2009

Wir Trampel

Ellen Kositza

Hoppla! Gerade ist mir etwas ganz ähnliches passiert wie jüngst Carol Thatcher. Manchmal sind wir Frauen eben verdammt unsensibel. Thatcher, Journalistin beim BBC und Tochter einer noch berühmteren Mutter, soll in Hörweite von zwölf Mitarbeitern geäußert haben, daß sie das Aussehen eines aus dem Kongo stammenden französischen Tennisspielers an die einst überaus populäre Mohrenpuppe Golliwog erinnere. 461726427_e7ef156a3b_golliwogSo ein Golliwog mit Grinsemund, Kulleraugen und schwarzem Zausehaar lag vor 34 Jahren auch in meinem Kinderwagen; eine Nachbarin hatte ihn selbst genäht und (in hundertprozentig unironischer, lauterer Absicht) hergeschenkt. Ich hatte ihn wohl einigermaßen lieb und kann mich beim besten Willen nicht erinnern, daß da Mitleid oder Höflichkeit eine Rolle gespielt hätten. Thatchers Chef jedenfalls fand ihren Vergleich dermaßen unkomisch, daß er sie vor die Tür setzte. Dort nun wird sie als Hardcore-Rassistin gescholten, ein gefundenes Fressen auch für deutsche Medien von BILD bis WELT.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Und nun hier: Mich muß der Teufel geritten haben, als ich halblaut anläßlich merkwürdiger Winterkleidungsmoden bemerkte, die Briefträgerin habe „auch nicht gerade eine Barbie-Figur“. Ohrenzeugen: Fünf Verlagsmitarbeiter, eine Putzkraft, eine Minderjährige. Ein Raunen ging durch den Raum. Dann erhoben sich zwei Stimmen gleichzeitig: „Frau P. sah doch putzig aus heute!“ und: „Barbie ist doch eh´ grotesk!“ Man hat dann beschlossen, in der nächsten Mitarbeiterkonferenz zu entscheiden, wo Sexismus beginnt und wo er endet, was sagbar ist, was nicht und ob manche „Figuren“ öffentlichen Lebens einfach als sakrosankt zu gelten haben. Dabei hatte ich´s doch gut gemeint: Ich finde Barbie auch nicht schön und die Briefträgerin schon, naja, eher. (Darf man Barbie eigentlich grotesk finden, oder ist man dann links?) Selbst die Putzkraft, an die wir uns gleich hilfesuchend wandten, war ratlos ob meiner Bemerkung. Dabei ist sie Hobby-Semiotikerin.

Gottseidank gelte ich meinem Chef als unverzichtbar, er wird’s so oder so wieder durchgehen lassen.

Bildquelle: mucus*plug


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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